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PRESSEAMT Knick in der Gondel

aus DER SPIEGEL 39/1968

Bonns Presse-Staatssekretär Günter Diehl, durch Heirat und Verdienst ein wohlhabender Mann, lobte leichtherzig fast ein ganzes Monatsgehalt aus: »5000 Mark demjenigen, der nachweist, daß ich mich bei einem Chefredakteur beschwert habe, um einen Korrespondenten in seiner Meinung zu beeinflussen.«

Am gleichen Tag, dem vorletzten Mittwoch, schoß Diehls SPD-Stellvertreter Conrad Ahlers, der den CDU-Kanzler Kiesinger auf Asienreise begleitete, von Teheran aus auf befreundete Feinde in der Heimat und klagte über Pressionsversuche der SPD.

Die Mehrfronten-Fehde, die Diehl und Ahlers in ihrer Doppelrolle als Regierungssprecher und Geldverwalter eines Propaganda-Apparats ständig im Verborgenen führen, war zur offenen Feldschlacht geworden.

Den ersten Schuß der Bataille hatte MdB Karl Moersch von der FDP-Opposition gelöst. Im Pressedienst seiner Partei bezichtigte Moersch die Amts-Zwillinge Diehl und Ahlers, sie versuchten durch »indirekte Pressionen« die freie Berichterstattung von Presse und Rundfunk zugunsten der Regierung zu verbiegen.

Moersch begnügte sich mit Andeutungen ("Die betroffenen Bonner Kollegen haben mich um strenge Vertraulichkeit gebeten") und regte öffentliche Untersuchung durch das Parlament an.

Konkret waren dem Abgeordneten drei Fälle zu Ohren gekommen, von denen zwei auf das Konto des Presseamtschefs kamen, einer auf das des Stellvertreters ging.

Diehl hatte sich Mitte Juni über den Bonner Wirtschaftskorrespondenten der »Welt«, Kurt Steves, geärgert, der in seinem Blatt den Staatssekretär wegen einer irrtümlich falschen Information angepflaumt hatte. Diehl schrieb an »Welt«-Chefredakteur H. F. G. Starke, Steves versuche offenbar, »seine eigenen Unzulänglichkeiten durch die meinigen zu verdecken«.

Anfang August wurmte den Staatssekretär dann ein Radio-Kommentar von Gerold Benz, dem Bonner Korrespondenten des Süddeutschen Rundfunks, der sich laut Diehl »auf die falsche Behauptung stützte, sowjetische Truppen seien schon in Prag einmarschiert«. Da der Journalist sich nicht zur Aussprache ins Presseamt »bestellen« lassen wollte, sprach Diehl den SDR-Intendanten Hans Bausch auf den Fall an.

Trotz der Kritik des FDP-Schwaben Moersch findet Diehl sein Vorgehen in beiden Fällen »elegantissime«, denn »ich hätte ja auch mit allem juristischen Brimborium formelle Berichtigung verlangen können«.

Der Regierungs-Pressemann ist sich darüber klar, daß zwischen Regierung und Presse ein natürliches Mißtrauensverhältnis besteht. Daß es in Bonn »leicht neurotische Züge annimmt«. hat Diehl erkannt, aber: »Ich gehöre zu den wenigen in Bonn, die ein entspanntes Verhältnis zur Presse haben.«

Nur »durch Austausch von Argumenten«, so Diehl, versuchten die Regierungssprecher Einfluß auf die Berichterstattung aus Bonn zu nehmen, und das sei »natürlich und normal«.

Wenn Diehl beim Argumententausch auch die »Frage der professionellen Qualität« in Bonn tätiger Journalisten aufwirft« tut er es aus der kühlen Distanz des alten Bonner Beamten-Establishments. Fremd ist ihm der »geradezu missionarische Eifer«, den er an seinem Freund und Stellvertreter Ahlers konstatiert.

Der »Sinn und Wert journalistischer Arbeit«, so befand Ahlers beispielsweise, bestehe »heute vornehmlich darin, praktische Lebenshilfe zu leisten«, und er rügte, daß »die Journalisten mit zu den Hauptakteuren gehören wollen, sich für klüger und vernünftiger halten als diejenigen, mit deren Handeln sie sich befassen, anstatt bescheiden beiseite zu treten und zu erzählen, zu erklären, zu vermitteln«.

Der Kanzler und sein Presseknappe Ahlers hatten eine Bonner Meldung der amerikanischen Nachrichtenagentur Associated Press (AP) vom 8. August als Ungebühr empfunden: »Mit Recherchen über neue Vorwürfe, die von Ost-Berlin wegen der politischen Vergangenheit von Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger erhoben worden sind, haben amtliche Stellen in Bonn begonnen.«

Weil dieser Satz »den falschen Eindruck erweckte, als sei eine amtliche Untersuchung der politischen Vergangenheit des Bundeskanzlers eingeleitet worden« (Ahlers), dementierte der Regierungssprecher den AP-Bericht am nächsten Tag vor der Bundespressekonferenz als »reine Erfindung«.

AP-Melder Heinrich Scholl (Ahlers: »Ein eifriger Journalist, der immer auf der Suche nach abseitigen Vorgängen ist") berief sich auf ein Telephonat mit einer subalternen Auskunftsstelle des Presseamts. Dort war ihm erklärt worden, man kenne die neuen Ost-Berliner Berichte über Kiesinger nicht, wolle sie sich aber besorgen und dann prüfen, was dazu zu sagen sei.

Scholl fand das scharfe Ahlers-Dementi »berufs- und kreditschädigend« und beschwerte sich brieflich beim Amtschef (Diehl über ausländische Nachrichtenagenturen: »Die mischen sich immer eifrig in die deutsche Innenpolitik ein"). Diehl war aber in Urlaub, und so gerieten wiederum Scholl und Ahlers aneinander. Es entspann sich eine Brief-Fehde, die Ahlers ("Weil Scholl keine Ruhe geben wollte") bis zum Chefredakteur des deutschsprachigen Dienstes von AP eskalierte.

Die Korrespondenz auf hoher Ebene endete mit der gegenseitigen Versicherung, man sei an objektiver Berichterstattung und guter Zusammenarbeit interessiert. Aber Scholl in Bonn blieb eifriger Journalist.

Als sein Widersacher Ahlers mit Kiesinger in Asien umherreiste. Moersch den ersten Schuß abgegeben hatte und in Bonn ruchbar wurde, daß die SPD mit dem Bundespresseamt unzufrieden sei, fragte Scholl nach. Er bekam bei der SPD offizielle Bestätigung und hörte auch bei der CDU Kritik am Amt. Der Reporter hatte seine Meldung, Diehl und Ahlers hatten einen weiteren Kriegsschauplatz.

Die Parteien kennen die Wirkungsmöglichkeiten der Pressebehörde im kommenden Wahljahr, und beide beklagten sich, ihr Standpunkt komme bei der Arbeit des Amts zu kurz. Für die SPD kam hinzu, daß ihr Protégé Ahlers so unverkennbar dem CDU-Kanzler verschworen war.

Ahlers schoß aus Teheran zurück, von einer Begünstigung der CDU könne »überhaupt nicht die Rede sein«, wohl aber sei es für Ihn »zuweilen notwendig gewesen, sich gewisser Pressionen von SPD-Seite auf Begünstigung zu erwehren«. Diehl drahtete seinem Vize: »Feuer einstellen. Günter.«

Aber die SPD-Herren fanden noch mehr Grund zur Klage. Bei einer vom Presseamt geplanten Serie von Zeitungsanzeigen mit Millionenaufwand, die bis zum Beginn des Bundestagswahlkampfes die Leistungen der Großen Koalition plakatieren sollen, schneiden nach SPD-Meinung die eigenen Minister schlecht ab. Beispiel: In einer Anzeige war das Bild von Strauß rechts oben, das von Schiller links unten plaziert.

Schiller und Strauß wurden auf gleiche Höhe gerückt, aber der dem SPD-Vertreter Ahlers vorgesetzte Staatssekretär Diehl ("Ich kann ihm Weisungen erteilen") verfügte in letzter Minute, daß Kiesinger zusätzlich in die Anzeige kam -- mit einem Photo ganz oben.

Diehl versteht seine Kritiker nicht. Wer ihn unzulässiger Einflußnahme verdächtige, der habe schlicht »einen Knick in der Gondel«.

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