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FESTIVALS Klaut die Kasse

Ordner im Rocker-Look schnappten sich bei dem Riesen-Anti-Atom-Festival im bayrischen Burglengenfeld achtzig Kassen. Seither sind fast 200000 Mark verschwunden. *
aus DER SPIEGEL 5/1987

Es war das größte Rock-Festival, das in Deutschland je unter freiem Himmel veranstaltet wurde: Im bayrischen Burglengenfeld lauschten im Juli letzten Jahres 100000 Zuhörer Rock-Stars wie Wolfgang Ambros, Purple Schulz und den Toten Hosen.

Anders als bei anderen Großveranstaltungen dieser Art sollte es diesmal - neunzig Tage nach Tschernobyl und zwanzig Kilometer entfernt von Wackersdorf - laut Rocksänger Udo Lindenberg »keine Kohleabgreife« geben: Alle Stars musizierten umsonst, der Reinerlös

war dem »Widerstand gegen die WAA« versprochen.

Mittlerweile ist das Spektakel halb vergessen einen abendfüllenden Dokumentarfilm ("WAAhnsinn") haben die Kinos mancherorts bereits wieder abgesetzt. Für die Münchner Gastronomie-Unternehmerin Renate Keck indes wirkt das Festival noch lange fort.

Die Geschäftsfrau sieht sich durch eine Reihe höchst mysteriöser Vorfälle hinter den Kulissen der Anti-WAA-Veranstaltung in die Pleite getrieben. Gänzlich geklärt ist bislang nur, daß sich Ordner während des Festivals an den Verkaufsständen der Gastronomin achtzig Kassen schnappten. Etliche der Kassen fehlen seither - sowie 184000 Mark, was laut Gutachten eines vereidigten Wirtschaftsprüfers auf »unbefugte Entnahme« zurückzuführen sein kann.

Das Geld stammt aus dem Verkauf von Essen und Getränken an die rund 100000 Teilnehmer. Damit hatte der Veranstalter, der »Verein zur Beratung und Förderung kultureller Jugendarbeit« - gegründet vom örtlichen Jugendzentrum, der DKP Nordbayern den Jusos dem SPD-Unterbezirk Schwandorf-Cham und den Grünen-, das Münchner Gastronomie-Unternehmen »Top Catering« betraut.

Top-Catering-Chefin Keck, die sechs Jahre lang die Alabama-Halle in München betreute, war mit der Musik- und Jugendszene bestens vertraut. Mit Vereinsvorstandsmitglied Helmut Ertel, einem Steuerberater aus Bruck bei Burglengenfeld, einigte sich die Gastronomin nach wochenlangem Hin und Her auf folgenden Modus: sechs Mark Pacht pro verkaufter Eintrittskarte und zur Sicherheit eine Kaution in Höhe von 200000 Mark.

Schließlich kam Renate Keck mit achtzig Verkaufsständen, 600 Helfern, zwölf Geldeinsammlern und zwei bewaffneten Sicherheitsleuten nach Burglengenfeld. Schon für die Vorbereitungen hatte sie an die 50000 Mark ausgegeben. Renate Keck: »Es war die größte Sache, die ich je gemacht habe.«

Der erste Tag in Burglengenfeld verlief einigermaßen planmäßig. Von den Tageseinnahmen konnte sie 190000 Mark als Anzahlung für die Pacht an den Verein abliefern. Doch Vorstandsmitglied Ertel wollte nun von der Festival-Wirtin außer dem Vorschuß auch noch die Kaution möglichst in bar ausgehändigt haben. Renate Keck: »Die Veranstalter waren vom Erfolg des Festivals aufgeputscht.«

Am nächsten Tag aber stieß das Würstchen- und Limonadengeschäft auf unerwartete Schwierigkeiten. Denn plötzlich meldete ein Verkäufer von Top Catering über den Walkie-talkie: »Da springt einer über den Tresen und klaut die Kasse.« Die Chefin Renate Keck dachte »Da tickt oana net sauber« und schickte ihre beiden bewaffneten Sicherheitsleute los.

Doch kaum waren die im Gewühl verschwunden, kamen von einem Verkaufsstand nach dem anderen neue Überfallmeldungen per Funk herein. Bald ging es nach dem Eindruck von Renate Keck zu »wia in am billigen Krimi-Fuim«. Um Schlimmeres zu verhüten, wies die Chefin ihre Mitarbeiter an, die etwa 100 Täter, »optisch schlimme Typen« (Renate Keck), widerstandslos gewähren zu lassen.

Die Münchnerin, mit Ertel immer noch im Clinch wegen der Kaution, gewann immer mehr den Eindruck: »Dös muaß mit'm Veranstalter z'sammenhänga.« Denn als sie die Polizei rufen wollte, habe das einer vom Vorstand des Festival-Vereins »geschickt vereitelt«.

Schließlich wurde klar, daß die Räuber in ihren Leder- und Nietenanzügen allesamt Mitglieder des linken Motorrad-Klubs »Kuhle Wampe« waren - die von den Veranstaltern als Ordnungsdienst engagiert worden waren. »I hab' dene koan Auftrag g'geben, die Kassen sicherzustellen«, sagt heute Organisator Ertel, »und wer den Auftrag geb'n hat. woaß i aa net.«

Der vom Verein als Berater engagierte Konzertagent Peter Pracht kann sich hingegen noch erinnern, daß »der Veranstalter« an den Ordnungsdienst die Anweisung gegeben habe: »An jede

Kasse einen Mann hinstellen und kein Geld rauslassen.«

Vom Chef der Kuhlen Wampe sei der Befehl etwas vergröbert worden: »Ihr müßt ein Auge auf die werfen, damit nicht der Gastronom mit dem Geld durchgeht.« Renate Keck: »Für die waren wir die absoluten Kapitalistenschweine.«

Der antikapitalistische Funke sprang schließlich auch noch auf die achtzig Mann der Nürnberger »Pusan Security« über, deren Chef Michael Messing sich ausdrücklich von den alternativen Kollegen der Kuhlen Wampe absetzt. Die Pusan-Leute, wegen ihres strammen Aufzugs als Nazis beschimpft, waren ebenfalls hinter dem vermeintlichen Fluchtgeld her.

Frau Keck, Mutter einer kleinen Tochter, brach nach dem für sie mißglückten Fest zusammen und mußte vom Notarzt ins Krankenhaus gebracht werden. Die Unternehmerin ("Für mi war dös a Raubüberfall") sieht sich heute offenen Rechnungen in Höhe von 190000 Mark und Bankschulden von 40000 Mark gegenüber. Auch Heinrich Kotulski, der einen Lkw-Jumbo voll Plastikbecher, das Stück zu sechs Pfennig, nach Burglengenfeld gekarrt hat, wartet noch auf 45000 Mark.

Vereinsfunktionär Ertel beteuert: Wir wollten ja nur hingehen und das Geld zählen.« Bei der wilden Aktion, sagt er, seien 87000 Mark zusammengekommen, die nun sicher bei der Wach- und Schließgesellschaft in München liegen. Ein halbes Dutzend der Kassen allerdings blieb verschwunden.

Für Ertel, der mit der Devise »Mach ma amal a bißl was Größers« angetreten war, ist die Ausbeute der Kuhlen Wampe freilich nur eine Lappalie. Vorerst ist er voll damit ausgelastet, die Einnahmen in Höhe von 1,6 Millionen Mark in die richtigen Kanäle zu leiten.

Für Betriebsausgaben aller Art muß er 1,2 Millionen Mark abgeben. Hingegen tut sich Ertel schwer, den Gewinn von 400000 Mark möglichst ungeschoren am Finanzamt vorbeizumanövrieren.

Denn auch ein Verein unterliegt als wirtschaftlicher Zweckbetrieb oder wirtschaftlicher Geschäftsbetrieb voll dem Steuerrecht - »ob er nun einen Rosenmontagsball, ein Sommernachtsfest oder ein Rock-Festival veranstaltet« (Ertel). Völlig steuerunschädlich wäre die Verteilung des Geldes an gemeinnützige Schwester-Vereine. Doch da ist Ertel erst je 60000 Mark losgeworden - an Anti-WAA-Büros und an einen Prozeßkostenhilfsfonds.

Den Fonds wird Ertels eigener Verein vielleicht bald gut brauchen können. Denn wegen der Streitigkeiten mit den Geschäftspartnern kommt auf Ertel und seinen Verein ein halbes Dutzend Gerichtsverfahren zu. Und alles wird sich schön in die Länge ziehen. Ertel: »Mittlerweile glaab ich aa, daß dös Festival a Jahrhundertereignis war.«

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