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ABHÖRAFFÄRE Knopf am Fenster

Ein merkwürdiger Fund, verspätete Informationen und ein mysteriöser Selbstmord machen die Affäre um ein abgehörtes Telephongespräch zwischen den CDU-Führern Kohl und Biedenkopf noch undurchsichtiger.
aus DER SPIEGEL 6/1976

Bei seinem Rundgang in der Bonner Parteizentrale der CDU machte der Hausmeister eine seltsame Entdeckung. Am hinteren Kellergitter des Konrad-Adenauer-Hauses, über dem Lichtschacht in der Nähe des Telephon-Relais-Raumes, fand er am 25. September vergangenen Jahres eine Mini-Batterie, halb so groß wie ein Pfennigstück. Der Energiespender war in den hohlen Kunststoff-Stöpsel eines Arzneimittelfläschchens geklebt und hing mit einem Draht am Fenster.

Pflichtgemäß informierte der Redienstete den Sicherheitsbeauftragten des CDU-Hauptquartiers; der alarmierte das zuständige 14. (politische) Kommissariat der Bonner Kripo.

Drei Monate nach der protokollgetreuen Veröffentlichung eines Telephongesprächs, das CDU-Generalsekretär Kurt Biedenkopf mit seinem Vorsitzenden Helmut Kohl im Oktober 1974 in Mainz geführt hatte, schien erstmals ein handfester Hinweis zur Aufklärung jener mysteriösen Abhöraffäre gegeben, die Bonn im letzten Juli aufgeschreckt hatte.

Doch es dauerte noch einmal vier Monate, bis von dem Fund auch die Bundesregierung erfuhr, die schon im vorigen Sommer den Staatssekretärsausschuß mit der Aufklärung des peinlichen Vorfalls betraut hatte. Am 20. Januar endlich traf im Bundes-Justizministerium auf mehrmalige Anfragen aus Bonn hin ein Fernschreiben der Mainzer Staatsanwaltschaft ein, die in der Affäre die Ermittlungen führt. Darin heißt es unter Hinweis auf eine Mitteilung der Bonner Kripo vom 30. September 1975:

Die Auswertung des Fundgegenstandes durch die Ingenieurgruppe des Bundesgrenzschutzes in Hangelar hat ergeben, daß nicht auszuschließen ist, daß der gefundene Gegenstand zur Stromversorgung eines Abhörgerätes Verwendung gefunden hat. Konkrete Anhaltspunkte sind in dieser Richtung jedoch nicht vorhanden. Die Ingenieurgruppe nimmt an, daß der gefundene Gegenstand maximal ca. sechs Monate am Fundort gelegen hat. Er konnte deshalb für das Abhören des am 3. Oktober 1974 geführten Telefongesprächs kaum Verwendung gefunden haben.

Jedoch hat der Sachbearbeiter des 14. Kommissariats der Kripo Bonn, Kriminalkommissar Weber, der nach Auffinden des Gegenstandes erste Ermittlungen am Fundort geführt und mit der Sachbearbeitung betraut wer, am 13. November 1975 Selbstmord begangen. Die Unterlagen hinsichtlich des Vorfalls am 25. September 1975 sind erst in seiner Hinterlassenschaft gefunden worden. Die Staatsanwaltschaft Mainz hat das Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz mit der Prüfung beauftragt, ob die Selbsttötung in einem Zusammenhang mit dem Auffinden des Plastikstückes am Konrad-Adenauer-Haus in Bonn steht.

Das Telex aus Mainz schaffte in Bonn weniger Klarheit als neue Verwirrung. Die Justiz-Beamten zeigten sich befremdet, daß sie erst so spät über den Vorgang unterrichtet wurden. Selbst der unmittelbar zuständige nordrhein-westfälische Innenminister Burkhard Hirsch wußte bis zum vergangenen Donnerstag nichts von dem Batterie-Fund, und die technische Expertise des Bundesgrenzschutzes, der dem Bonner Innenministerium untersteht, kam bei der Spitze dieses Hauses nicht an.

Die Ungereimtheiten erregten bei SPD und FDP den Verdacht, die CDU, die zunächst von der Bundesregierung lautstark Aufklärung der Abhöraffäre Kohl/Biedenkopf verlangt hatte, habe nun, aus welchen Gründen auch immer, das Interesse an allzu genauem Einblick in ihre Interna verloren.

Kripo und Staatsanwaltschaft in Mainz versuchten sogleich, den Bonner Verdacht abzuwehren: Nach ihrer Ansicht ist der Batterie-Fund nicht relevant für Ermittlungen der Abhöraffäre. Es handele sich eher um den Streich eines Unbekannten, »so ein Schabernack, um Verwirrung zu stiften« (ein Polizeibeamter). Die Mini-Batterie im Kunststoffmantel sei zu auffällig ans Kellergitter montiert worden.

Ganz so harmlos, wie es die Mainzer Rechercheure darstellen, erscheint den Bonnern das kuriose Fundstück nicht. So fiel ihnen auf, daß ein Zusammenhang zwischen der Entdeckung der Knopfzelle und der Abhöraffäre unter Berufung auf das Grenzschutzgutachten verneint wird; laut Telex der Staatsanwaltschaft an das Justizministerium lag die Batterie »maximal ca. sechs Monate am Fundort«. Doch im Original des Grenzschutz-Gutachtens, das sich die Bonner inzwischen verschafft haben, liest es sich anders: Weiße Plastikröhre, vier cm lang, zwei cm Durchmesser, kleine Batterie, wie im Schwerhörigengerät. Batterie noch voll geladen, hält im Durchschnitt ihre Ladung ein halbes Jahr und länger, unabhängig von Umgebungabedingungen.

Nach der Grenzschutz-Untersuchung konnte also das Gerät durchaus »länger« als ein halbes Jahr funktionsfähig bleiben.

Rätselhaft bleibt auch der Freitod des Bonner Kripo-Beamten Weber. Während im Fernschreiben vom 20. Januar noch von »Prüfung« der Frage die Rede ist, ob der Selbstmord politische Hintergründe gehabt haben könne, setzte die Bonner Polizeiführung letzte Woche Erklärungen in Umlauf, die wiederum Fragen offenlassen.

Nach der Version des Polizeipräsidiums der Bundeshauptstadt soll längst zweifelsfrei geklärt sein, daß sich Weber aus privaten Gründen erschossen hat. Übermäßiger Alkoholkonsum, Frauengeschichten und berufliche Schwierigkeiten. so verbreiteten Webers einstige Vorgesetzte, seien die Ursache gewesen. In der Kantine des Polizeipräsidiums habe er mehrfach Selbstmordabsichten angedeutet.

Doch die zahlreichen Weber-Freunde wollen von depressiven Anwandlungen des Endvierzigers nie etwas bemerkt haben. Auch war Weber beruflich bis zuletzt alles andere als ein Versager. Er tat als Bewacher höchster Bonner Staatsgäste Dienst; er gehörte zu den Ermittlern, die den Spitzenspion Sütterlin entlarvt hatten.

Entgegen den fixen Erklärungen der Polizeispitze waren die Polizisten, die im Weber-Selbstmord zu ermitteln hatten, auf einen dunklen Punkt gestoßen, der die Zweifel an der offiziösen Lesart nährt.

Noch an seinem Todestag, kurz bevor er sich an der Anlegestelle der Köln-Düsseldorfer Rheinschiffahrtslinie umbrachte, wurde der Kommissar bei einer seltsamen Begegnung beobachtet. Am Bonner Rheinufer traf er sich mit einem Unbekannten, der anschließend mit einem schwarzen Mercedes davonfuhr.

Die größte Merkwürdigkeit in dem undurchsichtigen Kriminalfall steuerte CDU-Generalsekretär Kurt Biedenkopf bei. Der Chef des Konrad-Adenauer-Hauses weiß weniger als sein Hausmeister: »Von dem Vorgang ist mir nichts bekannt. Ich möchte mich da auch nicht einschalten.«

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