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TANZ Kleiner Mann ganz groß

aus DER SPIEGEL 29/1949

Harald Kreutzberg steht wieder einmal auf dem Sprunge. Dies ist nichts Neues in einem nicht nur tänzerisch bewegten Leben. Er hat schon wieder den halben Erdball umrundet, seit der Waffentanz zu Ende ist.

Er will jetzt nach Salzburg und kam aus Florenz vom Maggio Musicale, als er seine Deutschlandtournee begann. Vorher tourneete er durch die Schweiz, Skandinavien und Süd- und Nordamerika. Hier umarmte ihn Greta Garbo hinter der Szene, und Ramon Navarro begrüßte ihn, einst strahlend junger Hollywood-Ben Hur, nun ein Herr mit graumeliertem Spitzbart.

»Der größte Tänzer Europas«, so hatte man den ehemaligen Modezeichner aus Dresden plakatiert. Eigentlich stammt er aus dem Böhmischen, und die Ballettschuhe waren ihm nicht in die Wiege gelegt.

Die Mutter war Österreicherin, der Vater aus Philadelphia gebürtig. Großvater Charles Kreutzberg gehörte zum fahrenden Volk Er zog mit seinem Zirkus durch die Lande und steckte sich später mit Carl Hagenbeck unter ein Zelt.

Vater Kreutzberg war Kaufmann. Großvaters Blut schien zu pulsen, als der kleine Harald nach der Vorstellung des »Fidelen Bauern« in Breslaus »Lobe-Theater« versessen darauf war, die Rolle des Heinerle zu spielen. Sechs Jahre war er und ein Quälgeist.

Die Mutter führte den Sohn dem Lobe-Theater-Direktor vor in der Hoffnung, dessen Autorität würde den, Drang zur Bühne besänftigen. Harald aber gefiel und wurde engagiert. Eine Zeitung schrieb bald darauf, die Direktion überlege sich ernsthaft, dem kleinen Künstler 10 Pfg. Spielhonorar zuzulegen.

Kleiner Kreutzberg - falsch! Als Mitglied des Ensembles mußte »Heinerle« auch die Ballettschule besuchen. Das machte Spaß und war doch nicht leicht. Was Harald aus jener Zeit behalten hat, waren die immer wiederkehrenden Worte der Ballettmeisterin: »Kleiner Kreutzberg - falsch!«

Als der »Fidele Bauer« abgespielt war, schien auch die Theaterkarriere beendet zu sein. Bis zum »Einjährigen« mußte Harald die Schulbank drücken. Dann - der Vater war kein Krösus, die Zeiten waren nicht rosig - mußte der Sohn daran denken, bald Geld zu verdienen. Als Zeichner übte er sich in Dresdens Kunstgewerbeschule.

Da die Börse meist leer war, pinselte er nachts Reklamebilder. Später wurde er Modezeichner für ein großes Konfektionshaus. Auf einem Kostümfest der Akademie inszenierte er zu mitternächtlicher Stunde wilde Tanzimprovisationen.

»Du tanzt besser als Du zeichnest«, sagten die Kollegen. Kreutzberg meldete sich nebenberuflich für einen »Dilettantenkursus«, den Mary Wigman in ihrer Dresdener Schule leitete. Auch Max Terpis lehrte dort.

Rudolf von Laban, der Begründer des modernen Tanzes, der Wiederentdecker uralter Tanzgesetze, die er choreographisch festlegte, hatte in Max Terpis einen Schüler und Jünger gefunden, der das Gesetzmäßige, das Lehrbare der neuen Tanzkunst aufgriff und weiterentwickelte, und der das nicht Lehrbare, den metaphysischen Impuls besaß.

Zu gleicher Zeit strahlte die geniale Einmaligkeit Mary Wigmans ihre Wirkungen aus. Diese einzigartige Frau wurde zum lebendigsten Beispiel des modernen, durch seine Gefühlsgewalt und geistige Dramatik erschütternden Ausdruckstanzes.

Bald war Kreutzberg in der »Ausbildungsklasse«. Max Terpls nahm ihn mit nach Hannover, als er dort Ballettmeister wurde. Kreutzbergs Stern ging langsam auf, zusammen mit dem Yvonne Georgis, die, heute verheiratet, eine Tanzschule in Amsterdam leitet.

Als Terpis als erster Ballettmeister der Staatsoper nach Berlin ging, war Kreutzberg wieder in seinem Gefolge. In Friedrich Wilckens' Ballett »Don Morte« erregte er solches Aufsehen, daß er nach Salzburg verpflichtet wurde. Und hier, in der Weltöffentlichkeit der Festspiele, begründete er seinen internationalen Ruf mit dem Zeremonienmeister in Gozzis »Turandot«.

Der Flügelmann. Seit jenen Tagen ist Friedrich Wilckens sein »Flügel« mann, sein Freund und treuer Begleiter. Damals war Wilckens Ballettdirigent der Staatsoper, nachdem er bei Schreck in Wien studiert hatte.

»Seit 19 Jahren sind wir zusammen. Ohne ihn wäre ich nicht vollständig«, sagt Kreutzberg. »Er komponierte die Musik vieler Tänze für mich. Er kann das, weil er Verständnis für die Dramatik des Tanzes hat.«

Mit dem Ensemble des Deutschen Theaters ging Kreutzberg bald darauf nach Amerika. Das Wagnis eines eigenen Tanzabends in New York wurde durch Zeitungs-Schlagzeilen belohnt.

Inzwischen hat Kreutzberg die ganze Welt bereist bis nach Japan und China, den Ländern uralter, kultisch geheiligter Tanztradition. Er hat auf der Mammutbühne in New Yorks Radio-City getanzt wie auf den knarrenden Brettern eines Tiroler Bauerntheaters. Ueber 4000 Gastspiele hat Kreutzberg in seinen Erinnerungen notiert.

»Aber leider komme ich gar nicht zum Reisen. Für mich sind Eisenbahn und Flugzeug nur technische Beförderungsmittel.«

»Ich möchte aber so gern und so oft ganz privat Mensch sein, ohne Journalisten und Funkreporter. Man kann doch nicht ewig so dämlich smilen. Am liebsten möchte ich mir dann die verbindlich grinsenden Mundwinkel in eiserne Klammern legen, um endlich wieder ein normales Gesicht zu bekommen.«

Harald Kreutzberg könnte stundenlang Stories erzählen. So aus einer US-City, wohin er der Einladung eines der zahlreichen »Women Club« gefolgt war, die den Kunstbetrieb organisieren.

Vor dem Eingang drängte sich die Menge. Drinnen aber hatten sich nur 40 Zuschauer zwanglos in einem Riesenraum verteilt. Die vor der Tür waren keine Club-Mitglieder, und ein Lautsprecher tönte: Werdet Mitglieder unseres Clubs, dann könnt ihr Harald Kreutzberg sehen.

Mit Polizeieskorte in USA. Dafür war man in Pasadena großzügiger. Die Vorstellung hatte sich in die Länge gezogen, und Kreutzberg mußte unbedingt den Nachtschnellzug nach New York erreichen. Man stellte ihm eine motorisierte Polizeieskorte, die ihm mit Sirenengeheul freie Bahn tönte und ihn auf der nächsten Station pünktlich ablieferte.

Viele Tänze hat Kreutzberg geschaffen und gestaltet. Er ist stets sein eigener Choreograph. Friedrich Wilckens hilft ihm dabei kompositorisch So mancher Tanz stirbt im Laufe der Jahre wieder ab. Aber geblieben sind etwa 40 bis 50 Tänze. Neue kommen immer wieder hinzu.

Der Schaffensprozeß ist immer, eine Qual. Zwischen Idee und Ausführung liegen oft Monate, manchmal Jahre. »Ich könnte nicht sagen: Das ist der schöpferische Augenblick. Nein, es ist mir eben so eingefallen. Ich weiß: das mußt du tanzen! Dann kommt das andere von selbst.

»Oft wird auch eine Anregung von außen an mich herangetragen. Manchmal höre ich eine Musik, die mir sofort in die Glieder geht. Im selben Augenblick steht dann auch die Vision des Tanzes vor mir. Aus der Lust des Hörens kommt die Lust, die Bewegung zu formen.«

Dann wieder sind es bestimmte Gestalten, die als äußere Anregung dienen. So hat ihn Till Eulenspiegel vom Kinderbuch an verfolgt.

Je farbiger eine Gestalt, desto mehr wird nach tänzerischer Ausdruckskraft verlangt. Drei bis vier Minuten dauert ein Tanz. Es muß komprimiert werden. Keine Bewegung darf zu viel sein.

Das ist ein Geheimnis. »Aus der verworrenen Improvisation entsteht allmählich die stilisierte Linie. Wie der Zeichner sich allmählich zur Klarheit durchringt und auf einmal nur zehn Striche braucht, wc ihm vorerst tausend nötig schienen. Oft finde ich auch keine Vollendung und greife das Thema erst nach Jahren wieder auf. Und plötzlich ist die Form da. Dafür gibt es wohl keine Erklärung. Das ist ein Geheimnis. Das ist Gnade.«

Das Geheimnis seines Erfolges ist nicht allein die physische Spannkraft, die körperliche Leistungsfähigkeit, die genaue Kenntnis des kleinen und großen tänzerischen Einmaleins. Darin steht ihm mancher nicht nach.

Es ist auch nicht nur die elementare, rauschhafte Besessenheit, die den Zuschauer hinreißt und nicht der artistische Effekt allein, durch den er bezaubert. Es ist die Spannweite der tänzerischen Möglichkeiten, die Kreutzberg auszeichnet. Sie reicht von Äschylos bis Mozart, vom tragischen Pathos bis zum skurrilen Witz.

Und in instinktiver Sicherheit (oder kluger Bewußtheit) achtet er stets darauf, zwischen Schwerem und Leichtem, zwischen Ernstem und Heiterem auszugleichen. Das ist auch ein Grund, weshalb ihn das Publikum liebt. Kein Programm läßt den Zuschauer nur erschüttert zurück. Immer gibt Kreutzberg das mozartisch Helle und Aussöhnende, das Liebenswürdige und Wohlgefällige hinzu, und das mit echtem Charme.

Man hat gesagt, daß diese Tänze, in denen sich der Reiz der andeutenden Geste in eine nicht notwendige Realistik verliere, einen Zug ins Artistische und Aeußerliche erhielten. Kreutzbergs neues Programm enthält einige Stücke, die diese Neigung zur Realistik zu bestätigen scheinen. Doch entsteht hier vielleicht eine Gruppe neuer Figuren, die neu zu beurteilen sind.

Die Zeit springt aus der Uhr. Der Zecher Li-Tai-Po, der mittelalterliche Teufelsbeschwörer, das »Sternenlied«, hier wird noch Menschliches getanzt. Der Frühling mit der verschleierten Totenmaske, der sich erschießt, die Doppelmaske des Liebespaares, die pendelnde Uhr, aus der die rasend gewordene Zeit herausspringt und mit ihr der sensende Tod, das sind, surrealistisch inspiriert oder erdacht, abstrakte Gleichnisfiguren.

Sie gewinnen in der Darstellung Kreutzbergs etwas bewußt Marionettenhaftes. Sie sind unheimliche mechanische Spielzeuge, wie sie der Gespenster-Hoffmann erfunden hat.

Als tänzerische Konzeptionen sehr suggestiv, zeigen auch diese Figuren die zugespitzten Spitzweg-Details, von denen die Kritik gesagt hat, daß Kreutzberg mit ihnen die Grenzen des Varietés streife. Wobei niemand bestreitet, daß Kreutzberg noch immer der große Solist, der begnadete Gaukler in vielerlei Gestalten, ein bezaubernder Zauberer des Tanzes und erstaunlicher Wandlungen fähig ist.

»Da muß ich lächeln«, sagt Harald Kreutzberg, »wenn mir die Nur-Ernsten, die Nur-Dramatiker vorwerfen, daß ich meine heiteren Tänze nur für das Publikum wähle. Natürlich, für wen tanze ich denn sonst? Aber die heiteren Arabesken sind zunächst einmal für mich selber da. Ich brauche sie.«

Der Tanz sei international, meint Kreutzberg. »Im Tanz bin ich gewissermaßen Kosmopolit.« Sein Programm ist immer das gleiche, er hat es noch nie auf bestimmte Länder und Völker abgestimmt.

»Denn ich werde überall verstanden. Natürlich reagieren die Völker verschieden. Für die romanischen Länder tanze ich zu einfach. Die Japaner wieder brauchen Zeit, meine Tänze zu übersetzen. In der Schweiz kämpfte ich jahrelang vor leeren Häusern, auf meiner jüngsten Tournee stürmte man dort die Kassen. Mein bestes Publikum habe ich auf dem Balkan, in USA und in Deutschland.«

Harald Kreutzberg ist seiner Linie immer treu geblieben, auch im dutzendjährigen Reich. Die Nazis buchten ihn als Aktivposten. Daß er ihr Freund nicht war, wußten sie. Als der Krieg ausbrach, war er innerhalb der deutschen Grenzen. Und er tanzte weiter. Im Paracelsus-Film stand er zum erstenmal vor der Kamera.

Im letzten Kriegsjahr griff auch ihn die Heldengreifkommission. Obwohl er heute nicht einmal mehr weiß, wo der Anlasser sitzt, wurde er als Kraftfahrer ausgebildet. In italienischen Lazaretten mußte er Fußböden schrubben.

1945 war er Gefangener in Ghedi, unweit des Gardasees. Auf einem Flugplatz hatte man 120000 Deutsche und einige tausend Italiener zusammengepfercht. Man kampierte im Freien unter Bäumen, zwischen Sträuchern und im dünnen Schatten zerschlissener Zeltbahnen. Es war das reinste Laubhüttenfest, erinnert sich Kreutzberg.

Teufel mit Alpini-Feder. Bald taten sich provisorische Kabaretts, Theater und Varietés auf. Kreutzberg mußte tanzen, auf einer über zwei Lkw's schwankenden Bretterbühne.

»Seiten habe ich ein so dankbares Publikum gefunden. In Auerbachs-Keller-Szene übernahm ich den Teufel, nachdem ich mir vorher von den Alpinis eine Hahnenfeder ausgeborgt hatte. In der Rüpelszene aus dem Sommernachtstraum spielte ich den Mond. Mein Kostüm bestand aus einem eingefärbten Mehlsack, den ich mir zurechtgeschneidert hatte.«

Seine Kostüme entwirft Harald Kreutzberg selbst. Das hat er in der Konfektion gelernt. Auch das Zuschneiden. Am liebsten würde er auch das Nähen besorgen. Aber dazu fehlt ihm die Zeit. »Meine Kostüme sind meine zweite Haut.«

Aus der Gefangenschaft kehrte er nicht heim ins Reich. Denn sein Häuschen steht im Tiroler Seefeld und dicht daneben das seines treuen Begleiters Friedrich Wilckens. Also wurde er Oesterreicher, zwangsläufig. Das erleichtert seinem Generalmanager in Wien vieles. Denn Harald Kreutzberg darf auch ohne Genehmigung der Militärregierung über die Grenze.

»Kleiner Mann ganz groß«, schrieb eine USA-Zeitung bei seinem letzten Amerika-Gastspiel. Kreutzberg hat kein Gardemaß. Er ist klein und zierlich, freundlich und gesprächig, unscheinbar und bescheiden Seit 1925 kennt man ihn nur kahlköpfig. Damals opferte er seinen Haarschopf der Chinesen-Rolle in Turandot, und dabei ist es dann geblieben.

In Salzburg wird Kreutzberg wie alljährlich tanzen und unterrichten. Regisseur Eugen Pabst aus Wien hat ihm zwei Filme auf den Leib gedreht. Harald Kreutzberg wird nicht nur tanzen, es wird auch eine Sprechrolle sein. In Deutschland soll er einen Kulturfilm drehen. Im Winter will er in Amerika sein.

Vorher aber wird in Seefeld eine Kunst-Pause eingelegt. Dort macht Kreutzberg, ländlich kostümiert, Ferien vom Ich und fröhnt seinen Hobbies: Zeichnen und Malen. Wenn er Zeit hat, will er auch ein Buch schreiben.

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