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LEHRSTELLEN Klinken putzen

Bonns Regierende stehen hilflos vor einer riesigen Lehrstellen-Lücke: Ende Juli fehlten 213 000 Ausbildungsplätze. *
aus DER SPIEGEL 34/1984

Der erste Mann im Staate drängte die Regierung zum Handeln. Aus seinem früheren Amt als Regierender Bürgermeister in Berlin habe er die Erfahrung mitgebracht, so Bundespräsident Richard von Weizsäcker am Mittwoch letzter Woche, »daß die öffentliche Hand« gegen den eklatanten Mangel an Lehrstellen »mehr tun kann als appellieren«.

Drei Stunden später tat Bildungsministerin Dorothee Wilms weniger; sie begnügte sich auf einer Pressekonferenz mit gutem Zureden: »Ich bin genau wie der Bundeskanzler davon überzeugt, daß es die Wirtschaft auch in diesem Jahr wieder schaffen wird« - und diesmal ohne staatliche Nachhilfe.

Schon im letzten Jahr, als sich der Kanzler persönlich dafür verbürgt hatte, jeder Lehrstellenbewerber werde einen Ausbildungsplatz erhalten, blieben 47 000 Jugendliche unversorgt. 29 000 wurden mit Lehrgängen auf spätere Zeiten vertröstet. In diesem Jahr, fürchten Berufsbildungsexperten, werde sich die Zahl der jungen Leute, die bis Anfang Oktober keine Lehrstelle gefunden haben, verdoppeln: Das wären fast 100 000 junge Menschen, deren Schritt ins Leben mit Arbeitslosigkeit, Zukunftsängsten und Besuchen beim Sozialamt beginnt.

Die Statistik der zuständigen Bundesanstalt für Arbeit ist freilich nicht ganz schlüssig. Immer mehr Schulabgänger suchen ihren Ausbildungsplatz über die Arbeitsämter, immer weniger Betriebe melden jedoch freie Lehrstellen bei den Behörden. So erscheint die Lehrstellen-Lücke per Stichtag Ende Juli immer größer, als sie dann tatsächlich, zum Beginn des Ausbildungsjahres, festgestellt wird.

Doch der Trend ist eindeutig negativ und nachgerade dramatisch: Im Juli 1982 zählte die Bundesanstalt für Arbeit 115 000, im Juli 1983 175 000 und im Juli dieses Jahres schon 213 000 Unversorgte (siehe Graphik).

Daß es nur noch schlimmer werden konnte, war vorhersehbar: Mehr Schulabgänger denn je drängen jetzt in die Betriebe. Ihre Zahl steigt noch dank jener, die im letzten Jahr auf der Strecke blieben, mit weiterbildenden Kursen abgefunden wurden oder sich zunächst wider Willen eine andere Beschäftigung suchten; laut Frau Wilms sind es 230 000. Stetig steigt die Zahl der Abiturienten, die lieber in die Lehre statt auf eine überfüllte Uni wollen: 52 800 hatten sich bis Juli um eine Lehrstelle bei der Bundesanstalt für Arbeit beworben, 32,5 Prozent mehr als im Vorjahr.

Die 735 000 Lehrstellenbewerber, die am Jahresanfang errechnet worden waren, treffen auf ein Angebot, das magerer ausfällt als noch im vergangenen Jahr; denn diesmal werden weniger Lehrstellen frei als 1983.

Schon im Frühjahr warnte der Präsident des Landesarbeitsamtes von Nordrhein-Westfalen, der Sozialdemokrat Olaf Sund, vor einer Lehrstellen-Katastrophe, die nur mit staatlichen Maßnahmen verhindert werden könne. Doch die Bonner Regierung versäumte es, gemeinsam mit den Ländern und der Bundesanstalt für Arbeit ein Konzept zu entwickeln, wie sie die Bewerberflut steuern könnte. Der Bildungsministerin wird eine Antwort schwerfallen, wenn sie im Wahlkampf für die nordrheinwestfälischen Kommunen von jungen Wählern nach Berufschancen gefragt wird.

Frau Wilms beklagte zwar wortreich die »Unübersichtlichkeit« der Ausbildungsprogramme vor Ort, tat aber nichts dazu, sie klarer zu gestalten. SPD und Gewerkschaften werfen der Ministerin zu Recht vor, sie hätte zumindest für die rund hunderttausend jungen Leute, die in diesem Jahr den Wettlauf um die Lehrstellen verlieren werden, ein zusätzliches Bund-Länder-Programm vorbereiten müssen, ein Auffangnetz vor einem erzwungenen Absturz ins Leere.

Programmvorschläge gibt es genug. »In den beruflichen Schulen der Bundesrepublik«, versicherte der Vorsitzende des Berufsschullehrer-Verbandes, Peter Grothe, »bestehen Möglichkeiten zur Teil- und Vollausbildung, die bisher nicht genutzt worden sind.« Sund meint, Staat und staatliche Unternehmen hätten viel mehr öffentliche Lehrwerkstätten einrichten können und müssen.

Inzwischen ist es dazu schon zu spät.

Die Berufsberater der Arbeitsämter können allenfalls den Mangel verwalten oder verteilen; weil den Arbeitsämtern das Personal fehlt, mangelt es zudem an ausreichender Beratung der Bewerber. Monatelang müßten Jugendliche zuweilen auf ein Gespräch mit ihrem Berufsberater warten, klagt Hamburgs sozialdemokratischer Berufsbildungsexperte, Ex-Senator Günter Apel. Doch statt der Arbeitsverwaltung mehr Geld und mehr Planstellen zu bewilligen, hält Arbeitsminister Norbert Blüm nur Ratschläge bereit; die Berufsberater sollen ihre Schreibtische verlassen und in die Betriebe gehen, um so zu »Suchanstalten« für Ausbildungsplätze zu werden.

Einige davon hat seine Kabinettskollegin, die Bildungsministerin Wilms, gerade gestrichen. Ein Sonderprogramm für etwa 7000 Jugendliche aus dem letzten Jahr soll, so verfügte sie, nicht fortgesetzt werden - in einer Stadt wie Dortmund gehen deshalb 250 Ausbildungsplätze verloren.

Weitere 2000 Ausbildungsplätze bleiben auf der Strecke, weil sich die Ministerin beim Haushaltsgerangel mit Finanzverwalter Gerhard Stoltenberg nicht durchsetzte. Das sogenannte Benachteiligungsprogramm wird 1985 nur um zwei Millionen Mark aufgestockt. Wurden 1983 noch knapp 5 000 neue Lehrstellen für Hauptschüler ohne Abschluß, Mädchen und Ausländer aus dem Bonner Bildungshaushalt finanziert, können in diesem Jahr nur noch 3 000 geschaffen werden. Bis zu 10 000 Interessenten stehen vor der Tür.

Großzügig geht Frau Wilms dafür mit Appellen um, auch wenn die nichts fruchten. Noch immer stellen nur 25 Prozent aller Industriebetriebe Lehrlinge ein; im Handwerk sind es doppelt so viele. »Wenn die Groß- und Mittelbetriebe so weitermachen, geraten wir immer mehr unter Druck, die Ausbildung über eine betriebliche Umlage zu finanzieren«, warnte der Bildungsexperte der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, Klaus Daweke. Den Einatz dieses Druckmittels, von Sozialdemokraten ersonnen, doch bisher niemals angewandt, hat die Union immer strikt abgelehnt.

Die Schuld an der Misere haben nicht nur die ausbildungsfeindlichen Unternehmen. Die Regierenden haben mitgeholfen, das Problem zu verschärfen: Weil Bonn die Mittel für die Ausbildungsförderung von Schülern kappte (Schüler-Bafög), drängen mehr Jugendliche in die Lehre statt auf Handels- oder höhere Schulen.

Weil Bonn das Arbeitslosengeld für Alleinstehende um etwa ein Drittel kürzte, lohnt sich sogar für manchen Arbeitslosen eine zweite Lehre. Die Unterstützung etwa für einen jungen, ledigen Maschinenschlosser beträgt nur 401,52 Mark, als Azubi bekommt er mehr.

Das sieht der Bundesarbeitsminister ganz anders. Sollen doch die Jugendlichen, von denen sich eh schon die Hälfte mit einer von ihnen nicht gewünschten Lehrstelle abfindet, mehr Mobilität zeigen, verlangt Norbert Blüm: »Wer auf seinen Traumzug wartet, der wird alt und grau. Ich kann nur raten: Steigt ein, es gibt unterwegs noch mehrere Stellen umzusteigen.«

Ob überhaupt ein Zug vorbeikommt, ist fraglich. Frau Wilms empfiehlt, statt zu jammern, lieber »einen Jungen oder ein Mädchen an die Hand zu nehmen und Klinken zu putzen«.

Der Bundespräsident ist anderer Ansicht. Die Wirtschaft sei gefordert, über den eigenen Bedarf hinaus Lehrstellen zu schaffen, also müsse der Staat auch zusätzlich helfen. Als Regierender Bürgermeister hatte Weizsäcker deshalb für die Jahre 1982 bis 1986 ein Sonderprogramm aufgelegt: Jeder Betrieb, der einen zusätzlichen Ausbildungsplatz anbietet, erhält 5000 Mark vom Staat. Die Aktion hatte Erfolg, in West-Berlin wurden im letzten Jahr die meisten neuen Lehrstellen gezählt.

Eher kläglich nehmen sich dagegen die Aktivitäten von Dorothee Wilms aus. Sie stellte 900 000 Mark für eine Public-Relations-Kampagne bereit, bei der pensionierte Handwerksmeister in den Betrieben um mehr Lehrstellen werben sollen. _(Mit Lehrlingen in einer Düsseldorfer ) _(Lehrwerkstatt, 3. v. l. der Düsseldorfer ) _(Handwerkskammerpräsident Georg ) _(Schulhoff. )

[Grafiktext]

DIE LEHRSTELLEN-LÜCKE Bewerber für Berufsausbildungsstellen, die von der Bundesanstalt für Arbeit noch nicht vermittelt werden konnten; Stand jeweils Ende Juli

[GrafiktextEnde]

Mit Lehrlingen in einer Düsseldorfer Lehrwerkstatt, 3. v. l. derDüsseldorfer Handwerkskammerpräsident Georg Schulhoff.

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