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ATOMBUNKER Kontor für den Krieg

aus DER SPIEGEL 10/1966

Zwei Tage lang werteten zehn Bankbeamte der Manufacturers Hanover Trust Co. in einem Bergverlies des Iron Mountain im US-Staat New York einen Mikrostreifen mit Buchungsdaten von der Länge eines Monsterfilms aus. Dann lag das Ergebnis vor: Bis auf 6800 Dollar genau hatten die Bunker-Beamten die Außenstände einer Filiale mit Millionen-Umsatz errechnet, die - so die Annahme - durch einen Atomblitz pulverisiert worden war.

»Für den ersten Rekonstruktionsversuch«, jubelte der Übungsleiter und Manager der viertgrößten Bank Amerikas John Herrick, »war es ein großartiges Ergebnis.«

Übungen für den Atom-Katastrophenfall gehören heute bei vielen amerikanischen Konzernen zur Routine: Von Notquartieren aus soll die Wirtschaft auch in einem atomaren Krieg, der nach einer Berechnung des Zivilverteidigungsamtes trotz Schutzmaßnahmen mindestens 44 Millionen Tote fordern würde, weiter funktionieren.

Seit der Kuba-Krise sind immer mehr US-Firmen dazu übergegangen, auszuschwärmen oder sich einzubuddeln.

»Man kann mit Sicherheit sagen, daß fünfhundert der wichtigsten Unternehmen des Landes Vorsorge getroffen haben«, resümierte der Industrieschützer im Amt für Zivilverteidigung. Virgil L. Couch. 19 der 35 amerikanischen Großbanken haben nach einer Umfrage des Finanzblattes »Wall Street Journal« zumeist unterirdische Zweit-Zentralen eingerichtet.

Eine der größten Gemeinschaftsanlagen wurde 200 Kilometer nördlich von New York in einem aufgelassenen Erzbergwerk des Iron Mountain installiert. Sie verfügt über eigene Energie-, Wasserversorgungs- und Luftfiltersysteme sowie über Lebensmitteldepots. Megatonnen von Fels- und Erzschichten und ein 28-Tonnen-Tor schirmen den ausgehöhlten Bergkern gegen die Druck- und Hitzewelle sowie den radioaktiven Niederschlag einer H-Bombe ab.

Gegen fette Miete bietet die »Iron Mountain Atomic Storage Corporation« (Slogan: »Der sicherste Platz auf Erden") im Berg-Refugium

- Tresorräume für Duplikate und

Mikrofilme der Betriebsakten;

- Miniatur-Kontore für einen Notbetrieb;

- Großräume in De-Luxe-Ausführung.

Die Standard Oil Co. kann beispielsweise bei nationalem Unheil zweihundert ihrer wichtigsten Mitarbeiter in den Unterwelt-Betrieb schicken.

Auf sechs Geschossen erwarten sie Bürofluchten, eine Nachrichtenzentrale mit Funk- und Fernschreibausrüstung. Schlafzimmer, Aufenthaltsräume, Küche, Speisesaal und ein Musikzimmer mit Sitzgarnituren und einer rotgoldenen Couch sorgen für Bequemlichkeit, Fensterattrappen und künstliche Blumen für Atmosphäre. Insgesamt hat das Bergwerks-Refugium bereits 700 Kunden.

Andere Mammut-Unternehmen erhoffen sich eine größere Überlebenschance durch weitestmögliche Streuung. So will im Ernstfall

- die American Telephone and Telegraph Co. ihre Kommandostelle auf drei streng geheimgehaltene Unterstände des Staates New York aufteilen;

- die Hughes Aircraft ihren Flugzeugkonzern alternierend von Verwaltungszentren in Kalifornien und Arizona aus leiten;

- die Socony Mobil Oil Co. das Petrol -Imperium mit sechs voneinander unabhängigen Direktionen in bestehenden Anlagen - besetzt mit ansässigem Stammpersonal und aus der New Yorker Generaldirektion importierten Führungskräften - regieren.

Um die Kommando-Übernahme schnellstens zu vollziehen, wollen viele Unternehmen ihr Top-Management und die Spezialisten mit eigenen Luftflotten in die Ausweichquartiere fliegen.

Und neben Privattoilette und Schlüssel für den Chef-Aufzug haben Amerikas- Spitzenmanager damit ein neues Status-Symbol: einen Platz auf der Überlebensliste.

Atombunker im Iron Mountain, 28-Tonnen-Tor: Betriebsakten am sichersten Platz auf Erden

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