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»Kleine Schritte statt großer Sprünge«

Klaus Bölling über Stefan Heyms »Schwarzenberg« Klaus Bölling, 55, war von 1974 bis zur Wende 1982 Staatssekretär und Regierungssprecher, dazwischen 15 Monate Leiter der westdeutschen Ständigen Vertretung in Ost-Berlin (1981/82). *
aus DER SPIEGEL 34/1984

Da sich die mächtigsten Verbündeten der beiden deutschen Staaten derzeit links und rechts von Elbe und Werra einer eher bescheidenen Wertschätzung erfreuen - und das nicht bloß wegen der nicht dringlich erbetenen Belieferung mit SS-20 und Pershing 2 -, hört man hüben und drüben einige raunen, daß die Deutschen doch manches, vielleicht gar Entscheidendes anders und besser zu machen wüßten, wenn da nicht immer mit ihrer vorgeschützt fürsorglichen Neugier die beiden Großen gegenwärtig wären.

Stefan Heym, narben- und farbenreicher Räsoneur und Widersacher jedweder Reglementierung der Gedankenfreiheit, scheint im Zeichen noch sinkender Popularitätskurven von Sowjet-Union und USA mit der kunstvoll ersonnenen Geschichte einer unabhängigen, weder den Sowjets noch den Amerikanern zur Botmäßigkeit verpflichteten Republik gut im Wind zu liegen. Der mit viel erhabenen Gefühlen verfaßte Roman über das utopische Gemeinwesen in jener Erzgebirgsregion, in der das kostbare Uran geschürft wurde, kann also auf ziemlich viele und obendrein geneigte Leser rechnen.

Heym, der gescheite Pendler zwischen den Linien, schafft schwerlich ein großes Stück politischer Literatur. Doch er schafft es, Trauer zu wecken über eine vermeintlich verpaßte Chance. Warum, bitte sehr, ist den Deutschen nicht wenigstens probeweise gestattet worden, die Läuterung ohne fremde Hilfestellung zu bewältigen und die Rechnung zu widerlegen, die einst William Shirer aufmachte: von Luther bis Hitler immerfort nur Böses? Nach vielerlei Rauschzuständen, dem fast unaufhörlich gestörten Gleichgewicht zwischen Macht, Geist und Menschlichkeit hätte uns eine solche Republik der wahrhaft guten Deutschen schmücken können.

Gleich nach dem Ende des Hitler-Reiches wollte Friedrich Meinecke das deutsche Bürgertum überreden, überall im Land Goethe-Gemeinden zu bilden, und auf diese Weise die Katharsis einleiten. Ähnliches mag Heym gedacht haben, der in seiner Antifa-Republik die Erneuerung nicht von der Bourgeoisie, sondern von den Arbeitern erhofft. Oder hat ihn Ernst Bloch mit dem »Geist der Utopie« beflügelt?

Denn in Schwarzenberg, das durch spielerischen Zufall für eine kurze Weile aus dem sich gleich nach Kriegsende formierenden Spannungsfeld der Großmächte ausgespart bleibt, hat er als Fackelträger einer Hoffnung auf Versöhnung von Staat und Menschlichkeit einen jüdischen Intellektuellen beheimatet, der, als alle Hoffnung zuschanden gegangen ist, in Leipzig als Professor in die innere Emigration geht.

Anders als Bloch überläßt sich Heyms tragischer Held der Resignation. Doch die Ähnlichkeiten sind von ihm gewollt: Bloch redet vom »Laboratorium der Welt«, Heym schreibt von seiner fiktiven Republik als einem »Labor zur Entwicklung einer echten Demokratie«.

Vielleicht muß einer ein. Stück jünger oder ein ganzes Stück älter sein, nämlich im irgendwie beneidenswerten Zustand der frühen siebziger, um sich ganz unbefangen mit jungen Deutschen über Utopien und Visionen unterhalten zu können. Unter ihnen hat Heym bereits allerhand Parteigänger rekrutiert. In einem Brief zu seinem »Schwarzenberg« lese ich: »Wir wollen nicht mehr jene Lackaffen lesen, die nur zur eigenen Lust schreiben.« In Heym, heißt es da, werde von vielen Jüngeren ein deutscher Schriftsteller identifiziert, »der nun wirklich etwas zu sagen hat«.

Darüber ist nach Stefan Heyms »König David Bericht« nicht zu rechten. Seine Schwarzenberg-Republik allerdings, die gedachte Heimstatt eines menschlichen Sozialismus, wirkt auf mich eher wie eine Blaupause. Max Wolfram, jüdischer Akademiker, der aus Hitlers Zuchthaus in die Vaterstadt zurückkehrt, aus dem Geist der Rosa Luxemburg eine Verfassung schreibt, ist keiner wie Kurt Eisner, keiner mit Feueratem, sondern - wie fast alle in dieser Geschichte einer schönen und vergeblichen Hoffnung - eine eher mathematisch ersonnene Figur. Heyms Schwarzenbergischen Republikanern, den guten und den bösen, fließt eher destilliertes Wasser durch die Adern.

Sympathisch, ja gewiß, ist sein Entwurf einer Gesellschaft ohne Ausbeutung, ohne Berufs- und Geheimpolizei - wie denn nicht? In dieser Reißbrettkonstruktion einer den SS- und den Orwell-Staat überwindenden Republik gibt es weder Berufssoldaten noch Wehrpflichtige, alle Großbetriebe werden in Gemeineigentum überführt, und die Betriebsleitungen sollen nur durch die Arbeiter bestellt werden. Das wird denen bei uns Diskussionsstoff liefern, die weder an die Kritikfähigkeit ihrer jeweiligen Obrigkeiten noch an deren schöpferische Phantasie zu glauben bereit sind.

Solche Zweifel, unschwer zu begründen, mögen derweil vielleicht auch einige jener Politiker-Darsteller in Bonn und Ost-Berlin erreicht haben, die neulich noch hochmütig-dümmlich die jungen Kritiker als Spinner meinten abfertigen zu können. Heute mag ihnen dämmern, in beiden realen Republiken, daß man die Söhne und Töchter schwerlich mit jenen »Errungenschaften« wird zurückgewinnen

können, die man an jedem Gründungstag von DDR und BRD feierlich illuminiert hat.

Ein Staats-Wesen, wie das von Heym ersonnene, in welchem Freiheit und Notwendigkeit endlich harmonieren und die Freiheit der Gedanken nicht um ein Jota eingeschränkt ist, das kann für manche jungen Bewohner der zwei Republiken auf deutschem Boden gar nicht anders als faszinierend sein. Und geht es nicht - mit Karl Marx - darum, »daß, wenn die Verhältnisse die Menschen bilden, die Verhältnisse selbst erst menschlich gebildet werden ...«?

Stefan Heym, erzählen seine Ost-Berliner Freunde, hat schon Mitte der sechziger Jahre über die Schwarzenberg-Utopie nachzudenken begonnen. Also muß ihm, der aus freien Stücken seinen Wohnsitz in der DDR nahm und trotz mancher Anfeindungen dort geblieben ist, das Thema eines humanen und authentisch linken Staates nicht bloß als Denkspiel wichtig gewesen sein. So wird er das Buch auch dem Staat des real existierenden Sozialismus zugeeignet haben, für den er sich auf seine Weise manches Mal beherzt in die Bresche geschlagen hat.

Seltsam nur, der Stoff, den die verworrene Wirklichkeit der allerersten Nachkriegszeit lieferte, ist Stefan Heym eher zu einem Leitartikel geraten, scharfsinnig da und dort, anderswo durchaus anregend zum Nach-Denken, zeitweilig eher ermüdend papieren-plakativ. Die Schwarzenbergische Verfassung, in welcher sich die edelsten Früchte aller neuzeitlichen demokratischen Revolutionen versammelt finden, könnte ja auch, sagt Heym, ein Hirngespinst sein, »entstanden in der Phantasie einiger ins Träumen geratener Wirrköpfe«. Denen will der Verfasser mit seiner ganzen Sympathie und Gedankenkraft beistehen.

Man möchte sich ihm anschließen, wissend, was die sogenannten Realpolitiker in beiden deutschen Staaten, die Einbettung in die Bündnissysteme manches Mal doch nur als Ausrede nutzend, in den langen Jahren des Kalten Krieges angerichtet haben und wie sie, als die steinerne Mauer unvermeidbar geworden war, bald eine geistige hochzogen.

Es sollte auch nicht so bald vergessen sein, wie sich zur Ulbricht-Zeit die Funktionäre im Dienern vor den »Freunden« zu übertreffen suchten und wie die Verbeugungen im neuen Rom auch den Mächtigen in Bonn peinvoll tief gerieten. Mittelbar leitet Heym da nützliche Aufklärungsarbeit.

Das hätte ein bewegendes Buch werden können, wenn der intelligente Stifter der blockfreien Republik Schwarzenberg nicht bloß mit dem Kopf, sondern auch mit ganzem Herzen bei seinen sozialistischen Patrioten gewesen wäre. Wenn schließlich die Räson der imperialen Sowjet-Union über das erzgebirgische Utopia siegt, bleibt außer ein wenig Trauer um die Idealisten der Zweifel, ob Heyms Republik der Arbeiter und Intellektuellen eine Überlebenschance gehabt hätte, wenn sie nicht von den Sowjet-Offizieren und ihren deutschen Gehilfen sowieso als Nonsens angesehen worden wäre. Zu seiner schönen neuen Republik, die endlich, nach langen nationalistischen Irrungen und Wirrungen die Humanitas auferstehen läßt, fehlen ihm, fürchte ich, jene Republikaner, die dem großen Anspruch ihres Schöpfers gewachsen wären.

Den Einwand, daß die Republik Schwarzenberg schon darum keine Chance hatte, weil die Alliierten nicht etwa deshalb bis zur bedingungslosen Kapitulation gekämpft hatten, damit sich die Deutschen danach in ein Arkadien zurückziehen könnten, mögen Heyms Gefolgsleute für neben der Sache liegend ansehen. Erheblich ist der Einwand, daß zwischen der gut und edel gewünschten Wirklichkeit und den Verhältnissen nach vollzogener deutscher Katastrophe eine auch durch die kraftvollste schriftstellerische Phantasie nicht zu schließende Kluft ist. Den progressiven Intellektuellen, ahnt vielleicht auch Heym selber, fällt da schließlich nichts anderes und nichts besseres ein als Platons Philosophen.

Die Gefahr, das wird der geübte Skeptiker Heym womöglich selbst gespürt haben, wird in seiner Republik eines schnellen Tages konkret, daß die humane Obrigkeit ihren Bürgern Tugenden verordnet, die von diesen in der verlangten Weise nicht geleistet werden. Sollen sie dann von den Arbeitermilizen auf Trab gebracht werden?

Es steht einer hierzulande immer ein bißchen kläglich da, wenn er, kommt die Rede auf Visionen und Utopien, nicht gleich mitstürmt. Wirkte es auf manche nicht fast genierlich, daß sich Helmut Schmidt als Kanzler der Rolle eines Vor-Denkers außerhalb der Sphäre der Regierungspolitik verweigerte? War das nicht ein bißchen wenig, sich auf Kants kategorischen Imperativ zu berufen und den Professor Karl Popper zu zitieren? Mag ja sein, doch es war das, was der von nicht wenigen Intellektuellen geschnittene »Macher« ethisch glaubte verantworten zu können.

Seither ist das Bedürfnis nach einer Gefühlsgemeinschaft, das Verlangen nach einer ganz deutschen »grass root policy« immer stärker geworden, auch die von einem antikapitalistischen Instinkt beflügelte Sehnsucht nach einem Staat ohne Repression. Die Pragmatiker haben das alles nicht rechtzeitig gemerkt, die in Ost-Berlin sowenig wie die in Bonn. Sie haben da, richtig, noch ein Pensum nachzuholen.

Stefan Heyms Schwarzenberg-Utopie scheitert nicht allein an den phantasiearmen, geistfeindlichen Funktionären, denen die Menschlichkeit Nebensache wird, wenn sich die Machtfrage stellt. Sie zerbricht, weil da eine Welt postuliert wird, für die tatsächlich Menschen des »neuen Typus« benötigt werden. Vor denen müßte uns grauen.

An der Universität Leipzig läßt Heym seinen Utopie-Professor den Studenten erläutern, der Kern solcher Leute, wie er einer gewesen sei, liege in deren Kindhaftigkeit, die etwas Liebenswertes habe. Bei dem Lordkanzler Heinrichs VIII., der Thomas Morus genannt wurde und einer der großen Humanisten seiner Zeit war, ist es nicht Kindhaftigkeit, sondern ein sehr gegenständliches Nachdenken über den besten Zustand des Staates gewesen. Die Welt wäre, nach ziemlich übereinstimmender Meinung großer Geister, arm dran, wenn sie die kritischen Träumer ächtete. Doch erst in der Auseinandersetzung mit den heute allenthalben scheel angesehenen Pragmatikern, die freilich als Verantwortungsethiker überzeugen müssen, können sie für die Gesellschaft etwas ausrichten.

Im geteilten Deutschland haben die Pragmatiker nicht zuwege gebracht, was sich manche der jungen Deutschen auf beiden Seiten dringlich von ihnen erwartet haben. Auch den Freunden von Heyms Republik wird das nicht genügen.

Es hilft halt nichts: Die Deutschen werden sich noch für eine lange, wenn schon nicht für eine gute Weile mit den kleinen Schritten begnügen. Es liegt ein gewisser Trost darin, daß sie mit den großen Sprüchen allemal im Abseits landeten.

[Grafiktext]

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[GrafiktextEnde]

Klaus Bölling
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