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»Köpfe können später rollen«

aus DER SPIEGEL 28/1991

SPIEGEL: Slowenien zeigte bisher wenig Kompromißbereitschaft. Wird es erneut zu einer blutigen Auseinandersetzung mit der Armee kommen?

MESIC: Kompromißbereitschaft besteht auf beiden Seiten. Aber die Situation wird durch Exzesse einzelner gestört. Diese Zwischenfälle werden wiederum von einigen aufgebauscht, um damit einen Vorwand für den Abbruch der Gespräche zu haben.

SPIEGEL: Wie wird das Staatspräsidium reagieren, wenn keine Einigung erzielt wird?

MESIC: Wir haben kein Ultimatum gestellt, sondern nur eine Zeitvorgabe gegeben. Wenn unsere Forderungen nicht erfüllt sind, werden wir uns eben wieder zusammensetzen und beraten, welche Schritte weiter zu unternehmen sind. Es gibt jedenfalls keinerlei Drohungen mit der Armee.

SPIEGEL: Wer hatte sie denn am 26. Juni in Marsch gesetzt?

MESIC: Die Regierung hatte nur gesagt: Es muß der Zustand vor dem 26. Juni wiederhergestellt werden. Die Armee sollte dabei Hilfe leisten - aber nicht im Sinne einer Kriegsoperation, sondern indem sie die Stellung am Grenzgürtel hält.

SPIEGEL: Erreicht wurde nichts. Slowenien hat erneut die slowenische Flagge am jugoslawischen Grenzübergang gehißt und behauptet, es gebe keine jugoslawischen Grenzen mehr zu Italien und Österreich.

MESIC: Okay, aber deshalb werden wir doch keinen Krieg führen. In der Zollfrage müssen eben Bundesfinanzministerium und das slowenische Finanzministerium eine gemeinsame Lösung finden.

SPIEGEL: Slowenien will auch das Moratorium nicht anerkennen.

MESIC: Es wurde im Beisein der Europäischen »Drei« geschlossen und besagt, daß die Souveränitätserklärung für drei Monate eingefroren wird. Die Slowenen müssen begreifen, daß die Souveränität ein Prozeß ist, den man nicht im Sprint erreichen kann. Sie sind noch nicht souverän. Kein anderes Land hat sie anerkannt. Und in diesem Fall - bar aller Illusionen - existiert die international anerkannte Souveränität Jugoslawiens weiter, ob uns das paßt oder nicht.

SPIEGEL: Einige Länder des Westens haben wiederholt angedeutet, daß sie bei einem abermaligen Eingreifen der Armee Slowenien und Kroatien voraussichtlich _(Das Interview führte ) _(SPIEGEL-Korrespondentin Renate Flottau. ) anerkennen werden. Könnte das Slowenien nicht jetzt veranlassen, die Armee zu provozieren?

MESIC: Bei jedem Streit gibt es mindestens zwei Partner. Jeder von ihnen will profitieren. Wir dürfen aber nicht zulassen, daß hier die größten Extremisten mit Maximalforderungen auftreten. Wir müssen Vereinbarungen treffen, die für alle Seiten akzeptabel sind. Zunächst, daß man die Souveränität Sloweniens anerkennt, aber auch die Jugoslawiens als Subjekt des internationalen Völkerrechts.

SPIEGEL: In der Armee scheinen einige anders zu denken. Sie wollen die Macht übernehmen.

MESIC: In der Armee werden zwar einheitlich die gleichen Uniformen getragen, aber nicht dieselben Gedanken gehegt. Auch die Armee besteht aus Menschen, unterschiedlichen, und auch diese sind überlastet mit den Ereignissen in Jugoslawien und der Welt.

SPIEGEL: Warum verhaften Sie Adzic nicht? Schließlich ist es mehr als ein Kavaliersdelikt, dem Volk einen Militärputsch anzudrohen.

MESIC: Ich bin kein Polizist.

SPIEGEL: Aber Oberster Kommandeur und damit auch Chef über Herrn Adzic.

MESIC: Lassen wir ihn ruhig drohen - er kann seine Drohungen nicht durchsetzen. In der Armee haben immer noch jene das Sagen, die für den Frieden sind.

SPIEGEL: Also Narrenfreiheit für die Hardliner?

MESIC: Nein. Die Verantwortung jedes einzelnen bei den Ereignissen der letzten Wochen wird später überprüft. Auch die Frage, warum am ersten Tag der Kämpfe in Slowenien 30 Armeeangehörige getötet wurden, jedoch keiner von der Territorialeinheit. Und auch, ob die Armee wirklich mit solch einem Kraftakt reagieren mußte, nur um ein paar Grenztafeln zu entfernen. Jetzt heißt es, gesunden Bauernverstand bewahren. Die Köpfe können später rollen.

SPIEGEL: Was ist gesunder Bauernverstand?

MESIC: Der Bauer hat seine eigene Logik. Er kann das Wesentliche vom Unwesentlichen unterscheiden. Und wesentlich ist jetzt nur Frieden.

SPIEGEL: Halten Sie einen Putsch innerhalb der Armee noch für denkbar?

MESIC: Der hätte keinerlei Erfolgsaussichten. Die Armeeführung bestätigt, daß sie die Verfassung einhalten wird und das Staatspräsidium anerkennt. Das ist das Wesentliche. Alles andere wäre illegal.

SPIEGEL: Wer hat dann letzte Woche die 180 Panzer aus Belgrad rollen lassen? Und warum haben Sie die nicht sofort zurückgepfiffen? Jetzt stehen diese Kampfwagen an den kroatischen Grenzen und bedrohen die kroatische Polizei.

MESIC: Alle Panzer werden in die Kasernen zurückkehren. Das ist die Vereinbarung mit der EG und die Anordnung des Staatspräsidiums. Aber hier wurde ein Mechanismus in Gang gesetzt, den man nicht im Eiltempo umkehren kann.

SPIEGEL: Müssen Sie nicht schon bald als Präsident für die Mehrheitsentscheidungen des Serbenblocks geradestehen? Nämlich dann, wenn Janez Drnovsek, der slowenische Vertreter im Staatspräsidium, an den Sitzungen nicht mehr teilnimmt?

MESIC: Drnovsek wird zurückkehren. Wenn nicht, verliert das gesamte Staatspräsidium seine Legitimität.

SPIEGEL: Was aber, wenn sich Ihr Optimismus nicht bewährt? Die Welt fürchtet einen Krieg in Jugoslawien.

MESIC: Europa und die Welt werden sich maximal engagieren, einen Krieg in Jugoslawien zu verhindern. Denn Europa ist ein gemeinsames Haus. Wenn da in einem Zimmer ein Brand ausbricht, muß man auch damit rechnen, daß das ganze Haus niederbrennt.

SPIEGEL: Würde nicht jeder Krieg sich letztlich zu einem Kampf Serbiens gegen den Rest Jugoslawiens auswachsen?

MESIC: Das serbische Volk will keinen Krieg. Niemand will Krieg. Doch es gibt serbische, kroatische, slowenische, muselmanische und albanische Extremisten. Bisher haben die sich aber nicht durchsetzen können.

SPIEGEL: Ist Milosevic für Sie ein serbischer Extremist?

MESIC: Jeder zeigt durch seine Taten, was er will.

SPIEGEL: Aber vom Serbenpräsidenten hört man gegenwärtig nichts . . .

MESIC: . . . aber man fühlt ihn.

SPIEGEL: In der kroatischen Krajina, bei den täglichen bewaffneten Auseinandersetzungen?

MESIC: Tatsache ist: Dort wurden bewaffnete Gruppen eingeschleust, Terroristen, welche aus undurchsichtigen Fonds finanziert werden. Und von denen hat sich die serbische Regierung niemals distanziert. Die versuchen, Serben und Kroaten gegeneinander aufzuhetzen. Die müssen zurück! Dann gibt es auch keine Probleme mehr.

SPIEGEL: Sind das nicht Illusionen? Die Situation war noch nie so dramatisch.

MESIC: Trotzdem bin ich sicher, daß es zu keinem Bürgerkrieg kommt. Wenn Serbien seine Extremisten abgezogen hat, werden wir alle Aktivisten amnestieren, die an dem Barrikadenabenteuer teilnahmen beziehungsweise an den Zusammenstößen. Natürlich nur, wenn sie niemanden getötet haben.

SPIEGEL: Dann sollte Kroaten-Präsident Tudjman sich nicht länger weigern, mit dem Krajina-Präsidenten Babic zu verhandeln.

MESIC: Babic ist Präsident einer kleinen Gemeinde, und mit ihm kann jeder kroatische Funktionär verhandeln, es muß nicht der Präsident sein. Babic will aus Knin Serbien machen. Das wäre so, als wollte ich die serbische Provinzstadt Nis in den belgischen Kongo verwandeln.

SPIEGEL: Haben die Serben in Kroatien die gleichen Rechte wie die Kroaten?

MESIC: Alle. Und dort, wo diese Rechte vielleicht nicht verwirklicht sein sollten, werden wir es anordnen. Aber die serbischen Kalaschnikows und Bomben müssen aus der Region heraus.

SPIEGEL: Darauf werden Sie wohl noch lange warten müssen.

MESIC: Sie täuschen sich. In Serbien ändert sich das politische Klima. Diese Terrorgruppen stören schon jetzt. Serbische Frauen fuhren nach Kroatien und Slowenien und wollten den Krieg aufhalten. Kroatische Frauen kommen nach Belgrad. Solche Bewegungen sind imstande, Wunder zu vollbringen.

SPIEGEL: Nur: Was passiert, wenn nach Ablauf der dreimonatigen Moratoriumsfrist Slowenien und Kroatien weiter auf ihrer Souveränität beharren?

MESIC: Die Welt kennt nur die Realitäten an, die wir erzeugen.

SPIEGEL: Und wenn sich in diesen drei Monaten keine Lösung findet?

MESIC: Wir werden nach diesen drei Monaten eine Lösung haben. Und zwar ohne Krieg. Darauf gehe ich jede Wette ein.

Das Interview führte SPIEGEL-Korrespondentin Renate Flottau.

R. Flottau
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