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Nordirland Kolossale Heuchelei

Nach dem Waffenstillstand führt die IRA-Miliz einen Feldzug gegen Drogenhändler - ist aber selbst tief in Rauschgiftgeschäfte verstrickt.
aus DER SPIEGEL 4/1996

Ian Lyons, 31, saß am Neujahrstag mit Freundin Sheena im Auto und überlegte, ob sie zum Pizzabäcker oder doch zu McDonald's gehen sollten. Da lösten sich aus der Dunkelheit zwei maskierte Männer. Lyons sah sie noch und sagte: »Die werden mich töten.«

So war es. Mit zwei Kugeln in der Brust starb der Anstreicher aus dem nordirischen Lurgan hinter dem Steuer seines Wagens. Sheena blieb unverletzt. Die Mörder entkamen unerkannt.

Martin McCrory, 30, saß mit seinem dreijährigen Jungen drei Tage nach Weihnachten vor dem Fernseher, als vermummte Pistolenmänner am Fenster auftauchten und ins Wohnzimmer hineinschossen. Der Werftarbeiter war sofort tot, dem Sohn geschah nichts.

Lyons und McCrory sind die letzten Opfer einer Hinrichtungswelle, welche die Provinz Ulster 16 Monate nach Ausrufung des Waffenstillstands zwischen katholischen und protestantischen Untergrundarmeen wieder an den Rand des Bürgerkrieges bringen könnte. Doch diesmal geht die neue Runde der Gewalt nicht wie bislang in dem geschundenen Land um sektiererischen Nationalismus und Haß auf die andere Konfession, sondern um die Vorherrschaft im organisierten Verbrechen.

Insgesamt sieben Männer starben in den vergangenen Monaten im Kugelhagel der Mordkommandos, allein fünf seit Dezember. Die Toten waren allesamt Angehörige der katholischen Minderheit Nordirlands - und in unterschiedlicher Weise mit dem Drogenhandel verbunden.

Mickey Mooney, 34, etwa, erschossen am Tresen des »8-steps«-Pubs, galt für die Polizei als einer der führenden Drogendealer der Hauptstadt Belfast, ebenso wie Francis Collins, 40. Der ehemalige IRA-Kommandant wurde vor den Augen seiner Frau in seinem Frittenladen erschossen.

Ian Lyons, bislang letztes Opfer, kannten die Rauschgiftfahnder hingegen als vergleichsweise kleinen Fisch, der in seinem Provinzkaff Jugendliche mit Ecstasy-Aufputschtabletten versorgte.

Für alle Morde hat telefonisch und obendrein in Bekennerschreiben die »Direct Action Against Drugs« Verantwortung übernommen - ein neuer Name im Schattenreich der nordirischen Milizionäre. Politiker wie Polizei sind sich einig, daß hinter den schießwütigen Anti-Drogen-Aktivisten die katholische »Irish Republican Army« (IRA) steckt.

Zwar beteuert Mitchel McLaughlin, Vorsitzender des legalen politischen IRA-Armes »Sinn Fein«, für diese Anschuldigungen gebe es »keine Spur eines Beweises«. Doch ausgeklügelte Planung und skrupellose Ausführung der Bluttaten verraten den Ermittlern die Handschrift von IRA-Terroristen. Zudem: In den katholischen Hochburgen West-Belfasts haben Revolvermänner, die nicht von der mächtigen IRA kontrolliert werden, nur geringe Überlebenschancen.

Die IRA-Scharfmacher, genauso wie die britannientreuen Loyalisten-Milizen in den protestantischen Arbeiterghettos, beherrschen ihre Glaubensbrüder mit eiserner Hand. Im Stile von mafiosen Verbrecherkartellen erpressen sie Schutzgelder von Geschäftsleuten, betreiben illegale Spielhöllen und euphemistisch »social clubs« genannte Rotlicht-Bars.

Die Milizen füllen ihre Kriegskassen mit bewaffneten Raubüberfällen ebenso wie mit der Verbreitung von Pornovideos und der Einfuhr gestohlener Autos vom britischen Festland. Doch in letzter Zeit haben sie eine neue, lukrativere Einnahmequelle entdeckt. »Die sind beide«, weiß Kriminalkommissar Larry Cheshire, »immer tiefer ins Drogengeschäft verstrickt.«

Cheshire, 40, leitet ein Team von knapp zwei Dutzend Drogenfahndern in Belfast. Bislang hatten sie, im Gegensatz zu ihren Kollegen aus den rauschgiftverseuchten Großstädten London, Manchester oder Liverpool, vergleichsweise wenig zu tun. Harte Drogen wie Heroin und Kokain sind in Ulster, anders als in der benachbarten Republik Irland, kaum verbreitet. Unter den 1,6 Millionen Einwohnern der Provinz gibt es gerade 100 registrierte Junkies.

Nordirische Jugendliche rauchen lieber Haschisch oder dröhnen sich, etwa bei immer populärer werdenden Rave-Partys, mit Amphetamin-Derivaten wie Ecstasy voll. Den Mangel an harten Drogen erklärt Rauschgiftpolizist Cheshire mit dem »Hinterwäldlerdasein« seiner Landsleute: »Wir leben eben am äußersten Rand des Kontinents, zu uns gelangt alles erst viel später.«

Spätestens seit Ausrufung des Waffenstillstands im September 1994 und der Suche nach politischen Lösungen haben die untätig gewordenen Milizen den profitablen Handel mit Rauschgiften intensiviert. Die protestantischen Untergrundgruppen organisieren nach Erkenntnissen der Polizei das Geschäft von der Einfuhr bis zum Vertrieb ausschließlich durch ihre eigenen Leute.

Die IRA hingegen will sich die Finger nicht schmutzig machen. Sie überwacht lieber Dealer, die den Stoff selbst besorgen und in katholischen Vierteln absetzen dürfen. Dafür kassiert die IRA saftige »Kommissionen«.

Diese Praktik empfinden Insider wie Drogenkommissar Larry Cheshire als »kolossale Heuchelei«, denn »gerade die IRA stellt sich immer als die unerbittlichste Kämpferin gegen jede Art von Drogen dar«. Tatsächlich führen die republikanischen Terroristen seit Jahren in ihren Stützpunkten einen »moralischen Feldzug gegen Drogen« - so ein IRA-Flugblatt.

Mit kompromißloser Härte verfolgen sie Minderjährige, die sich an Klebstoff-Schwaden berauschen, mit Prügelstrafen. Häufig führen solche »punishment beatings« mit Baseballschlägern und Stahlrohren zu bleibenden Schäden.

Auch die jüngste Mordserie gegen Drogenhändler aus dem eigenen konfessionellen Lager soll der Bevölkerung wohl die Entschlossenheit der abgetauchten Milizionäre demonstrieren, selbst während des Waffenstillstands die Geschicke der Glaubensbrüder als selbsterwählte Ordnungsmacht zu lenken. Und darüber hinaus ist die Mordserie eine Warnung an nordirische Dealer, keine Tricks zu probieren.

Der Belfaster Kleinhändler Tony Kane, 29, etwa hatte trotz wiederholter Warnung an den IRA-Paten vorbei Rauschgiftgeschäfte auf eigene Rechnung gemacht. Für diesen Frevel bezahlte er bitter: Ein IRA-Killerkommando erschoß Kane vergangenen September, als er gerade vom Begräbnis einer Tante kam. Y

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