Zur Ausgabe
Artikel 26 / 114
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

KRIMINALITÄT König der Querulanten

Ein pensionierter Studienrat aus Göttingen wähnt sich umgeben von Behördenterror und Korruption. Also überzieht er das Land mit Beschwerden, Briefen und Anzeigen.
aus DER SPIEGEL 39/2004

Es gibt Verbrechen, so teuflisch, durchtrieben und gemein, dass sie nur wahrhaft kriminelle Subjekte begehen können: Beamte zum Beispiel.

Ein Kartell solch niederträchtiger Staatsdiener soll im ostfriesischen Wittmund eine unbescholtene Ärztin systematisch ruiniert haben. Sie vergifteten zwei Pferde und behaupteten, die Medizinerin habe die Tiere verhungern lassen. Sie drohten, ihre Kinder ins Heim zu verschleppen und sie selbst in die Psychiatrie einzuweisen. Sie schlossen ihre Praxis und starteten eine Rufmordkampagne. Grund für dieses gnadenlose Beamten-Gebaren: Die Ärztin mache dem Kreiskrankenhaus Konkurrenz.

So zumindest setzt sich das Bild im Kopf des zwangspensionierten Studienrats Kurt Werner zu einem riesigen Skandal zusammen. Mag der Oberstaatsanwalt den Fall auch als »an den Haaren herbeigezogen« und schlicht »Mumpitz« empfinden, für Werner ist das nur eine Bestätigung seiner Verschwörungstheorie: »Organisierte Behördenkriminalität und Korruption« seien in Niedersachsen »das Erbe der SPD-Grünen-Herrschaft«, behauptet der 55-Jährige aus Göttingen.

Er kämpft für die vermeintlich Verfolgten und angeblich Entrechteten - und nervt als ungekrönter König der Querulanten Gerichte, Behörden und Politiker.

Auf seiner Homepage veröffentlicht er einfache Eingaben an Land- wie Bundestag - und auch schon mal einen »Antrag auf Bundesaufsicht über das Land Nordrhein-Westfalen«, dringend erforderlich wegen des dortigen »Staatsmobbings« gegen eine Lehrerin.

Zur Unterstützung seiner Kreuzzüge gegen Behördenwillkür hob Werner das »Forschungsinstitut für Mobbing und Korruption - European Antimobbing Association« aus der Taufe. Auftrag: »alle Formen von Mobbing und Korruption zu erörtern und die Beteiligten aus dem öffentlichen Dienst zu entlassen«. Denn die Bösen sind immer die Beamten.

Werner muss es wissen, der Diplom-Handelslehrer war früher selbst Staatsdiener. 18 Jahre lang arbeitete er als Lehrer, bis ihn die Bezirksregierung Braunschweig 1999 wegen Dienstunfähigkeit in den vorzeitigen Ruhestand schickte. Er hatte unter anderem über ein Jahr lang in der Schule gefehlt, sich aber einer amtsärztlichen Untersuchung verweigert. Die Quittung für ihn kam auf dem Verwaltungsweg.

Spätestens seit diesem Zeitpunkt sieht sich Werner umgeben von kriminellen Amtsträgern. Unablässig saugt der Zeter-Zar vermeintliche Skandalgeschichten auf und verbreitet sie über das Internet. 1200 DIN-A4-Seiten voller behördlicher Niedertracht will er dort veröffentlicht haben.

Werner schreibt auch Briefe, stellt Strafanzeigen, legt Dienstaufsichtsbeschwerden ein. 2000 Dokumente habe er in den vergangenen Jahren durch das Land gejagt. »Ich kontaktiere alle: Bundestag, Bundesrat, Minister, Gerichte, Polizei und Feuerwehr«, verkündet er triumphierend.

Die betroffenen Behörden indes stöhnen. Ein Ministerieller aus Hannover knurrt: »Der Herr ist uns bestens bekannt.« Und ein Richter aus Göttingen seufzt: »Es ist schon enorm, wie sehr ein Einzelner die Justiz beschäftigen kann.« Allein beim Amtsgericht in Göttingen liefen in den vergangenen sechs Jahren 20 Verfahren von oder gegen Werner.

Nun geht Werners Justizkarriere ihrem Höhepunkt entgegen. Vor wenigen Wochen drängten sich im Arbeitszimmer von Kurt Werner fünf Polizisten und eine Frau vom Ordnungsamt. Sie hatten einen Durchsuchungsbeschluss, beschlagnahmten Aktenordner und Computer.

Die Staatsanwaltschaft Aurich ermittelt - wegen Beleidigung, übler Nachrede und Verleumdung. Der Grund: Werner geht auf seiner Homepage zahlreiche Beamte des Landkreises Wittmund massiv an. Über einen namentlich genannten Amtsarzt heißt es: Er sei der »Initiator des Korruptionskartells«, er verfolge mit »krimineller Energie« einen »teuflischen Plan« und stelle eine »Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung dar«. Werners Strafforderung: »Berufsverbot auf Lebenszeit«.

Der unbescholtene Amtsarzt setzte sich gegen die »irrsinnigen Behauptungen« zur Wehr. Vor dem Landgericht Göttingen erstritt er ein Ordnungsgeld von 3000 Euro gegen Werner. Doch der beließ seine kruden Theorien im Netz. Auch die Strafanträge des Landkreises Wittmund sowie des Amtsarztes zeigten keine Wirkung - sie seien bloßer Behördenterror, da ist sich der notorische Nörgler sicher.

Dass das niedersächsische Justizministerium, das Landwirtschaftsministerium, das Innenministerium, die Staatskanzlei, der Landkreis Wittmund, die Bezirksregierung Oldenburg, die Staatsanwaltschaft Aurich, die Staatsanwaltschaft Oldenburg, die Generalstaatsanwaltschaft Oldenburg, die Polizei Jever, die Polizei Wittmund, das Landeskriminalamt und Fraktionen des Landtags seine Vorwürfe für dummes Zeug halten, ficht ihn nicht an: »Jeder, der untätig bleibt, ist ein Mitwisser.« So einfach ist das.

Den Ermittlungen gegen sich sieht er mit großer Kampfeslust entgegen - schließlich liefern sie den Stoff, aus dem seine Träume sind: Anlässe für neue Beschwerden, Petitionen, Strafanzeigen. JÖRG DIEHL

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 26 / 114
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.