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TECHNIK / WERNHER VON BRAUN Kolumbus des Alls?

aus DER SPIEGEL 53/1955

Der Startplatz zum Weltall gleicht einem der großen Krater auf der pockennarbigen Oberfläche des Mondes. Meilenweit erstreckt sich die gipsweiße Wüste des Tularosa-Beckens im nordamerikanischen Staat New-Mexiko. Am Horizont ragen die bizarren Felsen der »Organ Mountains« - des Orgelgebirges - steil empor. Meistens ist die Luft klar und durchsichtig, aber wenn Staubstürme über den flachen Wüstenboden wirbeln, begreift man, warum die ersten Pioniere dieser Einöde den Namen »White Sands« - »Weißer Sand« - gegeben haben. Das ist auch die offizielle Bezeichnung, die das Areal von der amerikanischen Armee erhalten hat: »Raketenversuchsplatz White Sands.«

Von allen Seiten drückt die Wildnis auf diesen Außenposten der Technik, an dem der Mensch dem Weltraum am nächsten ist. Des Nachts, wenn nicht das nervenzerrende Donnern von Raketenmotoren das Wüstenbecken erfüllt, hören die Techniker das Brüllen der Berglöwen.

Nicht weit von gläsernen Kamera-Augen, von Theodoliten, Teleskopen und lautlos kreiselnden Radar-Antennen liegen in den Gräbern eines alten indianischen Friedhofs die Skelette der Ureinwohner, jedes mit einem umgestülpten, buntbemalten Tontopf über dem Schädel. Zwischen dem dornigen Gestrüpp sind grellfarbene Scherben ihrer Tonwaren zu finden.

Das ist der Ort, an dem sich die Menschheit in den nächsten zwölf Monaten auf »das letzte große Abenteuer« vorbereitet: auf den Vorstoß ins Weltall. Die ersten Spähtrupps zu dieser gewaltigen Offensive sind schon bis in alle Einzelheiten geplant. Im Verlauf des »Geophysikalischen Jahres 1957/58« will das amerikanische Verteidigungsministerium ein halbes Dutzend »künstliche Monde« von Fußballgröße in den Raum schicken (SPIEGEL 33/1955). Von Raketen auf eine Kreisbahn in 500 km Höhe getragen, sollen sie einige Tage oder Wochen lang als Satelliten den Erdball nach denselben Gesetzen umkreisen, die auch den Lauf des Mondes um die Erde bestimmen. Da die winzigen künstlichen Monde in 500 km Höhe noch auf (äußerst dünne) Luftschichten treffen, wird sich ihre Anfangsgeschwindigkeit von 29 000 Stundenkilometern bald verringern. Bevor sie aber wieder in dichtere Luftschichten hinabtauchen und durch Reibungswärme zu Metallstaub zerglühen werden, sollen ihre Instrumente die im Weltraum gesammelten wissenschaftlichen Daten selbsttätig zur Erde zurückfunken.

Dieses »Unternehmen Mouse"*) soll die Techniker mit wertvollen Angaben für die nächste Etappe des großen Vorstoßes versorgen: die Errichtung einer bemannten Station im Weltall.

Die Pläne für eine solche Plattform im Raum liegen vor. Sie stammen von einem verhältnismäßig jungen (43) deutschen Ingenieur, dessen »Sonny Boy«-Allüre die fast fanatische Besessenheit überdeckt, mit der er seine Ideen zu verwirklichen sucht. Als Schöpfer der V 2 ist er der berühmteste, als Verfechter der bemannten Raumstation aber auch der umstrittenste Raketenforscher der Welt, und auf fast jedem Treffen von Fachleuten löst die Erwähnung seines Namens - Professor Dr. Wernher Freiherr von Braun - erbitterte Dispute aus.

Die Anhänger des »Kolumbus des Alls« glauben, daß die von ihm geplante bemannte Satellitenstation in wenigen Jahren errichtet werden könnte, wenn die US-Regierung nur erst einmal die notwendigen Gelder bewilligen würde.

Ihre Gegner bestreiten, daß der Vorstoß ins All unmittelbar bevorsteht. Die Technik sei heute - vergleichsweise - noch nicht so weit wie einst zu Zeiten des Kolumbus, der damals die Schiffe hatte, um den Atlantik zu überqueren, aber nicht wußte, was er entdecken würde. Der Kolumbus von heute kenne seine Ziele genau, sagen sie, doch er habe nicht die Fahrzeuge für die Überfahrt.

Während die Vorbereitungen für die Raumfahrt-Etappe I ("Unternehmen Mouse") vorangetrieben werden, spitzt sich die wissenschaftliche Diskussion über die von Wernher von Braun vorgeschlagene Etappe II ("Errichtung einer bemannten Raumstation") zwangsläufig zu. Der Ausgang der Debatte, die teils in öffentlichen Zusammenkünften, teils in den verschlossenen Konferenzräumen des amerikanischen Verteidigungsministeriums ausgetragen wird, muß über das Schicksal des imposanten Braunschen Projektes entscheiden.

Seit von Braun, der wissenschaftliche Star der deutschen Raketenversuchsanstalt Peenemünde, 1945 in die Vereinigten Staaten übersiedelte und seine Arbeit als technischer Direktor der amerikanischen Heeresforschungsanstalt für Raketen in Alabama fortsetzte, versucht er mit allen Mitteln, das amerikanische Verteidigungsministerium - das sogenannte Pentagon - für seinen Plan zu gewinnen.

»In den nächsten zehn oder fünfzehn Jahren wird die Erde einen künstlichen Begleiter am Himmel bekommen«, suggerierte er den beeindruckten Militärs. »Dieser künstliche Mond, dessen Teile mit Raketen Stück für Stück in den Raum hinaufgebracht werden, wird seine Bahn wahrscheinlich in 1730 km Höhe ziehen und alle zwei Stunden einen Umlauf um die Erde vollenden. Die Geschwindigkeit, mit der sich der 75 Meter weite radförmige Satellit fortbewegt, wird 25 400 Stundenkilometer betragen - das ist zwanzigmal so schnell wie der Schall! Trotzdem wird sie für die Insassen nicht spürbar sein. Die Raumstation wird ihnen wie eine völlig feste Plattform vorkommen.«

Der Erdsatellit, sagt von Braun, würde sich bezahlt machen wie nichts seit der Zeit der römischen Legionen. Er würde den Vereinigten Staaten eine ständige militärische Kontrolle der Erde aus dem All gestatten. Keine Nation könnte es wagen, die Macht herauszufordern, die von einem künstlichen Mond auf sie herabblickt. Die Menschheit würde sich einer pax americana erfreuen und könnte Fernsehempfänger aus ihren Radargeräten machen.

Raketen-Experten in Amerika verfolgen von Brauns Aktivität, seine unermüdlichen Handelsreisen in Sachen Raumfahrt, mit einer Mischung von Bewunderung und Besorgnis. »Wenn Wernher von Braun über sein Satellitenprojekt spricht«, schrieb der amerikanische Raketen-Publizist J. N. Leonard, »leuchten seine blauen Augen wie die eines teutonischen Zauberers aus der Edda. Aber von seinen Lippen kommen die kühlen Ausdrücke moderner technologischer Prophetie. Er spricht eindringlich mit einer nur leisen Spur von deutschem Akzent, und er macht auf deutsche und amerikanische Militär-Experten einen tiefen Eindruck. Er kann eine Zuhörerschaft begeistern, seien es nun Ingenieure, Kinder oder theoretische Physiker.«

Von Braun ist hochgewachsen, breitschultrig, elegant, und hat Züge, die Frauen als »interessant« bezeichnen würden. Doch das Playboy-Äußere täuscht: Er blättert die verwickeltsten mathematischen Formeln mühelos aus dem Gedächtnis auf. Er ist ein mitreißender Redner und er schreibt anschaulich. Er hat eine enorme Anhängerschaft gewonnen, nicht nur unter den technisch Naiven, sondern auch unter den technisch Halbgebildeten. Sie sind bereit, mit ihm auszuziehen, um den Gral der Technik im All zu suchen.

Er scheut sich nicht, Vorträge im Stil der Volkshochschule zu halten; er tritt in Fernsehprogrammen für Kinder auf, berät Walt Disney bei der Herstellung utopischer Filme und schreibt fesselnde Magazin-Artikel. In Amerika und in Deutschland hat er - gemeinsam mit einigen seiner Apostel - zwei großformatige Buchbände über die »Station im Weltraum« und »Die Eroberung des Mondes« herausgebracht, die von teuersten amerikanischen Illustratoren mit stimmungsvollen Aquarellen von der Landung Braunscher Raketen auf dem Mond ausgeschmückt wurden*).

Seine Idee, eine Plattform im Raum zu errichten, ist im Prinzip nicht neu. Schon Anfang der zwanziger Jahre konzipierte der österreichische Hauptmann Potočnik unter dem Pseudonym »Hauptmann Noordung« einen künstlichen Satelliten als radförmiges Gebilde. Der deutsche Professor Hermann Oberth entwarf 1929 eine ähnliche Station. Aus diesen ersten Projekten, die alle nicht über das Stadium spielerischer Bleistiftskizzen hinaus entwickelt wurden, speiste Wernher von Braun seine Pläne, die auf einem soliden mathematischen Fundament aufgebaut sind und Lösungen für jedes nur denkbare Detailproblem offerieren.

Von Brauns Plan sieht vor, daß die einzelnen Bauteile der bemannten Außenstation erst im Raum zusammengesetzt werden. Die Einzelteile sollen von gigantischen Raketen »hinauf« ins All befördert werden. »Solche Raketen können in den nächsten Jahren gebaut werden«, glaubt von Braun. Es müßten sogenannte Dreistufen-Raketen sein, das heißt: Jede Rakete besteht eigentlich aus drei Raketen ("Stufen"), die nach dem Huckepack-Prinzip aufeinander aufgestockt sind. Stufenraketen erzielen bei geringerem technischen Aufwand wesentlich höhere Geschwindigkeiten als einzelne Raketen gleicher Größe: Sobald die unterste Raketen-»Stufe« ausgebrannt ist, löst sie sich von dem Projektil; der Raketenmotor der zweiten »Stufe« wird gezündet und erhöht die bereits erreichte Geschwindigkeit weiter. Nach dem Leerbrennen der zweiten »Stufe« löst sich die winzige dritte und letzte. Von allem überflüssigen Gewicht befreit, schaltet sie ihren Raketenmotor ein und erhöht nochmals die Geschwindigkeit, die sie schon durch die Antriebskraft der beiden abgefallenen Triebsätze - die nun an riesigen Bänderfallschirmen zur Erde zurückschweben - erhalten hat. Die Addition der drei Antriebsschübe ergibt die Endgeschwindigkeit der Rakete.

»Man stelle sich die Größe dieser gewaltigen dreistufigen Rakete vor«, schwärmt Wernher von Braun. »Sie ist 80 Meter hoch, ungefähr so groß wie ein 25stöckiges Haus. Am unteren Ende hat sie einen Durchmesser von 20 Metern. Sie wiegt 6400 Tonnen, soviel wie ein leichter Kreuzer. Sie kann eine kleine Besatzung und eine Nutzlast von 32,5 Tonnen mit der erforderlichen Geschwindigkeit von 29 650 Stundenkilometer auf die gedachte Kreisbahn in 1730 km Höhe befördern.«

Zwanzig Sekunden nach dem Start ist die Rakete in den Wolken verschwunden. Wegen der fürchterlichen Beschleunigung liegen die Besatzungsmitglieder flach auf »Konturbetten«, die der Körperform genau angepaßt sind. Während des ganzen Fluges wird die Rakete von einem »automatischen Piloten«, einem Kurssteuergerät, gelenkt.

Einmal mit der vorausberechneten Geschwindigkeit auf der Kreisbahn, kann die Rakete nicht »abstürzen«; als künstlicher Satellit kreist sie wie ein Mond um die Erde. Ihre Geschwindigkeit wird nicht - wie bei den winzigen Monden des »Unternehmens Mouse« - durch den Luftwiderstand gebremst, denn ihre Kreisbahn verläuft in 1730 km Höhe über der Erde, also weit außerhalb der irdischen Atmosphäre.

»In 1730 km Höhe ist die Mannschaft dabei, die Raumstation zu errichten«, beschreibt von Braun sein Unternehmen. »Man beginnt die 32,5 Tonnen Nutzlast, die man mitgebracht hat, auszuladen. Aber wie und wo machen die Männer das? Ringsum ist ja nichts als leerer Raum. Nun, die Ladung wird einfach hinausgekippt. Sie ist ebenfalls zu Satelliten geworden. Und genau so ergeht es den Insassen der Rakete. Ausgerüstet mit grotesk aussehenden Druckanzügen und Sauerstoffgeräten können sie nun das Schiff verlassen und herumschwimmen, ohne sich festzuhalten.«

Die Männer des Raumschiffes spüren nichts von der phantastischen Geschwindigkeit, mit der sie die Erde umkreisen. Im Gegensatz zu den Menschen am Erdboden merken die Menschen im Raum nichts von der Anziehungskraft.

»Sehr wahrscheinlich wird jeder Mann während der Arbeit an der Rakete angeseilt sein. Genau so wird man die Werkzeuge sichern, denn sonst würden sie in den Raum hinaustreiben.«

Die um die Erde rotierenden Raketenmänner arbeiten in unheimlicher Stille, denn zur Fortpflanzung der Geräusche fehlt die Luft als Träger der Schallwellen. Die Monteure verständigen sich durch Sprechfunkgeräte, die in ihre Raumanzüge eingebaut sind. Das Baumaterial läßt sich leichter bewegen als auf der Erde, denn es ist schwerelos, und es gibt auch keine Reibung.

Ein Dutzend Lastraketen-Ladungen müssen zu dem Bauplatz im All hinaufgeschafft werden, dann erst ist der Bau nach den Plänen Wernher von Brauns beendet, und die gewaltige, dreistöckige, 75 Meter weite Raumstation - die wie ein riesiger Autoreifen aussieht - kreist um die Erde. Die Wissenschaftler wohnen in dem mit Sauerstoff gefüllten »Schlauch« des gigantischen Reifens, der aus aufgeblasenen Kunststoffhüllen besteht. »Welch ein Unternehmen!« ruft von Braun. »Ein von Menschenhand geschaffener, von Menschen bewohnter künstlicher Himmelskörper!«

Den Bewohnern der Plattform im nachtschwarzen All wird die Erde ein ehrfurchtgebietender Anblick sein. Als eine riesige, leuchtende Kugel wird sie in 1730 Kilometer Entfernung tief »unten« dahinrollen. Auf der Tagseite werden blendend weiße Wolkenfelder das Sonnenlicht reflektieren; darunter werden die Kontinente in allen Schattierungen von Grau über Grün bis Braun erkennbar sein, eingerahmt von den glitzernden Spiegelflächen der Meere. Das strahlende Weiß der Polarkappen wird die ungeschützten Augen der Menschen im Raum zum Tränen bringen.

Auf der Nachtseite des Erdballes dagegen werden Hunderte von Lichtpunkten glühen - die Illuminationen der Weltstädte. Die Männer des Raum-Satelliten werden die tiefrote Farbschattierung der Morgendämmerung und das Dunkel der Nacht wie Flutwellen über den Erdball rollen sehen. Außerhalb des strahlenfilternden Dunstkreises der Atmosphäre wird das schwarze All mit seinen Millionen Sternen und einer gleißenden Sonne eine überwältigende Vorstellung seiner Unendlichkeit geben.

Nach dem Willen von Brauns soll die Station im All der vorteilhafteste Beobachtungsposten der Weltgeschichte werden. »Die Techniker der Station«, meint er, »können mit Teleskopen, die mit Bildschirmen, Radargeräten und Kameras verbunden sind, Meere und Kontinente, Länder und Städte unaufhörlich beobachten.« Der Start von Atombombern, der Abschuß von Raketen, Truppenzusammenziehungen - keine Kriegsvorbereitung könnte den gläsernen Augen der Weltraumstation entgehen, nicht einmal die Wachablösung am Kreml würde sich unbemerkt von ihnen vollziehen. Die Instrumente ermöglichen es, die Erdoberfläche so genau zu beobachten wie aus einem 1500 m hoch fliegenden Flugzeug.

Mehr noch: Die Raumstation kann, nach Wernher von Braun, in einen Atombombenträger verwandelt werden.

Im Jahre 1947 wurde bekannt, daß Experten des amerikanischen Verteidigungsministeriums das Satellitenprojekt ernsthaft studieren. Noch war eine wichtige, alles entscheidende Frage ungeklärt: Wird dieses zerbrechliche, beseelte Konglomerat von Knochen und Gewebe, der Mensch, die Gefahren der Raumfahrt überleben?

Das Verteidigungsministerium befahl die Einrichtung einer Abteilung für Raumfahrtmedizin auf dem Luftwaffen-Stützpunkt Randolph Field in Texas. Sie sollte alle physiologischen und psychologischen Gefahren untersuchen, denen der Mensch ausgesetzt ist, wenn er sich aus der schützenden Lufthülle heraus in den Raum wagt. Ein solcher Schritt ist nur vergleichbar mit dem entscheidenden Augenblick in der Entwicklung des Lebens, da die ersten Amphibienwesen die Urmeere verließen, um sich der feindlichen Umwelt auf dem Land anzupassen.

Blut quillt durch die Rückenhaut

In den Laboratorien der Raumfahrtmedizin-Abteilung wurden Freiwillige in riesigen Zentrifugen herumgewirbelt, bis ihnen das Blut in Tropfen durch die Rückenhaut quoll. In Unterdruckkabinen wurden die Verhältnisse des Höhenfluges simuliert, bis den Versuchspersonen die Sinne schwanden. In White Sands steckten die Forscher Affen und weiße Mäuse in Forschungsraketen und schossen sie in die Stratosphäre. Eingebaute Kameras filmten automatisch, wie sich die Tiere im Zustand der Schwerelosigkeit benahmen, der sich am Gipfel der ballistischen Kurve, die jede Rakete beschrieb, sekundenlang einstellte. Automatische Apparaturen maßen derweil Herz- und Atemtätigkeit der Tiere, die am Ende des Fluges an Fallschirmen zu Boden schwebten.

Mäuse und Affen überstanden die kurze Periode der Schwerelosigkeit gut: Puls, Blutdruck und Atmung hatten sich nur leicht geändert, was die Wissenschaftler als Schreck-Reaktion auf die Gewichtslosigkeit werteten. Auch Versuchspiloten überschallschneller Raketenflugzeuge lernten die unheimlichen Gefühle der Schwerelosigkeit kennen, wenn sie ihre Maschinen in eine flache, langgestreckte Kurve legten. Aber stets dauerte die kritische Zeitspanne nur wenige Sekunden. Wie aber wird der Mensch im Raum auf das unirdische Erlebnis der Gewichtslosigkeit reagieren, wenn es Tage und Wochen andauert?

Was die Umgangssprache Gewicht nennt, ist eine Auswirkung der Anziehungskraft der Erde (Gravitation). Diese Anziehungskraft wird mit zunehmender Entfernung von der Erde geringer. Im gleichen Maße verlieren Körper, die sich von der Erde entfernen, also etwa ein Raumschiff mit allem was darin ist, ihr Gewicht, bis sie schließlich praktisch schwerelos werden.

Dieser Zustand kann schon in geringer Entfernung von der Erde eintreten, wenn das Raumschiff um die Erde rotiert. Es unterliegt dann der sogenannten Fliehkraft, derselben Kraft, die Autoinsassen in Kurven zur Seite drückt, und zwar immer nach außen, vom Mittelpunkt der Kreisbewegung weg. Bei einem um die Erde kreisenden Raumschiff wirkt die Fliehkraft der Anziehungskraft der Erde genau entgegen und hebt sie - wenn die Geschwindigkeit des Raumschiffes groß genug ist - sogar gänzlich auf.

Die meisten Gelehrten glauben, daß der Mensch den Zustand der Gewichtslosigkeit auch längere Zeit ohne ernsthafte Schäden ertragen kann. Der Blutkreislauf wird funktionieren, denn das Herz pumpt das Blut durch den Körper, ob es nun gewichtslos ist oder nicht.

»Dagegen sind es das Nervensystem des Menschen, seine Sinnesorgane und sein Verstand, was uns Sorgen bereitet«, gestand Raumfahrt-Mediziner Dr. Heinz Haber von der Universität Los Angeles. Alle irdischen Maßstäbe der Orientierung sind aufgehoben. Es gibt kein Oben und kein Unten. Ein kleiner Stoß genügt, um den Satellitenbewohner quer durch die sauerstoffgefüllte Kabine des Raumschiffs zu treiben. Selbst der Rückstoß der Atemluft aus den Nasenlöchern oder kleine Muskelzuckungen kann ihn beim Schlafen vom Bett katapultieren (weswegen er angeschnallt ruhen muß).

Die Raumfahrt-Mediziner erwarten zuversichtlich, daß die Menschen im All nach einer kurzen Übergangszeit ein neues Gefühl für die räumliche Orientierung entwickeln. Dr. Haber glaubt, einige Raumfahrer würden sich sogar so weit umorientieren, daß sie »die Gewichtslosigkeit auf ihre Weise genießen«.

Die zweite Frage, die sich die Raumfahrt-Mediziner stellten, lautete: Wird der Mensch im Raum essen können? Schwerkraft ist dazu nicht erforderlich, wie die Forscher bald herausfanden, die sich kopfüber ans Trapez hängten und eine Mahlzeit einnahmen. Auch die Verdauungsvorgänge werden durch das Fehlen der Schwerkraft nicht gestört. Ein alptraumhaftes Erlebnis aber wird der Verzehr der täglichen Mahlzeiten trotzdem sein:

Die Mittagstafel im Raumschiff-Kasino wird mit merkwürdigen Eßwerkzeugen von der Art der Zuckerzangen versehen sein, denn Löffel oder Gabeln können nicht als Schaufeln verwendet werden. Bei kleinsten Bewegungen würden die Erbsen oder auch die Suppen (in kleinsten Tröpfchen) durch die Kabine schweben. Flüssigkeiten lassen sich nicht ausgießen - da die Anziehungskraft aufgehoben ist, fließen sie auch nicht nach »unten«. Die Raumfahrer werden deshalb alle Getränke durch Strohhalme saugen müssen.

In der Bordküche darf es nur geschlossene Gefäße geben. Nicht einmal Wasser könnte man in einem offenen Topf kochen, da die Dampfblasen, die sich am Boden des Gefäßes bilden, das Wasser nach »oben« hinaustreiben würden. Ebenso nutzlos wären etwa offene Pfannen: Das erste explosive Zischen des Fettes würde das Schnitzel durch die Raumkabine davonbrausen lassen.

Um den ersten Raumbewohnern wenigstens ein Mindestmaß irdischen Schwerkraft-Komforts zu geben, will von Braun sie mit einer - wenn auch geringen - künstlichen Schwerkraft versorgen. Ein Raketenmotor soll die reifenförmige Station zum Rotieren bringen, und die im kreiselnden Rad auftretenden Fliehkräfte würden als Schwerkraft-Ersatz dienen.

Ein kleines Sonnenenergie-Kraftwerk wird die Raumstation mit elektrischem Strom versorgen; Kulturen von Chlorella-Algen, die unter Einwirkung des Sonnenlichts Sauerstoff produzieren, werden den Sauerstoff-Bedarf der Mannschaft decken. Lebensmittel und Wasser schaffen Versorgungsraketen hinauf.

»Zusammenfassend können wir sagen«, erklärte Dr. Haber, »daß der Mensch im Weltraum am Leben bleiben wird, weil wir recht gut wissen, was dem Raketenschiff, der Raumstation und dem Menschen selbst passieren kann und wir uns auf alles klug vorbereiten können.«

»Obwohl die Besatzungen von Raketenschiffen und Raumstationen niemals vollständig gegen die Gefahr von Meteortreffern geschützt werden können, werden sie wahrscheinlich sicherer sein als Fußgänger, die eine Hauptstraße bei Geschäftsschluß überqueren.«

Alle Skeptiker, die an einen nahe bevorstehenden Vorstoß des Menschen in den Raum zweifeln, werden von den Raumfahrt-Aposteln des Wernher von Braun auf das Vabanquespiel des »Manhattan-Projektes« hingewiesen, des riesigen Sofort-Programms, in dem zu Beginn der vierziger Jahre Amerikas führende Wissenschaftler zur Herstellung der Atombombe vereint waren. »Als das Atombombenprojekt eingeleitet wurde«, schreibt einer der eifrigsten Braun-Förderer, der amerikanische politische Publizist Cornelius Ryan, »wußte in Wirklichkeit niemand, ob das Vorhaben erfolgreich sein würde«.

»Aber ein Projekt, in den Weltraum vorzudringen und dort eine Station zu errichten, würde kein Glücksspiel sein. Die Behauptung, daß riesige Raketenschiffe, wie sie von Braun vorgeschlagen werden, gebaut werden können, wird von keinem seriösen Gelehrten mehr bestritten.«

Das ist freilich übertrieben. Fast alle Männer, die an Raketen oder ferngelenkten Waffen arbeiten, sind Raumfahrt-Enthusiasten. Sie sind inbrünstig überzeugt, daß sie die Raumfahrt, vor der sie eine fast religiöse Ehrfurcht empfinden, eines Tages verwirklichen werden. Aber viele von ihnen erschauern beim Studium der Pläne, die Wernher von Braun so weit vorausgreifend aufgestellt hat. Sie glauben, daß von Brauns Projekt sehr wahrscheinlich mit einem großen Mißerfolg enden würde.

Die Flügel glühen kirschrot

Die öffentliche Diskussion über die Satelliten- und Mondfahrt-Pläne wird dadurch erschwert, daß fast alle neueren Ergebnisse der Raketenforschung geheim sind. Als technischer Direktor der Raketenforschungsanstalt der US-Armee kann Wernher von Braun nicht offen über alle technischen Erkenntnisse sprechen, ohne die Geheimhaltungsvorschriften zu verletzen. Ebenso engagiert sind fast alle seine Widersacher, die sich deswegen auf ziemlich allgemeine Argumente beschränken müssen. Viele ziehen es aus diesem Grunde vor, überhaupt nicht zu diskutieren.

Ein Raketenforscher, der sich trotzdem öffentlich, wenn auch sehr zurückhaltend gegen von Brauns Pläne ausgesprochen hat, ist Dr. Milton Rosen, Leiter des Marineforschungslaboratoriums Washington und Schöpfer der Forschungsrakete »Viking«, einer Nachfolgerin der V 2.

»Sein Gesicht wird fast weiß vor Schrecken«, berichtet der Raketen-Publizist J. N. Leonard, »wenn er von den Schwierigkeiten spricht, über die von Braun so unbekümmert hinweggeht, als seien sie überhaupt nicht vorhanden. Viele neue Raketen - darunter auch einige der von Rosen entworfenen - haben versagt, weil irgendein kleines, scheinbar unwichtiges Teilchen nicht genügend erprobt war. Das Versagen eines Relais für 30 Cent kann eine Rakete abstürzen lassen. Selbst die Entwicklungsgeschichte der V 2 enthält eine lange Serie haarsträubender Unfälle, und die V 2 ist ein konservatives Vehikel, verglichen mit den 7000 Tonnen schweren Monstern, die von Braun um die Erde kreisen lassen will.«

Die 7000-Tonnen-Raketen schon jetzt zu bauen, meint Rosen, käme dem Versuch gleich, einen Atombomber vom Typ B 36 aus den Tragflächen und Triebwerken eines Flugzeuges aus dem ersten Weltkrieg zusammenzubasteln.

Die Raketenmänner von White Sands sind beim Studium aller Einzelheiten der Braunschen Pläne auf Dutzende von schwierigen Problemen gestoßen, die voraussichtlich in den nächsten Jahren noch nicht bewältigt werden können. Zum Beispiel die Raketenmotoren: Wenn ihre Abmessungen nur geringfügig vergrößert werden, treten alle möglichen neuen Effekte auf. Selbst erprobte Motoren müssen gehätschelt werden wie exzentrische Diven, damit sie nicht explodieren. Die von Wernher von Braun geplanten Raketen-Monster sollen jedoch 51 Mammuttriebwerke, wie sie bisher überhaupt noch nicht einmal erprobt worden sind, enthalten. Es erscheint den Braun-Gegnern als Wahnsinnsidee, sich darauf zu verlassen, daß alle diese 51 unberechenbaren Ungeheuer gleichzeitig funktionieren.

Von Braun behauptet dagegen nicht nur, daß Raketen von der Größe eines 25stöckigen Gebäudes schon in den nächsten acht Jahren gebaut werden können. Er ist auch überzeugt, daß diese Lastraketen mit ihren Besatzungen nach Erreichen der Satellitenkreisbahn wieder sicher zur Erde zurückkehren werden. Nach seinen Berechnungen soll die Lastrakete auf ihrem Rückflug mit einer Geschwindigkeit von 30 000 Stundenkilometern in die oberen Schichten der Atmosphäre eintauchen, wobei sich die Metallplanken des Rumpfes und der Tragflächen auf über 700 Grad Celsius erhitzen und kirschrot aufglühen.

Bleibt nur ein Aschenregen übrig?`

»Das ist aber nicht weiter schlimm«, meint von Braun, »da es hitzebeständige Stähle gibt, die solchen Temperaturen leicht standhalten. Mannschafts- und Laderäume sind wärme-isoliert und durch eine Klima-Anlage gekühlt. Der Luftwiderstand wird die Rakete allmählich bremsen. Nach langem Gleitflug, bei dem sie einmal um die ganze Erde rasen wird, kann sie mit ausgefahrenem Fahrwerk so sicher wie ein Verkehrsflugzeug auf einem Flughafen landen.«

Dr. Rosen widerspricht. Er ist überzeugt, daß die Besatzung mit ihrer Lastrakete auf eine Reise ohne Wiederkehr gehen würde. Er nennt ein ganzes Bukett von Argumenten: Wernher von Brauns Theorie setzt voraus, daß die äußeren Schichten der Atmosphäre überall gleich dicht und überdies ruhig sind. Versuchsraketen aber haben bereits den Beweis erbracht, daß es dort Winde gibt, die mit einer Geschwindigkeit von 150 Stundenkilometern in vertikaler Richtung blasen und ein Raumschiff plötzlich in dichtere Luftschichten hinabschmettern könnten. Die blitzartige Steigerung der Reibungshitze würde das Gefährt in wenigen Sekunden in einen Feuerball verwandeln. Alles, was von ihm übrigbliebe, wäre ein zur Erde herabrieselnder Aschenregen.

Auch von Braun räumt ein, daß die Rückkehr »die verwickeltste Aufgabe« ist. Trotzdem hält er daran fest, daß die Station im Raum Wirklichkeit werden wird, »nicht erst nach einer Generation, sondern - sagen wir - im Jahr 1963«. Allen Zweiflern hält er ein bestechendes Argument entgegen: Was hätte man wohl im Jahre 1910, als die Luftfahrt gerade ihre ersten kleinen Erfolge erzielte, über einen Menschen gedacht, der die Verwirklichung des Weltluftverkehrs in den nächsten zwanzig Jahren vorausgesagt hätte?

Als der Gutsbesitzerssohn Wernher von Braun (am 23. März 1912 in der westpreußischen Kreisstadt Wirsitz) geboren wurde, holperten noch die Rumpler-Tauben, »Flugmaschinen« aus Holz und Leinwand, über die Grasnarbe des Tempelhofer Paradefeldes. In Berlin, wohin die Familie Anfang der zwanziger Jahre übersiedelte, bastelte der Gymnasiast Wernher aus einem Märklin-Baukasten kleine Wagen, steckte Feuerwerksraketen hinein und ließ die Gefährte in der Beethovenstraße loszischen, so daß die Polizei nicht selten im Hause des Barons aufkreuzte, um nach dem Passantenschreck zu forschen.

Diskussion mit Denkfehlern

In der Untertertia des Berliner Französischen Gymnasiums blieb er wegen »unzulänglicher Leistungen« in der Mathematik sitzen, und die Lehrer empfahlen den Eltern, ihn von der Schule zu nehmen. Später, in der Hermann-Lietz-Schule auf der Nordsee-Insel Spiekeroog, entwickelte sich aber doch seine phänomenale Begabung für die Mathematik. Die Direktion teilte den Eltern mit: »Wernher von Brauns mathematische Leistungen sind eine Reklameleistung für die ganze Schule.« Er wurde ein ganzes Jahr vorversetzt, erteilte den Kameraden Nachhilfe-Unterricht in Mathematik und vertrat den erkrankten Mathematiklehrer bei den Abiturvorbereitungen. Wernher von Braun sagte später selbst: »Die Keplerschen Ellipsen waren für mich das, was für andere die Berliner Avus war.«

Von seiner Mutter - einer ausgezeichneten Amateur-Astronomin - ermutigt, baute er sich ein astronomisches Fernrohr. Nächtelang starrte er zum Mond hinauf und beäugte den Mars. Die Erhabenheit des unendlichen Raumes, in den er durch sein primitives Fernrohr blickte, überwältigte ihn. Sein Biograph, der Raketen-Ingenieur Heinz Gartmann, verzeichnet ein Gespräch, in dem von Braun später berichtete, welche Himmelsstürmer-Begeisterung er damals empfand*): »Das war eine Aufgabe, der man sein Leben widmen konnte! Das hieß, den Mond und die Planeten nicht nur durch das Fernrohr betrachten, sondern selbst durch den Raum stürmen und das geheimnisvolle Universum unmittelbar erforschen! Damals ahnte ich, was Kolumbus gefühlt haben mochte.«

Als Achtzehnjähriger ging er - zur Vorbereitung auf das technische Studium - bei Borsig in die Lehre. An der Technischen Hochschule in Berlin-Charlottenburg belegte er mehrere Fächer, er studierte Kant und die Relativitätstheorie Einsteins. »Seine Phantasie kannte keine Grenzen«, schreibt Gartmann. »Er träumte und schwelgte in unermeßlichen Raketenflugplänen.«

Die Raketenbegeisterung mag ein Reflex der Zeit gewesen sein. So wie Mitte der dreißiger Jahre das Schlagwort von der Atom-Energie die Wissenschaftler, Film-Autoren, Illustrierten-Redakteure und utopischen Schriftsteller bewegte, so drehte sich damals das Gespräch der technisch Begeisterten um die Versuche der ersten Raketen-Pioniere.

Der Ingenieur Max Valier baute raketengetriebene Schienenwagen und Schlitten, die bis zu 180 Stundenkilometer erreichten; der Sportsmann Fritz von Opel kurvte vor 2000 begeisterten Berlinern mit einem Raketenauto heulend und qualmend über die Avus und startete in Frankfurt am Main mit einem wackeligen Eindecker, der durch den Rückstoß von 16 Pulverraketen vorangeschoben wurde.

Alle diese Männer suchten nach Möglichkeiten, die Rakete - diese jahrhundertealte Erfindung der Chinesen - als Antriebsmittel für irdische Fahr- und Flugzeuge zu verwenden. Aber viele von ihnen erblickten in der Rakete auch das ideale Weltraumgefährt. Der Raketen-Antrieb würde auch im luftleeren Raum wirken; die zur Verbrennung des Treibstoffs erforderliche Luft könnte das Projektil in Form von flüssigem Sauerstoff bei sich führen. Wie müßte eine solche Flüssigkeitsrakete beschaffen sein, fragten sich damals die Ingenieure, wenn sie die Anziehungskraft der Erde überwinden soll?

In einer Studentenbude in Heidelberg hatte Anfang der zwanziger Jahre Hermann Oberth, ein junger Studiosus aus Siebenbürgen mit schwarzem englischen Schnurrbart, vor einem Blatt Papier und einer fleckigen Logarithmentafel an dieser Frage herumgeknobelt.

Nachdem er sich durch den mathematischen Dschungel des Problems einen Weg gebahnt hatte, schrieb er die Ergebnisse seiner Berechnungen und Überlegungen nieder und schuf damit - was er selbst nicht ahnte - die wissenschaftlichen Fundamente der Astronautik. 1922 erschien im Verlag Oldenbourg das kleine Buch des 29jährigen unter dem Titel »Die Rakete zu den Planetenräumen«. Renommierte Professoren griffen Oberths Arbeit erbittert an, sie bestritten höhnisch, daß die von ihm vorgeschlagenen Flüssigkeitsraketen jemals die Lufthülle der Erde verlassen könnten, denn die Rückstoßwirkung der Rakete setze Luftmassen voraus, die den Rückstoß aufnehmen.

Wütend über den elementaren Denkfehler, der ihm als Gegenargument vorgehalten wurde, erklärte Oberth seinen Gegnern immer wieder, daß das Antriebsprinzip des Rückstoßes auf dem simplen dritten Bewegungsaxiom Isaak Newtons beruhe, das etwa besagt: Jede auf einen Körper wirkende Kraft löst eine gleich große, aber entgegengesetzt gerichtete Kraft aus. Das läßt sich an vielen einfachen Beispielen erklären: Wenn beim Schießen die Kugel den Gewehrlauf verläßt, gibt es einen Rückstoß, der den Kolben gegen die Schulter preßt. Das explodierende Pulver erzeugt einen nach allen Seiten wirkenden Druck. Der Druck auf den Geschoßboden treibt das Geschoß zum Lauf hinaus; der gleiche Druck wirkt aber auch auf das geschlossene hintere Ende des Laufes: der Schütze spürt den Rückstoß. Genauso wird der Rückstoß der Rakete erzeugt; Luft ist also für den Ablauf des Vorganges nicht erforderlich.

Die Ingenieure warnten

Trotz aller kleinen Erfolge der ersten Raketenpioniere stellte sich bald heraus: Die von ihnen benutzten Pulverraketen waren keine idealen Antriebsmittel. Ihre Geschwindigkeit ließ sich nicht regulieren; wenn die Pulverladung erst einmal zu sprühen angefangen hatte, lief der Brennvorgang praktisch unkontrollierbar ab. Resigniert erklärte Fritz von Opel, er werde seine Versuche erst dann fortsetzen, wenn ein brauchbarer Raketenmotor für flüssige Treibstoffe geschaffen sei. Aber viele Ingenieure warnten: Eine Rakete mit flüssigen Treibstoffen könne wegen der großen Explosionsgefahr nicht gebaut werden.

Andere Raketen-Enthusiasten machten unbekümmert weiter. Auf einem ausgedienten Schießplatz in Berlin-Reinickendorf unternahmen der Kriegsflieger Rudolf Nebel und der Ingenieur Klaus Riedel erste Versuche mit einer kleinen Flüssigkeitsrakete, die mit (flüssigem) Sauerstoff und Benzin angetrieben wurde.

Damals tauchte auch der Student Wernher von Braun bei den Männern auf dem Schießplatz auf, der bald auf den anspruchsvollen Namen »Raketenflugplatz Berlin« getauft wurde. Fast zur gleichen Zeit beschloß die Ballistische- und Munitionsabteilung des Heereswaffenamtes dem allgemeinen Gerede über die neuen Flüssigkeitsraketen nachzuspüren und selbst »Strahlantriebe« zu erproben. Als Waffen waren Pulverraketen längst eingeführt, hatte doch die englische Flotte schon im Jahre 1807 Kopenhagen mit 25 000 Raketen in Brand geschossen.

Das Heereswaffenamt nahm mit den einzelnen Erfindergruppen Verbindung auf, die zum Teil noch planlos arbeiteten und sich fast ausnahmslos untereinander befehdeten.

Im Frühjahr 1930 wurde der Artillerieoffizier Dr. Walter Dornberger, der gerade sein Maschinenbau-Studium an der Technischen Hochschule abgeschlossen hatte, dem ballistischen Referat des Heereswaffenamtes zugeteilt, das die bis dahin erreichten Ergebnisse erst einmal sammeln und auswerten wollte. »Wir wollten endlich einmal aus dem Bereich der Theorie, der unbewiesenen Behauptungen und der großsprecherischen Phantasien heraus«, sagte Dornberger. »Wir hatten die Nase voll von der phantasievollen Projektmacherei für Weltraumfahrt. Die sechste Stelle hinter dem Komma der Bahnkurvenberechnung für eine Reise zur Venus war uns ebenso gleichgültig wie die Frage der Heizung und Frischluftversorgung in der Druckluftkabine eines Marsbootes. Nun war es freilich von Anfang an schwer, meine jungen Mitarbeiter von Weltraumphantasien abzubringen und sie zu harter, ruhiger Forscher- und Entwicklungsarbeit zu zwingen.«

Auf dem Raketenflugplatz Berlin lernte Dornberger den Wernher von Braun kennen. »Dieser junge, hochgewachsene Student mit dem breiten massigen Kinn war mir durch sein erstaunliches theoretisches Wissen aufgefallen. Es schien mir, als ob er die Probleme besser erfaßte und als ob ihm vor allem daran läge, die Schwierigkeiten klar herauszustellen. Darin unterschied er sich wohltuend von der Mehrzahl der auf dem Raketenflugplatz führenden Männer.«

Als die Reichswehr die Einrichtung einer heereseigenen Entwicklungsstelle für Flüssigkeitsraketen beschloß, schlug Dornberger den jungen Studenten - dessen Vater, Magnus Freiherr von Braun, damals gerade Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft war - als ersten Mitarbeiter vor. Am 1. Oktober 1932 wurde er Angestellter beim Heereswaffenamt. In Kummersdorf, 28 Kilometer südlich von Berlin, richtete Dornberger die ersten Raketen-Prüfstände ein. Schon im Dezember 1934 gelang auf der Nordseeinsel Borkum der Abschuß des »Aggregates 2«, einer Flüssigkeitsrakete, die eine Höhe von 2200 Metern erreichte. Im gleichen Jahr promovierte Wernher von Braun mit einer Arbeit über »Probleme der Flüssigkeitsrakete«.

Hitler zweifelte

Auf Urlaub zu Hause, fragte er zu jener Zeit seine Eltern: »Wir brauchen einen größeren Versuchsplatz - wißt ihr keinen?« Seine Mutter, die aus der Anklamer Gegend stammt, schlug den Peenemünder Haken (auf der Insel Usedom) vor: »Da habt ihr doch die ganze Ostsee vor euch!« So entstanden 1936 in Peenemünde die Prüfstände des Heeres und der Luftwaffe. Dort wurde in den Jahren bis zum Rußlandkrieg die erste moderne Großrakete entwickelt: das »Aggregat 4«, später V 2 genannt. Dornberger wurde Kommandeur, Wernher von Braun technischer Direktor des riesigen Projekts, an dem zeitweilig 15 000 Menschen arbeiteten.

Am 3. Oktober 1942, nachdem Tausende von kleinen und großen Problemen in schier endlosen Versuchsreihen gelöst worden waren, hatte die Arbeitsgruppe Dornbergers ihr Ziel erreicht: Mit donnerartigem Rollen, eine rotgelbe Flamme speiend, stieg das 14 Meter lange, 13 Tonnen schwere Projektil, durch die Verbrennungsgase von flüssigem Sauerstoff und Äthyl-Alkohol angetrieben, auf 90 km Höhe. Kurz vor seinem Aufschlag raste es mit einer Geschwindigkeit von 1500 Metern je Sekunde durch die Atmosphäre. 192 km vom Abschußtisch entfernt stürzte es mit der Wucht von 50 je 100 Tonnen schweren Schnellzuglokomotiven, die mit einer Geschwindigkeit von 100 Stundenkilometern gleichzeitig zusammenrasen, auf die Erde.

Die Fertigstellung des A-4 wurde durch die Zweifel Hitlers, der dem Projektil nicht die höchste Dringlichkeitsstufe zubilligte, durch die Eifersucht der SS und die Intrigen von Parteiführern mehr verzögert als durch alliierte Luftangriffe und durch die noch immer auftretenden Mängel. »In diesen Wochen und Monaten bewies Wernher von Braun sein überragendes Talent auch als Organisator«, berichtet Ingenieur Gartmann. »Seine Überzeugungskraft war anscheinend unbegrenzt.« Im Juli 1943 hielt er gemeinsam mit Dornberger Vortrag in der Wolfsschanze. Hitler war von der Suggestivkraft Wernher von Brauns genauso beeindruckt, wie später die Generale des Pentagons: Das A-4-Programm wurde endlich in die höchste Dringlichkeitsstufe eingereiht; Wernher von Braun, eben 31jährig und technischer Chef der größten Raketenversuchsanstalt der Welt, erhielt den Titel eines Professors.

Unermüdlich entwarf er immer ehrgeizigere Projekte: Das »Aggregat 9«, das in 35 Minuten eine Entfernung von 4100 Kilometern überbrücken sollte, dann das »A-10«, ein 87 Tonnen schweres Monstrum. Der nächste logische Entwurf wäre die dreistufige Satellitenrakete gewesen, die Voraussetzung zum Bau einer Weltraumstation. Während die Fronten schon wackelten, grübelte er über den Problemen der Mondfahrt.

Doch die SS duldete solche Himmelsstürmer-Phantasien in »Deutschlands Schicksalsjahren« nicht. Am 15. März 1944 verhafteten Gestapo-Beamte den jungen Professor und zwei seiner Mitarbeiter.

Dornberger mußte sich bei Feldmarschall Keitel melden und erfuhr: »Es geht um den Kopf der Herren. Von Braun und die anderen haben geäußert, es sei nie ihre Absicht gewesen, eine Waffe aus der Rakete zu machen. Sie hätten die ganze Entwicklung nur betrieben, um Geld für ihre Versuche und die Bestätigung ihrer Ideen zu bekommen. Ihr Ziel sei nach wie vor die Weltraumfahrt. Das ist Sabotage!« Dem diplomatischen Dornberger gelang es durch eine Intervention bei der Gestapo, die drei freizubekommen. Einige Tage später arbeiteten sie schon wieder in Peenemünde.

Sie brauchten noch Monate, um die V 2 einsatzbereit zu machen. Erst am 8. September 1944 startete die erste Fernrakete - nach der Atombombe die größte technologische Leistung des zweiten Weltkrieges - mit einer Tonne Sprengstoff im Kopf nach England. In der Nähe von Den Haag abgeschossen, stieg sie auf 80 km Höhe und raste mit Überschallgeschwindigkeit ins Ziel: London. 4300 Exemplare folgten ihr, ehe die Russen Peenemünde eroberten und die Amerikaner die unterirdischen Fertigungsstätten im Harz besetzten.

Der amerikanische Professor Götz Briefs berichtete später, wie Wernher von Braun gefangengenommen wurde. Er hatte sich kurz vorher bei einem Autounfall den Arm gebrochen, schlenderte leger auf die amerikanischen Krieger zu - nach Professor Briefs »wie ein Kongreßmann, der die Front abschreitet« -, besah sich die Kriegsauszeichnungen und begann gleich: »When did you get this medal?« (Wann haben Sie diesen Orden bekommen?)

Im Sommer 1945 wurden Wernher von Braun und viele seiner Mitarbeiter im Rahmen der »Operation Paperclip«, einer Armee-Aktion zur Anwerbung deutscher Spezialisten, nach Amerika verpflichtet. Sie sollten die US-Armee, deren eigene Raketenforschung erbärmlich weit zurück war, in der Handhabung der erbeuteten V-2-Raketen unterrichten. Schon knapp ein Jahr nach Kriegsende, am 16. April 1946, stieg auf dem neueingerichteten Raketenversuchsplatz White Sands die erste Beute-Rakete in den blauen Himmel des amerikanischen Westens. Bis zum 19. September 1952 wiederholte sich 47mal das erregende Schauspiel eines V-2-Großraketenstarts, das von den wenigen Journalisten, die durch die Absperrung von White Sands vordringen konnten, als eine der packendsten Darbietungen der Technik bezeichnet wurde. Raketen-Publizist J. N. Leonard, der mit Sondergenehmigung des Verteidigungsministeriums einen Raketenstart in White Sands beobachten durfte, schrieb von »einem Erlebnis, dem nur wenige Erlebnisse auf der Erde gleichkommen«.

Eine gelbe Flamme schießt aus dem Heck der Rakete, dann rollt ein Donnern über die Wüstenfläche. Eine Kaskade von Feuer und Qualm speiend, hebt das Projektil langsam und schaukelnd vom Boden ab, wird schneller und schneller, bis es wie ein Pfeil in den Himmel rast. Nach wenigen Minuten ist es aus dem Sichtbereich des menschlichen Auges verschwunden; nur ein weißer Kondensstreifen bleibt zurück.

Aber die Theodoliten, Kameras und Radargeräte verfolgen unbeirrbar den Flug der Rakete, in deren Nase sich ein winziger komplizierter Mechanismus selbsttätig in Bewegung setzt. Die kurzwelligen Strahlungen der Sonne, die Partikel der kosmischen Strahlung, Temperatur, Dichte und Strömung der vorbeirauschenden Luft werden gemessen und teilweise automatisch zur Erde gefunkt oder nach einem akustischen Verfahren zurückgestrahlt, das sich wie das mutwillige Klaviergeklimper eines Kindes anhört. Die Höhe der Töne verrät den Männern in White Sands, auf welche Bedingungen die Rakete in den oberen Schichten der Atmosphäre gestoßen ist. Lauter und lauter werden die Geräusche in den Lautsprechern der Bunker von White Sands, wenn die Rakete ihren höchsten Punkt erreicht hat und mit einer Geschwindigkeit von 5000 Stundenkilometer zur Erde zurückrast.

Abrupt bricht die sphärische Musik ab. Die Rakete hat sich in den Wüstenboden gebohrt. Die elektronischen Augen von White Sands haben ihren Flug bis zum Absturz beobachtet. Jeeps mit Wissenschaftlern rasen zum Krater der Aufschlagstelle, um stählerne Trommeln mit kostbaren Meßergebnissen aus dem zerschmetterten Raketenrumpf zu bergen.

Am 24. Februar 1949 flog eine Zweistufenrakete zum ersten Male in den Weltraum hinaus. Eine deutsche V 2 trug eine kleinere amerikanische Rakete vom Typ »Wac Corporal« in der Huckepackanordnung auf 35 Kilometer Höhe. Dort startete die »Wac Corporal« von der Schulter der deutschen Beute-Rakete und raste auf eine Höhe von 403 Kilometern, ein Ereignis, das - wie die Raketenmänner später verkündeten - nur mit dem ersten Motorflug und der ersten Atom-Explosion verglichen werden kann. Denn unbestreitbar konnte die von der »Wac Corporal« durchmessene Sphäre bereits als »Weltraum« bezeichnet werden.

Seitdem hat das Verteidigungsministerium eine Mauer des Schweigens um White Sands errichtet. Mit verstärkter Aktivität arbeitet eine Armee von Wissenschaftlern und Technikern an neuen Raketen, über die nur vage Gerüchte an die Öffentlichkeit sickern. Insgesamt 26 neue Raketenmuster wurden gebaut, erprobt, verbessert. Es entstanden Raketen, deren geniale Elektronengehirne den Kurs - wie der Navigationsoffizier eines Schiffes - nach den Gestirnen steuern. Andere orientieren sich an dem magnetischen Feld der Erde, das je nach Längen- und Breitengrad verschieden stark ist.

Drei der neuen Raketen - »Atlas«, »Snark«, »Navaho« - gelten als »interkontinentale Lenkwaffen«. Sie sollen in wenigen Minuten von Kontinent zu Kontinent über den Atlantik oder den Pazifik fliegen und sich mit einer Atombombe im Kopf auf den Gegner stürzen.

Wernher von Braun arbeitet in dem Alabama-Städtchen Huntsville, der »Raketenhauptstadt der USA«, wo er als technischer Direktor der Raketenversuchsanstalt der US-Armee Herr über rund einhundert deutsche Mitarbeiter ist, an einer aus der V 2 abgeleiteten Rakete: der 18 Meter langen »Redstone«. Die vielversprechenden Leistungen dieses Projektils haben das Verteidigungsministerium Anfang Dezember 1955 dazu bewogen, dem Entwicklungsprogramm für ferngelenkte Waffen die höchste Dringlichkeitsstufe zu gewähren.

In den wenigen freien Stunden, die ihm die Arbeit an der neuen Rakete läßt, sitzt Wernher von Braun meistens über den Plänen für den Vorstoß ins All. »Manchmal habe ich das Gefühl, mehr mit einer Rakete als mit irgend etwas anderem verheiratet zu sein«, seufzte einmal seine zwölf Jahre jüngere, sehr attraktive Frau Maria. Wernher von Braun hatte sie - eine Kusine aus der Familie der Mutter - während des Krieges in der Nähe von Peenemünde kennengelernt, wo er das Gut seines Onkels besuchte.

1947 schrieb der Konstrukteur der modernsten Himmelsfahrzeuge seinem Vater aus Amerika: »Nachdem wir ja jetzt wieder leben wie im Mittelalter, muß ich Dich bitten, einen ungewöhnlichen Auftrag für mich zu übernehmen. Kannst Du nicht mal als mein Brautwerber zu meiner Kusine Maria fahren und ihr sagen, ich möcht' sie heiraten?«

Die Trauung im bayrischen Landshut war ein lupenreines Zeitbild des Jahres 1947. Vor und in der kleinen evangelischen Kirche wimmelte es von deutschen Polizisten, MP-Patrouillen und bulligen Geheimpolizisten des FBI, die den kostbaren Hochzeiter davor bewahren sollten, gekidnapt zu werden. Die Flitterwochen ließen sich ähnlich an. In der bereitgestellten kleinen Wohnung hatten sich deutsche Polizeiposten in amerikanischem Auftrag einquartiert; auf dem Flur standen Munitionskisten, und selbst wenn das junge Paar ausging, folgten in 50 Meter Abstand Polizisten der beiden Nationalitäten, die sich zuweilen im Wald mit Schießübungen die Zeit vertrieben und in das Idyll der Liebenden einen zeitnahen Zug brachten. Nachts fuhren stets Kradstreifen um den Wohnblock.

In Huntsville bauten sich die von Brauns mit Hilfe eines Kredits in der McClungstreet 907 ein Häuschen, das typisch ist für die amerikanische obere Mittelklasse. Ein wohlgepflegter Garten und Rosenbeete nach deutscher Art sind die einzigen Anzeichen dafür, daß der Hausherr kein alteingesessener Amerikaner ist (der sich auf die Pflege des Rasens konzentrieren würde). Nur im Urlaub widmet sich von Braun seinem Lieblingssport: der Unterwasserjagd auf große Fische.

Während die Diskussion über seine Pläne zur Errichtung einer Weltraumstation in Gang kam, verbesserte er schon seine Studien für Expeditionen zum Mond und zum Mars.

Seine Pläne unterscheiden sich grundsätzlich von vielen bisher veröffentlichten Mondfahrtprojekten. Von Braun möchte seine Expedition nicht von der Erdoberfläche starten lassen; dazu würden Raketen benötigt, die technisch noch nicht denkbar sind: Sie müßten 440 Meter hoch sein und 770 000 Tonnen wiegen. Von Braun dagegen will die Raumstation als Startbasis für den Mondflug benutzen. Die Mondfahrzeuge sollen erst in der Nähe des Satelliten zusammengebaut werden.

Da solche Mondschiffe nicht erst die Erdatmosphäre durchstoßen müßten, brauchten sie keine Stromlinienform zu haben. Die Raumschiffe Wernher von Brauns sind plumpe, zerbrechlich aussehende Gestelle, mit runden, abwerfbaren Treibstoffbehältern, die wie Kletten am Rumpf hängen. »Schon zehn Jahre nach der Errichtung der Raumstation«, ereifert sich von Braun, »könnte die erste Expedition auf der staubbedeckten Oberfläche des Mondes landen.« Die amerikanische Raketenfabrik Glenn L. Martin, deren Reklameleute mindestens ebenso phantasievoll sind wie Wernher von Braun, veröffentlichte eine knallige Anzeige: »Wir sind fähig und willens, ein Raumschiff für den Flug zum Mond zu entwickeln, zu bauen und zu liefern, wenn die Verteidigungsanstrengungen unseres Landes die Ausführung eines solchen Auftrages verlangen.«

Der Chor der Gegner verstärkt sich jedesmal um viele Phon, wenn von Braun über die von ihm geplante Mars-Expedition spricht. Er hat errechnet, daß die Erdlinge nach einem 260tägigen Flug dem Begrüßungskomitee der Marsbewohner die Hände (oder Saugnapfarme) schütteln könnten.

Auch für ein solches Unternehmen wäre die erdumkreisende Station im All die Voraussetzung. Nach einer Kalkulation, die von Braun dem Pentagon unterbreitet hat, würde die Errichtung dieser Plattform nur einen Bruchteil der Summe kosten, die Amerika jährlich für seine Militärstützpunkte ausgibt: etwa vier Milliarden Dollar (16,8 Milliarden Mark). »Wenn die Vereinigten Staaten sich nicht schnell zum Bau einer solchen Station entschließen«, drängt von Braun seine Freunde im Pentagon, »werden sie damit rechnen müssen, daß eines Tages eine Raumstation mit sowjetischen Hoheitszeichen am Himmel auftaucht*).«

Wernher von Brauns Kritiker werfen ihm vor, daß er mit solchen Prophezeiungen nur eine Angstpsychose unter den Militärs auslösen wolle, um seine ehrgeizigen Pläne schneller verwirklichen zu können.

»Warum diese Hast?« fragt Raketen-Ingenieur Milton Rosen. Er bezweifelt von Brauns These, daß die Vereinigten Staaten von einem künstlichen Mond aus die Welt beherrschen könnten. »Wenn man vom Satelliten Atom-Raketen auf die Erde hinunterschießen kann«, sagt Rosen, »kann man ebensogut welche hinaufschießen. Die Raumstation ist leicht zu zerstören.«

Der Versuch, das Projekt schon jetzt zu verwirklichen, meint Rosen, könnte die Vereinigten Staaten teuer zu stehen kommen. In den USA sind qualifizierte Ingenieure und Wissenschaftler knapp. Die Regierung hat längst die normalen Anwerbungsmethoden aufgegeben und sendet Rekrutierungspatrouillen in jede Universität und technische Hochschule. Wenn von Brauns Pläne in einem Sofort-Programm verwirklicht werden sollten, müßte ein Heer von Wissenschaftlern - von Astronomen bis zu Zoologen - eingespannt werden. Es wäre ein gigantisches Vabanquespiel mit der Sicherheit der USA. Von Brauns Raketen würden sehr wahrscheinlich in den nächsten Jahrzehnten noch nicht starten, aber Amerika würde unterdes - während seine besten Wissenschaftler an dem Weltraum-Projekt arbeiten - seinen knappen Vorsprung in der Waffentechnik mit Sicherheit an die Sowjets verlieren.

Die Raumfahrtpläne spielen in den Schlachten, die sich die einzelnen Wehrmachtsteile im Pentagon liefern, eine große Rolle. Wenn etwa die Armee den Präsidenten und den Kongreß für ein großangelegtes Satellitenprogramm gewinnen könnte, würde sie die rivalisierenden Wehrmachtsteile im Kampf um die Etatbewilligungen ausstechen.

Offensichtlich hat der technische Braintrust hinter den Mauern des Pentagon noch nicht erkennen lassen, ob er bereit ist, in Wernher von Braun den Propheten zu sehen, als den er sich selbst betrachtet, oder den Phantasten, als den ihn seine Gegner bezeichnen. Augenscheinlich wollen die Verantwortlichen - das »Unternehmen Mouse« spricht dafür - eine endgültige Entscheidung von dem Ausgang einiger tastender Erkundungsvorstöße abhängig machen, in deren letztem Stadium Menschen in den Weltraum vorstoßen werden. Vielleicht werden die Ergebnisse neuer Forschungen andere, schier unvorstellbare Möglichkeiten für die Raumfahrt eröffnen. So arbeiten - wie Ende des vergangenen Monats bekannt wurde - viele technische Forschungsstäbe in Amerika daran, das Rätsel der Anziehungskraft - das größte Mysterium des Universums - zu lösen. Sie hoffen, daß es ihnen eines Tages gelingen wird, die Anziehungskraft zu neutralisieren, was eine größere technische Revolution auslösen würde als die Spaltung des Atoms.

Wie immer aber auch das Pentagon über die Pläne Wernher von Brauns entscheiden mag - in einem Punkt sind sich der deutsche Raketenforscher und seine erbittertsten Gegner einig: daß die Raumfahrt, »die größte technische Herausforderung aller Zeiten«, in irgendeiner Form - als nächster großer Schritt in der Evolution des Menschen - eines Tages verwirklicht werden wird. »Der Mensch hat seine Nase bereits in den Raum hinausgesteckt«, sagt Wernher von Braun. »Er wird sie nicht wieder zurückziehen.«

* Abkürzung für »Minimum Orbital Unmanned Satellite of the Earth« ("Kleinster unbemannter Erdsatellit"), zugleich ein Wortspiel mit dem englischen Wort für Maus. * »Station im Weltraum«, S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main. 150 Seiten. 12,80 Mark - »Die Eroberung des Mondes«, S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main. 124 Seiten. 13,80 Mark. * Heinz Gartmann: »Träumer, Forscher, Konstrukteure«. Econ Verlag, Düsseldorf. 328 Seiten, 12,80 Mark. * Professor Alexander N. Nesmeyanow, Präsident der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften, erklärte kürzlich: »Die Technik ist in ein Stadium getreten, in dem es für uns keineswegs wirklichkeitsfremd erscheint, Stratosphärenflugzeuge zum Mond zu schicken und einen künstlichen Erdtrabanten zu schaffen.« Schon im Oktober 1951 behauptete Professor Michael Tikhonrawow von der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften, ein von den Sowjets gebautes Raketenschiff werde in den nächsten zehn oder fünfzehn Jahren einen Ohnhaltflug zum Mond durchführen.

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