Zur Ausgabe
Artikel 50 / 85
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Pakistan Kontakt mit der Dame

Den Druck von außen halfen die Sowjets mindern. Jetzt aber hat Präsident Bhutto den Bürgerkrieg im Land.
aus DER SPIEGEL 30/1972

Polizisten warfen Handgranaten in Markthallen und schossen in kämpfende Menschenknäuel. Krankenwagen wurden auf Samariterfahrten beschossen und verbrannt. Wieder einmal schossen Pakistanis auf Pakistanis, weil sie nicht dieselbe Sprache sprechen wollten -- vergangene Woche in Karatschi.

Die Regierung der pakistanischen Südprovinz Sind, aus der Staatspräsident Bhutto stammt, hatte Sindhi zur Staatssprache gemacht. Doch in dieser Provinz und ihrer Hauptstadt Karatschi leben neben den Ureinwohnern 40 Prozent Bürger, die bei der Teilung des indischen Subkontinents 1947 aus indischen Provinzen zu ihren mohammedanischen Brüdern geflüchtet waren und ihre Sprache ist Urdu.

Wie einst in Ostbengalen, wo die Eingeborenen eigene Sprache und Kultur pflegen wollten, wehrten sich die Urdu-Sprecher, die auch in Rest-Pakistan Biharis genannt werden und die Wirtschaft kontrollieren, mit Knüppeln und Steinen gegen das Selbständigkeitsstreben der rückständigeren Sindhis. Die Sindhis steckten daraufhin zwei Bihari-Viertel in Brand. In und um Karatschi brach ein Bürgerkrieg aus.

Parallelen zwischen einem Sind- Desch (Land der Sindhis) und Bangladesch boten der Opposition in Pakistan willkommene Argumente gegen Staatspräsident Bhuttos Verhandlungen mit dem Feind Indien. Denn, so Bhutto-Gegner, Indien habe zwar bei dem Gipfeltreffen in Simla Ende Juni die Grenzen Rest-Pakistans garantiert, über das frühere Ost-Pakistan sei jedoch nicht gesprochen worden. Das heißt: Pakistan habe durch sein Schweigen den Einmarsch Indiens in Bengalen nachträglich sanktioniert -- und der indischen Armee damit freie Hand für ähnliche Hilfeleistungen in anderen pakistanischen Provinzen gegeben. Zum Beispiel in Sind.

Im pakistanischen Parlament allerdings. das vergangene Woche das Abkommen von Simla ratifizieren sollte, wagte niemand scharf gegen Bhuttos Verhandlungen zu sprechen. Denn als Verlierer des Kriegs vom vergangenen Dezember hatte Pakistan beim Gipfelgespräch in Simla unerwartet gut abgeschnitten. Sein Innenminister Abdul Kajjum Khan konnte bei der Ratifizierungsdebatte jubeln: »Der Präsident hat ungewöhnliches Verhandlungsgeschick. Er kann den bittersten Feind besiegen.«

Doch sehr geschickt hatte Bhutto die Verhandlungen von Simla nicht vorbereitet. Vor dem Gipfel hatte er seine Gesprächspartnerin Indira Gandhi öffentlich als »mittelmäßige Frau mit mittelmäßiger Intelligenz«, »ohne Initiative und Phantasie« geschildert und lamentiert: »Das einzige, was mich stört, ist der physische Kontakt mit der Dame. Gott, lassen Sie mich nicht daran denken.«

In Simla selbst zeigte der arrogante Staatsgast dann bei jedem Händedruck mit der Gastgeberin deutlich seinen Ekel. Er konnte sich dieses Benehmen leisten. Denn Bhutto war mit der Gewißheit zum Gegner gereist, daß ein Erfolg des Gipfels vorprogrammiert sei.

Ausgerechnet die Sowjets, Indiens wichtigste Verbündete im Dezember-Krieg, hatten dem Pakistan-Präsidenten bei seinem letzten Moskau-Besuch im März Hoffnungen gemacht, er werde sich mit Indien arrangieren, ohne sein Gesicht zu verlieren.

Der Kreml zeigte sich aus gutem Grund großzügig gegenüber dem Verlierer: Moskau möchte den Einfluß Pekings in Rawalpindi zurückdrängen und so dem von Parteichef Breschnew 1969 vorgeschlagenen »System kollektiver Sicherheit in Asien« -- einer vertraglich fixierten Neutralität im Verhältnis zu Rotchina -- näherkommen.

In zahlreichen Gesprächen auf allen politischen und diplomatischen Ebenen drängten die Sowjets daher die Inder, Großmut gegen Pakistan zu zeigen. Selbst Staatspräsident Podgorny machte zwei Wochen vor dem Simla-Gipfel auf dem Weg nach Hanoi. überraschend Zwischenstation in Kalkutta und konferierte dort mit Außenminister Singh und mit Indira Gandhis engstem politischem Berater, Durga Prasad Dhar.

Die Inder gaben schließlich nach und ließen sogar den seit Jahren aus seiner Heimat verbannten kaschmirischen Politiker Scheich Abdullah. einen Verfechter größerer Autonomie für die unruhige Himalaja-Provinz, nach Kaschmir zurückkehren.

Auf dem Gipfel in Simla freilich pokerte Indira Gandhi erst noch einmal: Während der vorgesehenen fünf Konferenztage beharrte sie auf Behandlung des Kaschmir-Problems, das bereits zwei Kriege verursacht hat.

Doch Bhutto konnte mithalten: Er kannte die Karten seiner Gegenspielerin. So mußte die Partie um einen Tag verlängert werden und endete mit dem vorgesehenen Vertrag, der fast nur Pakistan Vorteile bringt.

Wichtigster Punkt des Abkommens: Beide Staaten ziehen ohne Gegenleistung ihre Truppen hinter die Grenzen von 1971 zurück -- außer in Kaschmir. Das bedeutet, daß Indien 13 260 Quadratkilometer erobertes Gebiet zurückgibt, Pakistan aber nur 179 Quadratkilometer. Indien bleibt für künftige Verhandlungen nur noch das Faustpfand von 91 498 Kriegsgefangenen.

Doch auch deren Freilassung scheint bereits vorbestimmt. Ein hoher sowjetischer Diplomat in Rawalpindi schilderte dem SPIEGEL den weiteren Verhandlungsverlauf: Im September werde Indien Kaschmir mehr Autonomie gewähren, daraufhin werde Pakistan -- erstmals seit der Teilung des Subkontinents -- die Straße von Pakistan ins indische Kaschmir freigeben und Passierscheine für Kaschmiris ausstellen. Dafür wolle Indien die Gefangenen entlassen.

Nach seiner Rückkehr aus Simla konnte sich Bhutto dann als der Mann feiern lassen, der die Folgen des verlorenen Krieges beseitigte. Indira Gandhi dagegen stieß zu Hause auf heftige Kritik, vor allem bei ihrer nationalistischen Opposition und der Armee. Ein hoher Offizier zum SPIEGEL: »Wir opferten soviel, um Bangladesch zu befreien, und jetzt wollen uns die Bengalen loswerden. An der Westfront verloren wir viele Männer, um pakistanisches Gebiet zu erobern, aber jetzt geben wir es zurück. Und das Kaschmir-Problem ist immer noch nicht gelöst.«

Vergangene Woche allerdings deutete das pakistanische Parlament eine Lösung an. Bei der Debatte über Simla erklärte der Gouverneur der Provinz Belutschistan, Bisandscho: »Wir haben wegen Kaschmir halb Pakistan verloren. Wir werden wegen Kaschmir nicht ganz Pakistan zum Teufel gehen lassen.«

Doch als dasselbe Parlament dann aktuell debattieren wollte, ob Pakistan wegen Sind zum Teufel gehen könne, ließ Bhutto die Abgeordneten zur Tagesordnung rufen. Warum sie nicht über den Bürgerkrieg in Sind diskutieren könnten, hatte ihnen Unterrichtsminister Hafis Pirsacla dunkel angedeutet: »Ihr wißt ja gar nicht mehr, was da geschieht. Es geht nicht mehr um die Sprache, es ist viel schlimmer.«

Zur Ausgabe
Artikel 50 / 85
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.