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KRIMINALITÄT Kitzel am Käfig

In Tierparks und Zoos häufen sich nächtliche Einbrüche. Die Diebe lassen selbst Giftschlangen mitgehen. *
aus DER SPIEGEL 30/1985

Als die Panzerglas-Scheibe ihren Bemühungen widerstand, hebelten die Einbrecher die Stahltüren auf, um an die Beute heranzukommen: fünf lebende Uhus.

Der nächtliche Diebstahl von Nachtvögeln aus dem Bremerhavener »Zoo am Meer« ist kein Einzelfall. Immer häufiger registrieren die Direktionen von Tiergehegen und Zoologischen Gärten Einbrüche und Diebstähle. Der Schaden dieser Spezialkriminalität geht in die Millionen.

Mitgenommen wird nahezu alles, was da kreucht und fleucht, von der Giftschlange bis zum Kaiseradler. Aufgeklärt aber werden nur die wenigsten

Taten. Nach einer Zählung von Jürgen Güntherschulze, Tierparkdirektor im schleswig-holsteinischen Neumünster, blieben von den seit 1972 registrierten 180 Fällen 160 ungelöst.

Die Mannheimer Stadtverwaltung setzte jüngst 2000 Mark Belohnung für die Wiederbeschaffung von sechs Schlangen aus, die im Pflanzenschauhaus beiseite geschafft worden waren. Unter den entwendeten Kriechtieren befanden sich eine grüne Baumpython von anderthalb Metern, eine ebenso lange Weißlippenpython sowie eine Abgottschlange.

Einigen der illegalen Schlangenfänger unterstellt der Saarbrücker Zoodirektor Karl-Heinz Winkelsträter schlicht eine »Macke": Die bräuchten den mit dem Griff in ein Giftschlangen-Terrarium verbundenen »Kitzel«. Oft sind Reptilien-Liebhaber die Täter, die manche fast ausgerottete Schlangenart im Handel kaum oder nur zu immensen Preisen erstehen können.

Vor allem aber gehen in Zoos und Tierparks »kommerzielle Diebe« um, wie Direktor Güntherschulze weiß, der einst als junger Biologe in Dortmund in einer Kripo-»Sonderkommission Greifvogeldiebstahl« mitwirkte und seither eine Statistik über Tierdiebstähle führt. Geld läßt sich vor allem mit Jagdfalken machen, für die Scheichs sechsstellige Beträge zahlen; selbst Falkeneier werden zu Preisen bis zu 25000 Mark gehandelt (SPIEGEL 26/1985).

Aber auch andere Federtiere, vom Sperlingskauz bis zur Doppelgelbkopfamazone, werden geklaut. Nicht immer überlebt das entwendete Getier, gelegentlich wird den Vögeln schon im Käfig der Hals umgedreht. Danach landen sie für einige Zeit in Tiefkühltruhen, um dann, ausgestopft, einem Präparator Gewinn zu bringen.

»Die klauen auf Bestellung«, beschreibt Zoochef Güntherschulze den Täterkreis: »Die Diebe haben von ihrem Auftraggeber ein Polaroidphoto bekommen und brauchen bloß noch den Draht aufzuschneiden.«

In Nürnberg ließ die Zollfahndung 1983 einen Präparator hochgehen, der 37 geschützte Vögel, darunter See- und Steinadler, Gaukler und Schnee-Eulen, im Wert von mehr als 100000 Mark ausgestopft hatte. Einige der Tiere konnten identifiziert werden - sie hatten Zoos in Bochum, Essen und Gelsenkirchen bevölkert.

Der Kauf von ausgestopftem Zoogetier ist nicht ungefährlich. Auch ein präparierter Vogel braucht, sofern er auf den Listen des Washingtoner Artenschutzabkommens erscheint, einen Herkunftsnachweis. Weil der oft fehlt, werden viele der teuren Tierleichen von den Besitzern in Kellerräumen und Wandschränken versteckt.

Bisweilen werden die Zoos nicht nur von Tierdieben, sondern auch von Tierquälern heimgesucht. In Bremerhaven steinigten Jugendliche einen uralten Flamingo zu Tode. Im Züricher Zoo ritzten Unbekannte einem Nashorn Initialen in die dicke Haut. Der Tierpark Dortmund meldete den Verlust von einem Gelege Humboldtpinguine: »Vandalismus auf der Anlage, vier Pinguine tot.«

Zu nächtlicher Stunde kommen zumeist auch die sogenannten Auslasser, die Gehege und Käfige öffnen, um zu sehen, was dann wohl passiert. Im Ruhrzoo Gelsenkirchen etwa wurde ein Spanner ertappt, der Zebrahengste mit Ponystuten zusammenbrachte.

Für den »bisher größten Idioten« hält Bremerhavens Zoodirektor Rüdiger Wandrey einen Täter, der nachts mit einem Flamingo unter dem Arm über die Zoo-Mauer stieg. Als der Dieb nach längerer Hetzjagd von einem Taxifahrer gestellt wurde, waren dem Tier beide Beine gebrochen; das brachte dem Vogel den Tod.

Neuerdings finden sich in den Zoos mehr und mehr irregeleitete Tierschützer ein, die den gefangenen Mitgeschöpfen den Knast ersparen und ihnen den natürlichen Lebensraum wiedergeben wollen. Nur: Der ist oft zerstört, zudem fühlen sich Tiere, die in der dritten und vierten Generation unter Draht leben, im Käfig heimischer als draußen.

In Bern beispielsweise, wo Tierbefreier im Zoo die Gehege der Waldrappen und Kuhreiher, der Füchse und Dachse aufschnitten, flogen die Vögel gar nicht erst fort, »weil es«, so ein Zoologe, »finster war«. Die Füchse wie die Dachse kamen am nächsten Tag zur Fütterungszeit freiwillig zurück hinter die Gitter.

Aktionen von Tierbefreiern häufen sich, wenn TV-Sendungen über das Leben von Zootieren berichten. Der Gelsenkirchener Zoologe Wolf-Dietrich Gürtler nennt die »im Keim vielleicht lobenswerten« Tierbefreiungen eine »in die Länge gezogene Hinrichtung«, den Tierbefreiern bescheinigt er eine »degenerierte Vorstellung von Tierliebe«.

Zu diesem Täterkreis zählen offenbar auch die Uhukäfig-Knacker von Bremerhaven. Zwei der aus ihrer Voliere geholten Tiere fanden sich tags darauf in einer öffentlichen Toilette nahe dem Zoo. Die anderen drei ließen sich, bis auf die Knochen abgemagert, widerstandslos von den Bäumen des nahen Stadtwaldes pflücken.

»Die haben«, sagt Zoodirektor Wandrey, »da auf ihr Futter gewartet. Das sind die so gewohnt.«

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