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TEMPO 30 Kölner Knubbel

Mit Bremsbuckeln und Nagelreihen in Wohnvierteln will Köln Tempo 30 erzwingen -- in einem Modellversuch. Verkehrsexperten haben Bedenken.
aus DER SPIEGEL 45/1976

Auf dem Gelände des Kölner Straßenbauhofs Nord am Parkgürtel 22 wird derzeit unter Ausschluß der Öffentlichkeit Berg- und Talfahrt simuliert. Städtische Fahrzeuge schunkeln über eine Hindernisstrecke mit »Delfter Hügel« (Straßenerhöhungen von etwa 35 Zentimeter in Wagenlänge), »Delfter Schwelle« (drei hintereinander ins Pflaster eingelassene Betonbalken, fünf Zentimeter hoch und ebenso breit) und »Delfter Welle« (drei Straßen-Buckel von etwa 15 Zentimeter Höhe). Zuvor wurden die Wagen beim Überqueren einer Schüttet-Schwelle mit dicken Nagelreihen durchgerüttelt.

Die Probefahrten auf dem in der Bundesrepublik einmaligen kommunalen Parcours dienen nicht etwa einem Materialtest für Kfz-Achsen oder Straßenbelag. Sie sollen erweisen, wie die Autofahrer zum Befolgen einer Verkehrsanordnung technisch gezwungen werden können: zu Tempo 30.

Während das Bundesverkehrsministerium nur mäßiges Interesse bekundet. will der Düsseldorfer Verkehrsminister Riemer demnächst auf 40 bis 50 Tempo-Teststraßen in NRW-Städten Hindernisse aller Art ausprobieren lassen -- zwei Jahre lang.

Der Endzweck soll das radikale Mittel rechtfertigen: Langsamfahren in sogenannten »reinen Wohngebieten«, deren Charakter zwar noch nirgends definiert oder gar gesetzlich präzisiert ist. die aber allenthalben in deutschen Landen postuliert werden.

Von Schleswig bis Südbayern fordern seit etwa einem Jahr einige Dutzend Bürgerinitiativen die Anerkennung von Stadtteilen, Straßengevierten oder Randsiedlungen als Fußgängerschutzreviere mit Höchsttempo 30. In Köln machte sich gar der katholische Pfarrer Peter Haanen von der Piusgemeinde zum Propaganda-Prediger für »menschliche Straßen in Zollstock«.

Und im Westdeutschen Rundfunk plädiert der Leiter des Verkehrsradios, Alfred Zerban, immer wieder für die Senkung der Tempogrenze von 50 km/st: »Schließen Sie sich mit anderen Eltern zusammen und fordern Sie die Stadt- und Gemeindeverwaltung auf, Ihre Straße zur Spielstraße zu erklären, die Geschwindigkeit auf mindestens 30 Kilometer pro Stunde herabzusetzen«; es sei »nicht menschenwürdig, daß die meisten Eltern in Angst leben, wenn ihre Kinder draußen spielen«.

Von so viel Engagement getrieben. reiste der Verkehrsausschuß des Kölner Stadtparlaments nach Holland, wo beispielsweise in Delft und Lelystad viele Fahrbahnen durch Bodenhügel ("Delfter Wellen") und steinerne Blumenkübel, Niveauausgleich von Straße und Gehweg oder Zierbauten in Slalomstrecken für Langsamfahrt umfunktioniert wurden.

Die Kölner Stadtväter gaben sich so beeindruckt, daß sie dem Bau einer Versuchsstrecke zustimmten und -- nach erfolgreichem Test -- die Einführung der in Signalfarben geplanten »Kölner Knubbel« in mehreren Wohngegenden der Domstadt verhießen -- voraussichtlich im Frühjahr 1977, als bundesweites Beispiel.

Inzwischen sollen Bauamt und Verwaltungsbehörde. Versicherungs- und Verkehrsjuristen, Polizei und TÜV-Sachverständige die Vor- und Nachteile von Schikane-Strecken abwägen. Sicher ist schon jetzt, daß die erzwungenen Kriechpfade. wie sie auch in den USA schon in vielen Städten angelegt wurden, zahlreiche Probleme aufwerfen, die den Knubbel-Knüller fragwürdig erscheinen lassen.

Die Düsseldorfer FDP-Landtagsabgeordnete Mechthild von Alemann etwa wollte wissen, ob denn »geschwindigkeitshindernde Bodenwellen« in beiden Fahrtrichtungen so »aufgetragen« würden, daß Notfallfahrzeuge auch bei höheren Geschwindigkeiten ausweichen und -- ob Polizei oder Arzt -- rasch ans Ziel gelangen könnten.

Antwort von FDP-Verkehrsminister Horst-Ludwig Riemer: Nein, denn dann würden die »für Notfallfahrzeuge freigehaltenen Fahrgassen auch von allen anderen Kraftfahrzeugen mit höherer Geschwindigkeit benützt«, so daß die beabsichtigte »schützende Wirkung« zumindest teilweise entfiele.

Nicht nur Rotes Kreuz, Feuerwehr und Polizei. die eine Überwachung von Tempo-30-Anordnungen strikt ablehnt, stehen dem Kölner Projekt skeptisch gegenüber. Auch für die Befürworter der Erzwingung von Tempo 30, ebenso für Alte und Kinder, die eigentlich Nutznießer werden sollen, entstehen eher Hindernisse und Gefahren: >Ungeübte Fahrer könnten sich nur schwer auf das buckel-bedingte Weiterrollen -- etwa nach einer Notbremsung -- und auf die veränderten Bremswege, auch bei Nässe oder Glatteis, einstellen;

* Kinder könnten mal mit Fahrrädern Flugübungen über die Bremsbuckel machen, mal ihren Bällen nachspringen. die anders, schneller und weiter rollen würden:

* alte Menschen könnten beim Überqueren von Knubbel-Straßen außer Tritt geraten oder stolpern: > die Fahrer selbst müßten mit übermäßiger Achsbelastung oder gar Aufsitzen auf einem Buckel rechnen.

Das Bundesverkehrsministerium. das die Automobilisten »nicht zu sehr gängeln« möchte, den Kommunen aber eigene Maßnahmen nicht untersagen kann, ließ kurioserweise bereits verlauten, daß Wagen der heutigen Bauart die Mini-Hügel auch mit Tempo 60 oder 70 unbeschädigt überwinden könnten -- was mancher Fahrer gewiß versuchen wurde.

Vor allem aber weisen ADAC und Bundesverkehrsministerium statistisch nach, daß die Unfallzahlen gerade in Wohngebieten »weitaus niedriger« als in anderen Stadtregionen und daß Haupt-, Durchgangs- und Geschäftsstraßen besonders gefahrenträchtig seien -- und dort soll Tempo 30 ohnehin nicht eingeführt werden.

ADAC-Sprecher Jörg Wurm versichert zudem, daß an Unfällen in Wohnbezirken »in der Mehrzahl« Personen beteiligt seien, »die dort wohnen und die Örtlichkeit kennen müßten«. Auch Minister Riemer rügte, daß von der Unfallentwicklung »häufig ein falsches Bild« gezeichnet werde.

Riemer in Düsseldorf, wo kürzlich gleich zwei Bürger-Begehren nach Tempo 30 abgeschmettert wurden: »In der Regel sind es die Anwohner selbst, die auf die Kinder in Wohngebieten nicht genügend Rücksicht nehmen.«

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