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VERKEHR / LEBER-SOHN Kleinere Klasse

aus DER SPIEGEL 38/1967

Der deutsche Autofahrer ist, Bundesverkehrsminister Georg Leber zufolge, besser als sein Ruf. Doch der Minister hat auch einen Sohn. Manfred Leber, noch in diesem Monat 22, befuhr im März 1966 die Autobahn zwischen Darmstadt und Frankfurt. »Ich wollte nach Hause. Das ist Schwalbach im Taunus.«

Wenigstens 140 Kilometer schnell fuhr der angehende Architekt, der zur Zeit seinen Wehrdienst bei der Luftwaffe in Landsberg leistet, den Dienstgrad eines Gefreiten erreicht hat und Reserveoffizier werden möchte, »denn die Autobahn war frei«.

Allzu frei war sie indessen auch wieder nicht, denn unversehens verengte sich die Fahrbahn vor Leber junior dadurch, daß ein Fahrzeug »einer kleineren Wagenklasse« nach links zog, um mehrere Lastzüge zu überholen.

Das Fahrzeug »kleinerer« Klasse, ein DKW F 12, ließ sich in der Absicht zu überholen nicht irritieren, obwohl der Sohn des kultiviert marxistischen Ministers, klassenbewußt am Steuer seines BMW 1800, »Schall- und Lichtzeichen« in Fülle gab. »Ich mußte dadurch, das können Sie sich vorstellen, mein Auto sehr stark abbremsen.«

Als der DKW den Überholvorgang abgeschlossen hatte, »bedurfte es, laut Leber junior, neuer Schall- und Lichtzeichen, um ihn zur Räumung der linken Fahrbahn zu veranlassen. Erst etwa 200 Meter nach Überholen des letzten Lastzugs hatte der BMW wieder freie Straße. Doch während er sie nutzte -- »da zeigte er mir den Vogel«.

»Ich war über das Verhalten sehr erzürnt«, erinnerte sich Manfred Leber vergangene Woche vor dem Jugendgericht in Offenbach. Darum war er denn auch im März 1966 bemüht, »den DKW zum Aufsuchen eines Parkplatzes mittels Handzeichen zu veranlassen. Denn: »Ich wollte mich mit ihm aussprechen, wie er sich das denkt.«

»Fuß vom Gas und dann rechts »rein«, erinnerte sich Leber junior in Offenbach seines gesprächswilligen Rechtslenkens. Sein Kontrahent hatte es allerdings anders gewertet. Er will im März 1966 durch rachsüchtige Vollbremsungen des BMW seinerseits zu wiederholten Notvollbremsungen gezwungen worden sein.

Indessen hatte Bruno Wosinski, 54, gelernter Schmied und Schlosser, mit seiner Darstellung vor Gericht wenig Glück. Verstieg er sich doch zu der Behauptung, der BMW sei seinerzeit völlig zum Stillstand gekommen und habe sich »quergestellt«. Die Vorhalte prasselten auf den Angehörigen der kleineren Klasse ein.

Bruno Wosinski, gegen Ende des Zweiten Weltkrieges Fahnenjunker-Feldwebel und also gleichfalls auf dem Weg zum Reserveoffizier, beeindruckte überdies durch Vorstrafen. die eine gewisse Reizbarkeit seiner Natur wahrscheinlich machten (1964 waren ihm zwei Drittel des Magens operativ entfernt worden). So war er immerhin bereits wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt -- in trunkenem Zustand verurteilt worden.

Körperverletzung, Beamtenbeleidigung und anderes taten das Ihre, um seine Behauptungen zu entwerten. Eine Rolle spielte auch, daß sich Zeit und Ort des Geschehnisses, das von Wosinski zur Anzeige gebracht und von Manfred Leber mit einer Gegenanzeige beantwortet worden war, nicht mit letzter Sicherheit ausmachen ließen.

Leber junior erinnert sich des feindlichen Wagentyps und seiner Farbe nicht. Ob man zwischen Darmstadt und Frankfurt oder zwischen Offenbach und Frankfurt aufeinandergetroffen ist, blieb dunkel. Den Freispruch der beiden Angeklagten, die sich gegenseitig angezeigt hatten, zu Lasten der Staatskasse beantragte der Staatsanwalt, der auch von einem unglücklichen Zusammentreffen »jugendlichen Elans« und »der »Bedächtigkeit« eines Älteren sprach, wie es auf deutschen Straßen stündlich die Regel sei.

Der Verteidiger des Ministersohns bemühte Heraklit, dessen Wort »Alles fließt« über derartige Verkehrszwischenfälle zu stellen sei. Er befand sich damit in Übereinstimmung mit der Anklage, welche Photoaufnahmen als einziges Beweismittel für derartige Vorkommnisse gelten lassen wollte.

Assessor Görke als Richter entsprach den Anträgen der vereinten Gegner im Namen des Volkes. Denn: »Alles fließt. Und manchmal auch der Verkehr.« Der Versuch des Ministersohns« eine Aussprache auf dem Parkplatz herbeizuführen, wurde nicht als Schuld gewertet.

Der deutsche Autofahrer ist besser als sein Ruf. Nur ist sein Ruf sehr schlecht.

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