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Asien Kontinentale Augen

Das Geschäft mit der Eitelkeit boomt: Skalpelle heben das Selbstwertgefühl von Frauen zwischen Bangkok und Tokio.
aus DER SPIEGEL 32/1996

Ihre Gestalt ist »fein von Kopf bis zu den Zehen«, die Brauen sind »geschwungen wie die Linien der fernen Gebirge«. Die Augen gleichen den »herbstlichen Meereswellen«, die Taille ist einem »Lilienstengel« gleich, und die Lippen ähneln »Pfirsichen, welche die Reinheit eines hochgelegenen weißen Hauses umschirmen«.

Jene klassische asiatische Schönheit, die ein chinesischer Dichter im 17. Jahrhundert anhimmelte, wäre 300 Jahre später mit großer Wahrscheinlichkeit Patientin eines der vielen Schönheitschirurgen des Fernen Ostens.

Was einst in Asien als Ideal der Vollkommenheit galt und Männer zu poetischen Ergüssen trieb, halten zahlreiche Chinesinnen, Thailänderinnen und Japanerinnen heutzutage für überholt: Mandelaugen, flache Nasen, volle Lippen, kleine Busen.

Immer mehr Asiatinnen legen sich deshalb unter das Skalpell von Spezialisten. Die Terminkalender der Chirurgen in Schanghai, Tokio, Bangkok und Manila sind gefüllt mit den Namen vermögender Frauen. Die meisten haben nur einen Wunsch: Sie wollen so aussehen wie eine Europäerin.

Noch vor zehn Jahren, erinnert sich Preecha Tiewtranon, der Präsident der Gesellschaft für ästhetische plastische Chirurgie, waren die Frauen »zu schüchtern«, um sich im Operationssaal ein neues Aussehen verpassen zu lassen. In den letzten vier Jahren aber habe sich die Zahl der Patienten verdoppelt.

Thongchai Limpawattanasiri, 43, eröffnete vor vier Jahren eine kleine Privatklinik an der belebten Phaolyothin-Straße von Bangkok. An rund 250 Patientinnen im Jahr beizt, schabt, sägt, schneidet, saugt und feilt er seither in einem mit edlem Teakholz ausgelegten OP. Am häufigsten rundet er Augen, implantiert Silikon in Nasenrücken und Busen.

Viele Thailänderinnen kommen zu ihm, weil sie ihr Antlitz zu rund und zu unproportional finden. »Das ideale Gesicht«, erklärt Thongchai, »ähnelt nach Ansicht der Frauen dem kaukasischen Typ. Viele sind ganz verrückt danach.«

In rund eineinhalb Stunden formt er aus Mandelaugen, wie er sagt, »kontinentale Augen«. Mit drei Schnitten öffnet er das obere Lid und entfernt zwei bis fünf Millimeter Haut. Rund 600 Mark kostet der Eingriff, der die Patientin für eine Woche so aussehen läßt, als habe sie sich mit einem Thai-Boxer angelegt.

Jüngster Trend in Tokio sind dagegen Bauchnabel-Verschönerungen für Bikiniträgerinnen sowie Schamhaartransplantationen (Kosten: ab 8000 Mark), die größere Fülle geben sollen.

Mit ihrer Vorliebe für europäische Schönheit wollen Asiatinnen wie Piyathida Ratsuwan »das eigene Selbstbewußtsein aufbauen«. Die Sekretärin einer Stahlfirma in Bangkok plant, ihren Busen schon bald auf westliche Maße vergrößern zu lassen. Für sie verkörpert Julia Roberts oder Claudia Schiffer das neue Schönheitsideal.

»Westliche Frauen haben perfekte Figuren, schöne Gesichter und Formen. Wir wollen so aussehen wie Ausländerinnen«, sagt auch die thailändische Jazz-Sängerin Naree Krajang.

Sie selbst zögerte allerdings lange, bis sie ihr hübsches Gesicht modellieren ließ. Erst als Visagisten und Fotografen ständig über ihre schmalen Augen und die vermeintlich breite Nase klagten, entschloß sie sich zur Operation. Naree: »Ich wollte mir nicht mehr länger die Kritik und die Beleidigungen anhören.«

Einigen regionalen Regierungen geht der kosmetische Drang nach Westen mittlerweile zu weit. Malaysia, dessen Premierminister Mahathir Mohamad nicht müde wird, gegen den westlichen Kulturimperialismus zu wettern, schreibt den Werbeagenturen vor, die asiatische Identität zu wahren und einheimische Models statt okzidentaler zu engagieren.

Attraktivität gilt Asiatinnen als besonders wichtiger Lebenswert. Mag der Ehemann ein noch so tyrannischer Macho sein - wenn es zur Trennung kommt, ist nach herkömmlichem Denken stets die Frau schuld, die ihn nicht halten konnte. »Schönheit«, folgert die Vertreterin einer Kette von Schönheitsfarmen, »ist in den Augen der Asiatin kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit.« Die neuen Reichen, sagt die Modeberaterin Tina Liu aus Hongkong, erführen immer häufiger, daß gutes Aussehen ihnen auch »Geld, Status und Job sichern kann«.

Das gilt längst nicht mehr nur für Frauen. In Thailand haben sich die Schönheitschirurgen bereits einen neuen Kundenkreis erschlossen: Jeder fünfte Patient ist heute ein Mann.

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