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WALDSTERBEN Klingt verrückt

In Frankfurt sterben die Bäume langsamer als anderswo. Umweltforscher vermuten: Ursache ist - paradox - der Dreck in der Luft. *
aus DER SPIEGEL 2/1985

Vier Wochen lang durchquerte Forstassessor Martin Lamberty im Spätsommer den Frankfurter Stadtwald, prüfte Blätter und Kronen der Bäume, notierte Gesundes und Krankes an 125 Plätzen. Als alle Schäden zusammengezählt waren, traute der Förster seinen Augen nicht.

Gerade ein Drittel der Bäume im »Luftbelastungsgebiet Frankfurt« zeigte Befunde, meistens leichte Schäden, während im benachbarten »Reinluftgebiet Taunus« der Krankenstand doppelt so hoch lag. »Trotz unserer dreckigen Luft«, staunte Forstdirektor Werner Ebert, stehe der Stadtforst noch »relativ gut da«.

Die Verblüffung ist verständlich, denn kaum ein Waldstück in der Bundesrepublik wird derart verpestet wie der Stadtwald, 4400 Hektar groß, mitten im Ballungsgebiet gelegen, von fünf Autobahnen und drei großen Ausfallstraßen durchquert. Nicht nur der größte Straßenknoten der Republik, das Frankfurter Kreuz, liegt auf dem Gebiet des Stadtwalds, auch der gesamte Frankfurter Flugverkehr mit gut 200 000 Starts und Landungen im Jahr belastet die Luft über dem Forst.

Daß der von Autos und Flugzeugen begaste Wald dennoch vergleichsweise gesund ist, überrascht Kenner neuerer Forschungsergebnisse allerdings keineswegs. Fritz Vahrenholt, Umwelt-Staatsrat in Hamburg und Herausgeber eines SPIEGEL-BUCHS zum Thema Waldsterben, glaubt: »Gerade weil die Luft über Frankfurt so schmutzig ist, geht es dem Wald dort besser als anderswo.«

Daß diese These »verrückt klingt«, räumt Vahrenholt ein. Gelassen nimmt er Kritik von Tempo-100-Gegnern entgegen, die ihm schreiben, er habe, »gelinde gesagt, einen Vogel«.

Für »mehr als nur eine gesicherte Hypothese« hält der Umweltbeamte die Theorie, daß ein Teil der Substanzen, die Blätter und Nadeln zerstören, zwar im Ballungsgebiet entsteht, seine Gefährlichkeit aber erst fernab, unter Sonneneinstrahlung, entwickelt. Und die ist im Rhein-Main-Gebiet wegen der dort üblichen Dunstglocke deutlich geringer als im benachbarten Taunus.

Der Waldkiller, den die Sonne ausbrütet, heißt Ozon (chemische Formel: O3), ein Gas, das laut Bernhard Prinz von der nordrhein-westfälischen Landesanstalt für Immissionsschutz »entgegen allgemeiner Meinung nicht gesundheitsfördernd, sondern giftig« ist - für Menschen wie für Pflanzen. In Blättern und Nadeln, so fanden die Essener Umweltforscher heraus, zerstört Ozon die Zellmembranen - die winzigen Häutchen zwischen den Zellen werden durchlöchert. Folge: Der durch Abgase versäuerte Regen kann die Nährstoffe herauswaschen, bis der Baum schließlich stirbt.

Während der Ausstoß von Schwefeldioxid, dem wohl wichtigsten unter den Waldschadstoffen, seit Jahren stagniert, hat sich der Ozon-Anteil der Luft seit Anfang der sechziger Jahre verdoppelt, eine Folge vor allem der raschen Motorisierung und der zunehmenden Emission des Auspuff-Abgases Stickoxid.

Weil sich das Stickoxid nur unter Einwirkung von Sonnenlicht in das gefährliche Ozon verwandelt, entfaltet das Baumgift seine Wirkung erst im Taunus. Die Sonne braucht für die Umwandlung mehrere Stunden, in denen laut Luftforscher Prinz »die ursprünglich emittierten Luftschadstoffe vom Ort ihrer Entstehung wegtransportiert werden«.

Inzwischen hat auch die hessische Landesanstalt für Umwelt die Messungen nachvollzogen und festgestellt, daß die Ozon-Konzentration in den Taunuswäldern zwei- bis dreimal so hoch ist wie im Rhein-Main-Ballungsgebiet.

Selbst wenn eine kräftige Sommersonne einmal den Frankfurter Talgrund erreichen und dort Ozon produzieren sollte, passiert den Bäumen nicht viel: Stickstoffmonoxid, das ebenfalls aus den Auspufftöpfen entweicht, baut das Ozon gleich wieder ab. »Das wird in der Stadt«, sagt der Wiesbadener Umweltbeamte Wolfgang Vitze, »regelrecht gefressen.«

Zum Glück für die Städter, denn 130 Mikrogramm (millionstel Gramm) Ozon je Kubikmeter Luft bewirken laut Prinz beim Menschen »physiologische Beeinträchtigungen«. In der vermeintlich so gesunden Waldluft des Taunus, an dessen Hängen vor allem Begüterte siedeln, messen die hessischen Wissenschaftler dagegen nur selten das Dreifache.

Allerdings: »Die Stoffe, die das Ozon in der Stadt vom Wald fernhalten«, weiß Vahrenholt, »sind für den Menschen nicht minder giftig.«

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