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FRANKREICH Konzern für heikle Missionen

Bis zu seiner Privatisierung 1994 war der Ölmulti Elf Aquitaine die Schmiergeldmaschine der Republik. Die Herren im Elysée-Palast nutzten das Unternehmen, um Politiker im Ausland zu bestechen oder Einfluss auf die Wirtschaft zu nehmen. Ging auch Geld nach Deutschland?
Von Romain Leick
aus DER SPIEGEL 6/2000

Was für ein Höllensturz: Morgens noch Herr über ein Heer von 180 000 Beschäftigten der französischen Staatsbahn SNCF, abends Insasse einer winzigen, stinkenden Zelle im berüchtigten Pariser Gefängnis La Santé. Kakerlaken wuseln lautlos über die fleckige Matratze. Die Kloschüssel ist mit verkrusteten Exkrementen schwarz verschmiert. Natürlich fehlt das Papier. Der Häftling hat nicht einmal das Recht, das Licht selbst auszuschalten.

Loïk Le Floch-Prigent, der große Patron mit dem markanten Vollbart, 53 Jahre alt, nacheinander Chef der bedeutendsten Staatsunternehmen Frankreichs - des Chemiegiganten Rhône-Poulenc, des Erdölkonzerns Elf Aquitaine, des Gasversorgers Gaz de France und zuletzt der Eisenbahn -, weiß, dass er das Ende einer glanzvollen Karriere erreicht hat.

Noch ist er an jenem 5. Juli 1996 nur in Untersuchungshaft genommen worden. Nicht einmal eine fertige Anklageschrift gibt es, sondern nur den Vorwurf der Untreue und des Missbrauchs öffentlicher Gelder. Aber nie zuvor hat die Justiz es gewagt, so rabiat mit seinesgleichen umzuspringen. Als Unternehmensführer ist Le Floch-Prigent erledigt.

Seit die unerbittliche Richterin Eva Joly ihn kurzerhand einbuchtete, statt ihn wie üblich bis zum Prozess gegen Kaution auf freiem Fuß zu lassen, ist der Name des Bretonen unauflöslich mit dem größten Wirtschaftsskandal verbunden, der Frankreich in seiner jüngsten Geschichte erschütterte.

Die »Elf-Affäre« steht für Korruption, Durchstechereien, Mauschelei und verdeckte Parteienfinanzierung, ein fast undurchdringliches Geflecht aus Politik, Industrie und Finanzen, mit Protagonisten aus höchsten Staatskreisen und Chargen aus der Halbwelt. Und sollte sich gar bestätigen, dass Elf wegen des Vertrags über den Bau einer Raffinerie im ostdeutschen Leuna auf Geheiß des französischen Präsidenten François Mitterrand auch Helmut Kohl mit Millionen unter die Arme gegriffen hat, träfe die Geschichte wie ein Bumerang die beiden Denkmäler der deutschfranzösischen Freundschaft.

Der Name des Unternehmens hat eine unfreiwillig ironische Bedeutung angenommen, die seine Gründer nicht erahnen konnten: Elf heißt »Essences et lubrifiants français« - Französische Treibstoffe und Schmiermittel. Manche gehen inzwischen so weit, in den Initialen eine Verhöhnung der revolutionären Losung der Republik zu sehen: Egalité, Liberté, Fraternité.

Mindestens 21 Milliarden Francs, wahrscheinlich eher 25 Milliarden (7,5 Milliarden Mark) hat Elf in der Zeit von 1989 bis 1993 verloren, als Le Floch Président-Directeur Général des umsatzstärksten Unternehmens des Landes war. Schuld daran sind gigantische Fehlinvestitionen, herbe Verluste im Immobiliengeschäft, aber eben auch Unterschlagung und Betrug im großen Stil.

Die Kommissionen und Provisionen, die der Ölkonzern ganz offiziell an Mittelsmänner, Sonderbeauftragte und Politiker zahlte, hatten sich unter Le Flochs Regiment nahezu verdreifacht, auf 800 Millionen Francs im Jahr. Daneben flossen versteckte Gelder, die in den Verträgen nicht ausgewiesen waren und deren Empfänger ungenannt blieben - macht noch einmal über eine Milliarde jährlich.

Die Untersuchungsrichterin Joly, die sich inzwischen fast sechs Jahre mit dem Fall Elf abmüht, ist überzeugt, dass ein erklecklicher Teil davon als so genannte Kick-backs wieder nach Frankreich zurückfloss - und dass auch Elf-Manager von diesem Manna profitierten.

Bis zu zehn Prozent, rund 100 Millionen, glaubte sie zeitweilig, habe Le Floch selber abgezweigt. Seine rechte Hand, Alfred Sirven, spurlos verschwunden und seit Juni 1997 mit internationalem Haftbefehl gesucht, soll sich gar um die phantastische Summe von mindestens 500 Millionen, vielleicht einer Milliarde Francs bereichert haben. Der ehemalige Raffinerie-Direktor von Elf, Alain Guillon, kassierte offenbar bis zu 100 Millionen - auch aus dem Leuna-Geschäft -, die er in der Schweiz versteckte.

Gegen mehr als 20 Personen ist Anklage erhoben worden, darunter so hochrangige wie den früheren sozialistischen Außenminister Roland Dumas; Elf finanzierte ihm eine kostspielige Mätresse, die ihn zugleich zum Wohl des Konzerns aushorchte und beeinflusste - eine groteske Mata-Hari-Variante.

Jetzt geriet auch der im November wegen einer anderen Affäre zurückgetretene Finanzminister Dominique Strauss-Kahn in den Elf-Strudel. Er soll seine Sekretärin Evelyne Duval für ein Jahr auf eine fiktive Gehaltsliste des Ölkonzerns platziert haben. Die Summe, um die es geht, ist vergleichsweise lächerlich, 192 000 Francs. Aber der Verdacht, den Strauss-Kahn zurückweist, dürfte reichen, um ein schnelles Comeback des brillanten und beliebten »DSK« zu verhindern.

Nächstes Opfer könnte der frühere gaullistische Innenminister Charles Pasqua sein; mehrere seiner Mitarbeiter sollen, angeblich ohne sein Wissen, ebenfalls Löhne ohne Gegenleistung von Elf bezogen haben. Der verdächtige Personenkreis umfasst über hundert Namen.

Elf, so stellt sich im Licht der Nachforschungen von Madame Joly immer deutlicher heraus, war eine Art Sparbüchse der Republik, eine schier unerschöpfliche Geldreserve, die für politische und diplomatische Zwecke fast nach Belieben von den Mächtigen angezapft wurde. Einer der Vorgänger Le Flochs, der von Präsident Valéry Giscard d'Estaing ernannte Albin Chalandon, pflegte zu sagen: »Bei Elf besteht das Problem nicht darin, Geld zu verdienen, sondern es auszugeben.«

Der Konzern war - bis zur Privatisierung 1994 - im wahrsten Sinne ein Staatsunternehmen, geschaffen vom Staat für den Staat, mit heiklen Missionen betraut, in afrikanische Staatsstreiche und Bürgerkriege verwickelt, ein Tummelplatz der Geheimdienste, lange Zeit niemandem rechenschaftspflichtig als dem Präsidenten der Republik selbst.

Die Vergabe des Chefpostens war deshalb wichtiger als die Besetzung eines Ministeramtes. Verschwiegen, loyal und spendabel musste der Mann an der Spitze von Elf sein. General Charles de Gaulle ließ das Unternehmen 1967 in seiner modernen Form gründen, weil ihm die Abhängigkeit der Nation von den angelsächsischen Multis ein Ärgernis war. Zum ersten Generaldirektor bestellte er Ex-Armeeminister Pierre Guillaumat, der ihm seit den Tagen der Résistance treu verbunden war.

Nach der algerischen Unabhängigkeit verlor Frankreich seine großen Ölquellen in der Sahara. Im Nahen Osten hatten sich Amerikaner und Briten festgesetzt. Für eine autonome französische Versorgung blieben nur die ehemaligen Kolonien in Westafrika. Bis heute bezieht Elf zwei Drittel seines Rohöls aus fünf afrikanischen Ländern: Gabun, Kongo, Angola, Nigeria und Kamerun.

Vor allem Gabuns Präsident Omar Bongo, Frankreichs bester Freund im postkolonialen Afrika und 1967 mit kräftiger Nachhilfe des Elysée an die Spitze des kleinen Staats gekommen, hat das Spiel zum gegenseitigen Vorteil sogleich begriffen: »Frankreich ohne Afrika, das ist ein Auto ohne Sprit, Afrika ohne Frankreich ein Auto ohne Chauffeur.«

So wurde Korruption Methode, Bestechung gehörte zur Unternehmenskultur. Elf zahlte Schmiergelder mit einer Selbstverständlichkeit, als wären es unvermeidbare Steuern, meist im Umfang von zwei bis fünf Prozent des Geschäftsvolumens.

In der Regel zweimal im Jahr kommt Bongo, 64, auf den Namen Albert-Bernard getauft, aber 1973 als Omar zum Islam konvertiert, nach Paris. Dort steigt er im Hôtel de Crillon ab, immer in der Suite, die auf die Place de la Concorde hinausgeht, und empfängt seine zahlreichen französischen Freunde, egal, ob sie in der Regierung oder in der Opposition sind. Linke und Rechte, Bongo kann mit allen, aber natürlich hat er seine Lieblinge, allen voran »Frère Jacques« - Staatschef Jacques Chirac, auf den er schon vor 20 Jahren setzte.

Doch nun, da die Justiz sich für die geheimen Elf-Konten in der Schweiz und in Liechtenstein interessiert, von denen etliche Bongo und seiner Familie gehören, hat er öfter Grund, sich bei Bruder Chirac zu beklagen, weil der das Land nicht mehr richtig im Griff habe. Ist es denn nicht möglich, die Richterin Joly, dieses vorwitzige »Weibsstück«, an die Leine zu legen? Chirac versprach, sein Bestes zu tun.

Aber das ist nicht immer genug. Das Lebenselixier des Bongo-Regimes sind die acht Milliarden Francs, die sein Land, bei nur gut einer Million Einwohner, jährlich aus dem schwarzen Gold einnimmt. Sie dürfen nicht versiegen. Um den Ernst der Lage deutlich zu machen, veröffentlichte Bongo in der Zeitung »L'Union« unter dem Autorennamen »Makaya« einen eigenhändig verfassten Leitartikel. Der Stil war deftig und überaus aggressiv: »Seit einigen Tagen stelle ich, Makaya, fest, dass die Franzosen über ihre Zeitungen und ihre in schmutzige Manöver verwickelte politische Klasse wieder damit anfangen, Läuse auf dem Kopf unseres Präsidenten zu suchen. Wir sind es leid, dass armselige Schreiberlinge afrikanische Staatschefs wie Wischlappen behandeln, auf denen sie den Straßenkot ihrer Füße abtreten.«

Dann wurde Makaya grundsätzlich: »Was ist denn Frankreich?«, fuhr er fort. »Eine mittlere Macht, die nur existiert, weil sie sich an ein Deutschland klammert, das sie immer auf allen Ebenen geschlagen hat. Aber ich will lieber nicht alles auspacken.«

Der letzte Satz wurde im Elysée sofort verstanden als dunkler Hinweis auf die Schmiergelder, die beim Leuna-Geschäft nach Deutschland geflossen sein sollen. Aus seiner Sicht war Bongo zu Recht alarmiert. Wenn nun auch Helmut Kohl Provisionen verlangen würde, wäre das geradezu unlauterer Wettbewerb. »Sehen Sie sich Leuna mal genauer an, was dort geschah, ist ernst, sehr ernst«, ermunterte Bongo wiederholt einige Journalisten.

Berater des Elysée berichten, Chirac habe nach Lektüre der Polemik aus Gabun den erzürnten Bongo sofort am Telefon zu beruhigen versucht. Es galt, einen guten gemeinsamen Bekannten zu schützen: »Monsieur Afrique«, gern auch nach dem langlebigen Baum des Schwarzen Kontinents »der große Baobab« genannt, über zwei Jahrzehnte lang Elfs Mann in Gabuns Hauptstadt Libreville.

André Antoine Charles Napoléon Tarallo, heute 72, gebürtiger Korse, ist ein alter Klassenkamerad von Chirac an der Kaderschmiede der Nation, der Verwaltungshochschule Ena. Bald nach der Gründung des Elf-Konzerns sandte der damalige Generaldirektor Guillaumat ihn nach Afrika, um die Schatzkammern des Unternehmens zu hüten.

Mit Bongo schloss Tarallo sofort eine unzerbrechliche Freundschaft, die auf solidem Fundament ruhte: dem System der »parallelen Bonusse«. Neben den vertraglich abgesicherten Belohnungen, die Elf für seine Bohrkonzessionen zahlte, schüttete der Konzern verdeckte Prämien aus, um »ein Klima des Vertrauens und langfristige Verbindungen zwischen der Ölgesellschaft und den führenden Politikern« zu schaffen, so Tarallo. Allein zwischen 1990 und 1997 liefen dafür mehr als 600 Millionen Francs über Tarallos Schweizer Konten.

Und das dürfte längst nicht alles gewesen sein.

Korruption? Das Wort hört der Korse nicht gern: »Man darf weder heuchlerisch noch doktrinär sein. Die entscheidende Frage für Elf ist, ob ein Bonus übertrieben hoch ausfällt oder schlecht eingesetzt ist. Dabei wurden nur wenige Fehler gemacht.«

Monsieur Afrique kam dabei auf seine Kosten. Er kassierte auf beiden Seiten, bei seinem Arbeitgeber Elf wie bei seinen »Mandanten«, mehreren afrikanischen Staatschefs, denen er als Berater und teilweise auch als Vermögensverwalter diente.

Jedenfalls fanden die Justizfahnder heraus, dass Tarallo im Hinblick auf seinen heranrückenden Ruhestand Anfang der neunziger Jahre exakt 213 Millionen und 635 781 Francs für den Erwerb von Immobilien, Kunstgegenständen und Antiquitäten ausgegeben hatte. Allein sein gigantisches Anwesen bei Bonifacio in Südkorsika kostete 90 Millionen; für den Park wurden hunderte uralter Olivenbäume aus Griechenland und Süditalien herangeschafft.

Die Richterin Eva Joly bezieht dagegen ein Gehalt von 25 000 Francs im Monat. Ihre Ermittlungen lösten Panik an höchster Stelle aus. »Tarallo anzuklagen ist eine schwere Beleidigung«, drohte der frühere Präsident des Kongo, Pascal Lissouba, »man spuckt auf das Grab von de Gaulle.«

Nach einer eindringlichen Unterredung mit dem Generalstaatsanwalt, der auf Weisung des Justizministers handelte, sah Richterin Joly von ihrem Vorhaben ab, Tarallo in Haft zu nehmen. Die Kaution richtete sich allerdings an den Vermögensverhältnissen des Beschuldigten aus: zehn Millionen Francs.

Die Richterin will nicht zugeben, dass sie sich politischem Druck gebeugt habe; sie habe sich nur dem »Argument des nationalen Interesses« nicht ganz entziehen mögen, sagt sie. Eva Joly, 56, weiß, dass sie an diesem Punkt eine empfindliche Blöße hat. Denn unter Frankreichs Richtern ist sie eine Ausnahmeerscheinung: eine gebürtige Norwegerin, die 1961 als 18-jähriges Aupair-Mädchen aus Oslo nach Paris kam.

Sie verliebte sich in den Sohn der Gastfamilie, studierte Jura und wurde Französin durch Heirat. Was Wunder, dass sich einige unterschwellige Zweifel an ihrem Patriotismus gehalten haben. Auch Bongo hieb in die Kerbe, indem er Madame Joly als »nach Kabeljau stinkende Norwegerin« beschimpfen ließ.

Als Untersuchungsrichterin konnte sie die politische Elite der Republik mit der Bemerkung verstören: »In Norwegen zahlt auch der König seine Strafzettel.« Ihr Anspruch, dass gerade die Nomenklatura auf absolute Sauberkeit achten müsse, trug ihr den im katholisch-lateinischen Frankreich üblen Ruf ein, sich aufzuführen wie eine »enragierte Lutheranerin« - also eine puritanische Ketzerin. Nach einigen Morddrohungen traut sie sich nur noch mit einer Leibwache auf die Straße.

Bei dem ehemaligen Elf-Generaldirektor Loïk Le Floch-Prigent und seinem Schattenmann Alfred Sirven brauchte sie sich dagegen nicht sonderlich zurückzuhalten. Denn Le Floch, wegen seiner Nähe zu den Sozialisten auch »Pink Floch« genannt, blieb immer ein Außenseiter unter den Grands Patrons - einfacher Ingenieur aus der Provinz statt Absolvent einer Eliteschule, bärtig statt glatt, prahlerisch statt diskret und dem Wohlleben etwas zu demonstrativ zugetan. »Er wollte die Arschbacken nicht zusammenkneifen, wie das von hohen Funktionären erwartet wird«, erzählt einer seiner Bekannten. In anderen Worten: ein lümmelhafter Emporkömmling.

Der Bretone gesteht heute, als Elf-Boss zeitweilig »die Pedale verloren« und in seinem Lebensstil das rechte Maß überschritten zu haben. Vor allem während der kurzen, stürmischen Ehe mit seiner zweiten Frau, der Marokkanerin Fatima Belaïd, ließ er alle Hemmungen fahren. Großzügig beglich das Ehepaar Einkäufe en gros mit der Firmenkreditkarte von Elf. Garderobe von Yves Saint Laurent und Nina Ricci, Gartenmöbel für 80 000 Francs und CDs für 60 000 Francs. Im Jahr 1991 addierten sich die privaten Rechnungen auf 1,15 Millionen Francs, fast so viel wie das Jahresgehalt des Elf-Chefs.

Sogar die Kosten der Scheidung soll er nach Vermutung der Justiz abgewälzt haben: Die Alimente von 30 000 Francs im Monat plus Nutzung eines Apartments in London finanzierte ein Freund Le Flochs, der Textilunternehmer Maurice Bidermann. Wie der Zufall so spielt, hatte Elf in Bidermanns marodes Bekleidungsunternehmen unter Le Floch 787 Millionen an Beteiligungen und Krediten investiert - ein Totalverlust, wie sich später herausstellte. Anfang 1996 bezog Fatima Belaïd 18 Millionen Francs. Die Schecks hatte Le Flochs Vertrauensmann Sirven unterschrieben.

Präsident François Mitterrand, der »Pink Floch« an die Spitze von Elf gesetzt hatte, amüsierte sich über die Eskapaden des Firmenchefs: »Sein Problem sind die Frauen.« Le Floch konnte seinem Gönner nichts verweigern, nicht den Einstieg in die Leuna-Raffinerie und schon gar nicht kleine Gefälligkeiten, die in der Familie blieben. Einmal im Jahr legte Le Floch dem Präsidenten im Elysée persönlich die Listen mit den geheimen Spenden vor.

Ein noch größeres Rad drehte Alfred Sirven, 73, der schon bei Rhône-Poulenc für Le Floch gearbeitet hatte und bei Elf »Direktor für allgemeine Angelegenheiten« - also für alles - wurde. »Er war die graue Eminenz, der Haudegen Le Flochs«, erzählt ein Elf-Manager, »der Chef überließ ihm alle trüben Aufgaben.«

Aktenstudium und lange Arbeitsbesprechungen lagen Sirven nicht, er beschrieb sich selbst einmal als Mann, der »das Notwendige tut« - und deshalb alles wissen und alles überwachen musste. Nach dem heutigen Stand der Ermittlungen hat er drei bis vier Milliarden Francs abgeleitet, um die Geschäfte von Elf zu befördern, aber auch um Freunde und sich selbst zu beglücken.

Sirven kaufte bei Cartier Juwelen im Wert von 35 Millionen für afrikanische Freunde oder eine Flasche alten Cognac zum Preis von 12 000 Francs für den irakischen Vize-Premier Tarik Asis. Er heuerte Christine Deviers-Joncour an, auf die der spätere Außenminister Roland Dumas ein Auge geworfen hatte. Die attraktive Frau mit den langen Beinen bekam von Sirven im Laufe der Jahre insgesamt 59 Millionen Francs - mit der Maßgabe, Dumas für die Konzerninteressen einzuspannen.

So groß wurde der Appetit des ständig Zigarren rauchenden Sirven, dass Elf ihm nicht mehr reichte. Er bot dem Rüstungskonzern Thomson das »chinesische Netz« seiner Ölfirma an, um den Widerstand Pekings gegen die Lieferung von sechs Fregatten an Taiwan zu brechen. Die Kommission belief sich auf 150 Millionen Francs. Thomson-Chef Alain Gomez ist heute überzeugt, dass Sirven und sein mysteriöses chinesisches Netz gar nicht tätig wurden: »Die haben nichts gemacht.«

Dumas, der sich gegen das Rüstungsgeschäft mit Taiwan aussprach, wurde von seiner ständigen Begleiterin Christine derart bearbeitet, dass er sich Vorträge über Fregatten im Schlafgemach verbat. Am Ende versank er im Spottgelächter. Mit der Kreditkarte von Elf hatte die Freundin ihm ein Paar Berluti-Schuhe für 11 000 Francs gekauft. Als das Geschenk publik wurde, empörte sich ein Gewerkschaftschef über den eleganten Sozialisten: »Wie kann er an jedem Fuß den Gegenwert eines gesetzlichen Mindestlohns tragen?«

Der Südfranzose Sirven hat die Biografie eines Abenteurers: Als Jugendlicher im Widerstand gegen die Deutschen engagiert, kämpfte er im französischen Korea-Bataillon und wurde vier Mal verwundet. Auf Genesungsurlaub in Japan überfiel er mit Kameraden eine Bank in Tokio; angeblich brauchte er das Geld, um eine Krankenschwester zu betören.

Wieder in Frankreich, begann er eine Karriere als Personalmanager mehrerer Unternehmen, darunter Mobil Oil und Moulinex. Seine Spezialität waren Verhandlungen mit den Gewerkschaften. Schon damals soll er mit Geld nachgeholfen haben. Einer seiner Mitarbeiter erinnert sich: »Er sagte immer, man müsse wissen, wie man den sozialen Frieden kauft.«

Bei Elf bekam Sirven freie Bahn, als Le Floch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion neue Ölkonzessionen außerhalb Afrikas suchte, in Russland, Usbekistan und Venezuela. Überall fielen Kommissionen an, lange bevor das Öl sprudelte, und Sirven verteilte das Geld über seine Schweizer Konten.

Oft transportierte er die Scheine sackweise im Kofferraum seines Autos. Einige Millionen Dollar, die Venezuelas Parteien zugedacht waren, flossen nachweislich an Tarallo und an Sirven zurück - ein Glücksfall für Richterin Joly, da sich solche Rückzahlungen ansonsten fast nie zweifelsfrei feststellen lassen.

Sirven brachte auch neue Mittelsmänner ins Spiel, so den steinreichen Geschäftsmann André Guelfi, 80. Der abergläubische Korse, ein Indochina-Kämpfer, der in den fünfziger Jahren mit eigener Fangflotte der größte Sardinenexporteur Marokkos geworden war, trug ständig ein Pendel in der Tasche, das er vor heiklen Geschäften konsultierte. Die Methode funktionierte. Alles, was »Dédé la sardine« anpackte, geriet zu Gold.

Guelfi, ein begeisterter Rennfahrer und Flieger, allerdings auch mehrmaliger Bruchpilot, vermittelte für Elf in Russland, Kasachstan und Usbekistan; er zählte den damaligen Premier Wiktor Tschernomyrdin und den usbekischen Präsidenten Islam Karimow zu seinen Freunden. Die Rechnung: 100 Millionen Dollar, plus 10 Millionen Flugkosten. Nach der Ablösung Le Flochs wollte Elf nicht zahlen; aus dem Usbekistan-Engagement wurde nie etwas.

Im hohen Alter sah Guelfi sich genötigt, ein Buch zu schreiben - zu seiner Rechtfertigung. Titel: »André Guelfi - das Original«. Über ein Konto seiner Liechtensteiner Briefkastenfirma Nobleplac hatte Elf die 256 Millionen Francs Kommission nach Abschluss des Leuna-Vertrags mit der Treuhand geschleust. Seine Manöver brachten Guelfi eine Vorladung bei Madame Joly ein.

Als Resident der Schweiz hätte er ihr nicht Folge leisten müssen, aber einer Dame, noch dazu mit so hübschem Namen, dachte Guelfi, schlägt man nichts ab. Arglos begab er sich am 26. Februar 1997 in das Justizgebäude. Allenfalls zwei Stunden werde die Anhörung dauern, hatte man ihm vorher am Telefon versichert. Guelfi: »Ich glaubte, dass man mich fragen würde, ob zwei und zwei vier machten, das würde ich bejahen, man würde diese wichtige Zeugenaussage wohlwollend zu Protokoll nehmen, und die Erde würde sich ein bisschen runder drehen.«

Stattdessen landete Guelfi im Knast - fünf Wochen lang. Weil ein Mann seines Alters auf gewisse Annehmlichkeiten des Lebens nicht mehr verzichten will, versuchte er verzweifelt, die Richterin Joly von seiner Wahrheitsliebe zu überzeugen. Er verpfiff alles und jeden.

So gelangte die Spur des Geldes bis an die Grenze Deutschlands. Denn Guelfis Nobleplac war nur eine Verteilerstation. Schnell wurde die Leuna-Kommission in zwei Tranchen aufgeteilt und weitergeleitet. Über Umwege gelangten letztendlich 160 Millionen Francs auf ein Konto des deutschen Geschäftsmanns Dieter Holzer, der sich in Bonner Ministerien und im Bundeskanzleramt für Elfs Leuna-Deal eingesetzt hatte. Noch letzte Woche bekräftigte Holzer allerdings, er habe das Geld nicht weitergeleitet.

In seiner Treuherzigkeit hatte Guelfi vergessen, das Pendel zu Rate zu ziehen, bevor er sich in die Fänge von Eva Joly begab. Seit seinen Aussagen hat es in der Elf-Affäre wenig Fortschritte gegeben. Und außer ihrer imposanten Strecke an zerbrochenen Karrieren hat die Richterin bislang keine einzige Verurteilung vorzuweisen. Loïk Le Floch kam nach sechs Monaten - der gesetzlichen Höchstdauer für Untersuchungshaft - wieder frei. Die Prozesse stehen alle noch aus.

Wirklich aufklären könnte das Gestrüpp aus Geld und Politik wohl nur einer: Alfred Sirven, der Zahlmeister im Dunkeln. Mal wurde er auf den Philippinen vermutet, mal in Lateinamerika, dann wieder in Südafrika, in Marokko oder der Elfenbeinküste. Manche meinen, er sei längst tot, endgültig zum Schweigen gebracht von seinen alten Freunden aus den Geheimdiensten. Wenn sich ihm einer widersetzte, hatte er früher gern selber gedroht: »Das Leben ist kurz und ein Unfall schnell passiert.«

Christine Deviers-Joncour, seine »kleine Soldatin«, wie er sie nannte, ist dagegen überzeugt, dass er noch lebt. Sie will eine Botschaft von ihm empfangen haben und hat ihn aufgerufen, sich zu stellen. »Irgendwann glaubte er, dass jeder käuflich ist. Das ist ihm zu Kopf gestiegen«, sagt einer seiner alten Freunde in Paris.

»Wenn ich anfange zu erzählen, wird die Republik beben«, hatte Sirven angekündigt, bevor er untertauchte. ROMAIN LEICK

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