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NSU-RAMSES König in der Wüste

aus DER SPIEGEL 4/1966

Deutsche Prinzen werden in mannshohe Kisten verpackt, in die Wüste geschickt und dort zu Königen gemacht.

Schauplatz der Krönungen ist Ägyptens einzige private Automobilfabrik. Sie steht an der Wüstenstraße nach Alexandrien, 30 Kilometer von Kairo entfernt, und wird von Wächtern mit Vorderladerflinten bewacht. Sie baut deutsche Autos.

400 Fellachen hämmern und dengeln in der »Egyptian Light Transport Manufacturing Co.« täglich bis zu vier Exemplare des NSU-Kleinwagens »Prinz 4« zusammen, für den die NSU Motorenwerke aus Neckarsulm Motoren und Fahrgestelle liefern. Die Fellachen fertigen nur das Blechkleid selber. Name

des Wagens: Ramses - nach Ägyptens meistgerühmtem König.

Bisher wurde der Ramses, über dessen Teilelieferung und Nachbau die Firma schon vor sechs Jahren mit NSU einen Vertrag abschloß, fast ausschließlich für den ägyptischen Markt gebaut. Er kostet rund 7000 Mark (Prinz-Preis in Deutschland: 4586 Mark). Wer ihn erwerben möchte, muß sich mit einer Lieferfrist von zwei Jahren und dem Nachteil abfinden, daß Ramses nur drei Kundendienst-Werkstätten hat. Aus Hunger nach Devisen wollen die Ramses-Manager jedoch neuerdings ihren Wagen auch exportieren, die Produktion erhöhen und nötigenfalls sogar den eigenen Markt vernachlässigen. Selbst den Deutschen, deren Automobilindustrie die stärkste Europas ist (Jahresproduktion: 2,7 Millionen Wagen), soll in absehbarer Zeit ein aus dem Ramses entwickelter Kleinsttransporter angeboten werden. Ramses-Chefingenieur Mohammed Waly fürchtet die angespannte Wettbewerbslage auf den Exportmärkten nicht: »Unser Wagen ist gut und wird Erfolg haben.«

Die ersten im Jahre 1961 produzierten Ramses-Typen vermochten freilich nicht einmal die in keiner Weise verwöhnten einheimischen Kunden zu begeistern. Damals ähnelte der Ramses eher einem Geländewagen für den Wüstenkrieg als seinem deutschen NSU -Vorbild. Die Räder waren zu klein, die Straßenlage war tückisch.

Glücklicher operierte die Firma jedoch mit dem seit 1962 übernommenen Modell Prinz 4. Ihre Fellachen, unter denen sich kaum 20 ausgebildete Automechaniker und Ingenieure finden, lernten Künste und Kniffe des Karosseriebaus immer besser beherrschen. Obwohl sie den größten Teil der Karosse bis heute in stundenlanger Arbeit von Hand formen müssen, war der Ramses vom Neckarsulmer Original äußerlich bald kaum noch zu unterscheiden.

Wie in der Frühzeit der Autoproduktion werden die montierten Fahrzeuge in den weißgetünchten Ramses-Schuppen oder unter freiem Himmel auch lackiert und ausgerüstet. Ein deutscher Besucher beobachtete vor kurzem, wie einige Ramses-Werker unter Holzverschlägen mit Nadel und Zwirn Ramses -Polster prünten: »Gleichzeitig setzte eine andere Gruppe Rohkarossen mit Pinsel und Eimer unter Farbe.«

Mitunter kann das Werk, dessen Produktion neben der Limousine und dem Kleinsttransporter auch noch ein Kabriolett umfaßt, allerdings wochenlang überhaupt nicht produzieren. Dieser Fall tritt immer dann ein, wenn der Teile-Nachschub aus Neckarsulm stockt. NSU drosselt die Lieferungen, sobald »unsere Regierung den Neckarsulmern kein Geld geben kann oder will« (so Chefingenieur Waly).

Sozialist Nasser, Ägyptens Staatschef, unterstützt die privaten Ramses-Produzenten überhaupt nicht, sondern bereitet ihnen Schwierigkeiten, indem er etwa das Devisenkontingent sperrt. Und mehr als einmal hielten die Zollbehörden in Alexandrien die Prinzen-Kisten aus Deutschland aus nichtigen Gründen Tage und Wochen zurück. Im vergangenen Jahr fühlten sich die Ramses-Manager besonders arg bedrängt: NSU konnte nur 200 Motoren und Fahrwerke für sie verschiffen.

Der findige Waly hat seinen Fellachen jedoch immer die Arbeitsplätze erhalten können. Jedesmal, wenn die Ramses -Produktion eingestellt werden mußte, ließ er Pulte, Omnibuspolster und Korbstühle bauen.

Ägyptischer NSU-Ramses: Wer kauft, muß dulden

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