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Briefe

Klammheimliche Freude
aus DER SPIEGEL 37/1977

Klammheimliche Freude

(Nr. 35/1977, SPIEGEL-Titel: Nach der Kappler-Flucht)

Nun ist er heimgekehrt des Führers treuester Diener. Nun freut sich nicht nur Mescalero klammheimlich. Jetzt freuen sich viele Millionen deutsche Männer und Frauen. Jetzt wird Herr Kappier bei uns als Held und Märtyrer gefeiert.

Wuppertal KURT LEHMANN

Nicht die Silvia, weder die Ingrid noch die Marika, sondern Frau Kappier ist für mich die Frau des Jahres!

Hamburg J. T. BOLCK

Wohl dem Manne, dem ein solches Weib beschert!

Runkel

Frau Kappier-Wenger hatte sicherlich kein Recht, für ihren Mann Gnade zu erhoffen, kein Recht den Italienern gegenüber, ihn zu entführen, auch wenn er jetzt alt und krank ist.

Hamburg GISELA KOCH

Ich bin überzeugt, daß die Menschenliebe der armen Frau Kappler von wesentlich weniger harmlosen Kräften schamlos ausgenutzt wird, zum Schaden der deutschen Demokratie.

Köln DR. HARALD VOSS

Oberstudienrat

Wer hat deutsche Politiker beauftragt, für Kappier um Begnadigung nachzusuchen? Die Opfer der Ardeatmischen Höhlen? Die Opfer von Dachau und Auschwitz? Kappler ist nicht nur verantwortlich für die Geiselermordung von Rom, er ist als NSDAP- und SS-Mitglied seit 1931 mitverantwortlich für alle Verbrechen des Regimes, dem er diente.

Die Kappler-Flucht hat überall in der Bundesrepublik mehr als klammheimliche Freude ausgelöst. In diesem Fall erstreckt sich der Sympathisantensumpf durch breite deutsche Öffentlichkeit, durch die Medien bis in höchste Regierungsstellen hinein.

Bonn DIETRICH DÜLLMANN

Kein Wort darüber, daß man Mord auch dann Mord nennen muß, wenn die Tat aus »rechter Sicht« -- also von seiten der Nazis ausgeführt wurde. Es geht nicht darum, einen Halbtoten weiter zu verfolgen, sondern vielmehr um den Respekt der Erinnerung an die, die Kappler hat niedermetzeln lassen.

Hamburg PAUL-GEORG SCHLAFFKE

Die armen Führer der SS und des SD, die unter dem Druck des Systems gestanden haben! Deutsche Vergangenheit? Eher Vergewaltigung!

Mainz R. GAERTNER

Der Held mit den zwei Seelen ist sattsam bekannt. Mörderchen hin, Mörderchen her. Er liebte Italien und die Italiener. Italien war seine zweite Heimat. Daß er dennoch, der Todkranke, die Strapazen der unbequemen Reise überstand, erwuchs aus dem Wunsch, in deutscher Erde bestattet zu werden. Es ist zu befürchten, daß der Patient, todkrank wie er ist, noch recht lange leben wird.

Frankfurt CORNELIUS MEY Kz-Häftling 30251 (Mauthausen)

In der Anlage schicke ich Ihnen meine Graphik »schwarzrotgold-braun« aus dem Jahre 19710), mit der ich darauf hinweise, daß sich das »Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus« als ein höchst unzureichendes Instrument zur Entnazifizierung erwies und insofern sein Alibicharakter offensichtlich wurde.

Kassel FRIEDEL DEVENTER

politischer Graphiker

Wenn heute Willy Brandt vor einer neuen rechten Gefahr warnt, so wird dieser sofort von der CDU/CSU angegriffen. Er stimmt in die antideutsche Kampagne des Auslands ein, heißt es dann da. Haben zumindest nicht die Staaten, die innerhalb weniger Jahre

* Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus 1. Abschnitt Artikel 1: (1) Zur Befreiung unseres Volkes von Nationalsozialismus und Militarismus und zur Sicherung dauernder Grundlagen eines deutschen demokratischen Staatslebens in Frieden mit der Welt werden alle, die die nationalsozialistische Gewaltherrschaft aktiv unterstützt oder sich durch Verstöße gegen die Grundsätze der Gerechtigkeit und Menschlichkeit oder durch eigensüchtige Ausnutzung der dadurch geschaffenen zustände verantwortlich gemacht haben, von der Einflußnahme auf das öffentliche. wirtschaftliche und kulturelle Leben ausgeschlossen und zur Wiedergutmachung verpflichtet.

gleich zweimal vom machtstrebenden Deutschland überfallen wurden, ein Recht darauf, den Rechtsrutsch in der Bundesrepublik wahrzunehmen und zu kritisieren!

Wuppertal FRANK GNIFFKE

Im Falle Kappier geht es ja nicht um Kappier. Es ist absolut unwichtig, wo ein 7Ojähriger Verbrecher stirbt. Aber bemerkenswert ist, daß keine der demokratischen Größen die richtigen Worte gefunden hat, um diese Groteske zu verurteilen.

Alle haben aus politischem Opportunismus, aus Angst vor der schweigenden Masse die Sache wenn auch nicht bejaht, so doch hinter vorgehaltener Hand geschmunzelt.

Ist das diese berühmte schweigende Masse und ist sie schon wieder so groß und mächtig in der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1977, wie sic einmal (vor) 1933 es war!?

München DR. ROBERT G. GUTTMANN

In Ihren Bewertungen »Neid auf die Deutschen kommen Sic zu dem Schluß, daß wohl mehr ein »madig machen des Wirtschaftsriesen BRD« hinter all den Unkenrufen steckt, als eine tatsächliche neofaschistische Gefahr. Dies bedeutet nach unserer Meinung eine Verharmlosung der Vielzahl faschistischer Organisationen und ihrer Duldung -- wenn nicht sogar offenen Unterstützung -- durch rechtliche Instanzen.

Wir haben uns in Nürnberg zusammengefunden, um diesem provokativen Auftreten offen faschistischer Gruppen -- wie Hoffmanns »Wehrsportgrupppe«, Schönborns »Kampfbund Deutscher Soldaten. der »Deutschen Volksunion« und andere entgegenzutreten. Heute müssen sich diese Gruppen nicht mehr verstecken.

In der Vergangenheit hat sich die Waffen-SS in der Tarnorganisation HIAG getroffen. Heute nennen sie sich wieder stolz »Waffen-SS« und kündigen ihre Treffen über Monate voraus an. Heute legen die Faschisten ihre Treffen nicht irgendwohin, sondern sie verlegen sie nach Dachau, dem Ort des ersten KZ's. oder nach Nürnberg, dem Ort der Reichsparteitage.

Nürnberg SUSANNE SCHAFFT Im Auftrag der Antifaschistischen Aktionseinheit

Es wäre interessant zu erfahren, oh und in welcher Höhe die Bundesrepublik dem Massenmörder Kappier eine Pension gewährt. Wenn ja: geschieht dies mit rückwirkender Kraft für die Dauer der 30 Haftjahre?

Genua PROF. DR WERNER PEISER Botschafter i. R.

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