Zur Ausgabe
Artikel 15 / 120
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Holocaust-Gedenktag »Klare Bewertung«

aus DER SPIEGEL 21/1995

SPIEGEL: Politiker aller Bundestagsfraktionen wollen einen Gedenktag zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus schaffen. Welcher Tag sollte es Ihrer Ansicht nach sein?

Friedman: Der vierte Sonntag im Januar käme in Frage, weil der in unmittelbarer Nähe zum 27. Januar liegt, an dem 1945 das KZ Auschwitz befreit wurde. Auschwitz ist zum Synonym für die planvoll betriebene Ermordung und Erniedrigung vor allem der Juden, aber auch anderer NS-Opfer - Sinti, Roma, Homosexuelle - geworden. Es war die perfideste, menschenverachtende Umsetzung der Rassen-Ideologie, eine wirklich deutsche Variante des Antisemitismus, der mit Hitlers Machtergreifung zum Staatsziel erhoben wurde.

SPIEGEL: Wie sollte dieser Gedenktag heißen?

Friedman: Ich bin sehr gespannt auf die Debatte über diese Frage. Denn sie zwingt zu einer Standortbestimmung: Wie stehen die Deutschen zu den Verbrechen in ihrer Geschichte? Wen beziehen sie in ihr Gedenken ein, wen schließen sie aus?

SPIEGEL: Und Ihr Vorschlag?

Friedman: Ich werde momentan keinen eigenen Vorschlag machen. Ich warte die Debatte bei den Politikern, den Intellektuellen, den Publizisten ab, weil ich ihnen diese Denkarbeit weder abnehmen noch ersparen möchte. Bisher haben alle Parteien gesagt: Im Prinzip brauchen wir das. Aber über den Inhalt dieses Tages muß noch ein öffentlicher Diskurs stattfinden. Ich wünsche mir Eindeutigkeit und eine klare Bewertung der Geschichte als Orientierung für die Zukunft. Nur so macht ein Gedenktag Sinn.

Zur Ausgabe
Artikel 15 / 120
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.