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ISRAEL / STÄDTEBAU Kitsch und Harakiri

aus DER SPIEGEL 12/1971

Selten ist es im Himmel wie auf Erden. Das himmlische Jerusalem der jüdischen Mystik, »Jeruschalajim schel maala«, hat Türme und Mauern, die von Engeln bewacht werden. Und sobald das Volk Israel heimgekehrt sei ins irdische Jerusalem, verkündet das Buch Sohar, Hauptwerk der Kabbala, zieht Gott selbst in die himmlische Stadt ein.

Israel ist längst heimgekehrt, Jerusalem seit gut drei Jahren wiedervereint. Doch weit entfernt von der Kabbala-Verheißung herrscht nicht göttlicher Friede, sondern Kabbelei im irdischen Pendant zum himmlischen Jerusalem.

Der Grund: Die von drei Religionen gleichermaßen geheiligten Mauern der Stadt scheinen dem Staat zu eng gezogen.

Und deshalb wird der Blick auf Jerusalem, auf das »bewegendste Panorama auf Erden« ("Sunday Times"), derzeit gestört von wachsenden Bauwüsten mit ratternden Zementmischern, kreischenden Kränen und rumpelnden Bulldozern. Auf den im Junikrieg eroberten jordanischen Hügeln, die sich im Norden, Süden und Südosten um die Jerusalemer Altstadt erheben, zieht der Staat Israel a tempo klotzige Trabantenviertel für mehr als 100 000 Menschen hoch.

Kein Sentiment, kein Argument von Religionsfanatikern, Lokalpatrioten oder Städtebau-Ästheten vermochte Israels Wohnungsbauminister Zeev Scharef bislang von seinem Vorhaben abzubringen, die Davidstadt binnen kurzem zu einer »betont jüdischen Stadt« auszubauen. Scharef: »Dies ist eine zionistische Ausstellung.«

Weder Studentenproteste in Jerusalem ("Für ein großes, aber gegen ein häßliches Jerusalem") noch Städtebaugutachten (Italiens Architekturprofessor Bruno Zevi: »Kitsch und kollektiver Harakiri") noch völkerrechtliche Bedenken von selten der Uno fochten den Minister an. Seit Februar wird gebaut:

* im Süden, an der Straße nach Bethlehem, das Stadtviertel Gib. Bauplan: 6500 Wohneinheiten, davon 800 in diesem Jahr;

* im Südosten, am Hang des »Berges des bösen Rates«, die Ost-Talpiot-Siedlung, Bauplan: 3000 Wohnungen, davon 800 bis Ende dieses Jahres;

* im Norden, am arabischen Berg Nebi Samuel, der 1948 und 1967 als Plattform der jordanischen Artillerie diente, das Viertel Ramot. Bauplan: 10 000 Wohneinheiten, davon 1000 bis Ende 1971.

Der Staat Israel hat sich damit spektakulär gegen die Stadt Jerusalem (derzeitige Bevölkerung: 275 000) durchgesetzt, deren Verwalter sich mit den Neubauten lieber noch etwas Zeit gelassen hätten. Bürgermeister Theodor ("Teddy") Kollek: »Wir wollen nicht die größte Stadt des Landes werden, aber Israels schönste Stadt bleiben.«

Vor wenigen Wochen erst hatte Kollek den unzähligen Zweiflern und Kritikern an der zeitgenössisch-tristen Zement-Genesis versprochen, er werde die ursprünglichen Baupläne, den »Masterplan«, überarbeiten lassen.

Dieser Masterplan, 1964 von drei Architekten begonnen, sah die Entwicklung Jerusalems bis zum Jahr 2010 vor. Seine Kosten bis Ende 1970: zwei Millionen Mark.

Als Jerusalem 1967 wiedervereinigt wurde, frohlockte Kollek: »Die Stadt atmet wieder mit zwei Lungen.« Jetzt, im Kreuzfeuer der Kritik, leidet sie eher an Atemstörungen.

Den ersten Stein auf Kolleks weitreichende Zukunftspläne warfen Architekten -- der Stadtvater hatte sie selbst ins Glashaus geholt. Ende Dezember letzten Jahres geißelte das von Kollek berufene »Jerusalem-Komitee«, ein 25 Mann starkes Städtebauer- Gremium von internationalem Rang, die sich auf dem Reißbrett abzeichnende Bauexplosion als »ästhetisches Fiasko«.

Die »Gefühle der Gesamtmenschheit für diese Stadt« etwa wähnte der US-Stararchitekt Buckminster Fuller im Masterplan zuwenig berücksichtigt. An ein »organisiertes Chaos« ließen die skizzierten Schlafstädte den Amerikaner Lawrence Halprin denken. Und Professor Louis Kahn

Zu Teddy Kolleks kompletter Verunsicherung schließlich trugen Geschehnisse in den eigenen Mauern bei. Studenten gingen auf die Straße, der Schriftsteller Jehuda Haesrachi prangerte die Neubauprojekte des Ministers als »Schandflecken« an.

Das Bollwerk von Wohnsilos aber, das Wohnungsminister Scharef jetzt vor den Toren der Heiligen Stadt auftürmen läßt, hat mit dem Masterplan nicht mehr viel zu tun: Gebaut wird großenteils nach alten Vorlagen für Vorstadtsiedlungen in Tel Aviv.

Fünf Architekten vom Wohnungsbauministerium« die Scharefs Nebi-Samuel-Projekte als »Verunzierung Jerusalems« abqualifizierten« wurden kurzerhand gefeuert.

Denn Minister Scharef nimmt das tägliche -- allerdings an Gott gerichtete -- Tischgebet des Volkes Israel wörtlich: »Erbaue Jerusalem, die Heilige Stadt, rasch zu unseren Tagen.«

Scharef hat Gründe für seine sprichwörtlich jüdische Hast. Vor einer eventuellen Verwirklichung des Rogers-Planes, der auch die israelische Hoheit über Gesamt-Jerusalem in Frage stellen könnte, will er »sofortige, politische Faits accomplis« schaffen: die Ansiedlung einer jüdischen Majorität auf den strategisch wichtigen Hügeln im einstmals jordanischen Norden und Süden der Stadt.

Ihm sei gleichgültig, bekannte der bauwütige Minister, wie die Stadt in 40 Jahren aussehe: »Ich werde dann sowieso nicht mehr dasein.«

»Wenn mein Großvater vor 40 Jahren keine Obstbäume gepflanzt hätte«, konterte der Jerusalemer Archäologe und Ex-Stabschef der israelischen Armee, Professor Jigal Jadin, »wäre ich heute hungrig.«

Der Quell dieser Spruchweisheit ist arabisch.

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