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»KOMMEN SIE VIELLEICHT VON DER FRISEURINNUNG?«

aus DER SPIEGEL 20/1969

So wie unter dem alten Kaiser Wilhelm, sagte der betagte Herr mit dem Spazierstock zu dem Mädchen im Mini-Rock, so schön werde es ja doch nie wieder. Und deshalb wolle er auch gar nicht so genau wissen, was die F.D.P. an den Zuständen in der Bundesrepublik änderungsbedürftig finde.

Hübsche junge Mädchen darüber aufzuklären, daß die Demokratie im Grunde ein alter Zopf sei -- das macht hierzulande auch müde Männer munter. Jedenfalls gehen zwei von diesen Aufklärern auf ein Dutzend Lernbegierige, die an einem regnerischen Maitag in Ludwigshafen am Rhein zu den auskunftswilligen F.D.P.-Hostessen in den Doppeldeckerbus steigen, den die Zopf-ab-Partei mit den drei Punkten für den Wahlsieg rollen läßt.

Dieser Wahlkampfbus der F.D.P. ist eine aus der »Vielzahl heißer Aktionen«, die sich die »Kommunikations KG« Bonn, ein Unternehmen der Düsseldorfer »Team Werbeagentur GmbH & Co. GWA«, für den Stimmenfang der Freien Demokraten ausgedacht hat; eine Frühgeburt des mobilen Wahlkampfs, unterwegs bereits seit dem 25. Februar, und zwar mit einem stattlichen Fahrplan: Bis zum 28. September soll der Bus runde 50 000 Kilometer freidemokratisch durchrollt und in summa 250 Örtlichkeiten in der Bundesrepublik angelaufen haben. »Mit dem F.D.P.-Bus«, so die Leute von »Team« in einer Werbeschrift für Freunde und Helfer der Freien Demokraten, »fährt unser Konzept durch das ganze Land ... Ein Meinungs-Gepäckträger für unsere Wähler.« Aufgabe: »Canvassing am Ort, Dialog mit de: Bevölkerung«. Vorteil: »Presse und Aufmerksamkeit am Ort ohne Einsatz und damit ohne »Verschleiß« eines Politikers«. Das nenne ich einen Vorteil!

Die Bus-Besatzung nämlich, die statt dessen verschlissen wird, besteht in der Tat nicht aus Politikern. Der Informations- und Einsatzleiter Hartmut Orth, 25, hat bis dato vier Semester Holztechnik studiert und beabsichtigt, Ingenieur in dieser Branche zu werden. Und die drei »Politessen« werden wohl auch in keiner Volksvertretung je noch eine Jungfernrede halten. Sie verkaufen die F.D.P. mit langen Beinen, kurzen Röcken, liebenswürdigem Lächeln und auf Honorarbasis: 1320 Mark im Monat, einschließlich Spesen. Hartmut Orth kriegt knapp zweitausend.

Eigentlich sind es sogar vier Mädchen, gut gemischt: zwei kecke Kurzhaarige und zwei mehr fürs Herz etwelcher Romantiker in der Klientel. Die ersten beiden, Renate Vellrath, 23, und Gaby Hampel, 20, haben als Sekretärinnen gearbeitet und sind mehr oder minder verlobt (Hartmut und Renate sogar miteinander). Die beiden anderen, Dagmar Henkel, 23, von Beruf Schauspielerin, und Lydia Pilhatsch, 22, von Beruf Dolmetscherin, sind schon verheiratet. Dagmar hat neulich bei einem Besuch zu Hause erleben dürfen, daß ihre zeitweilige Abwesenheit der Ehe ganz gut bekommt. Lydia sieht daheim lieber öfter mal nach Recht und Ordnung. Im Bus sollen ohnehin nur drei Mädchen (und zwei Männer) auf einmal sein, den Fahrer eingeschlossen.

Die fünf im Bus leben ein Dreivierteljahr in einem rollenden Gehäuse von zwölf Meter Länge und 3,90 Meter Höhe, das in seiner oberen Abteilung Küche, Koje und Klo für äußerstenfalls sechs Menschen enthält, dazu einen putzigen, nur gebückt begehbaren Aufenthaltsraum. zwei ebensolche Duschen und ein tragbares Fernsehgerät. Dort machen sie Toilette, kochen, essen, klönen, schlafen -- nicht zusammen, aber doch gemeinsam: Togetherness im Oberstübchen.

Keines der Besatzungsmitglieder hat vor Antritt der Reise unmittelbar mit Politik zu tun gehabt, keines ist Mitglied der FDP, auch nicht der F.D.P. Alle fünf sind angeheuert von der Werbeagentur und haben ihre Verträge nur deshalb direkt mit der Partei abgeschlossen, damit diese die (sonst an die Agentur zu entrichtende) Mehrwertsteuer sparen kann.

Aber dafür sind sie von dialektisch betuchten Herren der FDP-Führung »geschult« worden für den Dialog mit dem Wähler -- ein ganzes Wochenende lang, in einem romantischen Burg-Restaurant hoch über Vater Rhein. Auch gab es ein geselliges Treffen mit dem Parteivorsitzenden Walter Scheel, an das sie sich gern erinnern. »Liberaler Geist«, so hat Hartmut Orth inzwischen der Gesprächspraxis entnommen, ist sowieso viel wichtige: als Details.

Für die Details gibt es das Drucksachenangebot, »groß und dynamisch«, wie »Team« findet. Die Bus-Besatzung, die es hat lesen müssen, ist da nicht so enthusiastisch. Jedenfalls hat Informationsleiter Orth zuweilen Mühe, der Frage »Wo steht denn das?«, wenn sie während einer in liberalem Geist geführten Unterhaltung auftaucht, mit dem schriftlichen Nachweis eines passenden Ausspruchs aus berufenem freidemokratischem Munde zu begegnen.

Dafür, daß zumindest die Broschüren mit gedruckten Reden der prominenten Freidemokraten Liselotte Funcke ("Wide: den Provinzialismus") und Walter Scheel ("Plädoyer für die neue Generation") einen gewissen Absatz finden, spricht der Bus-Witz Nummer eins -- eine wahre Begebenheit: Die Funcke-Reden sind unten, im Informationszentrum des Busses, ausgegangen. Politesse A geht nach oben, wo der Nachschub lagert, um neue zu holen, findet sie aber nicht. »Wo liegt denn die Funcke?« ruft sie hinunter. Und von dort antwortet Politesse B: »Die liegt unterm Scheel.«

Spaß soll übrigens sein, auch Spielerei. Das ist nicht frivol, das ist fortschrittlich, das ist F.D.P. Die Themen dieses Wahlkampfs sollen »stark und kontrovers« sein ("Team"). Man darf auch Anstoß daran nehmen: »Es lohnt nicht, offene Türen einzurennen. Die Türen müssen knallen -- so schafft man sich Gehör.« Die eigens komponierte Wahlkampfmusik, die der Bus über Lautsprecher nach draußen überträgt, heißt »Let's beat them«, Untertitel: »Glorious Election Music«; sie ist ziemlich genau das, was Teenager gemeinhin abschalten müssen, wenn die Eltern heimkommen -- und mit Recht.

Die F.D.P. setzt Kontraste. Schwarz und Weiß sind ihre Wahlkampf -Farben, allenfalls noch Silber. Nur Spielverderber bezeichnen den Bus als grau; er ist »stratosilbern«. Auf den blauen Himmel über der Ruhr, der 1965 bei der SPD so beliebt war, muß die F.D.P.-Kampagne aus farblichen Gründen leider verzichten.

Die F.D.P. ist eben anders als die anderen. Der »kleine werbetechnische Handgriff« ("Team") mit den drei Punkten »soll bis hinein in das Parteisymbol die Differenzierung von den anderen Parteien mit einfachen Mitteln« ausdrücken. Aha. So viel hat sich Günter Graß bei seiner Es-Pe-De damals gar nicht gedacht.

Fehlt noch die »Klammer«, die den widerspruchsfreudigen »Team«-Geist zusammenhält: »Diese Klammer soll merkfähig und aggressiv sein. Diese Idee heißt: Wir schaffen die alten Zöpfe ab.« Das ist zwar eine »werblich erforderliche Vereinfachung« » aber: »Diese Schocker steht nie allein. Immer hängt der Zopf an einem politischen Thema.«

An den Breitseiten des Wahlkampfbusses steht er freilich doch allein. Was einen Pfarrer in Kassel zu der höflichen Nachfrage veranlaßte: »Kommen Sie vielleicht von der Friseurinnung?« Und anderen Orts wollte ein Kurzsichtiger wissen, wer oder was um alles in der Welt denn die EDP sei; er hatte den Punkt hinter dem F als Querstrich aufgefaßt.

Macht nichts. Aller Fortschritt wird erst mal mißdeutet, Und außerdem war es ja nicht die F.D.P. die uns den politischsten Wahlkampf aller Zeiten versprochen hat. Da braucht sie ihn wohl auch nicht zu führen.

Die Wähler sollen vielmehr »spielerisch unser Konzept kennenlernen«. Zu welchem Zweck ihnen die Werbeleute der F.D.P. im Wahlkampfbus einen Spielautomaten aufgestellt haben, den sie Computer nennen -- und der »kann Ihnen sagen, welche persönliche Einstellung Sie zu den entscheidenden Problemen unseres Landes ... haben«.

Aber das ist geprahlt. Der »Computer«, Kaufpreis 39 000 Mark, ist in Wahrheit ein elektromechanisches Zählwerk, das mit kleinen Kugeln gefüttert wird. und die muß sich der »Tester« vorher zapfen, indem er sechs suggestiv formulierte Programmpunkte der F.D.P. -- die allerdings nicht als solche kenntlich gemacht werden -- durch Knopfdruck mit Ja oder Nein bewertet. Drückt er den Ja-Knopf, beispielsweise unter dem Satz: »Schluß mit staatlicher Bevormundung in der Intimsphäre. Gesetze sollen nicht Moral diktieren, sondern den Bürger schützen«, dann fällt ihm eine Kugel zu; sagt er nein, dann passiert gar nichts. Mit den Ja-Kugeln wird nun der »Computer« gespeist, der sie mit Geblinke und Gesumm zählt (nicht freilich die Nein-Stimmen) und zu einem Punkt-Resultat zusammenrechnet.

Wer der F.D.P.-Meinung in allem recht gibt (41 Punkte und mehr), wird belobigt: »Sie sind außerordentlich gut informiert und lassen sich von niemandem etwas vormachen«; außer natürlich von der F.D.P. Aber auch wer überwiegend den Nein-Knopf gedrückt hat (bis zu 15 Punkten) wird nicht etwa an die CDU verwiesen« bloß sanft vermahnt: »Warum zögern Sie?«

So billig kommen Hartmut, Renate, Gaby und Lydia nicht davon -- weniger, weil sie nicht auch vorgedruckte Antworten geben könnten, sondern weil sie etwas tun müssen, was der »Computer« nicht kann: zuhören immer wieder zuhören, auch -- und gerade -- wenn der Gesprächspartner gar nicht fragt, sondern klagt.

Zweierlei haben sie bald begriffen auf dieser Tour: Ihr F.D.P.-Informationsbus ist im Grunde eher ein allgemeiner Beschwerde-Bus oder wird doch immer wieder als solcher beansprucht; als transportable Meckerwiese für Unzufriedene und Besserwisser. als seelischer Schuttabladeplatz für Vereinsamte und Zurückgebliebene. Und der Wähler, das un-

* Parteichef Walter Scheel mit den Politessen Lydia (l.) und Dagmar im oberen Stock des Wahlkampfbusses.

bekannte Wesen, ist zunächst und vor allem ein Mensch in seinem Wahn.

Es kommen Menschen, die erzählen stundenlang Familiengeschichten, deren Zusammenhang mit der FDP-Politik bestenfalls ihnen selber einsichtig ist. Es kommen welche, die sind nach zwei Minuten vermeintlicher Sachdiskussion bei ihrem ganz persönlichen Dollpunkt (bei einer Erbschaftsgeschichte vielleicht; oder jemand in ihrem Büro hat sich Vorteile erschlichen) und wollen wissen, was denn nun gegen solche Zustände unternommen werde. Oder es kommen (wie in Bremen) die Apos und wollen über die liberalen Scheißer diskutieren, drei Stunden am Stück und perfekt marcusisch.

Hartmut, Renate, Gaby und Lydia haben da manchmal Mühe, die F.D.P. -- oder doch das, was sie an jenem rheinischen Wochenende von ihr gehört haben -- gebührend anzubringen. Schließlich hat auch die F.D.P. gegen Leute, die sich im Büro auf Kosten eines Kollegen Vorteile erschleichen. nichts im Programm. Und so ähnelt der »Dialog mit dem Wähler« nur allzu oft einem Gespräch der Gehörlosen: Der eine sagt, was er will -- und da kann der andere sagen, was er will!

Aber es kommen schon auch welche in den Bus, die wollen Informationen über diese F.D.P., junge Leute vor allem, meistens in Gruppen. Wie viele es sind, hängt vom Wetter ab und von der Qualität des Standplatzes (die wiederum von den politischen Mehrheitsverhältnissen in der örtlichen Stadtverwaltung abhängt). Einmal sind es zweihundert in einer Stunde, ein andermal zwei. Die Mädchen, besonders wenn sie mit ihren Freunden kommen, reden kaum und langweilen sich sehr. Kino ist doch lustiger.

Im Bus ist ein Telephon (Monatsmiete: 300 Mark), mit dessen Hilfe theoretisch jedermann jederzeit jede beliebige Frage an Scheel, Genscher, Mischnick, Friderichs stellen kann -- »Team«-Jargon: »der heiße Draht zur Spitzen-Crew der F.D.P.«. Es ist auch immer jemand erreichbar, vorausgesetzt, das Telephon funktioniert. Aber kaum ein schlichter Bus-Besucher mag es benutzen. Dem Risiko, daß am anderen Ende tatsächlich Walter Scheel den Hörer abnimmt, setzen sich allenfalls vorgeschickte Sprecher von Diskussionsgruppen aus oder die eigens hergebetenen Lokaireporter.

An jenem regnerischen Maitag in Ludwigshafen am Rhein war das Telephon ohnedies kaputt, Und so kam der diskussionsfreudige Herr in mittleren Jahren, der den Bus am Nachmittag fast als einziger Kunde mit seinem Besuch beehrte« gar nicht erst in die Verlegenheit, den Vorsitzenden Scheel persönlich zu fragen, wie dieser zu verhindern gedenke, daß in Deutschland einem Mann wie dem Apo-Anwalt Mahler eines Tages einfach alles gestattet sei, falsches Parken eingeschlossen.

Aber die Antwort wußte er sowieso selber: Man muß eben, bis mit dem ganzen Gesindel aufgeräumt ist, die Demokratie abschaffen -- vorübergehend natürlich und ganz legal ...

Hermann Schreiber

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