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OBST Knackiges Kulturgut

Der alte Apfelbaum der Obstwiesen und Dorfgärten stirbt aus. *
aus DER SPIEGEL 41/1985

Auf der Suche nach seltenen Früchten fand das Kieler Landwirtschaftsministerium das Angebot eines Kleingärtners aus Dithmarschen verlockend - ein »Jungferntitt«, laut Beschreibung »groß«, »rotgenarbt« und »leicht plattgedrückt«.

Doch die angebliche Rarität, das sah ein vor Ort entsandter Fachmann schnell, war leider keine. Der »Jungferntitt« entpuppte sich als Variante eines »Altländer Pfannkuchens«, den haben die Kieler bereits in ihrer Sammlung.

»Filipa« und der »Gelbe Richard« gehören auch schon dazu, der »Danziger Kant« und der »Ruhm von Kirchwerder« ebenso wie der »Rote Finkenwerderprinz« und »Kaiser Wilhelm« - allesamt selten gewordene Apfelsorten aus Opas Obstgarten, deren »wertvolles genetisches Material«, so Peter-Uwe Conrad, Leiter der Umweltabteilung des Ministeriums, der Nachwelt nun in einem speziellen »Schutzgebiet« erhalten werden soll.

Auf zwei Hektar Wiese in der Haseldorfer Elbmarsch westlich von Hamburg läßt das Ministerium zur Zeit einen neuartigen »Obstgarten für alte Sorten« anlegen. Konzipiert nach dem Vorbild früherer bäuerlicher Obstwiesen, auf denen noch nicht gespritzt und kaum gedüngt wurde, werden in dem Gelände über hundert aus der Mode gekommene heimische Baumobstsorten angesiedelt.

Dazu gehören Birnen wie die »Gute Graue« oder die ebenfalls »Gute Luise«, diverse Pflaumen und Zwetschgen, vor allem aber Äpfel, das sortenreichste Baumobst auf deutscher Erde, mit weit über tausend Varietäten.

Die Vielfalt ist allerdings in Gefahr. Industrielle Produktionsmethoden und Forderungen des Handels nach genormter, in großen Mengen verfügbarer Ware führen zu einem immer enger werdenden Sortiment. Viele traditionelle Obstsorten wurden von wenigen, zum Teil neu gezüchteten und besonders ertragreichen und krankheitsresistenten verdrängt.

So waren im Erwerbsanbau und Handel überregional vor drei, vier Jahrzehnten noch über 50 Sorten im Angebot, heute sind es kaum mehr als ein Dutzend. Fast sechzig Prozent der inländischen Apfelernte bestehen nur noch aus vier Sorten - allen voran der Golden Delicious mit 20 Prozent Anbau-Anteil, gefolgt vom Cox Orange, Rotem Boskop und der Neuzüchtung Gloster.

Entscheidend dafür, daß eine Sorte am Markt besteht, sind neben hoher Ertragsleistung und langer Lagerfähigkeit unter anderem einheitliche Größe und gleichbleibende Qualität. Die Goldparmäne etwa, noch in den 60er Jahren im Standardangebot eines jeden Grünhökers, wurde fast schon zur Rarität, weil die Früchte häufig unterschiedlich groß ausfallen und auch zu »Stippen« neigen, wie die Pomologen, die Obstkundigen, bräunlich gefärbte Mißbildungen im Fruchtfleisch nennen.

Schuld am Verschwinden vieler nur regional verbreiteter Sorten ist auch der Niedergang der Obstpflanzungen, die zu reinen Fruchtfabriken verkommen. Die Obstwiesen, einst Bestandteil intakter, idyllischer Landschaft, sind rar geworden. Apfelbäume, wie auch andere Obstgehölze, die vor Jahrzehnten noch Tausende Kilometer deutscher Chausseen säumten, mußten Fahrbahnverbreiterungen weichen.

Die sogenannten Streuobstwiesen, die früher die Bauerndörfer umgaben oder sich über die Hänge im Vorland der Mittelgebirge zogen, fielen Flurbereinigungen und Neubausiedlungen zum Opfer. Sie wurden, nicht mehr rentabel, von den Bauern abgeholzt, wofür es dann von der EG auch noch Prämien gab.

Statt solcher Oasen herrschen nun im Obstbau triste Intensivkulturen vor, die sich auf Regionen wie das Bodenseegebiet oder das Alte Land bei Hamburg

konzentrieren: dicht an dicht stehende Kolonnen pflegeleichter, maximal drei Meter hoch wachsender Niederstammbäume, in deren Kronen es still geworden ist. Wo mehrmals im Jahr die Giftspritze eingesetzt wird, gibt es für Vögel nichts mehr zu fressen.

Sicher wäre die stippen-anfällige Goldparmäne ebenso zu verschmerzen wie etwa Grahams Jubiläumsapfel, ein ordinärer Kochapfel, der, meint Dietrich Bockwoldt vom schleswig-holsteinischen Obstbauberatungsring, »weder nach ihm schmeckt noch nach ihr«.

Ohnehin sind die meisten alten Apfelsorten, darunter so gängige wie Ingrid Marie oder Cox, Zufallstreffer der Natur. Denn aus jedem Apfelsamen kann, eine Eigenart sogenannter mischerbiger Pflanzen, theoretisch eine neue Sorte entstehen. Und wie etwa 1825 von einem Mr. Cox im englischen Combrook Lawn wurde immer mal wieder in einer Apfelanpflanzung ein keimender Sämling entdeckt, der bis dahin unbekannte, vielversprechende Anlagen entwickelte und deshalb die Vermehrung wert war.

Aber auch saure und picklige Äpfel sind für Hanna Schmidt, wissenschaftliche Direktorin an der Bundesforschungsanstalt für gartenbauliche Pflanzenzüchtung in Ahrensburg, »ein Kulturgut, das man nicht leichtfertig untergehen lassen sollte«. Experten wie die studierte Pflanzenzüchterin warnen insbesondere davor, durch eine »Einschränkung im Sortiment« die »genetische Basis in der Apfelzüchtung immer schmaler« werden zu lassen.

Wie in Schleswig-Holstein haben sich nun bundesweit Wissenschaftler und Naturfreunde, Behörden und Hobbygärtner daran gemacht, vom Sortenreichtum zu bergen, was noch zu retten ist.

Mehr als hundert Sorten beherbergt schon ein »Apfel-Museum«, das Graf Bernadotte in seinem Schaugarten auf der Bodenseeinsel Mainau einrichtete. Und auf ebenso viele brachte es in seinem Privatgarten bei Kleve am Niederrhein auch der Journalist und Hobbygärtner Jürgen Dahl.

Im rheinischen Freilichtmuseum Kommern in der Eifel stehen neben bäuerlichem Fachwerk aus den Rheinlanden auch seltene Apfelbäume wie die »Wachendorfer Renette«, die einst für die Obstgärten der Region typisch waren.

Das nordrhein-westfälische Landwirtschaftsministerium zahlt Gemeinden und Naturschutzorganisationen Zuschüsse, wenn sie auf brachliegende Wiesen und Hänge Obstbäume setzen. Der Chef des Hauses, Minister Klaus Matthiesen, will nun seinen Kollegen vom Verkehrsressort veranlassen, Straßen und Rastplätze wieder mit Obstbäumen zu bepflanzen.

Pflanzenforscherin Hanna Schmidt wiederum trug unlängst in Bundes- und EG-Auftrag eine Liste von insgesamt 17 westdeutschen Instituten zusammen, die künftig als Genbanken zur Sicherung des Erbgutes von insgesamt 145 Apfelsorten zur Verfügung stehen sollen.

Bei der Rettungsaktion für das knackige Kulturgut brauchen aber auch Apfelfreunde ohne eigenen Garten nicht abseits zu stehen. Ganz im Trend liegend, hat beispielsweise Baumschulen-Besitzer Peter Klock aus Hamburg einen über 100 Jahre alten »Seestermüher Zitronenapfel« im Angebot, der auf einen so schwachwüchsigen Stamm gepfropft wurde, daß er mühelos »im Kübel auf dem Balkon« gezogen werden kann.

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