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»Komma muß bleiben«

Von Marcel Reich-Ranicki
aus DER SPIEGEL 42/1996

Ich verneige mich vor Ilse Aichinger, ich liebe wie eh und je Ulla Hahn. Ich schätze Ludwig Harig, Günter Kunert und erst recht Siegfried Lenz, den treuesten meiner wenigen Freunde. Meine Zuneigung zu Martin Walser ist, trotz seiner Romane, herzlich und unerschütterbar. Ich bewundere den mir in rührender Haßliebe ergebenen Günter Grass - auch wenn er sich auf den weiten Feldern der Literatur und der Politik so häufig verirrt. Aber: Jene, die sich so gern einmischen in Angelegenheiten, von denen sie keine Ahnung haben, unsere lieben Schriftsteller - wo waren sie diesmal, da es doch um eine Sache ging, von der sie etwas verstehen, um das Instrument, auf das sie angewiesen sind, um die Sprache? Vielleicht im Mustopf? Als man sich 1954 schon einmal, wieder einmal Gedanken über die deutsche Rechtschreibung machte, war Thomas Mann empört. Er glaube nicht, daß die bestehende Rechtschreibung einem normalen Kind Schwierigkeiten bereiten könne. Schon wahr, einem Kind nicht, doch dem größten deutschen Schriftsteller dieses Jahrhunderts sehr wohl: Thomas Mann hat die Rechtschreibung, wie aus Tagebüchern ersichtlich, keineswegs beherrscht. Er war damals 79 Jahre alt. In diesem Alter sieht man den Boden der Suppenschüssel und hat keine Lust, sich die Regeln einer neuen Rechtschreibung anzueignen. Ob vielleicht auch damit die späte Entrüstung unserer Schriftsteller zusammenhängt? Viele, die diese Erklärung unterschrieben haben, sind ja über 60, wenn nicht über 70 Jahre alt. Was mich betrifft: Ich bin 76 und werde mich für den Rest meines Lebens an die bisherige Rechtschreibung halten. Allerdings: Der Buchstabe »ß« ist überflüssig, ich werde, ähnlich wie das Volk der Hirten und Bankiers, künftig »ss« schreiben. Das Komma vor dem erweiterten Infinitiv sollte bleiben, also: »Der junge Mann hat beschlossen Komma das üppige Mädchen unzüchtig zu berühren.« Hier ist das Komma schön und nötig, weil es auch andeutet, daß es zwischen Absicht und Verwirklichung noch einen Augenblick des Zögerns gab. Einmal in 100 Jahren sollte man sich von dem stets zu erwartenden Widerstand der älteren Generationen nicht beirren lassen und die Rechtschreibung reformieren. Wie wäre es mit einem Kompromiß? Unsere lieben Schriftsteller aber seien an ein weises Wort erinnert. In seinem Trauerspiel »Wilhelm Tell« läßt Goethe den greisen Marquis Posa sagen: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.

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