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»Können wir überhaupt noch helfen?«

In Uganda und Indonesien, in der Sowjet-Union und selbst in den Rechtsstaaten des Westens hoffen politische Gefangene auf Hilfe durch Amnesty International, die größte private Menschenrechts-Kommisslon mit weltweitem Apparat. Sie erhielt den Friedensnobelpreis, aber überall auf der Welt stößt sie an die Grenzen ihrer Arbeit.
aus DER SPIEGEL 43/1977

Michael Klein, nach mehreren Auslands-Semestern Betriebswirtschafts-Student an der Universität Bonn, bekam vor drei Jahren unversehens eine Dokumentation über Greueltaten an wehrlosen Häftlingen zu sehen. »Das hat mich so erschüttert, ich wollte etwas dagegen tun.«

Die Österreicherin Irmgard Schorch, alleinstehend und in einem Büro tätig, wurde bei einer Unterschriftensammlung im Zentrum Wiens über das Schicksal willkürlich Eingesperrter aufgeklärt. Seither arbeitet sie in der Freizeit für

Die Fremdsprachen-Korrespondentin Anne-Marle Barbier aus Grenoble war mit einem Afrikaner aus Gabun befreundet, der in seinem Heimatland eines Tages hinter Gittern verschwand, angeblich, weil er Sympathisant einer Verschwörergruppe sei. Heute kämpft die Französin zusammen mit 15 Kollegen für die Amnestierung aller Gesinnungs-Häftlinge in Afrika.

Vor allem in Europa, vor allem in der Mittelschicht, eher unter Frauen als Männern, fanden sich seit 1961 Menschen, die politisch Verfolgten in anderen Ländern gezielt helfen wollten:

Lehrer wie Schüler, Ärzte, Büroangestellte und Anwälte, Liberale, Sozialisten und Konservative sind Mitglieder der internationalen Hilfsorganisation für Gewissens-Gefangene, »Amnesty lnternational« (AI), die vorige Woche den Friedensnobelpreis 1977 erhielt. Ein anhaltender Mitglieder-Boom machte Amnesty in den letzten Jahren zur größten privaten Menschenrechts-Organisation mit weltweitem Apparat: gegen 300 000 Mitglieder und Förderer in 107 Ländern, von ihnen 168 000 aktiv, die übrigen vor allem Geldspender. In 35 Ländern gibt es inzwischen nationale Sektionen (Dachverbände mit eigenen Sekretariaten). Mit über 9000 aktiven Helfern stellt die Bundesrepublik die weitaus größte aller Sektionen.

Amnestys Erfolge sind nicht zu übersehen: 1973 etwa konnte die niederländische AI-Sektion in einem Bericht 55 000 Personen nachweisen, die in Indonesien ohne Gerichtsverfahren in Haft gehalten werden. Zu den Tausenden von AI betreuten und inzwischen freigelassenen Häftlingen gehört der südkoreanische Bischof Tji Hak-Sun ebenso wie der indische Ministerpräsident Morardschi Desai.

Am selben Tag, als Amnesty den Friedensnobelpreis erhielt, sorgten sich die Menschenrechtler in Paris über die bundesdeutschen Haftbedingungen im Falle einer Auslieferung von Klaus Croissant -- und legten in London eine l2seitige Dokumentation über die politischen Gefangenen in der DDR auf,

* vor dem südkoreanischen Konsulat in Hamburg.

Resümee: Von 1949 bis 1965 insgesamt 27 239 politische Urteile, derzeit »mehere tausend« Polit-Gefangene, die zum ren gegen die Menschenrechte festgehalten werden.

Amnesty veröffentlicht in englisch die Untergrundzeitung der sowjetischen Dissidenten, in Sri Lanka entstand ein spezielles AI-Büro für Asien, in Luxemburg wurde weltweit eine Kampagne für den politischen Gefangenen 1977 organisiert. Noch mi Dezember soll bei den Vereinten Nationen eine »Petition für die sofortige Freilassung aller politischen Häftlinge« mit zwei Millionen Unterschriften eingereicht werden.

AI-Sympathisanten sind der österreichische Bundeskanzler Bruno Kreisky ebenso wie der luxemburgische Ministerpräsident Gaston Thorn, der für Amnesty mit der Sammelbüchse auf die Straße ging. Der frühere Irische Außenminister Sean Meßride gehört zu den Gründungsmitgliedern. Im Beirat der deutschen Sektion sitzen der Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker und der CDU-Politiker Norbert Blüm.

Kern und Basis der AI-Arbeit sind die Gefangenenhilfe-Gruppen (Adoptionsgruppen), die in der Regel aus 10 bis 15 Mitgliedern bestehen. Weltweit gibt es heute 1925 solcher Gruppen, allein in der Bundesrepublik sind es bereits 628, laufend werden Anträge für Neugründungen gestellt.

Monat für Monat kommen in der Bundesrepublik über 200 neue Interessenten zu AI, die Zahl der Bewerber steigt. Sie alle wollen sich für den Schutz der Menschen einsetzen,

die unter Mißachtung der Schutzbeatimmungen der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verhaftet, gefangen, auf andere Weise physischem Zwang ausgesetzt oder Freiheitsbeschränkungen unterworfen sind, und zwar aufgrund ihrer politischen, religiösen oder anderen geistigen Überzeugung, aufgrund ihrer ethnischen Abstammung, ihrer Hautfarbe oder Sprache -- vorausgesetzt, daß sie Gewalt nicht angewendet und sich nicht für die Anwendung von Gewalt eingesetzt haben (Amnesty-Statut 1988).

Amnesty ist mithin keineswegs linke Ideologie-Verstärkung, sondern eine Art Renaissance altliberalen und für militante Linke daher hausväterlichen Gedankenguts: daß zunächst der einzelne Mensch vor dem Zugriff übermächtiger Staatsbehörden geschützt werden müsse, ehe an seine sozialen Pflichten zu denken sei.

Dieser Grundsatz hat vor allem in Europa Tradition, seine Substanz stammt aus dem Bildungsgut des aufgeklärten Bürgertums. AI will dem Gewissen der rechtsstaatlich zivilisierten Menschheit Gehör verschaffen -- und so ist der umsorgte Gewissens-Häftling ("prisoner of conscience") nicht Subjekt handgreiflicher Agitation, sondern wehrloses Objekt staatlicher Willkür:

Ob es den Russen Nikolai Wasiljewitseh Bondar aus Kiew betrifft, der seit 1971 im Wladimir-Gefängnis sitzt, weil er »Nieder mit der Führung der KPdSU« geschrieben hatte, oder den somalischen Ex-Brigadegeneral Mohammed Abshir Musse, der seit 1973 in Vorbeugehaft gehalten wird, oder den Kaufmann Alercio Verzola in Brasilien, der unter der Folter zu dem Geständnis gezwungen wurde, die Kommunisten unterstützt zu haben -- Amnesty kämpft für die Freilassung Tausender solcher Häftlinge.

»Wir ergreifen nicht Partei für oder wider eine bestimmte Ideologie oder Politik«, verkündete der Vorsitzende des Internationalen Exekutiv-Komitees von AI, der Schwede Thomas Hammmarberg, auf dem Jahreskongreß im September -- und machte damit zugleich die Grenzen klar, an die Amnesty zunehmend stößt.

Weil nämlich die Organisation ihre ideelle Herkunft aus der europäischen Tradition weder leugnen will noch kann, wird sie auch mit der westlichen Zivilisation und ihrem globalen Geltungsanspruch identifiziert.

Die Welt aber beugt sich diesem Anspruch weniger denn je, nicht einmal mehr auf humanitärem Gebiet: Rund um den Erdball nehmen Willkürhandlungen und Grundrechts-Mißachtungen jeder Art zu, werden Oppositionelle verfolgt und Andersgläubige umgebracht.

Genozid in Kambodscha, systematische Folter in mehr als 60 Staaten der Erde, Verteidiger-Beschränkung selbst in der rechtsstaatlich wohlausstaffierten Bundesrepublik. Der jüngste Geschäftsbericht der Londoner Amnesty-Zentrale (1975/76) berichtet aus 113 Ländern, in denen massive Grundrechts-Verletzungen festgestellt wurden.

Die Zahl der aus politischen Gründen hinter Gittern gehaltenen Menschen wird inzwischen auf mehr als eine halbe Million geschätzt. »Keine Gegend der Erde bleibt von diesen unzähligen und anhaltenden Angriffen gegen die Menschenwürde verschont«, klagte das für Öffentlichkeitsarbeit zuständige AI-Büro in Luxemburg. »Können wir überhaupt noch helfen?«

Tatsächlich steht der Erfolg der Gefangenenhilfe in keinem Verhältnis zu ihrem Aufwand. Die 168 000 aktiven AI-Bürgerrechtler umsorgen derzeit 4011 Gefangene in über 70 verschiedenen Ländern -- weniger als ein Prozent sämtlicher politischer Häftlinge auf der Welt.

Jedes Jahr kann das Sekretariat in London höchstens 300 zusätzliche Fälle prüfen. Im Berichtsjahr 1975/76 etwa übernahm Amnesty 1880 neue Gefangene, 1599 wurden infolge Freilassung gestrichen. »Dabei können wir nicht sagen, ob überhaupt und in welchem Maße die Entlassungen durch uns bewirkt worden sind«, gesteht die Chefin der AI-Dokumentation offen ein.

Mitunter haben Amnesty-Kampagnen zu Strafverschärfung, Folter und vermutlich sogar zum Tod von Inhaftierten geführt: Brutale Machthaber vor allem in Ländern der Dritten Welt vermuten hinter den AI-Aktionen die alte Ideologie der Imperialisten und rechnen deren Schützlinge sogleich zu den Verrätern.

Unter Idi Amins Terrorherrschaft etwa kam es durchaus vor, daß Häftlinge spurlos verschwanden, nachdem Amnesty-Gruppen für deren Freilassung plädiert hatten.

Idi Amin vor der Uno-Vollversammlung 1975: »Amnesty hat sich als Werkzeug für schwierige Feldzüge mißbrauchen lassen, die von kolonialen und imperialistischen Kräften durchgeführt werden.«

Auch in Malawi, Südkorea und im Iran des Schahs Resa Pahlewi nahmen die Folterungen von Gewissens-Häftlingen zu, wenn sich Amnesty-Leute mahnend einschalteten. Erst nach langem Hin und Her war der Schah schließlich bereit, den Generalsekretär der Londoner AI-Zentrale, Martin Ennals, zu empfangen.

Diskriminierungen und Gefangennahme sind manchmal auch die Antwort, wenn Amnesty-Leute in den sozialistischen Staaten aktiv werden: Als 1975 ein umfänglicher AI-Report über »Politische Gefangene in der UdSSR« veröffentlicht wurde, nannte ihn Lew Smirnow, Präsident der Vereinigung sowjetischer Juristen, eine »vulgäre Verfälschung« und »Diffamierung der sowjetischen Realität«. Zwei Mitglieder der Moskauer AI-Gruppe wurden wegen »antisowjetischer Agitation und Propaganda« verhaftet.

Als erster AI-Vertretung im Ostblock war die Gruppe im September 1974 von der Internationalen Exekutive -- den Vorsitz hatte damals der Deutsche Dirk Börner -- anerkannt worden. Doch schon der Briefverkehr zwischen London und Moskau klappte nicht. Und nachdem sich der Sprecher der Gruppe, der Physiker Walentin Tutschin, öffentlich über die eigenen Behörden beschwert hatte, wurden die Gruppenmitglieder wegen »Mitgliedschaft in einer bourgeoisen Organisation« belangt.

Die weltweite Diffamierung der angeblich doppelbödigen Amnesty-Arbeit ist selbst doppelbödig: Südamerikanische Diktaturen vermuten hinter der Gefangenen-Organisation »kommunistischen Terrorismus« (Brasiliens Regierung 1972), die Sowjets behaupten von Zeit zu Zeit, Amnesty arbeite mit CIA-Geldern; und die Militärs in Chile wie die Parteiführer der UdSSR drohen derzeit mit dem Antrag, Amnesty den Beobachterstatus an der Uno aberkennen zu lassen.

So blieb der Schwerpunkt von Amnesty, im Gegensatz zum weltweiten Anspruch der Organisation, durchaus in Europa: Sieben von acht Adoptionsgruppen arbeiten in europäischen Ländern, 80 Prozent der Mitglieder leben in der westlichen Welt und pflegen Englisch als interne Amtssprache. Im Führungsgremium, dem neunköpfigen Internationalen Exekutiv-Ausschuß, sitzen acht Europäer und ein Nordamerikaner.

Nationale Sektionen gibt es in keinem sozialistischen Staat. Sie fehlen aber auch weitgehend in Südamerika, in Asien und Afrika, weil sich dort kaum jemand zur Mitarbeit gewinnen läßt. »Die halten uns oft für die Handlanger der Imperialisten«, klagt ein Vorstandsmitglied der deutschen Sektion.

Auf besonders große Ablehnung stößt Amnesty im Einflußbereich des Islam, wo etwa körperliche Verstümmelung und Hinrichtung ausdrücklich als Strafrecht anerkannt sind -- schlimmste Vergehen gegen die von Amnesty umsorgten Fundamentalrechte.

Der alte Glaube an den weltumspannenden Humanismus westeuropäischer Bauart ist in der Londoner Zentrale jedenfalls noch ungebrochen. Die Amnesty-Organisation könne daher »nur zu leicht besonders in der Dritten Welt in den Ruf kommen, Stimme einer elitären Minderheit westlicher Staaten zu sein, die mit ihrer Hilfe der übrigen Welt Lektionen in Moral und Demokratie erteilen will«, urteilen die Autoren Thomas Claudius und Franz Stepan in der bislang ersten Amnesty-Analyse über die Organisation**.

Viele der aktiven Mitglieder verdrängen, daß auch in ihren westeuropäischen Heimatländern Gewissens-Häftlinge einsitzen, die von Adoptionsgruppen betreut werden: in der urdemokratischen Schweiz etwa sind es derzeit

* Ein Armeearzt stellt den Tod fest.

** V. R. Oldenbourg Verlag München: 324 Seiten: 28 Mark.

zwei Zeugen Jehovas, in Frankreich 22 Bürger, die den Dienst mit der Waffe verweigerten und deshalb schwere Haftstrafen absitzen.

Am Schicksal der 199 von AI adoptierten Sowjet-Gefangenen nahmen viele AI-Mitglieder Anteil. Etliche von ihnen gaben aber sogleich ihren Austritt bekannt, als sie erfuhren, daß Amnesty es wagte, Häftlinge im eigenen Land zu betreuen. »Die können sich nicht vorstellen, daß auch hier Menschenrechte verletzt werden«, kommentiert Marta Fotsch, Sprecherin der. Schweizer Sektion, solche Einseitigkeit.

Dabei hatte die AI-Gefangenenhilfe als eine angelsächsische Aktion zugunsten der Opfer vor allem europäischer Diktaturen wie Portugal, Spanien und später Griechenland begonnen.

An einem Novembermorgen des Jahres 1960, erinnert sich der englische Rechtsanwalt Peter Benenson, kam ihm die Amnesty-Idee bei der Fahrt in der U-Bahn auf dem Weg ins Büro: Während der »Times«-Lektüre stieß er auf eine Meldung über zwei portugiesische Studenten, die sich in einem Lissaboner Restaurant über Diktator Salazar abfällig geäußert hatten, prompt verhaftet und zu mehrjährigen Gefängnisstrafen verurteilt wurden.

Benenson, damals 39, hatte sich schon zuvor wiederholt für die Menschenrechte eingesetzt, meistens aber Rückschläge, oft Spott geerntet. Diesmal wollte er über die Presse eine einjährige Kampagne für die Amnestierung politischer Gefangener einleiten.

Der »Observer« mit damals 600 000 Exemplaren Auflage nahm Benensons Artikel am 28. Mai 1961 aufs Titelblatt seiner Beilage »Weekly Review« (Titel: »Die vergessenen Gefangenen"). 30 ausländische Blätter wie »Le Monde« und »Herald Tribune« druckten den Aufruf prompt ab. In England meldeten sich freiwillige Helfer, aus Europa und den USA kamen Geldspenden zur Finanzierung eines Sekretariats. Die spätere Amnesty-Zentrale nahm ihren Anfang -- im Kellerraum eines Bürohauses im Londoner Stadtteil Temple.

Benenson schrieb: »Schlägt man die Zeitung auf, findet man sicherlich einen Artikel darüber, daß irgendwo in der Welt irgend jemand wegen seiner politischen oder religiösen Ansichten inhaftiert, gefoltert oder hingerichtet wurde, weil sie der Regierung nicht paßten.«

Um »dieses Gefühl des Abscheus in gemeinsames Handeln umzumünzen«, entwickelte Benenson mit seinem Mitstreiter Eric Baker die bis heute noch gültigen Kampf-Richtlinien:

* Veröffentlichung von Grundrechtsverletzungen in der Weltpresse; > Bildung freiwilliger Gruppen zur Betreuung einzelner Gefangener; > bei Regierungen und internationalen Organisationen auf Amnestierung der Gewissens-Häftlinge dringen.

Schon wenige Wochen nach der »Observer-Aktion gab es in Großbritannien 70 Gruppen, die vom Sekretariat je drei Betreuungsfälle -- einen aus kommunistischen Staaten, einen aus westlichen, einen aus der Dritten Welt -- zugewiesen erhielten.

Dieses Dreier-Prinzip, hofften die Gründer, würde Amnesty das Ansehen völliger Neutralität verleihen. Unabhängigkeit sollte zudem der Grundsatz gewährleisten, daß keine Gruppe Häftlinge im eigenen Land betreuen dürfe, eine Regelung, die grundsätzlich noch heute gilt.

»Schreiben Sie an den Herausgeber einer führenden Zeitung in dem betreffenden Land«, rieten die Gründer den Hilfswilligen' »beraten Sie sich mit den Verwandten des Gefangenen über die wirksamste Methode, Druck auszuüben, um Haftentlassungen zu erreichen.«

Bereits im Juli 1961 wurde auf einer Tagung in Luxemburg beschlossen, aus der befristeten Amnesty-Kampagne eine ständige Organisation mit nationalen Sektionen zu machen, die in ihren Ländern als eingetragene Vereine die Gruppen verwalten.

Benenson meinte damals, seine Bewegung habe innerhalb weniger Monate bewiesen, »daß in einer ständig zynischer werdenden Welt ein großes verborgenes Reservoir an Idealismus nur darauf wartet, erschlossen zu werden«.

Im Sommer 1961 gründeten die Journalisten Carola Stern und Gerd Ruge auf Betreiben Eric Bakers die deutsche Sektion als gemeinnützigen Verein.

1965, nachdem Amnesty den Beratenden Status bei der Uno erhalten hatte, gab es 1200 adoptierte Gewissens-Häftlinge auf der Welt -- 800 der seit 1961 Betreuten waren wieder in Freiheit. Terroristen und andere Gewalttäter wurden nicht adoptiert.

Doch schon bald entstanden Schwierigkeiten in der Zielsetzung, die um so größer wurden, je weiter die Kampagnen über Europa hinausführten:

Immer mehr Amnesty-Leute fragten sich, ob etwa in Südamerika beispielsweise der Widerstand gegen Militärdiktaturen nicht auch gewaltsam sein und von Amnesty akzeptiert werden müsse. Der Kampf gegen Gewaltmittel des Staates, vor allem gegen die Folter, schien bald erheblich dringender als der Einsatz für die vergleichsweise luxuriösen geistigen Freiheiten.

Die Ermittler im Londoner Sekretariat gingen zudem bei den Recherchen zu dilettantisch vor, viele Gruppen bingen einem blinden Aktionismus an.

1968 bauten die Amnesty-Manager die gesamte Organisation um und machten aus ihr einen kampfstarken Apparat. Seither ist bei Amnesty

* die Meinungs- und Willensbildung meist von oben (Exekutiv-Komitee) nach unten (Basis-Gruppen) gerichtet;

* die administrative Leitung (Internationales Sekretariat) von der ideologischen Führung getrennt;

* die Entscheidungsgewalt faktisch in der mächtigen Londoner Zentrale konzentriert.

In der Folge wurde das Sekretariat auf über 100, größtenteils hauptamtliche Mitarbeiter ausgebaut, von denen die Hälfte mit Ermittlungen (Research-Abteilung) beschäftigt ist.

Erweitert wurde auch die Ideologie. Vor allem zur Lösung der Gewaltfrage entwickelten die Amnesty-Menschenrechtler einen differenzierten Dreistufen-Plan:

* Nach wie vor bleibt die Adoption durch AI-Gruppen ausschließlich dem der Gewalt abgeneigten Gewissenshäftling vorbehalten.

* Rechtsstaatlichkeit und die Durchführung eines »fairen Prozesses« (AI-Sekretariat) verlangt Amnesty hingegen für alle politischen Oppositionellen, auch für Terroristen.

[Jr' Ganz generell kämpft Amnesty gegen jede Anwendung von physischer Gewalt, von der Folter bis zur Hinrichtung -- und damit auch gegen die Todesstrafe.

Im Dezember 1972 startete das Londoner Sekretariat eine weltweite »Kampagne zur Abschaffung der Folter« und erzielte damit international den großen Durchbruch:

Schon nach zwölf Monaten wurde bei den Vereinten Nationen eine Anti-Folter-Resolution mit weit über einer Million Unterschriften eingereicht. Die Uno-Vollversammlung verabschiedete sie einstimmig und forderte dazu auf, »die Bestimmungen bezüglich des Verbotes der Folter und anderer unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung zu beachten«.

Im Zuge der Kampagne veröffentlichte Amnesty zum ersten Mal eine Dokumentation über Fakten und Folgen der Mißhandlungen. Dieser 260 Seiten starke »Bericht über die Folter« wurde in neun Sprachen übersetzt und laufend durch Nachträge ergänzt.

* Oben: Angeklagte Türken in Istanbul nach den Straßenschlachten am 1. Mai 1977; unten: Wehrdienstverweigerer in Bern protestieren vor dem Militärgefängnis Witzwil.

Doch je heftiger Amnesty die Folter kritisierte, desto raffinierter wurden die Methoden des betroffenen Regimes, dem Folternachweis auszuweichen -- »ein Problem wachsender Resistenz«, bestätigten Südamerika-Spezialisten.

In Argentinien und Uruguay ließ man Folter-Opfer gleich ganz verschwinden. In der UdSSR wurden Dissidenten als psychisch Kranke in Irrenhäuser gesperrt und mit Medikamenten ruiniert.

Auch in westlichen Staaten stellte AI neue Techniken der psychischen Manipulation -- etwa durch anhaltende Isolation des Betroffenen -- fest, die keinen Nachweis von Folter erlaubten. Zwar versuchte eine dänische Mediziner-Gruppe für Amnesty anhand von Tier- und Selbstversuchen organische Veränderungen durch Folterungen nachzuweisen. Doch die Möglichkeiten der Folterer, in den Psycho-Terror auszuweichen, scheinen unbegrenzt.

Tatsächlich hängen vor allem die Londoner Amnesty-Strategen der Illusion an, die Inhaftierung und Folterung von Oppositionellen entspringe individuellem Sadismus. und Folterer könnten auf moralische Appelle mit Schuldgefühlen reagieren.

Daß hingegen solche Menschenrechtsverletzungen in der Logik nichtlegitimierter Herrschaft liegen, also durchaus systembedingt sein können. findet in den pragmatischen Konzepten des Londoner Büros kaum Beachtung.

Vor allem den deutschen Amnesty-Leuten wurde deutlich, daß die von AI propagierten Bürgerrechte außerhalb der westlichen Welt meist nur Symptome, kaum aber die Ursachen der inhumanen Zustände treffen.

»Wir müssen uns fragen, welche Systeme, welche Politik Menschenrechtsverletzungen in Staaten der Dritten Welt begünstigen und welche nicht«. erläutert Wolfgang Heinz, Sprecher des deutschen Sektionsvorstandes, den neuen Blickwinkel.

Und Vorstandsmitglied Michael Klein verweist auf den Zusammenhang zwischen westeuropäischen Exportinteressen und diktatorischen Regimes in Südamerika: »Man müßte zuerst unseren Leuten hier klarmachen, daß demokratische Systeme letztlich stabiler sind als Gewaltherrschaft und daher auch ein größerer Investitionsanreiz für unsere Industrie sein sollten.«

Mit dieser Perspektive wechselt der Schwerpunkt der Aufklärungs-Kampagnen unversehens wieder nach Europa und ins eigene Land. Denn hier, findet Heinz, sollte erst mal »über unsere politische Mitverantwortung« für die Grundrechts-Nöte in der Dritten Welt aufgeklärt werden.

Wie schwer es ist, für solche Ideen Unterstützung zu finden, merkten die Amnesty-Leute schon beim Umgang mit dem Bonner Auswärtigen Amt. Als sie sich um die in Argentinien zunächst für verschollen erklärte Deutsche Elisabeth Käsemann sorgten, erlebten sie, »daß dem deutschen Botschafter der Verkauf von Mercedes-Wagen offen -- bar wichtiger ist als der Einsatz für dieses Menschenleben

Was nötig wäre, um »hier bei uns in Westeuropa festgefahrene Strukturen aufzubrechen«, so der Generalsekretär der deutschen Sektion, Helmut Frenz, sahen die Deutschen sogar auf dem eigenen Internationalen AI-Jahreskongreß Mitte September in Bad Honnef.

Dort blieben die Vorschläge der Deutschen, in Mitteleuropa vermehrt Aufklärungs- und Bildungsarbeit zu leisten, weitgehend auf der Strecke. »Die wirklich kontroversen politischen Themen«, klagte Frenz, »wurden schnell vom Tisch gewischt.«

Statt dessen ereiferten sich die verschiedenen Sektions-Vertreter über Nebensächliches. etwa die Frage, ob in Zukunft auch wegen Homosexualität Inhaftierte als Gewissens-Häftlinge anerkannt werden sollen.

Die »entscheidende Frage«, nämlich ob Amnesty künftig auch auf die politischen Ursachen der Grundrechtsverletzungen eingehen werde, »wurde von unserem Vatikan in London« (Frenz) aufs nächste Jahr verschoben.

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