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Kollegen und Konkurrenten

Die Verleger Rudolf Augstein und Axel Springer stritten und versöhnten sich.
aus DER SPIEGEL 25/2009

Rudolf Augstein beschrieb seine Beziehung zu Axel Springer ein Jahr nach dessen Tod als »Freund-Feind-Verhältnis«. Es sei über die Jahre starken Schwankungen unterworfen gewesen. »Mal waren wir Freunde, mal waren wir Feinde, zu Anfang und zu Ende nur Freunde.«

Beide Männer zählten zu dem kleinen privilegierten Club von Deutschen, denen die westlichen Alliierten in ihren Besatzungszonen eine Lizenz zur Produktion von Druckerzeugnissen erteilt hatten. Beide wurden dank ihrer Lizenzen märchenhaft reich; Springer noch wesentlich reicher als Augstein.

Eine gewisse Großzügigkeit in Gelddingen verband die beiden Verleger. »Man hilft doch gern«, pflegte Augstein zu sagen, wenn er mal wieder einem bedürftigen Künstler ein paar tausend Mark zusteckte oder Ende der sechziger Jahre Studenten unterstützte.

Zumindest um eine Fähigkeit beneidete Augstein Springer: um das Talent, neue Blätter zu erfinden, die wie »Bild« und »Hörzu« schnell Millionenauflagen erreichten; Augstein selbst hatte mal die Gründung einer Tageszeitung erwogen, mal die einer intellektuell hervorstechenden Wochenzei-

tung. Aber er hat die Pläne nie realisiert.

Nicht amüsiert war der SPIEGEL-Herausgeber über die »Bild«-Zeitung, nachdem die Bundesanwaltschaft ihn im Herbst 1962 wegen vermeintlichen Landesverrats hatte verhaften lassen. Springers Blatt mokierte sich, dass Augstein angeblich nicht nur eine neue Waschschüssel und frisches Essbesteck in seine Zelle bekommen habe, sondern statt einer Pritsche auch ein Bett.

Solche Sticheleien waren allerdings harmlos gegen die Kampagne, die Augstein zusammen mit »Zeit«- und »Stern«-Verleger Gerd Bucerius im Herbst 1966 gegen den »Meinungsmoloch« Springer startete, um dessen Expansion Grenzen zu setzen. Augstein schrieb: »Kein Mann in Deutschland hat vor Hitler und seit Hitler so viel Macht kumuliert, Bismarck und die beiden Kaiser ausgenommen.«

Gleichzeitig lobte er seinen Kollegen und Konkurrenten maliziös: »Wenn es Zeitungsverkäufer mit Genie gibt, hat er Genie.« Springers Währung war die Auflage, Augsteins der politische Einfluss. Im Grunde spielten sie in zwei verschiedenen Ligen.

Für Augstein war Springer politisch nicht nur zu konservativ, sondern auch zu naiv und zu ungebildet. Er sprach es nie aus, ließ aber bei guten Freunden und in der Familie keinen Zweifel daran aufkommen, dass er Springer nur bedingt ernst nahm.

Kurz bevor Augstein 1966 zum Angriff auf Springer übergegangen war, hatten die beiden noch ein großes Geschäft abgeschlossen, die Herstellung des SPIEGEL in den Springer-Druckereien in Ahrensburg und Darmstadt. Den Deal hatten sie in Springers Domizil auf Sylt ausgehandelt.

»Rudolf«, sagte Springer nach Augsteins Erinnerung, »ich möchte von Ihnen die Gewähr, dass Sie zu Lebzeiten niemals mehr schreiben werden, es hätte kein anderer Deutscher an der deutschen Spaltung mehr verdient als ich.« Augstein überlegte kurz, dann besiegelte das ungleiche Paar sein Millionengeschäft per Handschlag.

Springer druckte den SPIEGEL und hasste ihn. Vor leitenden Herren seines Verlags erklärte er kurz nach dem Sturm von Studenten auf seine Verlagshäuser 1968: »Der Spiegel, der in diese jungen Gehirne eingedrungen ist, das Strahlende zu schwärzen, den Anständigen zum Kriminellen zu machen, mit der Wahrheit zu lügen ...«

Doch nachdem Springer 1968 mehrere Zeitschriften verkauft hatte, um seine Kritiker zu besänftigen, versuchten Augstein und er zur friedlichen Koexistenz zurückzufinden - zu jener »Hamburger Kumpanei«, auf deren Grundlage die Pressezaren der Hansestadt über etliche Jahre ihren Geschäften nachgegangen waren. Gerd Bucerius, Richard Gruner, John Jahr sen. zählten noch zu dem exklusiven Quintett. Man sprach sich mit Vornamen an ("lieber Axel"), aber blieb beim Sie.

Die vorsichtige Wiederannäherung gelang. Nachdem Springers ältester Sohn Axel, alias Sven Simon, sich im Januar 1980 auf einer Hamburger Parkbank erschossen hatte, schrieb Augstein einen Brief an den trauernden Vater. »Verstehen tue ich ihn nur zu gut«, so Augstein über den Selbstmörder, »ich bedaure, dass das so ist. Einen Moment habe ich ihn auch beneidet. Nun gut, unsereiner kann sich das nicht erlauben.« Der SPIEGEL-Herausgeber schloss mit den Sätzen: »Bitte machen Sie sich selbst jetzt keine Vorwürfe. Mal abgesehen davon, dass die meisten unberechtigt wären, hilft das nichts. Bleiben Sie gesund und am Leben!«

Nach Springers Tod 1985 gestand Augstein, dass er »mit eigener Feder« drei Titelgeschichten über Axel Springer geschrieben habe. Keine von ihnen sei veröffentlicht worden. »Ich kriegte ihn«, sagte Augstein, »nicht in den Griff.« MICHAEL SONTHEIMER

* Bei der Feier zur goldenen Hochzeit von Elli und John Jahr inHamburg.

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