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Rudolf Augstein KNÜPPEL FREI?

Von Rudolf Augstein
aus DER SPIEGEL 17/1968

Die zwei Toten der Ostertage gehen auf das Konto des SDS, daran gibt es keinen Zweifel »Wir mußten«, sagt Rechtsanwalt Mahler, »von vornherein mit solchen Unglücksfällen rechnen. Sie sind im gewissen Sinne unvermeidlich.« Richtig. Wenn der SDS programmgemäß fortfahren will, Straßen und Druckereieingänge mit Gewalt zu blockieren, wird die Polizei gewaltsam räumen; dann werden Steine und Bohlen fliegen, und zum Schluß wird niemand mehr wissen wollen, ob der Tote von einem Polizeiknüppel oder von einem Pflasterstein getroffen wurde.

Hier endet das Verständnis für die Lernprozesse des SDS und seine »Guerilla-Taktik«. Der lange Marsch in den Bürgerkrieg, die Revolution in Scheibchen, mal hier ein Toter. mal da ein Toter, muß aufgegeben werden. Die Staatsmacht, wie schwach auch immer, wird sich das nicht gefallen lassen, und acht Zehntel der Bürger über sechzehn wird sie hinter sich wissen. Erwachsene Studenten sollten es nicht für eine Schande nehmen, daß sie einer von vornherein falschen Einschätzung aufgesessen sind. Der gewaltvolle Widerstand war eine Schimäre.

Ich habe selbst gesehen, wie ganze Hundertschaften der Hamburger Polizei vor ihrem Hamburger Polizei-Hochhaus ohne Vorwarnung, ohne vorherige Aufforderung eine auf dem Pflaster sitzende Menge weggeprügelt haben, darunter Frauen und Mädchen. Das Verhalten der Polizei war brutal und skandalös. Es wird zur Regel werden, wenn der SDS darauf beharrt, daß er berechtigt und fähig ist, Druckschriften den Weg zu verlegen. Der »Bayern-Kurier« des Herrn Bundesfinanzministers erschien unter der ganzseitigen Überschrift. »Die Demokratie muß zurückschlagen.«

Was die revolutionär Gesonnenen der Studenten angefangen haben, hätte nur Sinn, wenn sie sich eingestehen wollten, daß ein neuer »Faschismus« erstens nicht zwangsläufig, zweitens aber noch am ehesten kommt, wenn zunehmende »Unordnung« den Ruf nach dem starken Mann anschwellen läßt. Erst im Rückschlag gegen einen mittels Unruhen etablierten Faschismus könnte dann das Reich der Freiheit anbrechen -- eine abenteuerliche Prozedur.

Denn was können entschlossene Studenten, und was können sie nicht? Sicherlich können sie die Auslieferung von Zeitungen und Zeitschriften nicht unterbinden. Aber durch unablässige Nadelstiche können sie die herrschenden Parteien so sehr sekkieren und bloßstellen, daß der ä la Adenauer schleichende Autoritätsverfall galoppiert. Das Regiment der Stadt West-Berlin sagt ja bereits tagtäglich den Bankrott an. Die Frage ist: Wollen die Studenten das? Wollen sie die Konsequenzen? Und die zweite, ungleich heiklere Frage: Können sie überhaupt umhin, das zu wollen, wenn sie wahrzunehmen glauben, daß im kommunistischen Prag modernere, aufrichtigere, mutigere, ja sogar anständigere Männer an die Regierung gekommen sind als in Bonn, geschweige in West-Berlin?

Unbestreitbar ist doch, daß es, wie in den letzten Jahren der Weimarer Republik, »so nicht weitergeht«. Aber es geht so weiter. Es ändert sich überhaupt gar nichts. Der Bundespräsident, unfähig zu begreifen, was vorgeht, tritt nicht zurück, wie doch Herr Novotny, in würdiger Form übrigens, getan hat. Die Große Koalition rüstet sich für eine zweite Legislatur des institutionalisierten Immobilismus. Der schon gegenwärtige Notstand auf dem Gebiet der Schulen und Universitäten beschäftigt die Politiker nicht ein Zehntel so intensiv wie der eingebildete Notstand der Zukunft, an dem, käme er wirklich, die demnächst zu beschließenden Gesetze nichts mehr ändern und nichts mehr helfen würden.

Vierzig Prozent aller Männer, 39 Prozent aller Arbeiter halten die Proteste der Studenten für berechtigt. Denn mit Springer, nicht wahr, geschieht ja auch nichts, obwohl er, wie Helmut Schmidt letzte Woche schrieb, in einigen Städten eine Auflage hat, »daß man schon von einer marktbeherrschenden Stellung im Sinne des Kartellgesetzes sprechen kann« -- in Berlin etwa. Springer selbst soll für Abhilfe sorgen, meint Schmidt, »gegenwärtig kann ihn niemand dazu zwingen«.

Gegenwärtig nicht, aber auch künftig nicht. Jedenfalls wird die SPD, laut Minister Leber »die Partei mit den meisten Christen« in der Bundesrepublik (wie schön!), keinen Gesetzentwurf einbringen. Was immer Springer mit seinen Zeitungen verbrochen haben mag, nichts kommt dem Schaden gleich, den es anrichten muß, wenn eine Volksvertretung so sichtbar vor einem Mann kuscht, dem die Bürde seiner Irrungen längst so sichtbar zu schwer geworden ist.

Bonns liebenswürdiger Plauderer Felix von Eckardt, MdB, hat den hübschen Vergleich gebracht, wenn an Bord eines Schiffes eine Meuterei wegen des Essens ausbräche, müsse die Meuterei unterdrückt und das Essen besser werden, beides gleichzeitig. Wie aber, wenn das Schiff von einer Volksvertretung kommandiert wird, die längst begonnen hat, die Masten zu Brennholz zu zerkleinern und das Segeltuch in die Schneiderei zu tun; die sich aller Mittel der Fortbewegung selbst begeben will? An die Verpflegung jedenfalls denken die Abgeordneten zuviel, und die Studenten zuletzt.

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