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GYMNASIEN Klassenlose Gesellschaft

aus DER SPIEGEL 46/1966

Im niedersächsischen Buxtehude leben und lernen neuerdings Oberschüler fast schon wie Studenten.

Erstmalig in diesem Jahre durften die 108 Unter- und Oberprimaner - Oberstudiendirektor Dr. Johannes Güthling, 62: »Die Damen und Herren der formierten Oberstufe« - ihren Unterrichtsstoff anhand einer Art Vorlesungsverzeichnis fast so frei wählen wie Studenten ihre Kollegs.

Die sieben Ober- und Unterprimen der Halepaghenschule wurden aufgelöst. Für die Fächer Deutsch und Gemeinschaftskunde wurden je sechs, für Mathematik und Englisch je fünf und für Französisch drei »Arbeitsgruppen« gebildet. Während früher jede Prima nach dem Stundenplan lernen mußte, können neuerdings die Buxtehuder Gymnasiasten in den beiden letzten Schuljahren selbst entscheiden, welcher »Arbeitsgruppe« sie angehören wollen.

Beispielsweise - bieten die sechs Deutsch-Lehrer verschiedene Stoffe lebender deutschsprachiger Autoren an. In Gruppe eins wird »Der geteilte Himmel« der DDR-Autorin Christa Wolf gelesen, in Gruppe zwei Max Frischs »Andorra«, in Gruppe drei Gertrud von le Forts »Die Letzte am Schafott«, in Gruppe vier Gaisers »Schlußball« und in Gruppe fünf Zuckmayers »Hauptmann von Köpenick«.

Ähnlich variieren auch die Themen. In Gruppe eins widmen sich Studienrat und Primaner dem »Menschen in der Versuchung«, in Gruppe fünf dem »Menschen in Freiheit«, in Gruppe drei dem »Phänomen der Angst«, in Gruppe vier der »Welt unter dem Gesichtspunkt des Grotesken«. Gleiche Vielfalt gibt es auch in anderen Fächern.

Ganz so frei wie Studenten dürfen allerdings die Buxtehuder Schul-Kommilitonen nicht entscheiden. Es wird für den Fall vorgesorgt, daß sich für die Arbeitsgruppe eines beliebten Studienrats zuviel Schüler melden: Überschüssige Bewerber kommen dann in andere Gruppen.

Mit den Klassen verschwand auch der Klassenlehrer. Seine Funktionen übernahmen teils der Direktor, teils die Schüler. Jede Gruppe wählt einen Sprecher, die Sprecher bilden einen »Konvent«. Er lädt Eltern zu Versammlungen ein, behebt Schwierigkeiten des Stundenplans und signiert Anträge auf Schülerrückfahrkarten.

Die Buxtehuder Schulneuerer begnügen sich nicht mit der Beendigung des Klassen-Kampfes. Jeder Primaner kann - ähnlich wie die Studenten an englischen Universitäten - aus dem 51köpfigen Lehrerkollegium einen »Tutor« wählen, der - so Güthling - als »älterer Freund« für die Studien Rat geben und sich auch »darum kümmern sollte, wenn der Junge immer schwarze Fingernägel hat oder vielleicht krank aussieht«.

Den Erfolg des Buxtehuder Schulversuchs beweist nach Ansicht des Mathematikers Güthling eine Zahlenreihe. Wegen guter Leistungen wurde Ostern 1965 nur eine Schülerin, wurden Ostern 1966 nur drei Schüler, wurden hingegen in diesem Herbst - ein halbes Jahr nach der Primen-Liquidierung - neun Schüler und Schülerinnen vom mündlichen Abitur befreit.

Im Lehrerkollegium sind allerdings zehn von 51 gegen, die klassenlose Gesellschaft - so Studienrätin Grete Thomas: »Die Schüler wählen natürlich den billigsten Lehrer und nicht den, der scharf zensiert. Gerade gute Lehrer aber geben scharfe Zensuren.« Und: »Dann ist es peinlich, wenn man in einer so kleinen Stadt von den Schülern nur drei Stimmen kriegt.«

Buxtehuder Schul-Direktor Güthling, Primaner: Schüler wählen den Lehrstoff

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