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MITTELPUNKTSCHULEN Klassenkampf

aus DER SPIEGEL 24/1960

Der Redner identifiziert uns mit den Kommunisten, das machen wir nicht weiter mit!« Durch diesen Protestruf des SPD-Fraktionsvorsitzenden im Hessischen Landtag, Willi Zinnkann, wurde im Wiesbadener Plenarsaal ein Aufruhr ausgelöst, der die »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« zu dem betrüblichen Kommentar veranlaßte: Ein solcher Tumult habe sich »in der zwölfjährigen Geschichte des (hessischen) Parlaments noch nicht ereignet«.

Der Anlaß zu diesem Gefühlsausbruch der, Volksvertreter hatte nun freilich nichts mit dem Kommunismus, sondern - im Gegensatz zum Auftreten einzelner erzürnter Landes-Parlamentarier - mit der Bildung zu tun: Die Debatte hatte sich an der Förderung der Mittelpunktschulen seitens der hessischen Landesregierung entzündet. Dieser Schultyp soll nach den Plänen des hessischen Kultusministers die kleinen, leistungsschwachen Volksschulen auf dem Land ablösen und das - vor allem vom Landvolk beklagte - Bildungsgefälle zwischen Stadt und Land beseitigen.

Solche sachlich begründeten Bildungspläne trugen der Wiesbadener Regierung den Vorwurf ein, sie wolle die Schulen des Hessenlandes nach östlichem Muster sozialisieren. Der CDU -Abgeordnete Wolf von Zworowsky aus Kassel sah sich in der Debatte gezwungen, eine Zeitungsmeldung zu dementieren, der zufolge er in einem Vortrag in Bad Hersfeld erklärt haben sollte, die Landesregierung wolle die Dorfschulen auflösen und die »sozialistische Einheitsschule« einführen.

Die hessische Sozialdemokratie - sie hat 48 von 96 Landtagsmandaten inne und trägt seit 1947 die Regierungsverantwortung - kann jedoch mit gutem Grund den Vorwurf zurückweisen, sie habe sich in ihrer Schulpolitik am sowjetzonalen Vorbild orientiert. Jene Mittelpunktschulen, denen besonders eifrige Christdemokraten in Hessen opponieren, gibt es -wenn auch nicht unter diesem Namen - längst in anderen deutschen Bundesländern: in Niedersachsen als »Dörfergemeinschaftsschulen« und im christdemokratisch regierten Nordrhein-Westfalen vereinzelt als »Zentralschulen«.

Zudem können die Verfechter dieses neuen Landschultyps sich auf den Deutschen Ausschuß für das Erziehungs- und Bildungswesen berufen, der in einer Empfehlung vom 1. Dezember 1956 festgestellt hatte: »Die technischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandlungen in unserem Volk ... werden der ländlichen Volksschule neue Inhalte und Formen abverlangen.«

Nun hatten die Landflucht und die

besseren Ausbildungsmöglichkeiten in den Stadtschulen und Großgemeinden tatsächlich einen Zustand herbeigefuhrt, der von den Experten gern als »Disparität zwischen Stadt und Land« bezeichnet wird. Klagten der (damalige) niedersächsische DP-Kultusminister Richard Langeheine und die kommunalen Spitzenverbände Niedersachsens in einer 1957/58 erarbeiteten Empfehlung: »Es erfüllt alle Verantwortlichen mit ernster Sorge, daß ... die Oberstufe der Landschule verarmt und viele Kinder in weiterführende Schulen abwandern, auch wenn sie deren Abschluß nicht erstreben ... Es ist daher anzustreben, die ländliche Volksschule so auszugestalten, daß sie der Jugend auf dem Lande eine Bildung vermittelt, die gleichwertig der des Stadtkindes ist.«

Bei diesem Vergleich der Bildungsmöglichkeiten in Stadt und Land schneiden naturgemäß jene Dorfschulen besonders schlecht ab, die von den Anhängern der Mittelpunktschulen verächtlich »Zwergschulen« genannt werden: die einklassigen Volksschulen, in denen die Kinder aller acht Jahrgänge von nur einem Schulmeister unterrichtet werden. In diesen Schulen kann sich der Lehrer stets nur einem Teil der Klasse widmen, während die übrigen Schüler sich selbst überlassen bleiben.

Daß der Unterricht in solchen Miniaturschulen dem der vielklassigen Stadtschulen unterlegen ist, blieb den Eltern der Landkinder auf die Dauer nicht verborgen. Um einer besseren Ausbildung willen schickten einsichtige Landbewohner in den Einzugsgebieten der Großstädte ihre Kinder auf die besseren Stadtschulen und trugen damit zum weiteren Verfall der Dorfschule alten Typs bei.

Der Lehrer in den ein- oder zweiklassigen Schulen ist im Unterricht erfahrungsgemäß auf die Mithilfe begabter älterer Schüler angewiesen. Die Tatsache, daß gerade begabte Schüler in die Stadt abwandern, erschwert nicht nur seine Lehrtätigkeit, sie läßt die Schüler solcher Zwergschulen allmählich auch zu einer »negativen Auslese« des deutschen Bildungswesens werden.

Die Statistik erweist, daß diese ländliche Schulnot nicht auf Niedersachsen oder Hessen beschränkt ist. Im Jahre 1957 betrug der Anteil ein- und zweiklassiger Schulen an den gesamten Volksschulen in

- Rheinland-Pfalz 70,9 Prozent,

- Schleswig-Holstein 63,8 Prozent,

- Bayern 55,8 Prozent,

- Baden-Württemberg 50,2 Prozent,

- Niedersachsen 52,6 Prozent und

- Nordrhein-Westfalen 33,2 Prozent.

Obwohl demnach in allen Bundesländern außer Nordrhein-Westfalen mehr als die- Hälfte der Volksschulen konkurrenzschwache, modernen pädagogischen Anforderungen nicht mehr gewachsene Zwergschulen sind, wurde die sich aufdrängende Konsequenz, kleine Schulen einander benachbarter Dörfer ganz oder teilweise zu einer mehrklassigen, zentral gelegenen Schule zusammenzulegen, nennenswert nur in Hessen und Niedersachsen gezogen.

Als die sozialdemokratische Landesregierung in Hessen den ersten Schritt zur Reform des Landschulwesens unternahm, geschah dies in Übereinstimmung mit dem Plan Z ("Die Zukunft meistern"), dem Bildungsprogramm der SPD. »In den ländlichen Gebieten«, so heißt es darin, »ist die Einführung eines differenzierenden Unterrichts in den oberen Klassen und in vielen Fällen überhaupt eine Verbesserung der Erziehung ... nicht ohne die Bildung von Mittelpunktschulen für die oberen Klassen durchzuführen.«

Allein, schon die erste Ankündigung der SPD-Pläne führte zu Protesten der Christdemokraten, unter denen vor allem die Katholiken in der Dörfergemeinschaftsschule ein Werk des Bösen wider den Klerus sehen. Wetterte unter der Überschrift »Großangriff auf die Dorfschule« der CDU-getreue »Rheinische Merkur": »Nach der Errichtung der Dorfgemeinschaftshäuser* scheint die hessische Sozialdemokratie entschlossen, einen neuen Schlag gegen die alten Schwerpunkte der Dorfkultur zu führen: Der hessische Kultusminister hat ... angekündigt, daß Dorfschulen mit geringer Schülerzahl aufgelassen und dafür 'Zentralschulen', für mehrere Dörfer gemeinsam errichtet werden sollen.«

Unerwähnt blieb bei diesen CDU-Protesten freilich, daß die Zusammenfassung von Schulkindern aus mehreren Dörfern in nur einer Schule gerade in Hessen nicht neu ist, wenngleich sich die SPD bemüht, eben an diesem System die Fortschrittlichkeit ihrer Schulpolitik zu demonstrieren. Gestand der Staatssekretär im hessischen Kultusministerium, Dr. Walter Müller, unlängst in der »Frankfurter Rundschau": Bereits im Jahr 1850 bestanden in Hessen 85 derartige Schulverbände. 1945 hatte sich ihre Zahl um 78 (also auf 163) erhöht, und zur Zeit zählen wir in Hessen 188 Schulverbände, in denen 414 Gemeinden zusammengefaßt sind.«

Um diese Zahl weiter zu steigern, reist der Oberregierungsschulrat Werner Diederich, Volksschulreferent im Wiesbadener Kultusministerium, allwöchentlich drei- bis viermal durchs Hessenland. Erziehern wie Volksvertretern kleinerer Gemeinden versucht er die Vorteile plausibel zu machen, die ihre Kinder nach der Gründung einer Mittelpunktschule genießen können.

Werber Diederich rechnet seinen Zuhörern vor allem die finanziellen Vorteile aus: Die Lehrmittel-Ausstattung einer ein- oder zweiklassigen Schule kostet etwa 10 000 Mark, die einer vier bis fünfklassigen Schule 22 000 Mark und die einer achtklassigen rund 35 000 Mark. ("Man kann ja dort einen Satz Landkarten in allen Klassen verwenden.") Die Lehrmittel-Ausrüstung einer achtklassigen Schule kostet also nicht halb soviel wie die von acht einklassigen Schulen.

Über den Ausrüstungsstand vieler Landschulen ist auch Diederich entsetzt: »Das ist eine Kulturschande, man darf das gar nicht sagen im Zeitalter der Technisierung ... Vor einigen Jahren besaßen von 110 Schulen im Kreis Marburg nur fünf eine Verbrennungsmaschine als Anschauungsstück.«

Den christkatholischen Kritikern des Mittelpunktschul-Programms jedoch ist gerade der finanzielle Anreiz verdächtig, mit dem die hessische Regierung den Gemeindeparlamenten die Einrichtung von Mittelpunktschulen schmackhaft zu machen sucht. So rief das katholische Männerwerk in Oberhessen »die freiheitlich gesinnten Bürger aller Bekenntnisse, Parteien und Gemeinwesen« zur Gründung eifler Hilfsgemeinschaft »Rettet die Dorfschule« auf.

Der Obmann des Dekanats Amöneburg, Otto Lebert aus Marburg, erklärte der »Oberhessischen Presse« zufolge, die »wiederholte Verweigerung öffentlicher Mittel für dringend notwendige Um- und Ausbauten an dörflichen Schulen (lasse) in Hessen eine freie Entscheidung der Eltern und kommunalen Körperschaften nicht zu«. Das Männerwerk sei der Ansicht, »die Dörfer sollten offenbar gezwungen werden, auf ihre eigenen Schulen zu verzichten und sich Zentralverbänden anzuschließen«.

Der Widerstand katholischer Christdemokraten gegen die Reform der Dorfschule ist allerdings nicht auf Hessen beschränkt; er ist auch in Niedersachsen spürbar. So erklärte der Prälat Heinrich Grafenhorst vom Bischöflichen Offizialat in Vechta, das Miteinander von Elternschaft, Schule und Kirche in den Dörfern müsse erhalten bleiben, weil sonst eine der »wichtigsten Stützen des bäuerlichen Lebens« zerschlagen werde.

Der Kampf der katholischen Kirche um die Erhaltung der Miniaturschulen auf den Dörfern findet eine plausible Erklärung in der Tatsache, daß die wenigen Katholiken beider Länder nicht in ein paar Städten, sondern auf dem flachen Lande massiert sind - in Hessen im Rheingau und in den Kreisen Fulda und Hünfeld, in Niedersachsen vor allem im Landesteil Oldenburg. In diesen katholischen Gebieten sucht die Kirche nicht nur die Gründung von Mittelpunktschulen, sondern auch das Entstehen eines zweiten »Zentrums einer indifferenten Kultur« zu verhindern: des Dorfgemeinschaftshauses.

Ein weiteres Argument der Gegner ist der Schulweg, der seit Einführung einer zentral gelegenen Schule für viele Kinder erheblich länger wird. Die Verfechter des Zentralschulgedankens können freilich diesen Einwand mit Hilfe der Statistik entkräften: Von 4340 Kindern, die in Hessen Mittelpunktschulen besuchen, marschieren

- 255 Kinder bis 0,5 Kilometer,

- 3470 Kinder 0,6 bis zwei Kilometer,

- 545 Kinder 2,1 bis drei Kilometer und

- 70 Kinder 3,1 bis 4,5 Kilometer

am Tag zur Schule. Einen Schulweg bis zu drei Kilometer halten die hessischen Schulexperten für zumutbar.

Nach den Tumulten in Hessen erscheinen die Auseinandersetzungen, die es im benachbarten Niedersachsen um die Dörfergemeinschaftsschulen gab, vergleichsweise harmlos. Freilich waren die niedersächsischen Sozialdemokraten von Anfang an klug genug, sich die Unterstützung des einflußreichen Landvolkverbands zu sichern und obendrein die Einführung des neuen Schulsystems nicht zu forcieren: In Hannover gibt es keinen Werber Diederich.

Die Resonanz des Zentralschulgedankens im niedersächsischen Landvolk, das die Bekämpfung des Bildungsgefälles zwischen Stadt und Land auf seine Fahnen geschrieben hat, war stets so positiv, daß der Deutschparteiler Richard Langeheine, Kultusminister der Regierung Hellwege von 1956 bis 1959, die von seinem sozialdemokratischen Amtsvorgänger (und späteren Nachfolger) Richard Voigt begonnene Förderung der Dörfergemeinschaftsschule guten Gewissens fortsetzen konnte.

So dekretierte Kultusminister Langeheine im Juli 1958, »schon jetzt« - das hieß: vor weiteren gesetzlichen Maßnahmen - sollten jene Empfehlungen »soweit wie möglich verwirklicht werden«, die das Ministerium zusammen mit den kommunalen Spitzenverbänden - Landgemeindetag, Landkreistag und Städtebund - erarbeitet hatte. Einer der Kernsätze darin lautet: »Die Dörfergemeinschaftsschule soll nur da errichtet werden, wo sie organisch wachsen kann und wo Elternschaft und Schulträger von ihrem Wert überzeugt sind. Keinesfalls soll sie als allgemeine und einheitliche Form verordnet oder organisiert werden.«

Für diese Zurückhaltung, die den Eltern und Gemeinden die Werbesprüche eines beamteten Propagandisten erspart, weiß man im hannoverschen Kultusministerium freilich einen ebenso einfachen wie ideologiefreien Grund: »Wenn wir (in den Gemeinden für die Dörfergemeinschaftsschule) Propaganda machen, dann wollen die vob uns auch das Geld für Schulbusse usw. haben.« Dem stünde gegenwärtig nicht nur die in Niedersachsen chronische Ebbe in der Landeskasse, sondern auch das Schulverwaltungsgesetz entgegen, dem zufolge der Staat nur die Personalkosten der Schulen trägt, während Kosten für die Ausstattung der Schulen ausschließlich von den Schulträgern, also den Gemeinden und Schulverbänden, aufgebracht werden müssen.

Das hannoversche Kultusministerium begnügt sich damit, den Eltern Beihilfen zu den Fahrkosten der Kinder zu gewähren; es hat aus diesem Grunde die Haushaltsmittel für Erziehungsbeihilfen von 1,7 auf 3,1 Millionen Mark erhöht. Für einen späteren Zeitpunkt erwägt man allerdings eine Änderung des Schulverwaltungsgesetzes. Voraussetzung dafür ist, daß den Gemeinden Zuschüsse für den Unterhalt von Schulbussen gezahlt werden können.

Die geplante Gesetzesänderung hat nun freilich die CDU argwöhnisch gemacht. Nachdem die Christdemokraten der niedersächsischen Dörfergemeinschaftsschule im Prinzip zugestimmt hatten, solange sie

- den Gemeinden nicht, gegen ihren

Willen aufgezwungen wird und

- für ein überschaubares Gebiet ("etwa ein Kirchspiel") zum schulischen Mittelpunkt wird,

will der Generalsekretär der niedersächsischen CDU, Arnold Fratzscher, nunmehr aus sicherer Quelle erfahren haben, die SPD wolle das Schulverwaltungsgesetz so abändern, daß eine Gemeinde »dort, wo es nützlich ist«, gegen ihren Willen zur Beteiligung an einer Dörfergemeinschaftsschule gezwungen werden könne.

Die CDU sieht darin den Versuch, vom Prinzip der Freiwilligkeit abzugehen und die Mittelpunktschule auch jenen oldenburgischen Kreisen aufzuzwingen, die sich unter dem Einfluß der katholischen Kirche bisher gegen die Vorschläge aus Hannover mit Erfolg gewehrt haben.

Wie vorsichtig Niedersachsens sozialdemokratische Landschulreformer ihre Pläne durchzusetzen versuchen, zeigt schon der umständliche Name »Dörfergemeinschaftsschule«. »Den Namen 'Mittelpunktschule'«, sagt der Leiter der Schulabteilung im hannoverschen Kultusministerium, Ministerialdirigent Dr. Günther Rönnebeck, »haben wir peinlich vermieden. Er erinnert zu sehr an die Zentralschule der sowjetisch besetzten Zone.« Rönnebecks Wiesbadener Kollege Diederich dagegen: »'Dörfergemeinschaftsschulen' haben ein bißchen Blut-und-Boden-Geschmack.«

Von solch sprachästhetischen Erwägungen gänzlich unberührt, sind die meisten Schulexperten freilich der Ansicht, daß ländliche Zentralschulen das

einzige Mittel darstellen, um die Qualität der ländlichen Schulbildung dem Niveau der Stadtschulen anzugleichen und das Bildungsgefälle zwischen Stadt und Land zu beseitigen. Prophezeite der Göttinger Pädagoge Professor Erich Weniger: »Die Dörfergemeinschaftsschule wird kommen, ob wir es wollen oder nicht!«

* SPIEGEL 7/1960

Mittelpunktschul-Werber Diederich

Neue Formen ...

... der ländlichen Volksschule: Mittelpunktschule an der Bergstraße

SPD-Schulpolitiker Voigt

In Niedersachsen nennt man's anders

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