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»KOMPLIZIERT WIE VIELE DINGE DIESER ZEIT«

aus DER SPIEGEL 45/1968

Der Augenblick ist historisch, und die Historie genießt den Augenblick. Einer von den Verführern begegnet den Verführten. Doch der Verführer Ist längst abgeurteilt und hat verbüßt nach dem Maßstab einer Irdischen Gerechtigkeit -- der erst jetzt an die Verführten gelegt wird.

Einer, der auf der Brücke stand, von der herab das Schiff in die Strandung gesteuert wurde, und den man dafür bezahlen ließ, tritt in die Verhandlung gegen Männer aus dem Bauch des Schiffes, die erst jetzt hoch- und herausgeholt worden sind, gegen die eine Rechnung erst jetzt erstellt wird.

Die Historie genießt den Augenblick voll Bosheit, den Augenblick, In dem die längst erledigte Rechnung jene verspottet, die noch immer dabei sind, Rechnungen auszustellen; den Augenblick, der die Maßstäbe irdischer Gerechtigkeit dadurch bloßstellt, daß er die nach irdischem Strafmaß erledigte Schuld eines Anführers mit der unerledigten Schuld von Gefolgsleuten konfrontiert. Die Historie genießt den Augenblick, der ihre Interpreten als Spekulanten bloßstellt.

Am 1. Oktober 1946 ist Albert Speer vom Internationalen Militärtribunal in Nürnberg zu 20 Jahren Haft verurteilt worden. Am 30. September 1966 wurde er entlassen. Der Prozeß gegen Helmut Bischoff, Ernst Sander und Erwin Busta vor einem Schwurgericht in Essen hat am 17. November 1967 begonnen, und ein Ende ist noch nicht in Sicht. 170 Zeugen sind der Stoff, durch den sich das Gericht hindurchzuarbeiten hat. Den in Essen Angeklagten droht die Verurteilung zu lebenslangem Zuchthaus. Ihnen wird die Folterung und Ermordung von KZ-Insassen vorgeworfen, die Im Harz in Rüstungabetrieben für den Sieg Ihrer Peiniger Frondienste leisten mußten; in Betrieben, die dem Minister Speer unterstanden. Doch wer ist heute der ehemalige Minister Speer?

Da tritt ein altes Männlein in den Sitzungssaal in Essen, bekleidet mit einem Lumberjack von C & A, bescheiden und reinlich -- und die Photographen und Kameraleute fallen blitzend und schnurrend über es her. Das Männlein ohne Mantel errötet, dreht den Hut in den Händen, bis das Peloton der Bildjäger erstarrt. »Aber das ist doch gar nicht Speer!« hat endlich irgendwer gerufen. Gelächter. Wer ist denn Albert Speer, heute, nach dreiundzwanzig Jahren?

Dann kommt er wirklich, groß, hager. Das Kommando der Linsen umstellt ihn, er sitzt da im Feuer, Er ist nicht gelassen, er sitzt einfach da. Er ist ein Stück Geschichte, wohl auch schon für sich selbst, Der Vorsitzende belehrt, weist auf das Recht hin, die Aussage zu verweigern, wo sich der Zeuge selbst belasten könnte: »Das ist Ihnen ja klar.«

Was ist Ihm klar? Ihm Ist bewußt, daß er ein Zeuge in vieler Hinsicht ist. Ein Zeuge in diesem Prozeß, aber vor allem der Zeuge einer Zeit, ein Leitfossil; einer, dessen man sich als Quelle bedient, so wie man Dokumente, Scherben und Gebein verwendet.

»Etwas kompliziert« ist das, was er zu erzählen hat, »wie viele Dinge dieser Zeit«. Er sagt »etwas kompliziert« und meint wohl eher unbegreiflich, unfaßlich, unerklärlich. Da waren 20 Kommissionen, die unter ihm arbeiteten. Er hat ihre Mitglieder nicht einmal damals kennen können. Denn »dieses ganze Ministerium war ja eine riesige Improvisation«. Und da waren die Intrigen unter denen, die unter der Überschrift »Ein Volk, ein Reich, ein Führer« untereinander stritten.

»Die Sache ist wieder sehr kompliziert, weil hier Zuständigkeitsfragen ausgetragen wurden in der Spitze«, sagt der Zeuge Speer. Er sagt das nicht kühl oder distanziert, er berichtet das. Er ist ein historischer Beleg, und immer. wieder ordnet er sich selbst unter die Belege ein. »Es gibt ein Buch von einem Mister Irving da stehen diese Dinge ganz genau drin.« Er kann etwas nicht sagen, aber das mag daran liegen, daß der Mensch als Beleg schwach Ist: »Wenn das nicht In den Akten festgestellt worden Ist«, dann kann das nicht gewesen sein. Doch wenn das in den Akten stehen sollte, dann trifft das natürlich zu,

Selten einmal spricht Albert Speer von sich: »Ich will mich nun hier nicht herausreden ...« Er kann sich nicht herausreden, er ist drin In der Geschichte; zu heillos ist er in ihr, als daß er seine Rolle mindern, mildern könnte. Nur selten ringt er um eine Formulierung. »Führerprotokolle«, setzt er an, »Führerprotokolle«, wiederholt er, er zögert und fährt fort: »Führerprotokolle waren Aufzeichnungen, die ich machte nach Besprechungen mit Hitler.« Die persönliche Abgrenzung geht unter, ist belanglos. Albert Speer kann der Geschichte nicht mehr entrinnen.

Rechtsanwalt Kaul aus der DDR, Vertreter von Nebenklägern, hat die Ladung Speers beantragt. Er gewinnt einen Punkt für die Anklage: In den Rüstungswerken Im Harz wurde die V 2 gefertigt. Dem Zeugen Speer zufolge war die V 2 so unreif, daß es nahezu unmöglich war zu sagen, wann ein Versagen der Waffe auf Sabotage beruhte. Was waren dann die Tötungen wegen »Sabotage«?

Speer war um Besserung bemüht. Hat er nicht gar einmal eine Exekution verhindert, das Ist doch in diesem Prozeß schon ausgesagt worden? »Ich habe öfter mal was verhindert in dieser Richtung.« Ohne Anspruch sagt das der Mann mit dem faszinierenden Profil; der Mann, den eine Welt von den Physiognomien auf der Anklagebank trennt -- und der gerade darum diese Angeklagten und den Vorwurf gegen sie verschwinden läßt.

Der Zeuge Speer tritt ab, vereidigt. Kaum folgt ihm noch ein Blick, denn die Augen starren in den Abgrund seines Auftritts: Was ist diese Mühe um Gerechtigkeit, nachdem sich einer von den Verführern und drei von den Verführten so begegneten?

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