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Kohl mit Bart

Von Henryk M. Broder
aus DER SPIEGEL 21/1995

Eigentlich gibt es über Rudolf Scharping nur Gutes zu berichten: Er ist noch nie schwarz mit der U-Bahn gefahren, macht keine Privatanrufe von seinem Diensttelefon, schummelt nie bei der Kilometer-Pauschale. Er nascht nicht vor dem Essen, trennt den Haushaltsmüll, fährt freiwillig 90 Stundenkilometer, noch ehe die Ozonwerte steigen.

Er hört am liebsten Giora Feidman und die Swingle Singers, liest vor dem Einschlafen Gedichte von Reiner Kunze und Erich Fried, plant seinen Urlaub ein Jahr im voraus. Er kauft seinen Kindern keine Böller und stiftet das gesparte Geld der Aktion »Brot für die Welt«, er spielt nie Lotto, holt sich aber immer Lose der Aktion Sorgenkind und verschenkt sie an seine Mitarbeiter, er spendet regelmäßig für Amnesty International.

Von »Tutti Frutti« hat er erst gehört, nachdem das Programm schon zwei Jahre abgesetzt war. Der schlimmste Exzeß, an dem er je teilgenommen hat, war eine Skatrunde, deren Verlierer eine Flasche Asbach Uralt ausgeben mußte.

Jede Mutter würde ihm ihre minderjährige Tochter anvertrauen, jeder Familienvater den vollgeladenen Kombi bedenkenlos zum Auftanken übergeben.

Und selbst, wenn das alles nicht stimmen würde, wenn er schon mal eine Parkuhr nicht gefüttert und in einem Nichtraucher-Abteil geraucht hätte, er müßte noch immer als ein Vorbild für Geradlinigkeit, Aufrichtigkeit und Pflichterfüllung herhalten.

Ein Familienvater wie aus dem Otto-Katalog, ein Sozialdemokrat wie aus dem Nachlaß von Willy Brandt ("Vergeßt mir den Mainzer nicht"), ein Politiker wie aus dem Kabinett von Madame Tussaud.

Seine Biographie kennt keine Aufs und Abs, nur einen zwar langsamen, aber steten Anstieg aus Niederelbert im Unterwesterwald, wo er 1947 als erstes von sieben Kindern eines Kaufmanns geboren wurde, zum Politiker in Bonn, wo er 1994 die Führung der Republik übernehmen wollte.

Die nötigen Voraussetzungen für das hohe Amt hat der Kandidat übererfüllt: Abitur, Eintritt in die SPD und Studium der Politischen Wissenschaften, das er mit einer Magisterarbeit über »Probleme eines regionalen Wahlkampfes am Beispiel des Bundestagswahlkampfes 1969 der SPD im Wahlkreis Bad Kreuznach« abschloß. Danach Durchlauf durch ein Dutzend Parteiämter, Kanzlerkandidat der SPD und seit 1994 auch »Ritter des Goldenen Humors« der »Großen Hagener Karnevalsgesellschaft«.

Doch alles, was für Scharping spricht, spricht auch gegen ihn: Man sieht ihm den »sozialdemokratischen Musterschüler« und den hauptamtlichen Funktionär an, man spürt den Mangel an vitalem Leben, an wilden Zufällen und an nutzlosen Verrichtungen.

War Adenauer ein Schlitzohr, Willy Brandt ein Bonvivant und Helmut Schmidt wenigstens ein Machtmensch, so ist Scharping ein postmoderner Politikerdarsteller, der die Neugierde seiner Anhänger nach seinem wahren Ich mit der dürren Angabe abspeist: »Sport, Musik und Literatur« seien seine liebsten Hobbys.

»Vielen Dank, Rudi!« möchte man da zurückrufen, »so genau wollten wir es nicht wissen.«

Und schon stellt man sich vor, wie Scharping nach einer schweren Woche im Bundeshaus nach Hause fährt, unterwegs noch ein paar Akten aufarbeitet, daheim von Frau Jutta begrüßt wird, mit seinen Töchtern eine Partie Halma spielt, die Sportschau oder das Aktuelle Sportstudio anmacht, um zu erfahren, wie die deutsche Frauen-Hockey-Auswahl gegen Sri Lanka gespielt hat, anschließend ein paar Takte Carl Orff und Chris Barber hört und bald darauf über einem Buch von Christa Wolf erschöpft, aber zufrieden einschläft.

Kann man es den Deutschen, die im Laufe der Geschichte mit Idealisten nur schlechte Erfahrungen gemacht haben, verübeln, daß ihnen so viel Gutsein suspekt ist und daß sie sich schwertun, einen Menschen, von dem sie nichts Nachteiliges wissen, zum Kanzler zu wählen?

Wahrscheinlich wäre Rudolf Scharping kein schlechter Kanzler. Ob einer in Mainz oder in Bonn die Regierungsgeschäfte führt, macht nur einen quantitativen Unterschied. Wer auf einem Kleinlaster gelernt hat, wird nach kurzer Umstellung auch einen richtigen Lkw steuern können.

Scharpings Problem liegt nicht auf der faktischen Ebene, ist auch keine Frage des Outfits. Es ist deswegen völlig egal, welche Brille er trägt und wie er seinen Bart gestaltet (obwohl ihm schon jemand stecken sollte, daß man sich entweder rasiert oder einen Bart stehen läßt und daß alle Kompromisse in dieser Frage zu albernen Resultaten führen).

Scharping ist so, wie er ist, und selbst wenn er sich als Rotkäppchen verkleiden würde, wäre er sofort als der Rudi aus Niederelbert zu erkennen.

Aus dieser Not, für die er nichts kann, könnte er eine Tugend machen, wenn er sich selbst trauen würde. Statt dessen benimmt er sich wie ein Seifenkisten-Champion, der mit seinem Eigenbau-Modell in der Formel 1 mitfahren möchte.

Wer erleben konnte, wie Scharping zum Auftakt des Wahlkampfes in Dortmund mit einem rheinischen Komiker namens Willy einen einstudierten Dialog »spontan« exekutierte und wie er sich anschließend selbst auf die Schulter schlug ("Das war jetzt die Sondernummer mit dem biederen, trockenen, spröden Scharping!"), dem wurde nicht nur klar, daß dem Land eine humorpolitische Katastrophe droht, sondern auch, daß hier ein Mann mit und gegen sich selbst kämpft - ein Kampf, den er nicht gewinnen kann.

Nun hat die SPD mit Politikern wie Vogel, Klose und Eppler Maßstäbe in Sachen Biederkeit, Trockenheit und Sprödigkeit gesetzt, die zu übertreffen auch Scharping schwerfallen dürfte. Daß er es doch versucht, zeigt nur, daß die SPD ihre traditionelle Rolle als ehrenwerter Verlierer unter dem Druck der CDU und mit grüner Hilfe aufzugeben bereit ist.

Scharping, »die Rache der Basis an der Toskana-Fraktion« (taz), mobilisiert weniger die Wähler als die Poeten unter seinen Anhängern. »Im Winter saß die Familie am großen Heizofen im Eßzimmer oder im Wohnzimmer zusammen, die anderen Räume wurden spärlich mit Ölöfen geheizt«, heißt es in einer Scharping-Biographie von Ulrich Rosenbaum.

Klar, daß nach solchen Kindheitserfahrungen »Rudi« sich als Politiker vor allem mit dem Thema »soziale Kälte« beschäftigen mußte. Werner A. Perger witterte im März 1994 »Machtwechsel in der Luft« und wußte auch, welchen Namen »diese leise Vorfrühlingsahnung trägt«, nämlich: »Rudolf Scharping«.

Auch ein friesischer Genosse vergriff sich an der Natur, als mit dem Eintreffen des Spitzenkandidaten der Regen kurz aussetzte: »Mit Rudolf Scharping geht die Sonne auf!«

Solche Reaktionen kann man Scharping, der immer »Kohl mit Bart« genannt wird, nicht unbedingt anlasten. Im Sport und in der Popmusik sind die Stars für das Verhalten ihrer Fans mitverantwortlich. In der Politik reicht es, die Aktiven beim eigenen Wort zu nehmen. »Ich halte es mit der seltenen Angewohnheit - sich erst um die Fakten kümmern und danach eine Meinung bilden«, sagt Scharping auf die Frage nach dem Magdeburger Flirt zwischen SPD- und PDS-Kadern.

»Wenn es not tut, haue ich auf den Tisch. Aber es macht keinen Sinn, jeden Tag auf den Tisch zu hauen«, sagt er zur Erklärung seiner Zurückhaltung gegenüber Kanzler Kohl.

»Es ist unsere gemeinsame Überzeugung, daß Reformpolitik mit Blick auf das Jahr 2000 und darüber hinaus das notwendige ökonomische Wachstum mit dem ebenso notwendigen ökologischen Fortschritt untrennbar verbinden muß«, sagt er zur Neigung vieler SPD-Wähler, den Grünen die Stimme zu geben.

Scharpings Exkurse hören sich wie alternative Kalendersprüche an: immer eine Spur zu feierlich, zu staatstragend, zu selbstgefällig; es sind sorgfältig ziselierte Banalitäten, denen man die Mühe anmerkt, mit der sie geformt wurden.

Und wenn er mal persönlich wird, etwas über sich sagt, was selten genug passiert, dann klingt es so, als käme es ihm darauf an, allen zu beweisen, daß Sozialdemokraten nicht nur fähige Politiker, sondern auch liebe Menschen sein können.

Seine größte Hoffnung, gab er im Fragebogen der Woche zu Protokoll, wäre »ein gutes Leben für alle in einer intakten Umwelt«; »Ignoranz gegenüber menschlichem Leid« würde ihn »zur Verzweiflung« treiben; der Traum, den er sich unbedingt noch erfüllen möchte, wäre »mehr Zeit für geliebte Menschen« zu haben.

So stolperte Rudolf Scharping von einem Mustopf zum nächsten, nur auf die Frage »Welche Ihrer Vorzüge werden verkannt?« gab er eine wirklich witzige Antwort: »Mein Humor«. Y

Immer eine Spur zu feierlich, zu selbstgefällig

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