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FAMILIE Kleineres Übel

Unter dem vagen Begriff des »Kindeswohls« werden Kinder nach Scheidungen zwischen den »Elterntrümmern« hin- und hergezerrt -- Hauptthema auf einem Familienrechtskongreß letzte Woche in Berlin.
aus DER SPIEGEL 16/1975

Schrecken, Scham und Schuldgefühle überwältigten mich ... Wie konnte ich, mit 13 Jahren, wissen, was ich wollte.« Das sagte Pia Lindström, die Tochter Ingrid Bergmans, als sie ihren vom Gericht berücksichtigten Wunsch, nach Scheidung der Eltern beim Vater zu bleiben, später bereute.

»Du bist nicht meine Mama, du bist eine Hexe«. und »Du bist ein Krampus, pfui Deibel«, beschimpfte ein noch nicht vierjähriges Mädchen Mutter und Stiefvater. Ein Richter am Landgericht Wien fand, die Mutter des Kleinkindes dürfe trotzdem von ihrem Besuchsrecht weiter Gebrauch machen.

Diese beiden Extreme aus dem juristischen Schrifttum -- einmal ein möglicherweise zu ernst genommener, das andere Mal ein nicht berücksichtigter Kindeswille -- zeigten letzte Woche auf dem ersten Weltkongreß für Familienrecht exemplarisch, wie schwierig es für Juristen ist, Kindeswohl und Kindeswillen mit den Interessen streitender Eltern in Einklang zu bringen.

Denn überall in den Industrienationen steigen die Scheidungsraten, jedes 15. Kind in der Bundesrepublik wächst mit nur einem Elternteil auf, es bröckeln die einst festliegenden Rollen von Mann, Frau und Kind. Das »Wohl des Kindes« zu fördern, überfordert zunehmend Gesetzgeber und Gerichte. Es sind die gleichen gesellschaftlichen Tendenzen -- ein Berliner Tagungsteilnehmer brachte sie auf den Nenner »Ende des Patriarchats« -, die in Westeuropa »eine Welle der Familienrechtsreformen« haben anbranden lassen (so der Schweizer Rechtsprofessor Hans Hanisch). Kein Land von Italien bis Schweden, das nicht Ehe- und Unehelichenrecht, Adoption, elterliche Gewalt oder Volljährigkeit neu ordnet. Die Bundesrepublik will sogar alles zugleich reformieren.

In diesem Umbruch ist 1970 auch die Internationale Gesellschaft für Familienrecht entstanden, deren Mitglieder sich nun in West-Berlin trafen. Bis auf wenige Ausnahmen tasteten sich die Juristen voller Selbstkritik und Selbstzweifel an eine neue Betrachtung des Kindeswohls heran. Und hinter dessen »Normenfassade« wittern nicht nur kritische Betrachter, wie der Frankfurter Rechtsgelehrte Spiros Simitis, »ein Amalgam von Konzeptionen«. Der Begriff hat jedenfalls juristische Ermessensentscheidungen gefördert, die häufig genug das Kindeswohl geradezu verfälschen, weil sie zu sehr von allgemeinen Rollenbildern ausgehen, zu wenig vom Einzelfall.

»Jenseits des Kindeswohls« war denn auch ein häufig zitiertes Wort auf dem Kongreß -- analog zum Titel eines Buches, das unlängst erschien*. Das Autorenteam, ein Jurist, eine Psychologin und ein Mediziner, versuchen darin den Begriff des Wohls medizinisch und psychologisch zu untermauern. Ihre Grundgedanken:

* Statt des hohen und meist unerfüllbaren Anspruchs auf das »Kindes-

* Joseph Goldstein, Anna Freud, Albert J. Solnit: »Jenseits des Kinderwohls«. Suhrkamp-Taschenbuch; 152 Seiten: sechs Mark.

wohl« sei künftig bescheidener nach der »am wenigsten schädlichen Alternative« zu suchen.

* Gleichzeitig müßten das Bedürfnis aller Kinder »nach Dauerzuständen«, der kindliche Zeitbegriff und die Verletzlichkeit von Kindern stärker berücksichtigt werden.

* Als Eltern sollten diejenigen betrachtet werden, zu denen Kinder eine tatsächliche Eltern-Kind-Beziehung aufgebaut haben.

In ihrer Konsequenz bedeuten die Thesen von Anna Freud, Goldstein und Solnit beispielsweise, daß ein geschiedener Vater, dessen Kind bei der Mutter bleibt, sein »Verkehrsrecht« (in einem Bonner Gesetzentwurf zum Sorgerecht »Befugnis zum persönlichen Umgang mit dem Kinde« genannt) nicht ausüben darf, wenn Kind und Mutter Besuche nicht wünschen.

Das Kind soll freilich nach dem Bonner Entwurf erst dann wählen dürfen, wenn es bereits »das 14. Lebensjahr vollendet hat« oder »nach seinem Entwicklungsstand zu einer selbständigen Beurteilung fähig ist«.

Ähnlich soll ein Kind nach den Bonner Plänen erst ab 14 oder »nach seinem Entwicklungsstand« mitbestimmen dürfen, zu welchem »Elterntrümmer« (Kinderpsychiater Reinhart Lempp) es nach einer Scheidung möchte. Die Autoren von »Jenseits des Kindeswohls« hingegen plädieren dafür, jedem Kind ohne Rücksicht auf das Alter sogar einen eigenen Rechtsanwalt zuzugestehen. Und wenn einmal ein Beschluß ergangen ist, sollte er unanfechtbar sein -- »wie bei der Adoption«, damit Eltern und Kind zur Ruhe kommen.

Die Forderungen der Amerikaner sind typisch für den in den USA allgemein wachsenden Skeptizismus gegen die Intervention staatlicher Organe in Familienangelegenheiten. Die Nichteinmischungspolitik rührt dabei weniger aus konservativer Familienideologie als aus der Erkenntnis, daß Staat und Gesellschaft das Wohl des Kindes bislang keineswegs garantieren konnten, wenn die Eltern versagt hatten.

In der Bundesrepublik herrscht hingegen immer noch ein optimistischer Gesetzesperfektionismus, der an das Preußische Landrecht erinnert. Dieses alte aufklärerische Gesetz suchte noch im Detail zu regeln, wie oft und wie lange ein Baby nachts von seiner Mutter ins Bett genommen werden durfte.

Dieter Giesen, Privatrechtler an der Freien Universität Berlin und Ausrichter des Weltkongresses« siebt in dem Bonner Sorgerechtsentwurf ähnlich »kleinkarierte« Bestimmungen. »Ohne andere Ausbildung der Richter« aber, so meint Giesen, helfen auch noch so detaillierte Paragraphen den Kindern aus zerbrochenen Ehen wenig zu ihrem Wohl.

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