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MINDERHEIT Klammer wichtig

aus DER SPIEGEL 43/1964

Drei deutsche Dänen bekannter politischer Vergangenheit und ungewisser politischer Zukunft machten am Dienstag letzter Woche beim Kieler Ministerpräsidenten Helmut Lemke Visite. Es erschienen, ihr Schicksal zu beklagen und Hilfe zu erbitten, die schwarz gekleideten Herren

- Jef Blume, 51, während der deutschen Besetzung Dänemarks in der NSDAPN (N = Nordschleswig) aktiv, bis 1940 Führer der deutschen Minderheiten-Jugend im dänischen Nordschleswig, später Leutnant in der Waffen-SS-Division Viking, 1948 von den Dänen wegen »Schädigung des dänischen Volkes« zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt;

- Harro Marquardsen, 54, ehemals

aktiv in der NSDAPN, während der deutschen Besetzung Vorsitzender des nach Blut-und-Boden-Ideen ausgerichteten »Landwirtschaftlichen Vereins für Lügumkloster«, 1945 Funktionär im dänischen Internierungslager Faarhus;

- Jes Schmidt, 47, ehemals aktiv in der NSDAPN, vor 1945 längere Zeit Vorsitzender des Deutschen Jugendverbandes in Nordschleswig.

Die Besucher waren die Kandidaten der minderheitsdeutschen »Slesvigsk Parti« ("Schleswigsche Partei"), die bei der dänischen Reichstagswahl am 22. September - erstmals seit 1953 - kein Mandat für die 25 000 deutschen Nordschleswiger erringen konnte - aus Gründen, die sie sich überwiegend selbst zuzuschreiben haben:

Sie lehnten es ab, den angesehenen liberalen Dänemark-Deutschen Hans Schmidt-Oxbüll, der die deutsche Minderheit seit 1953 im Dänischen Reichstag vertreten hatte, wieder als alleinigen Kandidaten aufzustellen. (Schmidt-Oxbüll verweigerte daraufhin den drei Neubewerbern jede Unterstützung, obwohl ihm die Kieler Staatskanzlei einen Bonner Orden in Aussicht gestellt hatte.)

Und sie begingen den Fehler, ihre Siegeshoffnung auf die Ressentiments alter Kämpfer aus der Viking-Division der SS zu setzen, denen sie Wahlpropaganda-Sentenzen wie »Beseitigung jeder diskriminierenden Behandlung der Frontfreiwilligen« widmeten.

Die Rechnung ging nicht auf. Den deutschen Nordschleswigern mißfiel, daß, wie die »VZ Kieler Morgen-Zeitung« formulierte, »in der Führung der Minderheit offenbar Kräfte nach vorn gekommen sind, die aus der Zeit zwischen 1933 und 1945 noch erhebliche Belastungen mit sich herumtragen und denen das dänische Gastvolk den Vorwurf der Illoyalität gegenüber dem dänischen Staat machen kann«.

Trotz ihrer Niederlage aber hoffen die drei Durchgefallenen doch noch auf eine politische Zukunft in Kopenhagen. Ministerpräsident Lemke, so baten sie bei ihrer Audienz in Kiel, möge doch seine guten Beziehungen zu Dänemarks Regierungschef Jens Otto Krag einsetzen, um ihnen ein Quasi-Mandat im Dänischen Reichstag zu verschaffen.

Sie verwiesen dabei auf das Beispiel, das Schleswig-Holstein vor zehn Jahren in einem gleichartigen Fall gegeben hatte. Damals war es dem »Südschleswigschen Wählerverband« (SSW), der die Interessen der dänischen Minderheit im Norden der Bundesrepublik vertritt, nicht gelungen, die Fünf-Prozent-Klausel zu erfüllen. Der Landtag gab daraufhin zwei Vertretern des SSW bis zur Neuwahl 1958 Gelegenheit, als Berater im Parlaments-»Ausschuß für Angelegenheiten der dänischen Minderheit« mitzuarbeiten.

Lemke versprach Rat und Förderung, denn ihm erscheint es »gerade im wachsenden Europa ... wichtig, daß die volklichen Minderheiten als geistige Klammern zwischen den Völkern erhalten bleiben«.

Und auch Ministerpräsident Krag, den die drei Nordschleswiger Anfang nächster Woche besuchen wollen, ließ inzwischen wohlwollende Prüfung des Projekts einer mandatslosen Vertretung der Nordschleswig-Deutschen in Kopenhagen zusagen.

Sollte aus dem politischen Marsch auf die dänische Hauptstadt dennoch nichts werden, brauchen sich die drei Pilger zwischen Kiel und Kopenhagen wenigstens um ihre private Zukunft keine Sorgen zu machen:

Blume bewirtschaftet einen Bauernhof im dänischen Norderlügum und ist - täglich pendelnd - als Konrektor der Volksschule im deutschen Süderlügum Beamter des Kieler Kultusministeriums.

Marquardsen ist Bauer und Parteivorsitzender und bekommt Gehalt vom »Bund Deutscher Nordschleswiger«, der vom Gesamtdeutschen Ministerium und aus dem Etat Schleswig-Holsteins Beihilfen erhält.

Schmidt schließlich redigiert seit 1948 das deutschsprachige Minderheiten -Blatt »Der Nordschleswiger"', das von Erich Mendes Gesamtdeutschem Ministerium subventioniert wird.

Deutsch-Däne Blume

Trost aus Kopenhagen

Deutsch-Däne Marquardsen

Hilfe aus Bonn

Deutsch-Däne Schmidt

Rat aus Kiel

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