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GESUNDHEIT Klagemauer der Nation

Ein neuer Telephondienst für Krebskranke nach US-Vorbild entwickelt sich auch in der Bundesrepublik zum Renner. Doch Postminister Schwarz-Schilling verweigert den Ortstarif. *
aus DER SPIEGEL 40/1986

Als die Heidelberger Krebsforscherin Anneliese Schleich, 72, im Mai 1981 aus dem Berufsleben ausschied, wollte sie »endlich mal Zeit für meine Hobbys haben«. Über dreißig Jahre lang hatte die Tumorspezialistin dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) gedient, zuletzt als erste weibliche Abteilungsleiterin im größten Tumorforschungszentrum der Bundesrepublik. »Ich war«, scherzte sie, »immer so eine Art Renommierneger.«

Doch aus den Freizeitplänen ist nichts geworden. Zusammen mit elf anderen, zumeist weiblichen Kollegen sitzt die Wissenschaftlerin seit Jahresanfang wieder in ihrer alten Wirkungsstätte - als Telephonistin. Obwohl der Teilzeitjob mit zehn Mark Stundenlohn schlecht bezahlt wird, »fasziniert« sie die neue Aufgabe. »Es ist«, schwärmt sie, »eine richtige Leidenschaft.«

Die Begeisterung der Wissenschaftlerin gilt »KID«, dem neuen Krebsinformationsdienst des Heidelberger Tumorzentrums. Seit Anfang Juli können sich Patienten und deren Angehörige, aber auch gesundheitsbewußte Bürger oder Ärzte, wochentags zwischen sieben und 20 Uhr unter der Heidelberger Rufnummer 410121 über den aktuellen Stand der Krebsforschung oder neue Medikamente informieren, Adressen von Tumorspezialisten und Nachsorgeeinrichtungen erfragen oder Ernährungstips einholen.

Im Schichtdienst beantworten sieben festangestellte und ein Dutzend ehrenamtliche Helfer, darunter Ärzte, Psychologen, Biologen oder Sozialarbeiter, die unterschiedlichsten Fragen, etwa die: »Ist Terpentinöl, das ich gegen mein Rheuma verwende, krebserregend?« oder: »Mein Junge hat im Bett einer Leukämiekranken geschlafen, bekommt er jetzt auch Leukämie?«

Was schwieriger zu beantworten ist, wird vom KID-Team eigens recherchiert und per Computer gespeichert, damit die Auskünfte fortan auf Knopfdruck abrufbar sind. Als Informationsquellen dienen den Beratern Karteien, Handbücher, Datenbanken sowie die 40000 Bände umfassende Bibliothek des Krebsforschungszentrums. Bei besonders kniffligen Fragen springen auch die über 250 Wissenschaftler der acht Heidelberger Krebs-Spezialinstitute ein.

Vorbild für das erste bundesweite Tumortelephon ist der amerikanische Krebsinformationsdienst CIS (Cancer Information Service), der 1976 auf Initiative der US-Regierung gegründet wurde und mittlerweile 21 Dependancen im ganzen Land unterhält. Die CIS-Berater, ausnahmslos Laien, die in einem 36-Stunden-Schnellkurs psychologisch geschult und mit den verschiedenen Krebsarten und Behandlungsmethoden vertraut gemacht wurden, haben schon anderthalb Millionen US-Bürgern geholfen. Auch Frankreich, Belgien und Holland unterhalten bereits den direkten Draht für Krebskranke, demnächst wollen Israel, Brasilien und Kanada nachziehen.

Auch in der Bundesrepublik, wo nach amtlichen Schätzungen gegenwärtig zwischen 700000 und zwei Millionen Menschen unter der tückischen Krankheit leiden, war der Informationsdienst längst

überfällig; die Leitungen sind pausenlos besetzt. »Manche Ratsuchenden«, klagt DKFZ-Mitarbeiterin Hilke Stamatiadis-Smidt, die den KID zusammen mit der Münchner Psychotherapeutin Almuth Sellschopp entwickelt hat, »schicken uns sogar schon Telegramme, Briefe mit Geld oder gleich ihre ganze Krankenakte, weil sie uns telephonisch nicht erreichen.« Doch die KID-Mitarbeiter dürfen nur informieren, aber keine Ferndiagnosen stellen.

Nur jeder achte bis zehnte Anrufer, schätzt Almuth Sellschopp, kommt durch. Die wenigen Erfolgreichen lassen ihre Wut nicht selten an den gestreßten Beraterinnen aus. »Wir entwickeln uns«, seufzt die Krebsexpertin, »allmählich zur Klagemauer der Nation.«

Ursache für den unerwartet starken Ansturm sind nicht nur das gewachsene Gesundheitsbewußtsein der Bevölkerung und die Unsicherheit vieler Bürger angesichts der Flut neuer Krebstheorien und -therapien. Vor allem Angst und Scham lassen viele zum Hörer greifen: *___Nach wie vor drücken sich die meisten Bundesbürger vor ____den lästigen Krebsvorsorgeuntersuchungen. *___nur etwa fünf Prozent der jährlich an die 250000 neu an ____Krebs Erkrankten suchen eine Beratungsstelle auf, ____darunter fast ausschließlich Frauen, die eine ____Brustkrebsoperation hinter sich haben, und *___Männer, vor allem, wenn sie an Prostatakarzinomen oder ____anderen Krebsformen der Sexualorgane leiden, lassen ____sich so gut wie nie bei Nachsorgeuntersuchungen ____blicken.

»Die Scham«, weiß Almuth Sellschopp, »ist einfach zu groß.« Viele Patienten trauen sich nicht, die Mediziner offen und hartnäckig zu fragen. »Der Arzt ist heute noch immer eine so große Autorität«, meint KID-Leiterin Karin Dietrich, »daß die Leute allenfalls wagen, ein- oder zweimal nachzuhaken.«

Bei KID dagegen können die Anrufer, weil sie anonym bleiben, ungehemmt fragen, Gespräche von einer Viertelstunde oder länger sind keine Seltenheit. So meldete sich eine aufgeregte Frau, die Angst vor einer Gewebeentnahme aus der Brust hatte, weil der Arzt beim letzten Besuch etwas von »hundert Schnitten« gesagt hatte. Gemeint war, klärten KID-Berater die hörbar erleichterte Patientin auf, die spätere Analyse des Hautstücks.

Hilfe bei einem heiklen Problem brauchte ein junger Mann, der vor kurzem einen künstlichen Darmausgang erhalten hatte. Weil er fürchtete, daß etwas »passieren könnte«, wagte er sich nicht mehr mit Freunden ins Freibad. Vom KID erfuhr er, daß es dafür spezielle Verschlüsse gibt. »So ein Gespräch«, erinnert sich Anneliese Schleich, »verfolgt einen oft noch tagelang.«

Selbst Ärzte nutzen den neuen Info-Service, weil ihnen oft das Spezialwissen

fehlt. Aus Angst, sich zu blamieren, schicken die Mediziner gern ihre Sprechstundenhilfe vor, getarnt als Angehörige eines Krebskranken.

Schon jetzt wissen die KID-Mitarbeiter, daß die 1,2 Millionen Mark, die das Bundesgesundheitsministerium für die ersten drei Jahre des Modellversuchs ausgibt, bei weitem nicht reichen. KID-Leiterin Karin Dietrich: »Wir brauchen mehr Leute, mehr Räume und mehr Telephone.«

Die Chancen, in Bonn zusätzliches Geld lockerzumachen, stehen allerdings schlecht. Denn schon jetzt streiten sich Gesundheitsministerin Rita Süssmuth und Postminister Christian Schwarz-Schilling, beide CDU, um die Finanzierung des Versuchs. So möchten die Projektleiterinnen und Ministerin Süssmuth den neuen Telephonservice, ähnlich wie in den USA, zum Ortstarif einführen. Dort können Ratsuchende den Hilfsdienst aus allen Landesteilen zum Preis eines Stadtgesprächs anwählen.

Technisch wäre der Zwei-Groschen-Tarif für Krebspatienten auch in der Bundesrepublik kein Problem. Schon heute locken zahlreiche Versandhäuser, Autoverleiher oder Hotelketten ihre Kunden mit kostenlosen Reservierungs- oder Bestellmöglichkeiten.

Doch der Postminister läßt sich diesen Sonderservice, im Amtsjargon auch unter der Nummer »130« bekannt, teuer bezahlen. Jeder Anschluß kostet 1000 Mark Grundgebühr pro Monat, auch die Gespräche sind etwa doppelt so teuer wie normale Verbindungen.

Um einen Präzedenzfall zu vermeiden, will der knickrige Monopolverwalter auch bei KID keine Ausnahme zulassen. »Wenn wir einmal damit anfangen«, fürchtet ein Ministeriumssprecher, »brechen alle Dämme. Dann wollen auf einmal auch die Anonymen Alkoholiker, der Malteser Hilfsdienst oder das Rote Kreuz den verbilligten Ortstarif.«

Hilfesuchenden Krebskranken, die nicht das Geld haben, lange Ferngespräche zu führen, dürfte freilich wenig einleuchten, daß in der kleinen Bundesrepublik nicht möglich sein soll, was im großen Amerika schon lange funktioniert, zumal es in der Bundesrepublik andernorts den kostenlosen Telephonservice schon gibt: Seit März können sich Anrufer aus allen Ecken der Republik täglich von 10 bis 15 Uhr beim Statistischen Bundesamt in Wiesbaden über die geplante Volkszählung informieren - zum Ortstarif. Die Fernsprechgebühren bezahlt der Innenminister aus einem 16-Millionen-Etat, mit dem er für die umstrittene Volkszählung wirbt.

Allzu hoch dürfte die Telephonrechnung, im Gegensatz zu KID, freilich nicht ausfallen. Denn den Arbeitsanfall, den die Wiesbadener in einem ganzen Monat verzeichnen, mußten die Heidelberger oft an einem Tag bewältigen: rund 400 Anrufe, von denen bislang eben nur ein Teil durchkommt.

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