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Briefe

Konsensfähige Kriterien
aus DER SPIEGEL 34/1979

Konsensfähige Kriterien

(Nr. 31/1979, Hochschulen: An den westdeutschen Hochschulen für Kunst und Musik wird ein versteckter Numerus clausus praktiziert -- mit rechtlich umstrittenen Prüfungen und fragwürdigen Aufnahmekriterien)

Der Informationswert dieser SPIEGEL-Geschichte (so sagt man ja wohl) entspricht präzise demjenigen der Mitteilung, Paul Klee sei Expressionist.

Es ging nicht um die Grundsätze des Aufnahmeverfahrens -- diese. sind rational sehr wohl beschreibbar -, sondern um die Kriterien desselben, die sinnlicher Natur und daher in der Tat nicht »objektiv« -- was immer das sei -- überprüfbar sind. (Also, nach dem Gewicht der Bewerbungsmappen geht es bei uns jedenfalls nicht!) Wort und Zahl versagen, wo weder gedacht noch gerechnet, sondern empfunden wird. Man muß schon eine unbeschreibliche (und exakt nicht beschreibbare) gefühlsmäßige Aversion mitbringen, um etwas so einfaches rational nicht begreifen zu können!

Als die Akademien des 19. Jahrhunderts auf ihrem Höhepunkt waren, mußte jeder Akademiestudent viele Dinge einfach rein technisch beherrschen, ehe überhaupt die Frage: »Kunst oder nicht?« gestellt wurde. Heute kann sehr wohl eine einfache gestische Linie künstlerische Ausdrucksqualität besitzen, und es hat also wenig Sinn, technischmaterielles Vermögen zu werten.

Andererseits: wir haben Kriterien, und sie sind auch überwiegend konsensfähig (ein öffentlicher Test wird angeboten!), zumindest im Bereich jeder einzelnen der Hochschulen, als welche bekanntlich verschiedene sind. Allerdings: einem Laien sind sie ebenso unbegreiflich wie zum Beispiel mir chemische Formeln.

Für alle, die gern Kunst studieren möchten, die Hochschulen zu öffnen und auszustatten, das wird die Gesellschaft nicht wollen. (Uns könnte es recht sein!) Also wird es im Prinzip nicht anders gehen können, als es geht. Aber warum, bitte schön, sollten eigentlich Professoren irgendein Interesse haben, nicht zu versuchen, die begabtesten Bewerber für ihre Schule zu gewinnen?

Allein auf zwei Dinge möchte ich mich nach Lektüre des Artikels verlassen: daß die verantwortlichen SPIEGEL-Leute ihren Informanten für einen begabten Bildhauer halten, und daß er dies nicht ist. Sollte er aber doch so begabt sein wie Paul Klee, wird er auf unsere Akademie leicht verzichten können!

Hamburg PROF. DR. CARL VOGEL Präsident der Hochschule für bildende Künste

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