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SENATOREN König des Auswegs

aus DER SPIEGEL 46/1965

Als mittelloser Student gründete der Jungsozialist Karl König 1930 ein Heim, in dem Kommilitonen bei »Heizung und sauberer Bettwäsche« nächtigen konnten. Der Schlafstellenpreis war so kalkuliert, daß König umsonst wohnte.

Als Angehöriger des Strafbataillons 999 geriet Soldat König 1943 in Afrika in amerikanische Gefangenschaft. Er kämpfte sich wieder zu den deutschen Linien durch, weil er »unbedingt dabei sein wollte«, wenn daheim Hitler gestürzt würde.

Als Führer einer Holzarbeiter-Brigade im Ural erfüllte Plenni König das Plansoll mit nur einem Drittel"des Arbeitsaufwandes anderer Brigaden. Er konnte den des Lesens unkundigen russischen Lagerkommandanten davon überzeugen, daß der Sowjetmensch die Soll-Bestinimungen falsch interpretiert habe.

Am Donnerstag letzter Woche wurde der Mann mit dem Gespür für Auswege aus Ausnahmesituationen vom West -Berliner Abgeordnetenhaus zum Wirtschaftssenator gewählt.

Der hemdsärmelige Pragmatiker, der auf Reisen gern Spielbanken aufsucht und beim Spiel per Saldo noch nie verlor, folgte einem spröden Theoretiker ins Ministeramt - dem in die SPD-Bundestagsfraktion übergewechselten Ökonomie-Professor Karl Schiller.

Während der Amtszeit des brillanten Universitätslehrers Schiller, den Willy Brandt 1961 aus Hamburg nach Berlin geholt hatte, blühte zwar die Berliner Wirtschaft auf. Aber zu einem rechten Berliner, wie ihn die Genossen sich wünschten mauserte sich der kühl wirkende und intellektuelle Hanseat in den vier Jahren seiner Senatorentätigkeit nicht. Die Parteifreunde nannten ihn bald eine »Callas der SPD«. Nur zu oft ließ Schiller spüren, daß parlamentarische Aufsicht ihre Grenzen an einem Mann seines Formats habe.

Wie Schiller stammt auch König, heute 55, nicht aus Berlin. Der gebürtige Rheinpfälzer war allerdings schon 1930 in die Reichshauptstadt gezogen, um »das harte Handwerk eines Berliners zu erlernen«. Dozent Theodor Heuss unterrichtete den Studenten damals an der Berliner Hochschule für Politik über Staatskunde.

Die Gestapo steckte den Sozialdemokraten nach 1933 auf drei Jahre ins Gefängnis, weil er - ein Flugblatt »Roter Stoßtrupp« verteilt hatte. Ein Bauunternehmer stellte den Haftentlassenen, der zum Freundeskreis des nach dem 20. Juli 1944 hingerichteten Sozialdemokraten Julius Leber gehörte, als Hilfsarbeiter ein und machte ihn zwei Jahre später zum Prokuristen.

Vier Monate nach Rückkehr aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft schloß König 1949 das in den dreißiger Jahren unterbrochene Studium mit dem Staatsexamen ab und promovierte bald darauf an der Freien Universität zum Doktor rer. pol. Nach sechsjähriger Tätigkeit bei den Berliner Elektrizitätswerken wurde der SPD-Abgeordnete schließlich Chef der von Finanznot geplagten »Berliner Verkehrsbetriebe« (BVG), wo er U-Bahn, Bus- und Straßenbahnverkehr einer straffen Rationalisierung unterzog.

Die Gewerkschaften gewann der »König der BVG« ("Bild"), indem er mit ihnen halbe-halbe machte: 50 Prozent der Einsparungen kamen der Staatskasse zugute, die anderen 50 Prozent per Lohnerhöhungen den BVG-Bediensteten. Als Karl König in der letzten Woche von Karl Schiller die Amtsgeschäfte übernahm, war es ein Wechsel von Karl zu Karl, und die Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft hatte einen neuen Namen: »Karlsruhe«.

Berliner Wirtschaftssenator König

Freude am Spiel

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