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VIETNAM / US-STRATEGIE Kleines Pearl Harbor

aus DER SPIEGEL 49/1964

Ende Juni reiste Maxwell Taylor von Washington nach Saigon, um die Guerilla-Front in Südvietnam durch begrenzte Dschungelkriegs-Aktionen zu stabilisieren. Ende November, am Donnerstag letzter Woche, reiste er von Saigon nach Washington - nun überzeugt, Amerikas Stellung in Südostasien sei nur noch durch eine militärische Radikalkur zu retten.

Taylor, seit fünf Monaten Amerikas Botschafter in Südvietnam, schlägt vor, die Ausbildungszentren und Nachschubwege der kommunistischen Vietcong in Nordvietnam anzugreifen: »Auf diese Weise würde die Regierung Nordvietnams daran erinnert, daß sie nicht ungeschoren davonkommen kann, sondern mehr zu verlieren als zu gewinnen hat.«

Grundlage des Taylor-Vorschlages ist ein gemeinsam vom State Department, vom Pentagon und dem Geheimdienst CIA ausgearbeiteter Dreistufenplan zur Ausweitung des Krieges:

- Phase eins: Kampfflugzeuge mit südvietnamesischen Piloten greifen Stützpunkte und Nachschubwege der Vietcong-Guerillas in Nordvietnam an.

- Phase zwei: US-Bomber mit amerikanischen Piloten vernichten nordvietnamesische Industrie-Anlagen - Fabriken, Kraftwerke, Erdöl-Raffinerien.

- Phase drei: Die Angriffe werden intensiviert, mit dem Ziel, Nordvietnams Wirtschaftsbasis vollständig zu zerstören.

Der silberhaarige General außer Dienst - einst Stadtkommandant von Berlin, Oberbefehlshaber in Korea und bis zum Sommer dieses Jahres Chef des Vereinigten US-Generalstabs - will damit ein Risiko eingehen, vor dem die Südostasien-Strategen des State Department und des Pentagon bisher zurückgeschreckt sind: das Risiko eines Krieges mit Rotchina und einer sowjetischen Intervention.

Denn nach 20 Wochen Südvietnam -Erfahrung hat Maxwell Taylor erkannt, daß die bisher im Kampf gegen die kommunistische Partisanen-Offensive angewandten militärischen Mittel und Methoden unzureichend waren - einschließlich seiner eigenen.

In der ersten Juli-Woche, wenige Tage nach seiner Ankunft in Saigon, setzte Taylor einen selbstentworfenen Plan zur Eindämmung der roten Dschungelkrieger in Kraft: Unter der Bezeichnung »Intensivierung der Befriedung in wichtigen Gebieten, Phase eins«, kurz »Pica One« genannt, begann der General-Diplomat, südvietnamesische Spezialkommandos unter Führung amerikanischer Offiziere gegen Vietcong-Stützpunkte in der Nähe der Hauptstadt einzusetzen. Im Operationsgebiet der »Pica One«-Kommandos leben 60 Prozent der Bevölkerung und arbeiten 90 Prozent der Industriebetriebe Südvietnams. Gleichzeitig verstärkte Taylor die Kader der US -Militärberater um 5000 auf 21 200 Mann. Doch Widerstand und Angriffslust der Kommunisten blieben ungebrochen: Ein Großteil der Reisbauern-Dörfer im »Pica One«-Gebiet geriet unter Vietcong-Kontrolle, und die Hauptstraßen nach Saigon waren unsicherer denn je. Tankwagen mit lebenswichtigem Benzin- und Ölnachschub für den Regierungsstützpunkt Ben Cat, 65 Kilometer nördlich von Saigon, mußten einen Umweg von 900 Kilometer durch unwegsames Berggelände machen.

Ein Nachschubkonvoi, der unter schwerbewaffneter militärischer Eskorte über eine streckenweise von den Vietcong beherrschte Straße von Saigon aus 130 Kilometer nach Norden fahren sollte, wurde unterwegs von Kommunisten aufgehalten: Die Vietcong kaperten Lastwagen mit insgesamt 64 Tonnen Reis.

Ungehindert erweiterten die Kommunisten außerdem ihr Netz von geheimen Waffenarsenalen, Lebensmittellagern und Dschungelpfaden. Sie bauten, oft unmittelbar neben Stützpunkten der Regierungstruppen, unterirdische Fluchtwege in zwei oder drei Ebenen, die - Maulwurfsbauten vergleichbar - mehrere Ausgänge hatten.

Die Überlegenheit der Vietcong wuchs von Woche zu Woche. Im Oktober töteten sie 21 Amerikaner - mehr als in irgendeinem anderen Monat zuvor. Die Zahl der in Südvietnam gefallenen

US-Berater stieg damit auf 214. Im selben Monat verloren die Regierungstruppen 3040 Mann an Toten, Verwundeten und Vermißten, die Vietcong nur 1635.

Der Kampfgeist der mit modernsten amerikanischen Waffen ausgerüsteten Regierungstruppen erlahmte. Tausende Soldaten desertierten zu den Vietcong.

In der ersten Novemberwoche schließlich demonstrierten die Guerillas auf dramatische Weise, wie wirkungslos die Operation »Pica One« geblieben war: Ein Partisanen-Kommando schlich sich nachts durch den Busch bis auf 2400 Meter an den Luftstützpunkt Bien Hoa heran. In Bien Hoa, nur 19 Kilometer nordöstlich von Saigon, standen Reihen auf Reihen amerikanischer Kampfflugzeuge, Hubschrauber, U-2-Aufklärer und 30 Langstreckenbomber vom Typ B 57, die nach dem Zwischenfall in der Bucht von Tonkin von den Philippinen nach Südvietnam verlegt worden waren (SPIEGEL 33/1964).

Die Vietcong-Krieger brachten sechs 1944 in Amerika gebaute und 1954 von der geschlagenen Kolonialarmee Frankreichs in Indochina zurückgelassene 81-Millimeter-Mörser in Stellung und eröffneten das Feuer auf Flugzeuge und Mannschaftsunterkünfte: Vier US-Flieger wurden getötet, 72 verletzt; 20 B-57-Bomber gingen in Flammen auf.

Maxwell Taylor beschloß, diesen dreisten Überfall ("U.S. News and World Report": »Ein kleines Pearl Harbor") mit dem bisher größten Hubschrauber-Einsatz der Geschichte zu rächen.

»Operation Buschfeuer« startete am Mittwoch vorletzter Woche: 115 Kampfhubschrauber brachten 1100 südvietnamesische Soldaten in die kommunistisch beherrschten Reisanbau-Gebiete nordwestlich von Saigon.

Weitere 6000 Soldaten mit Schützenpanzern kesselten das Gebiet ein. 19 mit Maschinengewehren ausgerüstete Patrouillenboote kreuzten auf dem Saigon-River. Die Operation kostete eine Million Dollar. Ihr Resultat: zwei Vietcong gefangen, drei Gewehre, 15 Granaten und ein zerbeultes Motorrad erbeutet.

Die Kommunisten waren, wie so oft, rechtzeitig gewarnt worden und hatten das Gebiet schon drei Tage vor dem Angriff verlassen.

Das »Buschfeuer«-Fiasko konfrontierte Taylor den beiden Alternativen Amerikas im Dschungelkampf in Südvietnam: entweder den Krieg über die Grenzen zu tragen und den Feind im Nervenzentrum seiner Nachschubbasen - und Versorgungslinien zu treffen oder einer Neutralisierung des Landes zuzustimmen, »die einer Auslieferung Südvietnams an die Nordvietnamesen und ganz Südostasiens an die chinesischen Kommunisten gleichkäme« ("New York Herald Tribune"). Der Soldat Taylor entschied sich für die kriegerische Lösung.

In dieser Woche Wird, US-Präsident Johnson zusammen mit seinen Beratern, die in ihrer Mehrheit der Meinung Maxwell Taylors sind, Amerikas künftigen Kurs in Südostasien festlegen. Am

Ergebnis besteht nach Ansicht des wohlinformierten US-Kolumnisten Joseph Alsop schon jetzt kein Zweifel. Alsop: »Man kann sich kaum vorstellen, daß Präsident Johnson bereit wäre, seine erste Amtsperiode mit der größten US -Niederlage in Friedenszeiten einzuleiten.«

US-General Taylor (Mai 1964)

Im größten Hubschrauber-Einsatz ...

... drei Gewehre und ein Motorrad erbeutet: Hubschrauber-Operation »Buschfeuer«

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