Zur Ausgabe
Artikel 27 / 115
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

KRIMINALITÄT Klauen für den Aufbau Ost

Der riesige Bedarf im Osten erschließt einen neuen Markt für Kriminelle: Sie stehlen systematisch Ersatzteile und Verbrauchsartikel.
aus DER SPIEGEL 24/2004

Einen solchen Fall hatte die Kripo in Lübeck noch nie erlebt. Innerhalb weniger Wochen stiegen Einbrecher in fünf Zahnarztpraxen ein und klauten Bohrer, Zahnsteinentferner und Mundspiegel. Viel Mühe gaben sich die Täter nicht. Geräte, die sie nicht schnell genug vom Behandlungsstuhl abschrauben konnten, schnitten sie einfach ab.

Der Schaden betrug jeweils bis zu 40 000 Euro, der Praxisbetrieb war tagelang eingeschränkt. »Der Fall ist schon deshalb ungewöhnlich«, so der zuständige Kommissariatsleiter Meno Bülow, »weil es in Deutschland wohl kaum einen Markt für gebrauchte Bohrer unklarer Herkunft geben dürfte.« Die Kripo vermutet deshalb, dass die Beute nach Osteuropa verschoben wurde.

Dass Autos geklaut, Banken und Juweliere von Banden aus dem Osten ausgeraubt werden, daran hat man sich hier zu Lande schon gewöhnt. Jetzt aber haben die Täter Deutschland zunehmend als riesiges Ersatzteillager entdeckt. Gestohlen wird alles, was gebraucht wird und leicht zu beschaffen ist. Wenn die Diebe nicht gerade auf frischer Tat gefasst werden, ist die Polizei nahezu machtlos. So schnell, wie sie gekommen sind, verschwinden sie auch wieder.

Autoersatzteile etwa sind im ehemaligen Ostblock immer noch Mangelware, der konventionelle Schrauber ist zudem glatt überfordert, wenn ein neuer Wagen made in Germany auf den Hof rollt. Ohne Diagnosecomputer versagt die Kunst des Meisters. Und so stellt die Kripo jetzt in Norddeutschland vermehrt Einbrüche in Autowerkstätten fest, wo gezielt Diagnosegeräte für Mercedes, BMW und VW geklaut werden. »Mit den Geräten lässt sich selbst die Wegfahrsperre austricksen«, sagt ein Beamter. In Bayern und Baden-Württemberg, wo die Serie begann, verschwanden bereits mehr als hundert solcher Computer.

Unter regelmäßigem Teileklau leiden besonders die Angestellten des Autoherstellers VW am Werk in Wolfsburg. Auf dem Mitarbeiterparkplatz werden, wie im Supermarkt, gezielt nach Baujahr, Typ und Farbe Airbags, Spiegel oder Scheinwerfer gestohlen. Zwar eröffnete VW unlängst ein Lager in Moskau, doch der Bedarf wird hier zwangsläufig nur legal befriedigt.

Allein im Zuständigkeitsbereich des Münchner Kommissariats 233 wurden in den ersten zweieinhalb Monaten dieses Jahres so viele Reifendiebstähle aus Garagen gemeldet wie im ganzen Jahr zuvor - 118. Die Diebe bevorzugen komplette Sätze aus edlem Aluminium im Wert von bis zu 5000 Euro.

Im niedersächsischen Oldenburg standen kürzlich drei Litauer vor Gericht, die etwa 200 Mercedes-Außenspiegel geklaut hatten. »Wir sind sicher, dass die Teile in den Osten verschoben wurden«, so Kriminalhauptkommissar Wolfgang Janßen von der Ermittlungsgruppe (EG) »Spiegel«.

Geklaut wird alles, was gebraucht wird. In Nürnberg ermittelt die Kripo in einer Diebstahlserie auf Großbaustellen. Dort verschwinden immer wieder hochwertige Bagger und Lader, Planierraupen und Teerfahrzeuge für den Aufbau Ost. »Die Täter bringen perfekt gefälschte Papiere mit, damit es an der Grenze keine Probleme gibt«, so Werner Mikulasch von der Kripo Nürnberg.

Doch es geht auch kleiner. Reichlich verdutzt schaute Optikermeister Michael Renken, 37, als er sein Geschäft in der Hamburger Innenstadt aufschloss. Bis auf die zehn Brillengestelle in der Schaufensterauslage war alles weg: 1500 Fassungen diverser Fabrikate. »Die haben sogar ein 15 Kilogramm schweres Gerät zum Ausmessen der Sehstärke hinausgetragen.« Nur eine Nacht später traf es einen Optiker im feinen Stadtteil Harvestehude. »Die Täter machen jetzt wahrscheinlich irgendwo im Osten ein Brillengeschäft auf«, sagt sarkastisch Inhaber Martin Carl, 64.

Mehrere hundert Laptops, PC und Bildschirme stahl eine Bande aus Universitätsinstituten und Kliniken im Raum Göttingen und verschob die Beute offenbar großenteils in die Ukraine. Als die EG »Laptop« den Tätern auf die Spur kam, arbeiteten einige der Diebe gerade in Reinigungsfirmen - um zukünftige Opfer auszukundschaften.

Rechtzeitig zur Saison geraten jetzt Segelyachten und Motorboote ins Visier. Allein im Bereich der Wasserschutzpolizei Emden wurden in der vergangenen Saison 70 Diebstähle von Außenbordmotoren, Booten und Zubehör angezeigt. Der Chef der Wasserschutzpolizei in Baden-Württemberg, Gerhard Klotter, sieht Boote und Zubehör als »zunehmend beliebte Tatobjekte für die oft international agierenden Täter«.

Nach Auskunft von Margit Bursinski vom Versicherungsmakler Pantaenius ist im ersten Quartal 2004 eine »deutliche Zunahme der Diebstahlsrate« zu erkennen. »Mit dem Wegfall der Frachtkontrollen an den Ostgrenzen«, befürchtet Uwe Tredup von der Wasserschutzpolizei in Waren an der Müritz, »dürften die Zahlen weiter ansteigen.« ANDREAS ULRICH

Zur Ausgabe
Artikel 27 / 115
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel