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KONZERTMEISTER TAXIEREN AUTOS

aus DER SPIEGEL 13/1963

240 000 gebrauchte Automobile wurden im vergangenen Jahr von Sachverständigen taxiert, bevor sie ihren Besitzer wechselten. Jeweils drei von vier Kunden, die 1962 einen neuen Wagen kauften, gaben ein gebrauchtes Kraftfahrzeug in Zahlung. In diesem Jahr soll die Zahl der Altwagen, die vor dem Verkauf von Schätzern beurteilt werden, nach dem Willen organisierter Händler weiter steigen. Denn diese Händler wollen künftig nur noch taxierte Modelle ankaufen. Die Sachverständigen, die das Schätzgeschäft betreiben, geben sich als neutrale Experten aus und notieren die von ihnen festgesetzten Preise auf Urkunden mit amtlichem Charakter. Indes, 24 Schätzungen in westdeutschen Städten haben bewiesen, daß die angeblich unabhängige Experten beeinflußt werden und Autos deshalb unterschiedlich bewerten. Ihre Schätzpreise für dieselben Wagen differierten um Beträge bis zu 1400 Mark.

Der Peugeot 404 war in knapp zwei

Jahren 70 000 Kilometer gelaufen. Er sollte als Anzahlung für einen Citroen ID 19 abgegeben werden. Der Citroen -Vertreter Becker aus dem Hamburger Autohaus »J. A. Schlüter Söhne« war einverstanden. Er studierte ein blaues Oktavheft und versicherte: »Den 404 werden wir für rund 5000 Mark anrechnen können.«

Es sei jedoch Firmenbrauch, so Becker, alte Wagen vor der Übernahme durch die »Deutsche Automobil-Treuhand GmbH« schätzen zu lassen, eine reine Formsache. Die Taxierung durch die DAT werde neutral und objektiv von vereidigten Sachverständigen besorgt.

Die Finanzierung schien beide Partner zu befriedigen, der Liefertermin lag fest. Da rief Becker seinen Kunden an: »Die DAT hat den Wert des Peugeot auf 3200 Mark festgesetzt.«

Als der Kunde bezweifelte, daß die neue Finanzierungsbasis für ihn noch

tragbar sei, gab sich Becker ("Im Auftrag der Geschäftsleitung") generös: Die DAT-Schätzung wurde um 550 Mark erhöht. Becker: »An dem Peugeot 404 wollen wir nichts verdienen.« Das Geschäft kam daraufhin zustande.

Drei Wochen später erwarb ein Kaffeehändler aus Blankenese den Peugeot 404, der mit 3750 Mark verrechnet worden war, von der Firma Schlüter zum Preise von 3950 Mark.

Für die Übernahme eines Gebrauchtwagens durch den Händler und Anrechnung des Wertes auf den Preis eines Neuwagens bedienen sich westdeutsche Autohändler mit Vorliebe der DAT -Hilfe. Denn sie können alte Wagen, die von DAT-Schätzern taxiert werden, ohne Risiko in Zahlung nehmen. Sie gehen außerdem langwierigem Feilschen aus dem Wege. Die Kunden sind durchweg von der gemalten Schwurhand auf dem DAT-Schätzschein beeindruckt.

Unter dem Schutz dieser Schwurhand überstanden die 7500 westdeutschen Neuwagenhändler bisher so ziemlich alle Gebrauchtwagenschwemmen ohne Verluste. Häufig wurden alte Autos, die sie in Zahlung nahmen, von der DAT sogar so günstig eingestuft, daß sie noch - wie es Schlüter mit dem Peugeot gelang - gewinnbringend abgestoßen werden konnten.

Die Gebrauchtwagenflut hatte 1962 den bisher höchsten Pegelstand erreicht. Fast eine Million Autofahrer stellten ihre alten Fahrzeuge beim Neuwagenkauf auf den Hof eines Händlers. Noch 1955 gab nur jeder zwanzigste Neuwagenkunde ein altes Modell in Zahlung, 1960 brachte bereits jeder zweite einen alten Wagen mit, und 1962 waren es sogar drei von vier Neuwagenkunden. Ein großer Teil mußte sich für den gebrauchten Wagen mit einem Preis begnügen, der nicht durch Angebot und Nachfrage gebildet, sondern in Zusammenarbeit

von Industrie, Händler und Schätzern manipuliert wurde.

Drei. Schätzorganisationen arbeiten heute in der Bundesrepublik, die sich mit der Taxierung von gebrauchten Autos beschäftigen:

- die »Deutsche Automobil-Treuhand

GmbH (DAT)«,

- der »Deutsche Kraftfahrzeug-Überwachungsverein (DEKRA)«,

- die »Union der unabhängigen Kraftfahrzeug-Schätzungsstellen«.

Die größte der drei Organisationen ist die. DAT. Sie ist in der Branche die Hausmacht von Industrie und Handel, die dieses Instrument lange vor dem

Zweiten Weltkrieg formten. Erfinder und Gründer war der Präsident des Reichsverbandes der Autohändler, Ernst Kleinrath, Hannover, dem es auch gelang, Anfang der dreißiger Jahre für Gebrauchtwagengeschäfte zwischen Händler und Kunde in Deutschland einen Schätzzwang durchzusetzen.

Ab 1941 schließlich galt sogar für Privatverkäufer die Pflicht, jeden Gebrauchtwagen, der seinen Besitzer wechselte, von de DAT schätzen zu lassen; der ermittelte Wert gefror zum amtlichen Festpreis. Die DAT bekam schon damals für jedes neue Auto, das verkauft wurde, zwei Reichsmark Zuschuß. Erinnert sich der ehemalige DAT -Schätzer Hans F. Naeve: »Das war ein sicherer Job.«

Nach dem Krieg, wurde zwar das Monopol der DAT beseitigt, sie behielt aber ihre Vormachtstellung; denn die Industrie empfahl den Händlern, mit der DAT zu arbeiten, und der Handel war zufrieden über eine »neutrale« Institution, die ihm gute Geschäfte ermöglichte. Die DAT legte sich respektgebietende Titel und Würden zu. Sie schrieb in ihre Prospekte, sie arbeite unter Mitwirkung von »Vertretern der obersten Behörden von Wirtschaft und Verkehr«. Als die Konkurrenz protestierte, formulierte die DAT neu: Fürderhin war die Teilnahme von Behördenvertretern

(an Sitzungen des DAT-Beirats) nur noch »satzungsgemäß« vorgesehen.

Die DAT behielt allerdings, genau wie die zwei Konkurrenten, großspurige Urkunden bei die aussehen wie eine Mischung aus Aktie und dem Ehrendiplom eines Schützenvereins. Die DAT -Experten kleben auf diese Blätter Gebührenmarken, entwerten sie durch Stempel und verteilen Broschüren und Merkblätter, auf die ebenfalls eine zum Schwur erhobene Hand gedruckt ist.

Kaum ein Laie, der seinen Wagen unter dem DAT-Schwurschild parkt, weiß, daß ein Teil der Schätzer nicht einmal vereidigt ist und daß der Beruf des Kraftfahrzeug-Sachverständigen von niemandem geschützt wird. Zwar gibt es einen Bundesverband der vereidigten und öffentlich bestellten Sachverständigen für das Kraftfahrzeugwesen (BVSK)«, aber nicht jeder »Sachverständige« ist Mitglied, und nicht jeder DAT-Schätzer ist etwa ein studierter Ingenieur.

Der Schätzer-Gilde kann beitreten, wem die Chance geboten wird. In Hamburg und Umgebung taxieren zum Beispiel gelernte Bäcker und Konzertmeister. Sie werden für ihre Tätigkeit gut bezahlt. Kenner des Gewerbes veranschlagen den monatlichen Verdienst eines DAT-Schätzers auf 3000 Mark.

Für dieses Entgelt müssen sich unabhängige Sachverständige gefallen lassen, daß die DAT sie an die Kandare nimmt und in ein Korsett detaillierter Schätzvorschriften zwängt. So sind sie in den Ruf gekommen, gebrauchte Autos privater Kunden - im Interesse des Handels - niedrig zu bewerten.

Unzufriedene Autobesitzer haben sich daher mehrfach durch Kontrollschätzungen über die Zuverlässigkeit von DAT -Schätzpreisen informiert.

Eine Duisburger Bonbonfabrik zum Beispiel, die Anfang dieses Jahres ihren Fuhrpark verjüngte, ließ die ausgesonderten Gebrauchtwagen beim DEKRA taxieren. Als ortsansässige Händler sich weigerten, die Wagen zum DEKRA -Schätzwert abzunehmen, wurde die DAT bemüht. Für dieselben Wagen ermittelte sie Preise, die durchweg - zum Teil bis zu 50 Prozent - niedriger lagen als die DEKRA-Werte. Die Firma ist jetzt dabei, die ausgemusterten Fahrzeuge zu DEKRA-Preisen und teurer an private Interessenten zu verkaufen.

Kenner des Gebrauchtwagengeschäfts wissen längst, daß der DEKRA, eine 1925 gegründete Organisation zur Betreuung der Autos zahlender Mitglieder (Firmen, Ärzte), »verbraucherfreundlich« schätzt und die Union -Schätzer, die im allgemeinen bei der Regulierung von Kraftfahrzeug-Unfällen und Gerichtsgutachten hinzugezogen werden, einem Gebrauchtwagen den höchsten Marktwert zubilligen. Zu diesen Ergebnissen müssen die organisierten Schätzer auch kommen, da sie von ihren Zentralen regelmäßig mit Richtpreislisten versorgt werden.

Diese Arbeitsunterlagen sind das Geheimste in jeder Sachverständigen-Organisation. Der DEKRA klagt sogar darüber, Konkurrenten hätten schon versucht, durch Einbruchsdiebstähle sich die DEKRA-Richtpreislisten zu verschaffen.

Schätzer der drei Organisationen werden daher verpflichtet, die Listen vor jedermann zu verbergen. DAT-Schätzer, die dieser Anordnung nicht Folge leisten, müssen damit rechnen, ihre ergiebige Pfründe zu verlieren.

Wie unterschiedlich nun die Autopreise bei einer Schätzung infolge dieser geheimen Richtlinien ausfallen, zeigen Vergleiche:

- Ein Opel Rekord von durchschnittlichem Erhaltungszustand, Baujahr 1960, wird in der DAT-Preisliste nach 70 000 Fahrkilometern - ohne Reifen - mit einem Grundwert von 3100 Mark aufgeführt. Der DEKRA geht von 3200 Mark Richtpreis aus und die Union sogar von 3450 Mark.

- Einem Fiat 1500, Baujahr 1962, mit 24 000 Kilometern, die Bereifung wiederum nicht mitgerechnet, gesteht die DAT 4300 Mark, der DEKRA 4650 Mark, die Union 5150 Mark zu.

- Ein VW 1200, Baujahr 1961, mit einem Tachostand von 41 000 Kilometern, wird in der DAT-Liste - ohne Reifen - mit 3350 Mark notiert, beim DEKRA mit 3040 Mark, bei der Union mit 3350 Mark.

Besonders deutlich wird die Ausrichtung der Experten bei der Arbeit an ausländischen Modellen. Während der DEKRA und die Union es ihren Schätzern überlassen, schließlich einen Endpreis für französische oder englische Autos zu finden, fordert die DAT in ihrer Richtpreisliste bei allen ausländischen Modellen einen Abschlag von 15 Prozent auf den ermittelten Wert.

Mithin können Händler, die beispielsweise einen Peugeot in Zahlung nehmen, der bei der DAT taxiert wurde, ohne Risiko die ermittelte Summe um ein paar Hundert Mark erhöhen. Der Endbetrag entspricht dann wieder dem ursprünglich ermittelten Marktwert.

Bei 24 Testschätzungen, die mit deutschen und ausländischen Autos in zehn westdeutschen Städten vorgenommen wurden, zeigte sich, wie oberflächlich und unterschiedlich Sachverständige urteilen:

- 4 von 24 Schätzern öffneten die Motorhaube nicht, 6 verzichteten auf eine Probefahrt;

- bis auf eine Schätzung fielen die DAT-Preise niedriger aus als die Werte, die von der Union und dem DEKRA ermittelt wurden;

- die größte Differenz bei einem Fahrzeug, das von allen drei Organisationen geschätzt wurde, betrug 1400 Mark.

Drei Viertel aller im vergangenen Jahr geschätzten Autos wurden von DAT-Experten geprüft, sechs Prozent vom DEKRA und 19 Prozent von der Union. Indes, es gibt noch einen privaten Schätzer, der im westdeutschen Gebrauchtwagengeschäft - von den Preisspiegeln einiger Fachzeitschriften abgesehen - eine Rolle spielt: der Frankfurter Herausgeber von Preislisten für Gebrauchtwagen, Hanns W. Schwacke. Er läßt - ähnlich wie die Schätzorganisationen - »Kontrolleure« durchs Land ziehen, die bei Automobilhändlern Ankaufs- und Verkaufspreise ermitteln. Diese Recherchen sind Grundlage für Schwackes Preislisten (Jahresabonnement 45 Mark), die von Autoverkäufern vorgezeigt werden, wenn sie mit Kunden verhandeln; denn Schwacke schätzt für Altwagenbesitzer günstig. Schwacke stolz: »Meine Kunden wissen, der Schwacke-Preis ist der gerechte Preis.«

Schwackes gerechte Preise haben aber wenig Aussichten, Autokäufer künftig wesentlich zu beeinflussen. Für den Peugeot 404, den das Autohaus Schlüter in Hamburg in Zahlung nahm, sahen Schwackes Listen einen Ankaufspreis von etwa 5000 Mark vor. Diese Summe diente bei den Verhandlungen aber offenbar nur als Köder für den Kunden.

Viele - vor allem nichtorganisierte - Händler nehmen freilich auch zu Schwackes Preisen und noch höheren Summen Gebrauchtwagen in Zahlung. Sie verdienen beim Verkauf eines neuen Wagens genug, um beim Ankauf eines alten drauflegen zu können.

Diese Händler zogen vor Jahren schon den Groll von Industrie und Händlerverband auf sich. Die Verbandsjuristen forschten nach einem geeigneten Mittel, eine Überbewertung gebrauchter Fahrzeuge grundsätzlich zu verhindern.

Ende 1961 hatten sie schließlich ein Patentrezept ausgearbeitet, mit dem sie das Geschäft mit Gebrauchtwagen fest in den Griff bekommen können: Sie forderten die Preisbindung für Gebrauchtwagen.

Der Zentralverband des Kraftfahrzeughandels und -gewerbes (ZdK), Frankfurt, verpackte die Forderung in ein Bukett neuer Wettbewerbsregeln und legte es dem Bundeskartellamt zur Prüfung vor. Während noch der Zentralverband alle Skeptiker beruhigte - »Wir fassen nur bestehendes Recht zusammen« (Geschäftsführer Dr. Rolf Kulich) -, entlarvten die DAT-Konkurrenten den Trick:

Durch diese Wettbewerbsregeln sollte künftig jedem Autohändler untersagt werden, alte Wagen zu einem höheren Preis in Zahlung zu nehmen, als ein »gewissenhafter« Schätzer es vorgeschrieben hat. Da der Handel die Gewissenhaften aus verständlichen Gründen bei der DAT suchen wird, sind die Konsequenzen klar.

Die Industrie gab schließlich offen zu, was mit diesem Schritt beabsichtigt ist, Dr. Johann Heinrich von Brunn, Geschäftsführer des Verbandes der

Automobilindustrie (VdA) und ehemaliger DAT-Prokurist:

»Die beste Lösung ist es ... in der Vereinbarung über die Preisbindung festzulegen, daß jede Überschreitung eines Schätzwertes als Überbewertung anzusehen ist, den ein Schätzer einer ... allein maßgeblich zu bezeichnenden Schätzorganisation ermittelt hat.« Und an anderer Stelle: »Die DAT-Schätzung ist ein guter Weg, um in Zweifelsfällen zu vernünftigen Ergebnissen zu kommen.«

Im Augenblick ist das Bundeskartellamt in Berlin damit beschäftigt, Zulässigkeit und Notwendigkeit der neuen Wettbewerbsregeln zu prüfen. Der Preisbindungs-Paragraph allerdings wurde von den DAT-Konkurrenten bereits so scharf attackiert, daß die DAT vorläufig nicht hoffen kann, wieder in alte Rechte eingesetzt zu werden. Die Konkurrenten wiesen das Bundeskartellamt auf die Besitzverhältnisse bei der DAT hin.

Die eine Hälfte des DAT-Gesellschafterkapitals befindet sich in den Händen des Händlerverbandes, die andere Hälfte beim Verband der Automobilindustrie und den Zweiradherstellern.

DAT-Zweigstelle in Hamburg: Schätzerei unter der Schwurhand

Verbandsfunktionär von Brunn

Festpreise für Gebrauchtwagen?

Gebrauchtwagenverkauf in Hamburg

Auf Hinterhöfen eine Million

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