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ENGLAND König Arthur

Bergarbeiterführer Arthur Scargill will notfalls bis zum kommenden Winter durchstreiken lassen, um seine Erzrivalin Margaret Thatcher in die Knie zu zwingen. *
aus DER SPIEGEL 23/1984

Arthur Scargill, 46, Präsident der britischen Bergarbeitergewerkschaft National Union of Mineworkers (NUM), spricht gern von einer Teestunde mit dem sowjetischen Parteichef Nikita Chruschtschow.

Zwar endete sie 1956 mit einem Eklat, da Scargill die gerade angelaufene Entstalinisierungskampagne Chruschtschows kritisierte. »Ich sagte ihm«, erinnert sich der Kumpel-Führer, »daß Stalin im Zweiten Weltkrieg eine bedeutende Rolle gespielt hat.«

Für den damals 18 Jahre alten Scargill war das Treffen mit Chruschtschow prägend. Scargill scheut seitdem vor keiner Auseinandersetzung mit den Mächtigen zurück. Durch den nun schon zwölfwöchigen Streik der Kumpel in England, Schottland und Wales will er die konservative Regierungschefin Margaret Thatcher auf die Knie zwingen. Scargill: »Wir befinden uns im Kampf bis zum letzten mit der Tory-Regierung.« Es gehe darum, »Jahre des Thatcherismus zurückzurollen«.

Daß eine solche Konfrontation Opfer verlangt, hat Scargill schon als junger Mann erfahren. In der Kohlengrube Woolley am Stadtrand von Barnsley (Grafschaft York) führte er damals einen Streik der Pütt-Lehrlinge an. Zur Strafe teilte ihm die Zechenleitung den verhaßtesten Job zu: Allein und auf sich gestellt mußte er einen Seitenstollen in dem Untertage-Labyrinth erweitern.

Der Streik hatte für den jungen Arthur aber auch sein Gutes. Als Vorstandsmitglied der »Young Communist League« (YCL) in seinem Heimatstädtchen Worsborough gelang es ihm, die Mitgliederzahl der kommunistischen Jugendorganisation von 7 auf 700 hochzutreiben.

Scargill hat dem rußgeschwärzten Ort viel zu verdanken. Nach über einem Dutzend Kumpel-Jahren begann er hier seine Karriere als Funktionär der NUM.

Worsborough erlebte aber auch politische Veränderungen Arthur Scargills. Er blieb zwar Marxist, trat aber aus der KP aus. Unangenehme Eindrücke in Ostblockländern erleichterten ihm den Entschluß. Die Beschränkungen der Rede- und Reisefreiheit, so fand er, hätten »mit Sozialismus nichts zu tun«.

Nur Kuba, so ergaben mehrere Aufenthalte auf der Insel Fidel Castros, bedeutete ihm etwas. Im Flur des weißen Scargill-Bungalows in Worsborough hängt ein Porträt des Revolutionshelden Che Guevara. Arthur Scargill hält sich an die kämpferischen Prinzipien des Sozialismus. Kompromisse mit den Klassenfeinden schließt er aus. »Schließlich«, sagt er, »brät man in der Hölle keine Schneebälle.«

Mit dem Streik der Bergarbeiter bahnt sich für ihn eine Umwälzung der britischen Gesellschaft an. Wie beim Generalstreik 1926, als die Kumpels gleich ein halbes Jahr lang nicht mehr in die Gruben fuhren, erhalten die Streikenden kein Geld aus den NUM-Kassen. Denn Streikgelder zahlt die Bergarbeitergewerkschaft grundsätzlich nicht. Der Durchhaltewille wurde dennoch nicht geschwächt. »Lieber leben wir in Zelten und essen Gras«, meint etwa der Hauer Colin Jackson, auf Streikposten vor der Zeche Cortonwood bei Barnsley, »wir gehen nicht zurück zur Arbeit.«

Jackson und die anderen Kumpel fordern, was Arthur Scargill bereits zu Streikbeginn im März erklärt hatte: Die staatliche Kohlenbehörde National Coal Board (NCB) soll den Plan ihres Vorsitzenden Ian MacGregor, der viele Jahre in den USA arbeitete, zurücknehmen, bis April nächsten Jahres 20 Zechen zuzumachen und etwa 20 000 Arbeitsplätze abzubauen. Zwar bot MacGregor an, einen Teil der betroffenen Kumpel in ergiebigere Gruben umzusetzen. Niemand, so versicherte der NCB-Manager, werde gegen seinen Willen arbeitslos. Älteren Kumpel bot er Abstandszahlungen von bis zu 130 000 Mark sowie vorzeitige Rente an.

Scargill aber ist gegen jeden Kompromiß, der auch nur die Schließung einer einzigen Zeche vorsieht. MacGregors Absichten empfindet er als »wilde Schlächterei«. Überhaupt sei MacGregor »ein überbezahlter US-Söldner«.

Beinahe wöchentlich schob Scargill alte und neue Forderungen nach. Dazu gehören eine 23prozentige Erhöhung der Löhne, die Einführung der Vier-Tage-Woche sowie die »unverzügliche Einstellung« von 25 000 Mann zur »Expansion der Kohle-Industrie«.

Mit solchen Erklärungen kommt Scargill bei den Kumpeln gut an. »Arthur«, sagt der Bergarbeiter Philip Jones im »Greyhound«-Pub von Worsborough, wo der Kumpel-Boß gelegentlich ein Bier trinkt, »ist unsere Lebensversicherung, jetzt erst recht.«

Zugleich wappnet Scargill seine Truppen für eine lange Dauer dieses Arbeitskampfs. Womöglich, erklärte er vor rund 20 000 Kumpeln, müßten sie bis Weihnachten ausharren. Für das, was dann geschieht, hat Scargill folgendes Szenario: Zusammenbruch der Kraftwerke mangels Haldenkohle, industrielles Chaos und »die Vertreibung der Hexe Maggie Thatcher aus der Downing Street«.

Mit solchen Sprüchen beherrscht er die Schlagzeilen und Bildschirme der

britischen Nation. Vor »König Arthur«, wie ihn seine Kumpel nennen, scheint sogar Frau Thatcher Angst zu haben. Sie tut so, als gehe sie der Streik nichts an. Sie schiebt die Verantwortung auf Mac-Gregor und die Polizei, die sich mit Streikposten der NUM herumschlägt - und dabei am vergangenen Mittwoch auch Arthur Scargill vorübergehend festnahm.

Weil auch Labour-Führer Neil Kinnock selten zu der Auseinandersetzung Stellung nimmt, erscheint Scargill als beredte Ein-Mann-Opposition. Höflich, stets mit frisch aufgeföntem blonden Haar, beantwortet er im Fernsehen die Journalisten-Fragen. Scargill, befand etwa die »New York Times«, sei nun »eine der magnetischsten Figuren der britischen Linken«.

Scargills Fernseh-Image macht eine Kampagne unwirksam, die von den rechten Londoner Massenblättern gegen ihn geführt wird. Der »Daily Express« erfand eine Scargill-Rede - Schlagzeile: »Genossen, ich habe euch belogen« - und füllte mit ihr eine ganze Titelseite. »Adolf Scargill« nennt ihn die Satire-Zeitschrift »Private Eye«.

Für manchen Tory verkörpert Scargill den fleischgewordenen Satan. Scargill befinde sich auf einem »dämonischen Ego-Trip«, schrie im Unterhaus der Tory-Abgeordnete Hugh Dykes, er sei »der fürchterlichste Gewerkschaftsführer in der englischen Geschichte«.

Scargill besitzt exzentrische Qualitäten, die bei den Briten gut ankommen. Sein Talent als Redner schulte er in verqualmten Bergarbeiter-Pubs und auf einer Holzkiste am Speaker's Corner des Londoner Hyde Park. Als NUM-Führer klettert er bisweilen auf ein Podest vor dem Gewerkschaftshauptquartier, um Ansprachen ans Kumpelvolk zu halten.

Scargill scheut dabei kein Thema. Dem Fernsehinterviewer David Frost erklärte er, er wolle das Königshaus »ausrangieren« und die Windsors »nützlichen Arbeiten zuführen« - freilich »erst nach demokratischer Entscheidung«. Prinzessin Diana, zum zweitenmal schwanger, wurde von Scargill als Verkäuferin von Umstandskleidern vorgesehen. Auf einem Kongreß in Moskau beschrieb er seine Feindin Margaret Thatcher als »Plutonium-Blondine«, die mit US-Präsident Reagan »alias ray-gun« den Weltfrieden bedrohe.

Wenig später, in einem Brief an die Workers' Revolutionary Party, verdammte er die polnische Gewerkschaft »Solidarnosc« als »antisozialistische Organisation«, deren Ziel der Umsturz sei. »Ich werde mich nicht jenen Elementen anschließen, Sie miteingeschlossen«, schrieb Scargill an Trotzkisten-Führer Mike Banda, »die paranoid entschlossen sind, ein sozialistisches System zu zerschmettern.«

Mit seinen Kommentaren stößt Scargill selbst bei seinen treuesten Gehilfen

manchmal auf Kritik. Die Kommunisten im Gewerkschaftsvorstand werfen ihm »Naivität« vor. »Dieser Scargill«, meint der kantige Michael McGahey, 58, Chef der Bergarbeiter Schottlands und ein orthodoxer Roter, »muß noch viel lernen.«

Doch den Gewerkschafter Scargill haben Einwände selten gestört. In seiner Freizeit tankt er auf beim Judo, wobei ihn als einziger sein breitschultriger Leibwächter Jim Parker aufs Kreuz legt. Parker, ein Exhauer, chauffiert auch den Dienstwagen des Bergarbeiter-Bosses, einen silbergrauen 4,2 Liter Jaguar XJ 6.

Seine Machtfülle demonstrierte Scargill, als ihn die Mitglieder der Bergarbeitergewerkschaft Ende 1981 auf Lebenszeit zum Präsidenten wählten. Laut Satzung der NUM heißt das, er muß mit Erreichen des Pensionsalters zurücktreten. Zugleich setzte er aber durch, daß seine Stellvertreter im Abstand von nur fünf Jahren neu in ihren Ämtern bestätigt werden müssen.

Als nächstes verlegte er das Hauptquartier der NUM von London in die Yorkshire-Metropole Sheffield. »Frau Thatcher«, tönte er, solle »nach Sheffield fliegen, wenn sie etwas von mir haben will«.

Der Umzug hatte durchaus politische Motive. Scargill ging dadurch auf Distanz nicht nur zur Kohlebehörde und zur Regierung, sondern auch zur Labour Party und dem Gewerkschaftsdachverband Trade Union Congress (TUC).

Dem TUC verzeiht der traditionsbewußte Scargill die Rolle im Generalstreik von 1926 nicht, als die Gewerkschaftsführer nach neun Tagen klein beigaben und die Grubenarbeiter allein weiterstreiken ließen. Bei den Labour-Sozialisten beklagte er eine »Entartung des Klassenbewußtseins« und Mängel bei der »klassenkämpferischen Hingabe«.

Scargill schrieb 1980 als Koautor ein Buch mit dem sperrigen Titel »Der Mythos der Kontrolle durch die Arbeiter«, von NCB-Beamten als »Arthur's Mein Kampf« abgetan. Die grundlegende Frage, argumentiert darin der Autor, sei, wie die Bedingungen zur Etablierung des Sozialismus auch im Vereinigten Königreich geschaffen werden könnten. Scargills Fazit: »Es ist offensichtlich, daß sowohl Streikaktionen wie auch politische Mittel in dem Kampf verwendet werden müssen.«

Den Durchhalteeifer der nun streikenden Kumpel sieht Scargill als Teil eines politisch radikalen Bewußtwerdungsprozesses.

Viele Streikende leben längst von ihren Ersparnissen, besonders Unverheiratete, da sie keinen Anspruch auf staatliche Unterstützung haben. Bergarbeiter-Frauen teilen sich den Herd und kochen gemeinsam, um Stromkosten zu sparen. In Städten wie Barnsley arbeiten Kumpel im Nebenjob als Fensterputzer. Nachts sind Berarbeiter in den Wäldern unterwegs und fällen Bäume - als Brennholzreserve für den von Scargill angesagten kalten Winter.

»Britanniens Bergarbeiter werden triumphieren«, verkündete Scargill vorletztes Wochenende nach einem internationalen Gewerkschaftstreffen in Paris. Denn die Regierung in Warschau habe ihm versprochen, die polnischen Kohleexporte nach Großbritannien einzustellen.

Doch die Polen erklärten inzwischen, daß sie Scargills »Solidaritätsersuchen« abgelehnt hätten.

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