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Bosnien »Knochen ragten aus der Erde«

aus DER SPIEGEL 6/1996

Shattuck, 52, Diplomat im Washingtoner Außenministerium, erstellt jährlich den vom Kongreß vorgeschriebenen Bericht über die Beachtung von Menschenrechten in aller Welt.

SPIEGEL: Herr Botschafter, welche Beweise für Massenmorde an Flüchtlingen aus Srebrenica haben Sie bei Ihrem jüngsten Besuch in Bosnien gefunden?

Shattuck: Wir suchten sechs Plätze auf, die mir von Zeugen und Überlebenden bereits im Juli vorigen Jahres beschrieben worden waren, darunter eine Turnhalle und eine Schule sowie eine Grube in Karakaj. Dort wurden Menschen hingerichtet, nachdem sie eineinhalb Tage lang in der Schule und in der Turnhalle eingepfercht und vielfach auch geschlagen worden waren.

SPIEGEL: Was stellten Sie noch fest?

Shattuck: In Kravica entdeckten wir ein Lagerhaus, in dem Einschußlöcher von heftigem Kugelhagel zeugten. Handgranaten hatten riesige Löcher in die Wände gerissen. Noch in zehn Meter Höhe fanden die Ermittler des Haager Kriegsverbrechertribunals, die mich begleiteten, Blutspuren. Überlebende hatten beschrieben, wie Serben unablässig in das Lagerhaus feuerten. Außerdem besichtigten wir in der Nähe vom Lagerhaus in Kravica ein Massengrab in Glogova. Kleidungsstücke und Schuhe lagen dort herum, menschliche Knochen ragten aus der Erde.

SPIEGEL: Sie haben angekündigt, daß die Öffnung der Massengräber bei Tauwetter beginnen soll. Sind Sie sicher, daß die Serben nicht längst dabei sind, ihre Spuren zu verwischen?

Shattuck: Ich besuchte die beschriebenen Orte ohne Vorankündigung und fand keinerlei Hinweise darauf, daß Beweismittel beseitigt worden sein könnten. Wir haben Präsident Milosevic und den bosnischen Serben auch sehr klar gesagt, daß das Vertuschen von Verbrechen selbst kriminelles Handeln darstellt.

SPIEGEL: Und Sie glauben, das reicht?

Shattuck: Die beiden Ermittler des Tribunals haben alles fotografiert, so daß jeder Versuch, diese Beweise zu beseitigen oder auch nur zu verändern, sofort entdeckt und ebenfalls als Kriegsverbrechen untersucht würde.

SPIEGEL: Serbische Führer berichteten, die Eroberung der moslemischen Enklaven von Srebrenica und Zepa sei mit den amerikanischen Unterhändlern Robert Frasure und Richard Holbrooke abgesprochen gewesen. Mußten die nicht damit rechnen, daß es zu grausamen Ausschreitungen kommen würde?

Shattuck: Es gab keinerlei Absprachen über den Fall von Srebrenica und Zepa. Was dort geschah, widersprach allen unseren Erwartungen.

SPIEGEL: Aber Ihre Regierung hatte Luftbilder aufgenommen und die Telefongespräche zwischen der serbischen Führung in Bosnien und Belgrad abgehört. Sie muß doch gewußt haben, was sich in den überrannten Ortschaften abspielte. Warum griff Washington nicht ein?

Shattuck: Das war ein tragisches Versagen aller unserer Bemühungen. Wir hatten zu diesem Zeitpunkt weder hinreichende Streitkräfte noch angemessene Einsatzrichtlinien. Deshalb drängten die Vereinigten Staaten die Europäer unmittelbar danach zu einer Änderung der Grundsätze.

SPIEGEL: Kann man also sagen: Washington wußte, was passierte, konnte aber wegen der Uno-Richtlinien für Friedenstruppen nichts tun?

Shattuck: Von diesen schrecklichen Verbrechen wußte niemand. Der Truppenaufmarsch um Srebrenica und Zepa war bekannt. Daß Zivilisten zusammengetrieben, Männer ausgesondert und erschossen wurden, etwa in der Turnhalle und im Lagerhaus, erfuhren wir erst durch Überlebende.

SPIEGEL: Ihre Luftaufnahmen lieferten keine Hinweise?

Shattuck: Wir sahen, daß Menschen auf Fußballplätzen versammelt worden waren. Aber daß sie dort erschossen würden, konnte doch niemand vorhersagen. _(* Im Juli 1995. )

SPIEGEL: Es gibt also keine Fotos von Massakern in amerikanischen Geheimarchiven?

Shattuck: Nicht ein einziges. Und um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen: Die USA haben den Ermittlern des Internationalen Kriegsverbrechertribunals alle einschlägigen Informationen übergeben.

SPIEGEL: Der Haager Gerichtshof wartet aber noch immer auf Mithörprotokolle der angeblichen Absprachen zwischen bosnischen Serben und Belgrader Militärs . . .

Shattuck: . . . für die Existenz dieser angeblichen Gespräche gibt es offenbar keine Belege. Chefermittler Richard Goldstone hat bei seinem jüngsten Besuch in Washington keinen Zweifel an seiner Genugtuung über den enormen Umfang der Informationen gelassen, die ihm von uns und anderen zur Verfügung gestellt wurden.

SPIEGEL: Wie viele Menschen sind denn nach der Eroberung von Srebrenica ums Leben gekommen?

Shattuck: Die Schätzungen des Roten Kreuzes und der bosnischen Regierung belaufen sich auf bis zu 7000 Vermißte.

SPIEGEL: Und die meisten von ihnen sind tot?

Shattuck: Davon müssen wir ausgehen.

SPIEGEL: Gibt es handfeste Beweise dafür, daß der Militärführer der bosnischen Serben, General Ratko Mladic, persönlich Hinrichtungen überwacht hat?

Shattuck: Augenzeugen haben ihn gesehen. Ein Überlebender der Massenerschießungen in Karakaj erzählte mir, daß General Mladic immer wieder mit Flüchtlingsgruppen gesprochen und ihnen versichert habe, sie würden gut behandelt werden. Und dann geschah natürlich genau das Gegenteil.

SPIEGEL: Welche Belege gibt es für die Verwicklung von Serbenführer Radovan Karadzic in die Verbrechen?

Shattuck: Wir haben keine Hinweise, daß er bei Massakern persönlich anwesend war. Aber er war unmittelbar an der Entscheidung zum Angriff auf diese Region und an den Erschießungsbefehlen beteiligt. Dafür haben die Ermittler des Haager Tribunals erhebliche Beweise zusammengetragen.

SPIEGEL: Wie steht es um die Sicherung von Beweismitteln für serbische Massaker im Norden Bosniens?

Shattuck: Dort haben wir einige Sorgen. In der Gegend von Banja Luka kam es im Oktober zu einer letzten Runde ethnischer Säuberungen. Viele Moslems wurden vertrieben, die Männer zurückgehalten. Noch immer könnten einige in Arbeitslagern stecken, das Rote Kreuz forscht sehr intensiv nach ihnen. In einem Bergwerk bei Ljubija wird ein weiteres Massengrab vermutet. Das wollen die Ermittler des internationalen Tribunals demnächst untersuchen.

SPIEGEL: Wissen Sie auch von Kriegsverbrechen, die Moslems und Kroaten begangen haben?

Shattuck: Selbstverständlich. Das Tribunal hat bereits Kroaten angeklagt und ermittelt gegen etliche Moslems.

SPIEGEL: Bei Ihrem Besuch in Bosnien stellte Ihnen Serbiens Präsident Slobodan Milosevic Leibwächter zur Verfügung. Welches Interesse kann er daran haben, serbische Verbrechen aufzudecken?

Shattuck: Zunächst einmal ist er natürlich, wie alle anderen Unterzeichner des Abkommens von Dayton, zur Zusammenarbeit mit dem Tribunal verpflichtet. Tut er das nicht, drohen Sanktionen bis hin zum Wirtschaftsboykott. Zudem will Milosevic seinem Land Zugang zu internationalen Organisationen und Finanzmärkten verschaffen. Es steht also eine Menge für ihn auf dem Spiel. Er ist sogar verpflichtet, Kriegsverbrecher wie Mladic und Karadzic aus öffentlichen Ämtern zu entfernen und festnehmen zu lassen.

SPIEGEL: Rechnen Sie wirklich damit, daß Milosevic seine ehemaligen Bundesgenossen ausliefert?

Shattuck: Wir erwarten, daß sie zur Verantwortung gezogen werden.

SPIEGEL: Will Milosevic mit seiner Kooperation nicht lediglich von eigenen Missetaten ablenken? In Den Haag wird auch gegen ihn ermittelt.

Shattuck: Ja, natürlich. Die Zusammenarbeit mit dem Gericht stellt niemanden von Strafe frei, wenn er Verbrechen begangen hat. Aber die Bereitschaft, an der Aufklärung mitzuarbeiten, ist sicher nicht ohne Bedeutung.

SPIEGEL: Werden sich die Amerikaner denn für eine mögliche Verurteilung ihres neugewonnenen Bundesgenossen Milosevic stark machen und alle Beweismittel, die sie gegen ihn haben, dem Gericht zur Verfügung stellen?

Shattuck: Dauerhaften Frieden kann es in Bosnien nur auf der Basis von Gerechtigkeit und Wahrheit geben. Deswegen müssen wir unter allen Umständen sicherstellen, daß das Gericht alles und jeden überprüfen kann.

SPIEGEL: Warum sucht dann die Nato nicht in Bosnien nach den bereits angeklagten 56 Kriegsverbrechern?

Shattuck: Die Nato-Truppen werden jeden Kriegsverbrecher festhalten, der ihnen in die Hände fällt. Aber es gehört nicht zu ihren Aufgaben, Verdächtige zu jagen und zu fangen. Y

* Im Juli 1995.

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