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GESAMTDEUTSCHE PARTEI Kohl bauen

aus DER SPIEGEL 19/1961

Für die knappe Restfrist seiner dritten Legislaturperiode sind dem Deutschen Bundestag in den letzten beiden Wochen noch zwei neue Stummelflügel gewachsen: Zur Linken stellte sich der SPD-Dissident Arno Behrisch als Repräsentant der Deutschen Friedens-Union vor, zur Rechten firmierte der Torso der ehemaligen Deutschen Partei unter dem Abgeordneten Herbert Schneider, Bremerhaven, in Gesamtdeutsche Partei um.

Daß es nicht Unverzüglich nach der Fusion von DP und BHE vor zweieinhalb Wochen zu dieser parlamentarischen Anpassung gekommen war, lag an der Widerborstigkeit der Schneiderschen DP-Kameraden. Als Schneider jene fünf - bis dahin - Getreuen der DP-Bundestagsgruppe gefragt hatte, ob er auch nach der Fusion unter dem neuen Namen weiter mit ihnen rechnen - könne, hatten vier der fünf ausweichend geantwortet.

Betroffen hatte Schneider schon das Fehlen von dreien seiner fünf Leute -Logemann, Matthes und Tobaben - bei der Verschmelzung von DP und BHE zur Gesamtdeutschen Partei in der Bonner Beethovenhalle konstatieren müssen. Der vierte, Dr. Schneider aus Lollar, hatte zwar noch am DP -Polterabend mitgewirkt, sich dem Ringwechsel mit den Vertriebenen und Entrechteten tags darauf aber geflissentlich entzogen.

Vergebens freilich hatte sich auch der Gründer der Deutschen Partei, Heinrich Hellwege, so lange wie möglich gegen die Mesalliance seiner Partei mit dem BHE gesträubt. Um den Widerstand des Parteichefs zu brechen, hatten sein Stellvertreter Schneider und dessen hannoverscher Kombattant Langeheine ihrem Ziehvater Hellwege Knüppel zwischen die Beine geworfen, wo immer sie konnten.

Abgesehen davon, kursierten - so falsche wie abträgliche - Gerüchte, Hellwege habe in peinlicher Form an Kredite erinnert werden müssen, mit denen die Deutsche Bank der Partei gleichen Beiworts angeblich behilflich gewesen sei.

Hellwege, inzwischen ohne Partei-Amt:

»Ach, wissen Sie einer hatte bei uns immer den Dolch im Gewande.«

Aus Kummer darüber, daß die konservativen DP-Mannen den rauh nationalen BHE-Gewalten zum Einzug in den nächstem Bundestag verhelfen sollen, hat in der letzten Woche auch Hellweges DP-Generalsekretär Wilderich Graf von Galen die Fusionsbeschlüsse verteufelt und seine Ämter abgegeben. Der emsländische Graf machte wahr, was er vor Jahresfrist auf dem letzten ordentlichen DP-Bundesparteitag in Heilbronn prophezeit hatte: »Wenn Schneider gewählt wird, packe ich meine Sachen und gehe meinen Kohl bauen.«

Ähnlich abrupte Absagen bekam Schneider vorige Woche in Bonn zu hören; noch bevor der Gruppenführer seine neue Gruppen-Firma Gesamtdeutsche Partei im Bundestag eintragen lassen konnte, hielt er schon die erste Kündigung in der Hand: Der Abgeordnete Logemann meldete sich zur FDP ab. Vom Abgeordneten Schneider aus Lollar, einem Freund Logemanns, hieß es zur gleichen Zeit, noch sei ungewiß, wie er sich entscheiden werde.

Hingegen fand der dritte unsichere DP-Kantonist, Bundestagsabgeordneter Peter Tobaben, Landwirt von der Niederelbe, am Freitag der vergangenen Woche den Absprung, Tobaben, der vor Hitlers Zeit in der Deutsch-Hannoverschen Partei gewirkt hatte, sitzt fortan im Bundestag auf einem Stuhl der CDU/CSU-Fraktion.

In Stade, der Hochburg Hellweges, wird derweil die Gründung einer,neuen Niedersächsischen Landespartei vorbereitet.

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