Zur Ausgabe
Artikel 46 / 92
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Kollabos, Helden und Verräter

aus DER SPIEGEL 21/1990

Die Monate nach der Niederlage waren für die meisten Franzosen eine Zeit der Apathie, der Resignation und des Schweigens. Resistance war noch eine Angelegenheit von höchstens einigen Tausend Franzosen. Diejenigen, die danach brannten, »etwas zu tun« - so drückten sie sich anfangs aus -, waren so selten, daß ihre Aktionen offenbar niemanden störten, schon gar nicht eine Besatzungsmacht, die sich solide eingerichtet hatte.

Ein Beispiel: Der Präfekt des Departements Gironde hatte für die Monate November und Dezember 1940 überhaupt keine Zusammenstöße mit der Besatzungsmacht zu melden. Im Januar 1941 stellte er lediglich zwei Telefon-Unterbrechungen fest, die »Saboteure« seien vielleicht antideutsch, schrieb er, vor allem aber hätten sie sich Draht (einmal 80, das andere Mal 150 Meter) für Kaninchenfallen beschaffen wollen.

Im Mai 1941 gab es als einzigen nennenswerten Zwischenfall die Verhaftung eines Benzindiebes und seines Komplizen - eines deutschen Soldaten! -, die zu drei Monaten Arbeitslager beziehungsweise einem Jahr Gefängnis verurteilt r Edition Robert Laffont, S.A., Paris. wurden. Im Juni 1941 meldete die Präfektur dann weitere Diebstähle. Widerstand? Vermutlich waren es ganz gewöhnliche kriminelle Akte.

Die Resistance baute sich nur sehr langsam auf. Ende 1940 waren es drei Widerständler, die im Departement Indre die Resistance-Gruppe »Combat« gründeten. Im Herbst 1941, also 16 Monate nach dem Waffenstillstand, hatte eine »Bewegung für die Wiedereroberung«, die in Teilen des Departements Isere operierte, nicht mehr als 50 Anhänger. Und viel anders sah es auch in den anderen Departements nicht aus.

Die ersten antideutschen Aktionen beschränkten sich in der Regel auf Flugblätter. Handgeschrieben oder mit der Maschine getippt, immer aber auf Papier von schlechter Qualität, riefen sie dazu auf, de Gaulles Radio London zu hören und das Symbol des gaullistischen Widerstands, das Lothringerkreuz, oder, wenn es sich um Kommunisten handelte, Hammer und Sichel zu tragen.

Die ersten Widerstandskämpfer kamen vor allem aus der rechten und ultrarechten Ecke. Obwohl sie die Leute um den Marschall Petain herum verachteten, erfanden und nährten sie die Legende »vom Schwert und dem Schild« - nämlich dem Schwert de Gaulle und dem Schild Petain. Um ihr Gewissen zu beruhigen, bemühten sie die freundschaftlichen Bande, die es einmal zwischen de Gaulle und dem jetzigen Chef der Vichy-Regierung gegeben hatte, vergaßen jedoch, daß die längst zerrissen waren. Aber es entsprach dem Harmoniebedürfnis der Franzosen, ihrer bäuerlichen Vorliebe, sich zu arrangieren, ihrer Angst vor dem Bürgerkrieg.

Es steht außer Frage, daß Philippe Petain 1940 mit den Deutschen nicht in einen Topf geworfen wurde und daß Vichy für alle Franzosen als eine Zuflucht erschien. Einige der ersten Widerständler geben auch zu, daß die unbesetzte Zone für den Aufbau eines Widerstandsnetzes unentbehrlich war und daß Petain, zumindest viele Monate lang, mit seiner Politik der Vieldeutigkeiten ihre Arbeit begünstigte.

An den ersten 20 Monaten der Besatzungszeit ist leicht zu zeigen, was die besetzte von der freien Zone unterschied. In der einen schalteten und walteten die Deutschen mit ihren Polizisten und Kollaborateuren nach Belieben, in der anderen gab es einen Marschall von Frankreich, Minister, Generäle und Beamte, von denen man vielleicht nicht immer das Beste zu erhoffen, aber wenigstens nicht das Schlimmste zu befürchten hatte.

Nachdem Charles de Gaulle sich entschlossen hatte, den auf dem französischen Schlachtfeld verlorenen Krieg um Frankreich von England aus weiterzuführen, begann er sofort, Petain aufs heftigste zu kritisieren. Er war, bin ich versucht zu schreiben, der erste der Antipetainisten und der markigste. Zweifellos hatte er sofort begriffen, worum es bei diesem Existenzkampf ging: um die Seele des französischen Volkes.

In bestimmten Vichy-Kreisen und auch in der Waffenstillstands-Armee, die die Niederlage nicht hinnehmen wollte, gab es einen nichtgaullistischen und natürlich auch nichtkommunistischen Widerstand. Widerstand hieß, erst einmal die Befehle der Sieger nicht zu befolgen, ohne sich dabei in das Lager der Gaullisten oder Kommunisten zu schlagen. Aber als Vichy auf Druck der Deutschen immer mehr seine Politik änderte, kam für diese Widerständler nur der Gaullismus in Frage.

Nach dem 22. Juni 1941, als die Deutschen die Sowjetunion überfielen, erhielt der antideutsche Kampf einen völlig neuen Charakter durch das totale Engagement der französischen Kommunisten, die zu den Gaullisten im Untergrund aufschlossen. Zwar war der Widerstand anfangs noch ohne wirklichen militärischen Wert, waren die Schläge gegen die Wehrmacht nicht viel mehr als Nadelstiche, die aber teuer bezahlt werden mußten. Ihre Bedeutung lag darin, daß sie den Patriotismus der Franzosen anfachten, der aus dem Volk der katastrophalen Niederlage ein Volk machte, das sich auflehnt.

Die von jeher besonders moskautreuen französischen Kommunisten hatten sich bis dahin wegen des Hitler-Stalin-Pakts sehr schwer getan. Ihr erster Appell nach der Niederlage vom Juni 1940 enthielt kein einziges Wort gegen die deutschen Besatzer. Alle Artikel der Parteizeitung L'Humanite und alle Flugblätter griffen zwar die Regierung von Vichy an, waren aber so verfaßt, als ob es die Deutschen gar nicht oder fast nicht gäbe.

Wenige Tage nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion gingen die ersten Appelle an die französischen Arbeiter heraus, nicht mehr für die deutsche Kriegsmaschinerie zu arbeiten, denn diese Waffen würden gegen »die Arbeiter und Kolchosbauern der UdSSR« gerichtet. Aufrufe zur Sabotage fanden sich in der Humanite vom 2. Juli: »Alles, was Hitler hilft, schadet Frankreich. Und alles, was Hitler schadet, hilft sowohl der französischen Sache wie auch der der UdSSR.«

In einem Flugblatt vom Juli 1941 appellierten dann die Kommunisten an die »gaullistischen Brüder« und riefen sie zu * Text: »Die Stunde naht«. einem gemeinsamen Kampf auf, den die Partei angeblich bereits seit Juni 1940 (!) geführt habe: »Als Fleisch vom Fleische unseres Volkes ist die Kommunistische Partei lebendig geblieben, trotz aller Schläge. Seit Juni 1940 kämpfen wir mit euch Seite an Seite. Gemeinsam haben wir uns gegen den Waffenstillstand der Verräter gewendet.«

Der deutsche Einmarsch in die Sowjetunion verschaffte aber nicht nur der Resistance eine neue Qualität. Er gab auch der Kollaboration ihre wahre Dimension. An diesem Tag glaubten viele Kollaborationisten, daß ihr Horizont sich auf ein neues Europa ausgeweitet habe, in dem die mediokren Feilschereien und vorsichtigen Halbherzigkeiten Vichy-Frankreichs nichts mehr zählten, sondern alles den mutigen, begeisterten Männern mit ihrem faschistischen Glauben gehörte.

»Blind derjenige«, schrieb der Schriftsteller und Kollaborateur Alphonse de Chateaubriant, »der nicht die Rolle erkennt, die das Schicksal Deutschland zugesprochen hat. Verkommen und verflucht jede Nation Europas, die sich nicht den Hieben dieses Schwertes anschließt.«

Die ersten Monate des sowohl von den Panzern wie auch von der Propaganda schnell geführten Krieges gegen eine wankende Sowjetunion schienen der Kollaboration den Charakter einer Notwendigkeit und Schicksalhaftigkeit zu geben. So konnten insbesondere jene, die den Antisemitismus seit je auf ihre Fahnen geschrieben hatten, hoffen, daß die Saat ihres Hasses mit Hilfe der Nazis aufgehen werde.

Es dauerte dann auch nicht mehr lange, bis die Juden im besetzten Teil Frankreichs auf Geheiß der Deutschen den Judenstern tragen mußten. Diese Maßnahme kommentierte die Kollaborations-Zeitung Au Pilori am 7. Juni 1942: »Von heute an werden die Passanten auf alle öffentlichen Gefahren aufmerksam gemacht.«

Doch die Reaktion war ganz anders, als Deutsche und Kollaborationisten sie sich erhofft hatten. Die jüdischen Teilnehmer am Ersten Weltkrieg hefteten sich über ihrem Stern alle Ehrenabzeichen von 1914/18 an. Einige Juden, hieß es in einem Spitzelbericht, hätten sich einen Stern aus gelber Seide fertigen lassen.

Und die Träger waren durchaus nicht immer Juden. Um ihre Solidarität mit den Juden zu bezeugen, trugen auch Nichtjuden den Stern, manchmal mit Phantasie-Aufschriften wie »Jenny« oder »Papou«. Einer hatte sich einen Gürtel aus acht Judensternen angefertigt mit jeweils einem Buchstaben, die das Wort »Victoire« - Sieg - ergaben. Eine Französin hatte ein Christenkreuz auf den Stern gemalt, eine andere gab bei einer Polizeikontrolle an, den Stern für ihre Freundin getragen zu haben. Wie mehrere andere »Juden-Freunde« mußte sie ihre Geste der Solidarität mit einigen Wochen Haft bezahlen.

Doch waren diese Franzosen, zumindest anfangs, die Ausnahme. Nur allzugern berichtete die antisemitische Kollaborations-Presse vom angeblich »natürlichen« Zorn des gemeinen Volkes. Das Krematorium »für alle, ohne Ausnahme, vom Ältesten bis zum Neugeborenen«, verlangte eine Leserbrief-Schreiberin. Im Au Pilori war von einer »nichtswürdigen Rasse« die Rede, deren »letzter Vertreter« mit einem fiktiven, auf das Jahr 2142 vordatierten zynischen Nachruf bedacht wurde: »Er ist tot, und das ist gut so.«

Nun versuchten viele Juden, ihren Stern zu verbergen - die Deportationen nach Auschwitz hatten begonnen. 22 000 bis 30 000 Juden aus Paris und 26 000 aus dem übrigen besetzten Gebiet sowie 50 000 Juden aus der nichtbesetzten Zone sollten laut Beschluß der Deutschen vom 11. Juni 1942 das erste Kontingent bilden.

Für jeden Juden, den die Deutschen, wie sie es nannten, den Franzosen »abnahmen«, mußte Frankreich 14 000 Franc (700 Reichsmark) bezahlen. Doch die Vichy-Regierung erklärte sich nur zur »Lieferung von staatenlosen und bestimmten ausländischen Juden« bereit und lehnte es ab, Juden auf ihrem Gebiet durch französische Polizei verhaften zu lassen.

Unter dem Decknamen »Frühjahrswind« starteten 888 Greifertrupps französischer Polizisten am 16. Juli 1942 morgens zwischen drei und vier Uhr die Festnahmeaktion gegen 22 000 ausländische Juden in Paris; am Abend hatten sie 12 884 von ihnen eingefangen, darunter 5802 Frauen und 4051 Kinder.

Die Polizisten hatten strikte Order, sich auf keine Debatte mit den Festgenommenen einzulassen. Aber neben denen, die sich daran hielten, und denen, die Schmuck und Geld annahmen, um ein Leben zu retten, gab es auch Polizisten, die das Elend rührte. Mit einem Satz ("Wir kommen in einer Stunde wieder") oder einer Geste gaben sie den Juden zu verstehen, daß sie fliehen sollten.

Einem deutschen Bericht zufolge lehnte die große Mehrheit der Bevölkerung die Razzien ab. Aber es gab auch Nachbarn, die den »Fängern«, wie die Polizisten genannt wurden, flüchtende Juden meldeten. Als Polizisten einer Frau Abramzyk und ihrem kleinen Sohn eine Stunde Zeit gewährten, schloß die Concierge das Portal ab und verhinderte die Flucht der Jüdin.

Ein Teil der Kollaborations-Presse betrieb in aller Offenheit Denunziation. Die Zeitschrift Au Pilori beklagte sich über »jüdische Empfänge vor der Nase von unterernährten Arbeitern und Arbeiterinnen«, ein »Diner mit 22 Gedecken des Juden Roland Meyer, der tags zuvor aus Drancy entlassen wurde«, jenem Lager, über das etwa 70 000 Juden aus Frankreich in die deutschen Gaskammern geschickt wurden.

Wenn derart lautstark zur Denunziation aufgerufen wurde, wie sollten dann die Kleingeister diesem Ruf widerstehen? Schließlich galt doch Denunziation als ein Beweis von Patriotismus. Aber war sie nicht auch eine Möglichkeit, sich Geld, Posten oder Ehre zu verschaffen, oder eine Chance, auf billige Art alte Familienrechnungen zu begleichen?

War sie nicht auch eine Lösung der Frage »Warum er und nicht ich?«, die viele Gescheiterte und Zukurzgekommene plagte: Händler am Rande des Ruins, Schriftsteller ohne Leser, gehörnte Ehemänner oder ganz einfach Männer und Frauen, die sich nicht vorstellen konnten, daß der Erfolg ihrer Konkurrenten auf andere Art zustande kam als durch Zugehörigkeit zu einer Rasse oder Mitgliedschaft in einer Partei oder einer Geheimgesellschaft?

Fünf Ärzte aus dem Norden gaben den Namen eines jüdischen Arztes aus Rumänien preis, ein jüdischer Arzt aus Polen wurde bezichtigt, in »kommunistischen Kreisen zu verkehren«. Ein Mitglied der rechtsextremen »Freunde des Instituts (für jüdische Fragen)« überlistete drei jüdische Ärzte (denen die Ausübung ihres Berufs verboten war), indem er um Behandlung bat und bei zwei von ihnen einen Termin bekam.

Der Arzt Laurent Viguier legte in einem Bericht dar, daß die Familie Levy, die sich nach Verteuil geflüchtet hatte, dort einen lukrativen Pferdehandel betreibe und weitere 20 Juden um sich versammelt habe, die sich sogar Vorräte für den Winter anlegen würden. Viguier: »Der Bürgermeister muß den Präfekten in Kenntnis setzen, damit der seine Pflicht tut.«

Ein Wächter des Friedhofs Pere-Lachaise denunzierte seinen Kollegen Elia Kougel, einen »hundertprozentigen Juden ohne militärische Meriten«. Ein Botaniker denunzierte einen jüdischen Hutmacher, der noch immer seinem Gewerbe nachgehe, und eine anonyme Denunziantin meldete eine »jüdische Reinigung in der rue Henri-Feulard, die jetzt über eine Tür zum Boulevard de la Villette« zu erreichen sei.

Sie denunzierten Juden, und sie denunzierten die Freunde der Juden. »Im vierten Stock werden Möbel aufbewahrt«, schrieb »einer aus dem Viertel«. »Die Besitzer N. sind eng befreundet mit den Juden Blum. Sie behaupten zwar, die Möbel gehörten ihnen. Aber die Concierge bekommt Pakete mit der Auflage, sie mit den N. zu teilen.« Oder: »Die Concierge Frau Lallement«, so ein Denunziationsbrief, habe Schmuck, Geld und »zwei schöne Bettdecken aus Seide«, die ihr von Juden anvertraut seien, die vor der Razzia im Januar 1943 fliehen konnten.

Ein Professor aus Toulon bat darum, Arthur S. zu verhaften, einen ungarischen Juden, militanten Kommunisten und vor allem Liebhaber seiner Frau: »Ohne diese Maßnahme kann ich nicht hoffen, daß meine Frau ihren Pflichten wieder nachkommt. Es handelt sich darum, eine französische Familie zu retten.« Und umgekehrt: »Dieser Person«, so eine Denunziantin über Muriel A. »reicht es nicht, Jüdin zu sein, sie nimmt auch den wahren Französinnen die Männer weg. Verteidigen Sie die Frauen gegen die Jüdinnen, das ist die beste Propaganda, und Sie bringen einen französischen Ehemann wieder zu seiner Frau zurück.«

Welcher Haß muß einen M. Charpentier dazu gebracht haben, seine jüdische Frau Rebecca, von der er getrennt lebte, auf der Straße verhaften zu lassen? Oder einen Pariser Arzt, der seine 20jährige zukünftige Schwiegertochter - eine Jüdin - denunzierte, die daraufhin deportiert wurde und ums Leben kam. Eindeutig sind die Gründe, die Marie-Rose B. dazu veranlaßten, ihren Liebhaber, den Polizisten Jocelyn E., den Deutschen auszuliefern. Am 10. Januar 1943 hatte er ihr eröffnet, daß er sie nicht heiraten werde; einen Tag später hatte die Feldgendarmerie keine Mühe, bei Jocelyn eine verborgene Waffe zu finden.

Weil sie sich mit ihm nicht mehr verstand und außerdem »ihr Leben mit den Deutschen führen« wollte, verriet Frau J. der Polizei, daß ihr Mann eine gefälschte Lebensmittelkarte besitze. Wie überhaupt diejenigen, die »ihr Leben mit den Deutschen führen« wollten, über eine absolut sichere Waffe gegen unbeliebte und patriotische Nachbarn verfügten: die Anzeige wegen antideutscher Propaganda.

»Sie lassen sich von den Fridolins aufblasen«, hatte Frau R. der Marcelle D. zugerufen, die von einem Deutschen ein Kind erwartete. Daraufhin wurde Frau R. verhaftet und zu zwei Jahren verurteilt. Ein Philibert Ch. bekam zwei Jahre Haft und wurde anschließend deportiert, weil er Louise L., die in einem von Deutschen bewohnten Haus arbeitete und gern im Bett statt am Herd zu Diensten war, eine »Hure« genannt hatte.

Selbst Juden denunzierten Juden. Ein Levy aus dem 11. Pariser Arrondissement, der nichts von Hitlers Ideen und von der antisemitischen Verfolgung begriffen hatte und noch glaubte, die * Französische Polizisten durchsuchen einen festgenommenen Juden. Deutschen würden zwischen »guten« und »schlechten« Juden unterscheiden, denunzierte einige seiner Glaubensbrüder als Schwarzhändler: »Befreien Sie uns von diesen Leuten, die andere ehrliche jüdische Familien anstecken, die dann in die Lager gebracht werden.«

Manch einer wurde auch aus Verbitterung über die schlechte Ernährungslage zum Denunzianten. Da ging es bisweilen nur um einen einzigen Liter Milch. In einem der Schreiben heißt es: »Fräulein Roche, die sich bester Gesundheit erfreut und seit Februar nicht mehr arbeitet, hat dennoch eine Arbeiterkarte. Und darüber hinaus gibt man ihr noch eine Milchkarte, seit Mai für einen Liter. Sie hat schriftlich erklärt, nicht zur jüdischen Rasse zu gehören. Sie ist es gewohnt, das zu leugnen, indem sie sich ,konvertiert'.«

Am 21. August 1941 gab es in Paris den ersten Anschlag auf die Besatzungsmacht. Danach ging es Schlag auf Schlag. In Nantes streckte der Kommunist Gilbert Brustlein den Leiter der Kommandantur, Oberstleutnant Fritz Hotz, nieder. In Bordeaux erschoß Pierre Rebiere den Kriegsverwaltungsrat Dr. Hans Gottfried Reimers. Beide Deutschen waren keine fanatischen Nazis, und die französische Bevölkerung hatte keinen Grund, sich über sie zu beklagen. Sie waren nicht als Opfer ausgewählt worden, sondern befanden sich zufällig am Tatort.

Nach dem Tod von Hotz wurden hohe Belohnungen für die Ergreifung der Täter ausgesetzt. Daraufhin bekamen die Präfektur und das Bürgermeisteramt von Nantes mehrere Hinweise mit sehr genauen Beschreibungen von Brustlein und seinen Komplizen. Denn das Vorgehen der Kommunisten wurde von einem großen Teil der Bevölkerung abgelehnt, die Geiselerschießungen befürchteten. »Sollen sie deutsche Soldaten töten«, gab der Kommunist Albert Ouzoulias nach dem Krieg die Meinung vieler Franzosen wieder, »sich aber anschließend der Kommandantur stellen.«

Selbst Juden wandten sich gegen Widerstandskämpfer ihrer eigenen Religion. Als die beiden Juden Leon Pakine und Elie Wallach am 8. Mai 1942 in die Wohnung eines jüdischen Kürschners eindrangen und ihn beschuldigten, Handschuhe für die Wehrmacht herzustellen, setzte der sich so lautstark zur Wehr, daß die Nachbarn zusammenliefen. Am Treppenausgang wurden die beiden von Juden und Nichtjuden zusammengeschlagen. Zwei Polizisten hatten die größte Mühe, die beiden Widerstandskämpfer aus den Fängen der Leute zu befreien. Sie übergaben sie den Deutschen, die Pakine und Wallach einige Wochen später erschossen.

Am 23. August 1941, zwei Tage nach dem ersten Anschlag gegen die deutschen Besatzer, erschien in allen Zeitungen der besetzten Zone eine Bekanntmachung des deutschen Militärbefehlshabers Otto von Stülpnagel, nach der ab sofort »alle Franzosen, die von den deutschen Behörden oder auf ihre Anordnung verhaftet werden, als Geiseln betrachtet« würden. Im Falle eines neuen Anschlags werde dann »eine nach der Schwere der begangenen Tat festzulegende Anzahl Geiseln erschossen«.

Schon am 29. August 1941 wurden die ersten Hinrichtungen bekanntgegeben, die ihren vorläufigen Höhepunkt dann am 22. Oktober erreichten, als 48 Geiseln erschossen wurden als Vergeltung für die Ermordung des Feldkommandanten von Nantes, Oberstleutnant Fritz Hotz.

Die Opfer waren unter den Insassen von Lagern ausgesucht worden. In drei Gruppen wurden die Geiseln, zumeist Kommunisten, in einen Steinbruch nahe der Stadt Chateaubriant geführt, wo neun Pfähle aufgerichtet worden waren. Alle lehnten die Augenbinde ab, alle begaben sich selbst vor die Hinrichtungspfähle. 90 SS-Leute aus Angers bildeten die Erschießungskommandos.

In einer Botschaft an die Franzosen erklärte Petain, der mit dem Gedanken gespielt hatte, sich selbst als Geisel zu stellen, über den Rundfunk: »50 Franzosen haben heute morgen mit ihrem Leben für namenlose Verbrechen gezahlt. 50 weitere werden morgen erschossen, wenn die Schuldigen nicht gefunden werden. Ein Strom von Blut fließt erneut in Frankreich. Der Preis ist schrecklich. Und nicht die wirklich Schuldigen bezahlen ihn. Franzosen, eure Pflicht ist klar: Das Töten muß aufhören. Mit dem Waffenstillstand haben wir die Waffen niedergelegt. Wir haben nicht das Recht, sie wieder zu erheben und die Deutschen damit in den Rücken zu treffen.«

Am 15. Dezember gab dann der deutsche Militärbefehlshaber bekannt, daß »100 jüdische Kommunisten und Anarchisten« erschossen worden seien. Nach den Erinnerungen von Ernst Jünger, der viele der letzten Briefe der Geiseln übersetzte, hatte Hitler am 16. September 1941 angeordnet, für jeden getöteten Soldaten 50 bis 100 Kommunisten erschießen zu lassen.

Wirkten die Repressalien überhaupt auf die Franzosen? »Die Anzahl der Kommunisten«, notierten die Präfekten der besetzten Zone in ihrem Bericht vom Januar 1942, »die noch wirklich tätig sind, wird angesichts der deutschen Vergeltungsmaßnahmen immer geringer.« Allerdings hätten die Exekutionen »einen bedauerlichen Effekt in allen Schichten der Bevölkerung«. Die erschossenen Geiseln, etwa 500 vom September 1941 bis zum Juni 1942, »werden als Märtyrer angesehen, was jede normale repressive Aktion erschwert«. Der Präfekt des Departements Cote d'Or fügte hinzu, daß nach 18 Hinrichtungen in Dijon, »wo die Gegenwart der Besatzungsmacht bislang zu keinerlei Reaktionen geführt hat, nun jede Bereitschaft zur Kollaboration schwindet und einem stummen Haß gegen die Besatzer Platz macht«.

Im Juli 1942, annoncierten die Widerstandskämpfer, hätten sie »131 feindliche Offiziere und Soldaten sowie 3 Verräter ausgelöscht«. Und die im Untergrund erscheinende Humanite verbreitete das Kommunique mit dem Zusatz, es müßten noch mehr »boches« getötet werden.

In weniger als einem Jahr hatte sich die Lage im besetzten Frankreich radikal verändert, und es waren die Kommunisten, die die Verhärtung des Kampfes gegen den Besatzer bewirkt hatten. Hinter den gelben Maueranschlägen und den mit einem Trauerrand umgebenen »Bekanntmachungen« in den Zeitungen sah die große Mehrheit der Franzosen nicht mehr das Gesicht der ermordeten deutschen Offiziere, sondern das der hingerichteten französischen Geiseln.

Im April 1942 verfügten die Deutschen, daß nach jedem Attentat 20 Geiseln erschossen (davon 5 auf der Stelle) und 500 deportiert würden. Nicht mehr nur Juden und Kommunisten waren jetzt betroffen, sondern auch das »arische Element, Asoziale, Zuhälter, Kriminelle«.

Am 10. Juli 1942 verschärften die Deutschen - jetzt unter der Ägide des Höheren SS- und Polizeiführers Frankreich, Carl Albrecht Oberg - noch einmal die Repression, indem nun auch die Familienangehörigen nicht gefaßter Attentäter verantwortlich gemacht und mit den gleichen Strafen bedroht wurden. Obwohl es in seiner ganzen schrecklichen Konsequenz nicht angewendet wurde, ist dieses Dokument doch bezeichnend für den Geist dieser Gewaltherrschaft: _____« 1. Alle nahen männlichen Angehörigen sowohl in auf- » _____« wie auch absteigender Linie, ebenso Schwäger und Vettern, » _____« soweit sie das 18. Lebensjahr erreicht haben, sind zu » _____« erschießen; » _____« 2. alle Frauen im gleichen Verwandtschaftsverhältnis sind » _____« zu Zwangsarbeit zu verurteilen; » _____« 3. alle Kinder unter 18 Jahren der Männer und Frauen, die » _____« unter diese Zwangsmaßnahmen fallen, sind in » _____« Erziehungsheime einzuweisen. »

Anfangs glaubten die Deutschen, durch die Hinrichtungen das französische Volk demoralisieren zu können. Doch die Widerstandskämpfer, und nicht nur die kommunistischen, sorgten dafür, daß der Mut der Franzosen nicht sank, sondern stieg. Die Deutschen ließen ihre Bekanntmachungen anschlagen, die Widerstandskämpfer machten es ebenso, die Deutschen nannten die Namen der Hingerichteten, um sie verächtlich zu machen, die Resistance, um sie mit Ehre zu überhäufen. Die Deutschen riefen die Bevölkerung zur Denunziation auf, die Resistance zum Kampf.

Für französische Spitzel, die für die Gestapo arbeiteten, war bereits seit Oktober 1940 eine Belohnung von 1000 Franc für die Denunziation eines Juden, 3000 Franc für die eines Gaullisten oder Kommunisten ausgesetzt, das entsprach einem Durchschnittslohn von fünf bis sechs Wochen. Auskünfte, die zur Aufdeckung eines Waffendepots führten, wurden mit 5000 bis 30 000 Franc belohnt.

Normale Denunziationen, wenn dieser Ausdruck erlaubt ist, wurden nach einem niedrigeren Tarif entgolten: Nach dem Einmarsch der Deutschen in die nicht besetzte Zone gab es beispielsweise 100 Franc für einen Juden im Departement Alpes-Maritimes. Was Frau B. bekommen hat, die 22 jüdische Babys auslieferte, die dann in der Lazarettschule Lyon durch Benzinspritzen getötet wurden, weiß ich nicht.

Die Belohnungen waren weit höher, wenn die Denunzianten vor einem Attentat warnten oder die Attentäter auslieferten. So bekam am 9. Mai 1942 ein »französischer Bürger« 100 000 Franc (das waren etwa drei Jahreslöhne), weil er »durch seine Angaben die Verhaftung kommunistischer Terroristen« ermöglicht habe. Am Tag darauf erhielt »ein junger Franzose aus den besetzten Gebieten«, der die Entgleisung eines deutschen Konvois verhinderte, neben der Geldprämie die Zusage, daß sein Dorf von Repressalien ausgenommen sei, außerdem werde man prüfen, ob dafür ein Kriegsgefangener entlassen werden könne.

Nach den ersten Attentaten in Paris schrieben auch die Franzosen Belohnungen aus, so der Polizeipräfekt eine Million Franc. Nach den Attentaten von Nantes bot der deutsche Militärbefehlshaber von Stülpnagel sogar 15 Millionen Franc an. So mag es verständlich sein, daß, zumindest bis in die ersten Monate des Jahres 1944, die Denunziationen nur selten anonym waren, die deutschen Kommuniques jedoch nannten niemals einen Namen. Anlaß vieler Denunziationen waren die Hinterlassenschaften der Juden. Ein Jim M. aus Cannes verriet am 16. Dezember 1942 dem Kommissariat für Judenfragen, wo sich Liliane Karsenti aufhalte: »Weil diese Frau Jüdin ist und wir, die Franzosen, Familien ernähren müssen, habe ich es arrangiert, daß ich ihre Güter und ihr Vermögen bekomme. Aber es sollte untersucht werden, ob sie nicht noch mehr hat, und sie sollte mit den anderen Juden verschickt werden.« Ein Architekt von der Cote d'Azur schickte dem Kommissariat eine Liste von mehr als 200 jüdischen Geschäften und bat darum, ihm die Leitung einiger davon zu übertragen.

Aber es gab auch offene Kritik an den Denunziationen. »Diese Praktiken«, schrieb der Präfekt des Departements Eure, erzeugten eine »unerträgliche Atmosphäre von Verdächtigungen und haben dadurch viele bedauernswerte Vorfälle ausgelöst«. Deshalb würden künftig anonyme Briefe zu einer polizeilichen Untersuchung (gegen die Schreiber) führen, mit Schriftexpertise und Kontrolle der Fingerabdrücke.

Die französische Post weigerte sich, den Briefverkehr mit Juden zu überwachen und die Kontrollergebnisse den für jüdische Fragen zuständigen Behörden mitzuteilen. Gendarmen warnten Juden, die sie verhaften sollten. Polizisten weigerten sich, Denunziationen von gehässigen Concierges entgegenzunehmen.

Auch einige berüchtigte Kollaborateure machten nicht mit. So warf der Kommentator von Radio Paris grundsätzlich jeden Denunziationsbrief in den Papierkorb. Und selbst deutsche Offiziere schienen gelegentlich von der Willfährigkeit angewidert zu sein. Die Feldkommandantur von Evreux etwa ging zwischen Februar 1941 und Juni 1942 keiner Denunziation nach, mit der etwa ein Brieftaubenhalter, ein Besitzer von militärischen Gegenständen oder ein verbotenes Lager angezeigt wurde.

Mehrere Gerichte verurteilten sogar Denunzianten. So mußte ein Georges X. aus Mayenne 50 000 Franc Strafe zahlen, weil er einen G. fälschlicherweise bezichtigt hatte, entlaufene Kriegsgefangene versteckt zu haben. Und ein P. wurde sogar zu einem Jahr Gefängnis und 100 Franc Geldstrafe verurteilt, weil er in zwei anonymen Briefen an die Standortkommandantur von Etampes seinen Nachbarn beschuldigt hatte, Waffen zu verbergen.

Doch wenn man etwa dem Hauptinspektor Marcel Manier glauben kann, dann war noch am 4. Oktober 1941 beispielsweise »die gesamte Bevölkerung von Bordeaux völlig uninteressiert an den jüdischen Fragen, die Sanktionen ließen die Leute gleichgültig, wenn sie sie nicht sogar guthießen«. Indirekt wird diese Meinung durch einen Bericht vom Herbst 1943 bestätigt, in dem es heißt, daß die Bevölkerung des Departements Gironde »zu Beginn der Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung eine gewisse Feindseligkeit gegen die Juden gezeigt« habe, und erst die Exzesse der deutschen Verfolgung hätten die Stimmung umschlagen lassen.

Am 24. November 1940 waren 70 polnische Juden in dem Städtchen Chalais angekommen, wo sie von der Bevölkerung mit wenig Sympathie empfangen wurden. Als die Gendarmerie sie am 14. März 1942 in ein Lager nahe Poitiers brachte - von wo aus fast alle in den Tod geschickt wurden -, zeigten sich viele Bewohner befriedigt. Vielleicht weniger, weil es sich um Juden handelte, sondern einfach, weil es Fremde waren, deren Sprache und Verhalten die Leute irritierten.

Bereits im Januar 1942 beschrieb der Bürgermeister von Noiretable die durchreisenden Juden als »schrecklich. Sie fahren über Land und kaufen alles zu jedem Preis«. Besonders nach den Razzien im Juli 1942 flüchteten viele Juden in die nichtbesetzte Zone und überfluteten die grenznahen Dörfer. »Jeden Tag kommen mindestens 50, wenn nicht mehr«, schrieb eine Einwohnerin von Samadet, »sie kaufen alles auf zu den wildesten Preisen.«

Am heftigsten waren die Zusammenstöße der Einheimischen mit den Juden zweifellos an der Cote d'Azur, besonders im Raum Nizza. Nach der Niederlage waren Juden in großer Zahl nach Marseille, Cannes und Juan-les-Pins weitergezogen. Schon bald war in der Region der Nahrungsmittel-Notstand ausgebrochen. »Nur noch 50 Gramm Butter und 50 Gramm Käse gibt es im Monat«, schrieb ein Einwohner Nizzas im September 1941, »und das Gemüse ist völlig vom Markt verschwunden. Um die wenigen Tomaten und Melonen schlagen sich die Frauen.«

Als Gründe für die Knappheit nannte der Briefautor die traditionelle Trockenheit, die »Faulheit der Leute hier«, aber in der Hauptsache die Aktivitäten der fremden Juden, die aus Cannes und Nizza in die kleinen Bergorte verteilt worden waren und sich »nun in den Produktionszentren befinden und einen schwunghaften Handel betreiben. Sie heizen den Schwarzmarkt mit ihren Höchstpreisen an und versorgen ihre Religionsbrüder an der Küste«.

Bei den führenden Geistlichen Frankreichs stießen die antisemitischen Maßnahmen zunächst auf keinen Widerstand. Wenig und schlecht über die wahre Natur des Nazismus informiert, erkannten die Prälaten dem Staat offenbar alle Rechte zu.

»Wir wissen sehr wohl«, schrieb der Bischof von Marseille am 6. September 1941, »daß die jüdische Frage schwierige nationale und internationale Probleme aufwirft. Wir erkennen an, daß unser Land das Recht hat, zu seiner Verteidigung alle Maßnahmen gegen jene zu ergreifen, die ihm in den letzten Jahren soviel Übel zugefügt haben.«

Aber sowohl in der protestantischen wie auch in der katholischen Kirche gab es individuelle Initiativen, die zweifellos ihren Ursprung in christlicher Barmherzigkeit hatten, aber schnell eine politische Färbung bekamen. Nachdem die französischen Gesetze vom 2. Juni 1941 bestimmten, daß »die Nichtzugehörigkeit zur jüdischen Religion durch den nachgewiesenen Beitritt zu einer der anderen Glaubensrichtungen belegt werden kann«, setzte eine immer heftigere Jagd nach (echten, aber vor allem nach falschen) Taufurkunden ein.

Pfarrer Pezeril von Saint-Etienne-du-Mont in Paris feierte im Oktober 1943 seine 1000. Tauffälschung. Er und Hunderte andere Priester waren so großzügig, daß der Chef der Polizeiabteilung für jüdische Fragen bald nur noch Zertifikate zuließ, die vom Bischof als echt anerkannt wurden.

In ihrer Barmherzigkeit verloren einige Priester schlicht das Augenmaß. So ergab sich aus - gefälschten - Taufurkunden, daß 1810 oder 1820 ein rundes Dutzend Juden allein im Dorf Chateauneuf-sur-Loire konvertiert waren.

Den Behörden war es aber ein leichtes nachzuweisen, daß zu jener Zeit im ganzen Departement nur sieben Juden lebten. Die Deutschen verurteilten die beiden betroffenen Priester zu 4 beziehungsweise 24 Monaten Gefängnis, nachdem die französischen Gerichte das Verfahren eingestellt hatten.

Die Kirche wußte sehr wohl, daß diese Welle von Konversionen nur der Welle von Verfolgungen entsprach, trotzdem ordnete sie an, daß künftig ein halbes bis ein Jahr katechetischer Unterricht einer Konvertierung voranzugehen habe. Sechs Monate, das ist eine angemessene Frist für jemanden, der wirklich zum Christentum übertreten will. Wenn es aber darum ging, die Gestapo auszutricksen, konnten diese sechs Monate tödlich sein und waren es oft.

Viele in die freie Zone geflohene französische Juden blieben von antijüdischen Maßnahmen verschont, weil die Vichy-Regierung so lange wie möglich einen Unterschied zwischen französischen und »anderen« Juden machte. Es ging Vichy nicht darum, daß Juden physisch vernichtet, sondern daran gehindert wurden, Einfluß auf das öffentliche Leben Frankreichs auszuüben.

So kam es, daß Vichy-Frankreich für die in der besetzten Zone gejagten Juden zur letzten Hoffnung wurde, »die freie Zone nimmt die Farben des Gelobten Landes an«, schrieb der Pariser Jude Philippe Erlanger, der keineswegs ein Anhänger Vichys war, aber neun Tage bevor die Gestapo ihn verhaften wollte, in »das Königreich des Marschalls« fliehen konnte.

Doch alles änderte sich, als Deutsche und Italiener am 11. November 1942 auch Vichy-Frankreich besetzten. Au Pilori schrieb: »Aber jetzt, Jude, wo die Leute, die dich auf den Tod bekämpfen, in deine Hochburg einmarschiert sind, in dieses halbe Frankreich, das du zu behalten hofftest, um die andere Hälfte von dort aus wiederzuerobern, was machst du jetzt? Jetzt, wo dich der Schrecken erfaßt, du dich in die Berge flüchtest und an geheimen Stellen verkriechst, weißt du, welches Schicksal dir bestimmt ist. Du weißt, daß dein Untergang besiegelt ist, daß du bis auf den letzten deiner Rasse verschwinden wirst.« *HINWEIS: Im nächsten Heft Jagd auf Zwangsarbeiter für die deutsche Rüstung - Der Widerstand formiert sich - Das Massaker von Oradour

Henri Amouroux
Zur Ausgabe
Artikel 46 / 92
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.