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Affären Kompletter Idiot

In Niedersachsen haben bei der skandalbelasteten Polizei und in der Justiz die Aufräumarbeiten begonnen.
aus DER SPIEGEL 32/1990

Dem Leitenden Oberstaatsanwalt Hans-Georg Hinkelmann, 58, aus Hannover liegen die Nerven blank. Er sei es »inzwischen leid, ständig zu wiederholen«, was er schon seit Jahren für eine klare Sache hält, schrieb er »hochachtungsvoll« und zugleich voller Zorn seinem Kollegen, dem Oberstaatsanwalt Gerhard Kreutz im benachbarten Hildesheim.

Wenn nicht alles täuscht, wird Hinkelmann, weil eben doch nicht alles klar ist, den lästigen Kram noch einmal wiederholen müssen - dann aber mündlich und als Angeklagter vor Gericht: Der Justizbeamte steht im Verdacht, zusammen mit anderen einen Unschuldigen verfolgt zu haben.

Dabei sollen Akten manipuliert, Falschaussagen gemacht und ein Richter getäuscht worden sein. Der Hildesheimer Kreutz - mit den Ermittlungen beauftragt, weil Hannovers Justiz ein ordentliches Verfahren nicht zuzutrauen war - hat in seinem Fadenkreuz noch weitere Prominenz aus Justiz und Polizei: Oberstaatsanwalt a. D. Winfried Lobback und vier Spitzenbeamte des niedersächsischen Landeskriminalamts.

Im Zentrum der Affäre steht eine der obskursten Figuren der bundesdeutschen Polizeigeschichte: Multiagent Werner Mauss, 50, der wegen seiner schrägen Ermittlungsmethoden jahrelang Gerichte, den niedersächsischen Landtag und sogar zwei parlamentarische Untersuchungsausschüsse beschäftigt hat. Mauss trug erheblich dazu bei, das Niedersachsen des - im Mai von Gerhard Schröder (SPD) abgelösten - CDU-Regierungschefs Ernst Albrecht als Skandalland erscheinen zu lassen.

Unter dem Tarnnamen »Claude« hatte sich Privatdetektiv Mauss schnell in die polizeilichen Ermittlungen eingeschaltet, nachdem am 31. Oktober 1981 der hannoversche Juwelier Rene Düe, damals 34, in seinem exklusiven Schmuckatelier überfallen und um 3075 Preziosen erleichtert worden war - Ketten, Colliers und andere Klunker im Wert von mehr als 13 Millionen Mark.

Bezahlt wurde Mauss von der Mannheimer Versicherung, bei der Düe versichert war. Ausgestattet mit 800 000 Mark von der Assekuranz sowie mit glänzenden Verbindungen zur Polizei, schwang sich Mauss, der auch als »Herr Lange vom BKA« auftrat, gleichsam zum Herrn des Verfahrens auf. Das Raubopfer Düe wunderte sich bald: »Brutale Gangster« hätten ihn schon geschäftlich ruiniert, nun wollten ihn »Staatsanwaltschaft und Polizei wohl ganz zu Boden werfen«.

Der Eindruck war richtig. Mauss, mit der Aussicht auf eine 350 000-Mark-Versicherungsprämie für die erfolgreiche Aufklärung des Falles, erkor kurzerhand das Opfer Düe zum Täter: Der Juwelier habe den Überfall nur vorgetäuscht.

Staatsanwaltschaft und Polizei machten sich die Version zu eigen und erreichten in einem ersten Verfahren 1984 eine Verurteilung Dües zu sieben Jahren Haft. 870 Tage lang saß der Juwelier im Knast - ganz und gar unschuldig, wie der Revisionsprozeß 1989 in Braunschweig ergab, in dem der Schmuckhändler vollständig exkulpiert wurde.

Dües Verteidiger Elmar Brehm sah damals seinen Mandanten als Opfer »des größten bisher bekanntgewordenen Komplottes« der bundesdeutschen Prozeßgeschichte. Selbst der Staatsanwalt im Revisionsverfahren meinte, in diesem Fall sei der »Rechtsstaat mit Füßen getreten« worden, Düe das »Opfer staatlicher Manipulation«.

Um die Verurteilung Dües zu erreichen, hatten Mauss und die Beamten ohne Rücksicht auf Gesetze getrickst. Ein angeblicher Belastungszeuge schwor einen Meineid. Wichtige Spuren, die auf andere Täter wiesen, wurden ignoriert, Akten verschwanden und fanden sich Jahre später, halb zerrissen, in der Gosse vor einem Polizeirevier wieder. Mehrfach hörten Polizeibeamte illegal Gespräche ab, auch im Ausland.

Lange dauerte es, bis in den Apparaten von Polizei und Justiz mit den Aufräumarbeiten begonnen wurde. Die jüngsten Ermittlungen gegen Oberstaatsanwalt Hinkelmann und Konsorten ranken um ein winziges, gleichwohl wichtiges Detail des Komplotts gegen Düe. Ein Richter hatte 1982 ein Abhören der Düe-Telefone abgelehnt, weil ihm der Verdacht auf Vortäuschung einer Straftat nicht ausreichte als gesetzliche Grundlage für eine Telefon-Überwachung (Amtskürzel: TÜ).

Der ehrgeizige Mauss habe daraufhin »getobt« und die Beamten angeherrscht, es müsse »eine TÜ her, egal wie«, berichtete später ein Kripomann.

Die Fahnder verfielen auf einen Trick. Statt gegen Düe ermittelten sie gegen dessen Schwager Achim Busse, der, nun plötzlich, den Raubüberfall auf Düe geplant haben sollte, wenn auch wohl mit dessen Einverständnis. Mit Hilfe einer TÜ für Busses Telefone sollten zugleich Dües Gespräche belauscht werden.

Für den Fall, daß der Raub-Vorwurf den Richtern nicht ausreichen sollte, wurde, wie einer der Polizisten zugab, der Antrag auf Telefonüberwachung mit abenteuerlichen Hinweisen »angedickt«, die auf einen kriminellen Hintergrund Busses deuten sollten.

So wurde behauptet, daß der Düe-Schwager in einem unbewohnten Haus kriminelle Geschäfte abwickele, teure Weltreisen unternehme, auf den Kanarischen Inseln 1000 Mark am Tag ausgebe und »Schmuck aus dem Raubüberfall z. N. Düe Dritten« angeboten habe.

Mauss ließ sich einige dieser Beschuldigungen von einem befreundeten Polizeioffizier auf den Kanaren attestieren; das Schreiben brachte er im eigenen Privatflugzeug nach Deutschland. Der Trick funktionierte.

Am 30. April 1982 besuchten Mauss und die Polizeibeamten den Leitenden Oberstaatsanwalt Hinkelmann eigens in dessen Feriendomizil in Bad Pyrmont. Lobback, der Sonderanwalt im Düe-Verfahren, unterzeichnete den Antrag. Am 3. Mai erteilte ein ahnungsloser Amtsrichter die TÜ-Genehmigung.

Nun prüft der Hildesheimer Staatsanwalt, ob seine Kollegen sowie die Polizisten samt Mauss mit Busse einen Unschuldigen verfolgt haben. Gegen Busse hätte - einen Tatverdacht vorausgesetzt - nicht wegen Raubes, sondern höchstens wegen Vortäuschung einer Straftat ermittelt werden dürfen. Bei einem solchen Verdacht jedoch wäre eine TÜ-Erlaubnis nicht erteilt worden.

Hinkelmann will von alledem nichts gewußt haben. Er schimpft nun, die Kripo habe sich »nicht an die Vorgaben der Staatsanwaltschaft gehalten«. Lobback hat an vieles nur noch »eine dumpfe Erinnerung« und weist die Verstrickung in das Komplott von sich: Er »wäre ja ein kompletter Idiot gewesen«, wenn er da mitgemacht hätte.

Polizeibeamte dagegen haben bereits ausgesagt, Lobback sei über alles informiert gewesen. Und auch Mauss hat zugegeben, »sämtliche beteiligten Personen«, darunter Hinkelmann, hätten gewußt, daß die Begründung für den Überwachungsantrag »falsch war«.

Der lichtscheue Detektiv ist mal wieder untergetaucht. Die westdeutsche Justiz kann ihn nur über seinen Anwalt in Stuttgart erreichen.

Seine ominösen Geschäfte betreibt Mauss unter einer neuen Tarnung: Zur Zeit tritt er als »Herr Fischer« aus Genf auf.

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