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REGIERUNGSBILDUNG Kopf im Feuer

aus DER SPIEGEL 44/1965

Der Herr aber tue, was ihm gefällt.

Zweites Buch Samuel, Kapitel 10, Vers 12.

Die Szene wurde zum Symbol. Sie enthüllte den politischen Zwist, der zwischen den Führern der westdeutschen Staatspartei besteht und der im Zuge der Regierungsbildung noch vertieft wurde. Sie beleuchtete die menschliche Kluft, welche die christdemokratischen Oberen voneinander trennt. Beides, die menschlichen Zerwürfnisse und die politischen Gegensätze, bedrohen schon jetzt die Lebensfähigkeit des zweiten Erhard-Kabinetts, das in dieser Woche zum Dienst an Volk und Staat vereidigt wird.

In seinen eigenen Diensträumen im Palais Schaumburg wurde Ludwig Erhard am Montagabend letzter Woche, knapp 48 Stunden vor seiner Wiederwahl zum Bundeskanzler, des Wortbruchs beschuldigt. CSU-Chef Franz -Josef Strauß war es, der verächtliche Worte wie einen Fehdehandschuh hinwarf: »Jetzt weiß ich, was ich von einem Kanzlerwort zu halten habe.«

Ludwig Erhard schluckte stumm. Erst einige Zeit später sagte der Regierungschef seiner Fraktion: »Ich nehme das auf mich, ich habe mich selbst überwunden.«

Ohne Selbstüberwindung wäre Erhard in der vergangenen Woche nicht zum Kanzler gewählt- worden. Er mußte einen dem CDU/CSU-Fraktionschef Barzel und Strauß geleisteten Schwur, Vizekanzler Mende nicht noch einmal zum Gesamtdeutschen Minister zu ernennen, brechen, um die für einen Erfolg im ersten Wahlgang erforderliche absolute Stimmenmehrheit im Bundestag mit Hilfe der FDP zu erreichen.

Die Liberalen waren nicht gewillt gewesen, von ihrem Ultimatum, Mende müsse bleiben, was er sei, abzugehen. Schon in der Vorwoche hatte Mende zu Erhard gesagt: »Diesmal fallen wir nicht um; diesmal müssen Sie umfallen.«

Das Gespräch zwischen Kanzler und Vizekanzler fand am Freitagabend vorletzter Woche auf dem Jahresempfang der Nachrichten-Agentur Dimitag statt. Die Bonner Prominenz war erschienen: Präsident Lübke, Bundestagspräsident Gerstenmaier, Konrad Adenauer und auch Herbert Wehner. Und von diesem Zeitpunkt an war Erhard zum Nachgeben bereit.

Nach dem Empfang hatten sich Präsident und Kanzler in Lübkes Privathaus auf dem Venusberg zurückgezogen, um die Regierungsbildungs-Krise zu beraten. Lübke wollte Erhard gegen die FDP nun doch den Rücken stärken und erklärte, er werde notfalls auch eine Minderheitsregierung der CDU/CSU akzeptieren.

Von einem solchen Regierungsexperiment versprach sich der Präsident allerdings, es werde früher oder später zu der von ihm gewünschten Großen Koalition von CDU und SPD führen. Aber Erhard erwiderte, er wolle unter allen Umständen versuchen, eine Einigung mit der FDP herbeizuführen. Auf den verzweifelten Ausweg eines Minderheitskabinetts waren einige CDU-Politiker verfallen, nachdem sich gezeigt hatte, daß die FDP weder durch Zuckerbrot noch Peitsche zum Einlenken zu bewegen war.

In dieser Situation, in der Erhard aus dem Gerauf zwischen CDU/CSU und FDP um das Gesamtdeutsche Ministerium keinen Ausweg als den Umfall sah, lud er für Sonntagnachmittag drei Männer ein, die er auf seiner Seite wußte: Bundestagspräsident Gerstenmaier, Außenminister Schröder und Mendes Parteistellvertreter Willi Weyer. Weyer lehnte den Alleingang ab und ließ sich entschuldigen; Gerstenmaier kam um drei, Schröder um sechs Uhr in den Kanzler-Bungalow.

Mit dem Parlamentspräsidenten beriet Erhard die Gegendrohung der FDP, bei der Konstituierung des neuen Bundestags zusammen mit der SPD die Neugründung der Fraktionsgemeinschaft von CDU und CSU zu vereiteln. Ein solcher Schritt der FDP hätte alle Koalitionshoffnungen vorläufig zerstört und zugleich auch Gerstenmaier den Präsidentensessel gekostet: Die SPD wäre dann stärkste Fraktion geworden, der nach parlamentarischem Brauch der Parlamentspräsident zusteht. SPD und FDP hätten Carlo Schmid mit Mehrheit wählen können.

Gerstenmaier erläuterte bei dem Gespräch am Sonntagnachmittag dem Kanzler die Rechtslage: Nach Paragraph 10 der Bundestagsgeschäftsordnung bedarf die Bildung von Fraktionsgemeinschaften einer Billigung durch einfache Mehrheit des Hauses. Diese Klausel war 1951 eingefügt worden, um unorganische Zusammenschlüsse von Splittergruppen verhindern zu können, die durch einen solchen Trick Fraktionsstärke (mindestens 15 Abgeordnete) und so Zugang zu den Ausschüssen erlangen wollten. Gerstenmaier weiter: Eigentlich sei also diese Vorschrift ihrem Sinn nach auf CDU und CSU nicht anwendbar, gelte aber als formales Recht, gegen das es kein Mittel gebe.

In einem Vorgespräch hatte der Bundestagspräsident dem CDU-Fraktionsvorsitzenden Barzel erklärt: »Wenn Sie meinen, daß der Preis für ein Arrangement mit der FDP nicht bezahlt werden kann, brauchen Sie auf mich keine Rücksicht zu nehmen.« Barzel, der zu diesem Zeitpunkt den Freien Demokraten noch das Gesamtdeutsche Ministerium verweigern wollte, hatte geklagt: »Es wird alles scheitern.«

Nun merkte der wackere Schwabe, daß der Kanzler keinen Heroismus, sondern Hilfe brauchte, was auch Gerstenmaiers weiteren Wünschen entsprach. Er sprach Erhard aus dem Herzen, als er die »negative Festlegung« der CDU-Verhandlungskommission gegen die FDP -Forderung kritisierte und sagte: »Eine Minderheitsregierung ist Unsinn, sie kann nicht lange leben. Deshalb brauchen wir die Mehrheit. Warum lassen Sie der FDP nicht das Gesamtdeutsche?«

Ludwig Erhard war gerührt. Bis zu diesem Augenblick hegte der Kanzler noch den Verdacht, Gerstenmaier stünde im Grunde auf der anderen Seite und wolle Kanzler einer Großen Koalition werden, da er nicht Außenminister der kleinen Koalition werden durfte.

Den gleichen Rat wie Gerstenmaier erteilte wenig später Gerhard Schröder seinem Kanzler. Der Außenminister kritisierte, daß Erhard sich von den anti-freidemokratischen Scharfmachern in der CDU/CSU von seinem geraden Wege habe abbringen lassen, und bezeichnete den Gedanken an eine Minderheitsregierung als staatsgefährdend.

Zur selben Stunde konferierten in des Alt-Kanzlers Haus am Faulen Berge in Rhöndorf die beiden christlichen Parteiführer Adenauer (CDU) und Strauß (CSU).

Obwohl der Altkanzler noch am Ende der Vorwoche im Kreise der christdemokratischen Verhandlungsführer gemeint hatte, das Gesamtdeutsche Ministerium sei doch gar nicht so wichtig und ursprünglich von ihm nur als »Bekleidungsstück für Jakob Kaiser« entworfen worden, riet er nun dem Franz-Josef Strauß, in Sachen Mende hart zu bleiben. Strauß hielt diese Ermahnung für unnötig. Er hatte Erhards Wort: »Ich werde meine Meinung nicht ändern, wenn die CSU mich nicht absolviert.«

Der Rechtens mißtrauische Strauß hat sich dieses Wort eigens geben lassen, weil Ludwig Erhard auch vor der Regierungsbildung 1963 erklärt hatte, er werde Barzel im Gesamtdeutschen Ministerium nicht durch Mende ersetzen, und es dann doch getan hatte.

Im übrigen waren Adenauer und Strauß der Auffassung, die liberalen Umfaller würden schon einlenken.

Barzel und Strauß verfolgten mit ihrer Operation gegen Mende gemeinsam das Ziel, gleich zu Beginn der Legislaturperiode den Freien Demokraten jeden Gedanken an Auflehnung zu nehmen. Beide hatten auch persönliche Gründe: Strauß wollte sich für die Anti-Strauß -Parolen der FDP rächen, Barzel dafür, daß er 1963 Mende als Gesamtdeutscher Minister weichen mußte.

Darüber hinaus haben die beiden gemeinsam, daß sie dem Kanzler und seiner Amtsführung mit starken Vorbehalten und großer Skepsis gegenüberstehen. Beide rechnen mit gefährlichen Krisen des zweiten Erhard-Kabinetts, beide erwarten, daß die Stunde kommen wird, in der sie Ludwig Erhard zu Hilfe eilen müssen und dann dafür ihren Lohn fordern können.

Sowohl Barzel als auch Strauß sehen ihren Vorteil darin, daß sie der Regierung nicht angehören, worauf der eine freiwillig, der andere mehr oder weniger unfreiwillig verzichtet hat. Strauß tröstet sich mit dem Argument, daß es auch für ihn besser sei, draußen zu bleiben, solange Ludwig Erhards Wahlerfolg noch strahlt und eine offene Opposition gegen ihn deswegen unmöglich ist.

Beide sind sie aber unausweichlich Rivalen im Kampf um die Zukunftsmacht - eine Rivalität, die durch persönliche Abneigung verschärft wird.

Dennoch fanden sich an jenem ereignisreichen Sonntag die beiden Rivalen zum vertraulichen Gespräch. Strauß fuhr von Adenauers Villa in die Privatwohnung Rainer Barzels in Bonn-Friesdorf zum gemeinsamen Abendessen. Barzel dort zu Strauß: »Wenn der Erhard dem Mende doch das Ministerium

gibt, da mache ich nicht mit. Dann ist Erhards Kopf im Feuer.«

Nach dem Essen begaben sich die beiden Mende-Gegner zu Erhard in das Palais Schaumburg, wo sie Gerstenmaier und Schröder vorfanden. Und auch der dritte starke Mann der Christdemokraten, der ebenfalls dem Erhard -Kabinett fernbleibt, folgte an diesem Sonntagabend dem Ruf des Kanzlers und machte sich auf nach Bonn: der Geschäftsführende Parteivorsitzende Josef Hermann Dufhues, der vorwiegend aus persönlichen, aber auch aus politischen Gründen das Angebot ausschlug, Innenminister zu werden.

So überraschend war den Kanzler -Gästen dieses Tages Erhards Ruf gekommen, daß nicht nur Schröder und Gerstenmaier, sondern auch der aus Bochum anreisende Dufhues seinen Wagen selber steuern mußte. Er hatte dem Fahrer Urlaub gegeben.

Von halb zehn bis nach Mitternacht konferierte die Parteispitze. Strauß suchte seinen Duzfreund Gerstenmaler zu beruhigen: »Eugen, du mußt nur die Nerven behalten.« Aber Gerstenmaier und auch Dufhues meinten, daß jetzt diejenigen die besseren Nerven zeigten, die dem Kanzler bei der Kehrtwendung und dem dann unvermeidlich folgenden Krach beistehen würden.

Dufhues: »Wenn man nicht die absolute Mehrheit hat, muß man eben auf den Koalitionspartner Rücksicht nehmen.«

Dufhues attackierte den CSU-Chef direkt: Strauß habe den Bogen überspannt und »der Union mit dem öffentlichen Hochputschen der Frage Mende sehr geschadet. Die CDU läßt sich von Ihnen nicht erpressen«. Der Bundeskanzler, der gegen eine Welle von »Prestige-Denken und Ressentiments« seine Regierung bilden müsse, sei nur zu bedauern.

Und wie Gerstenmaier und Schröder: »Mit einer Minderheitenregierung würden wir in eine Situation stolpern, die keiner mehr übersehen kann.«

Erhard sprach durch die Blume: »Wir müssen zu Auffassungen kommen, die wir gemeinsam vertreten können. Ist denn das Gesamtdeutsche Ministerium der Nabel der Welt?«

Strauß hielt dagegen: »Entscheidend ist der Erfolg.« Aber auch er ließ in der Geisterstunde erkennen, daß ihm ein Teilerfolg genügen würde: Bevor an ein Arrangement mit der FDP zu denken sei, müsse er eine gewünschte Ehrenerklärung bekommen. Im übrigen müsse er zu jeder Entscheidung die Zustimmung der CSU-Landesgruppe einholen.

Die Runde war sich einig, daß dieses Beratungsergebnis geheimgehalten werden müsse, bis man mit der FDP handelseinig geworden sei. Nur für Konrad Adenauer und Fraktionsgeschäftsführer Rasner wurde eine Ausnahme gemacht. Sie wurden am folgenden Morgen, dem Montag letzter Woche, um zehn Uhr in Barzels Bundeshausbüro ins Vertrauen gezogen. Dem Fraktionsvorstand und der Gesamtfraktion wurde nichts offenbart.

Der Kanzler spielte sogar noch den Unbeugsamen: Es gehe ihm nicht um die eigene Person, und er sei bereit, notfalls das Risiko auf sich zu nehmen, erst im dritten Wahlgang ohne die Stimmen der FDP mit einfacher Mehrheit zum Kanzler gewählt zu werden. Dufhues: »Wir haben eisern dichtgehalten.«

So in Ungewißheit gehalten, bereitete sich die FDP derweil auf eine harte Nachtsitzung im Palais Schaumburg vor: Konferenzbeginn Montag, 17.45 Uhr im Kanzleramt. Eine Viertelstunde vor dem Gang an den Kanzlertisch holte FDP -Major Mende über Fernsprecher noch den Rat des Parteiveteranen Reinhold Maier im schwäbischen Remstal ein. Maier empfahl, man solle das Druckmittel des Einspruchs' gegen CDU/CSU -Fraktionsgemeinschaft und Gerstenmaier-Abwahl rigoros anwenden.

Im Palais Schaumburg aber ging alles nach Wunsch. Erhard war von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt. Er und Gerstenmaier beschworen den Geist der Partnerschaft. Die FDP-Leute stimmten freudig ein und wagten eine Vorleistung: Sie erklärten sich bereit, der Fraktionsgemeinschaft von CDU und CSU zuzustimmen und Gerstenmaier wiederzuwählen.

Daraufhin - Willi Weyer hatte gerade dem Strauß eine Zigarre angeboten - überkam den Kanzler die Rührung. Nach dem Fahrplan der CDU-Unterhändler sollte nun über eine Ehrenerklärung für Strauß gesprochen werden. Aber Erhard stieß den Fahrplan um und sprach das erlösende Wort: »Ich habe mich entschlossen, Herrn Mende das Gesamtdeutsche Ressort zu belassen, und zwar plus minus null, ohne Kompetenzabstriche.«

Barzel hatte gerade den Raum verlassen, als Strauß hochfuhr. Ohne Rücksicht auf die Anwesenheit der Liberalen legte er los: »Das ist schmählich, Sie brechen das uns gegebene Wort. Gestern haben Sie uns das noch ganz anders gesagt. Sie werden die Konsequenzen zu tragen haben.« Taktvoll verließen die Freidemokraten den Saal. Mende: »Wir wollen hier nicht Schiedsrichter Ihrer Streitigkeiten sein.« Dufhues später: »Ich hätte es auch für besser gehalten, wenn Erhard eine halbe Stunde später umgefallen wäre.«

Was in dieser Zeit hätte geschehen sollen, die Verabschiedung einer allgemeinen Versöhnlichkeitsklausel, wurde später nachgeholt. Vorher aber gab es einen Imbiß: bayrische Knödelsuppe, geräucherte Forellen, Tatar.

Nach Tisch ging es dann stundenlang nur noch um Strauß. Einem Ehren-Papier, das - von Gerstenmaier und Dufhues entworfen - dem Bundesverteidigungsminister außer Diensten ausdrücklich Ministerfähigkeit bescheinigen sollte ("die erhobenen Vorwürfe werden zurückgenommen"), setzte die FDP ein striktes Nein entgegen.

Einen Gegenvorschlag Weyers, dessen vage Formulierung nicht über bisherige FDP-Erklärungen hinausgingen, verwarfen die Unions-Leute. Gerstenmaier langte nach einem Schreibblock und skizzierte Kompromißformeln. Erste Idee: »Die Bedenken gegen Strauß fallengelassen.«

Die Freidemokraten jedoch versteiften sich auf zwei Vorbehalte. Sie wollten

- den Namen Strauß nicht erwähnt

haben;

- das Leumundszeugnis nicht rückwirkend, sondern nur für die Zukunft ausstellen.

Jurist Weyer: »Nicht ex tunc, sondern ex nunc*.«

Auch Franz-Josef Strauß selbst half mit Er verlange nicht, daß die Vorwürfe gegen ihn als »gegenstandslos« bezeichnet werden müßten. Er billige auch der FDP das Recht auf politischen Irrtum zu. Während die Runde disputierte, arbeitete Gerstenmaier an seiner Präsidenten-Einstandsrede für den nächsten Tag. Trotz dieser Nebenbeschäftigung fand er schließlich den Ausweg mit der Formulierung, daß die Vorbehalte der Vergangenheit für »beendet« erklärt würden.

Zwischendurch gab es eine kurze Debatte über Straußens Rolle in der SPIEGEL-Affäre. Der Verteidigungsminister Strauß hatte damals den FDP-Justizminister Stammberger ausgeschaltet, der inzwischen zur SPD übergetreten ist.

Der CSU-Chef verteidigte sich nun gegen Mendes Vorwürfe: »Sie haben Stammberger ja selbst einen Verräter genannt.«

Mende antwortete: »Ich habe ihn nur als einen Verräter an der Partei bezeichnet, nicht aber als einen Mann, der Landesverräter deckt.« Darauf Strauß: »Ich habe eben schon vorher gemerkt, daß er ein Verräter ist.« Willi Weyer beschloß dieses Zwischenspiel mit der Bemerkung: »Das ist aber eine aufschlußreiche Erklärung.«

Die Freidemokraten Kühlmann -Stumm, Mischnick und Genscher zweifelten noch, ob ihre Fraktion anderntags diese Strauß-Formel schlucken werde. Fraktionschef von Kühlmann -Stumm, begüterter Landedelmann aus Hessen, schnarrte abwehrend: »Diese Erklärung können Sie von uns nicht haben.«

Nun wurde Strauß wütend: »Sie dürfen nicht glauben, Herr von Kühlmann, daß wir Ihre Leibeigenen sind.« Mende und Bucher beschwichtigten. Sie hielten den Gerstenmaier-Vorschlag für akzeptabel und urteilten, auch Partei und Fraktion würden sich damit abfinden. Erhard: »Also ist es so beschlossen.«

Jetzt rief Barzel - es war elf Uhr abends - nach Sekt. Haushälterischem Erstaunen des Kanzleramts-Ministers Westrick begegnete Barzel mit dem Hinweis, er werde die Zeche selbstverständlich aus seiner Kasse erstatten, denn er wünsche mit den Herren auf seine Wiederwahl zum CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden anzustoßen.

Noch eine Stunde lang sprach man über die Ressort-Verteilung, und Kanzler Erhard ließ durchblicken, auch FDP -Dahlgrün werde auf seinem Finanzministerposten bleiben. Weyer zu Erhard: »Wir sind mit vier Kabinettssitzen zufrieden. Wie Sie Ihre 17 verteilen, ist nicht unser Bier.«

Im Hinausgehen meldete Mende beim Kanzler noch einen Zweifel an: »Kann es passieren, daß wir zur Ministerernennung beim Bundespräsidenten erscheinen und Herr Strauß schon da steht?«

Erhard: »Nein, da können Sie sich auf mich verlassen.«

Am nächsten Morgen, dem Dienstag letzter Woche, berichtete FDP-Major Mende seiner Fraktion im Bundeshaus über die Verhandlungen.

Mendes Erzählungen beruhigten das liberale Fraktionsvolk in Sachen Strauß. Es gab keinen Widerspruch gegen das Verhandlungsergebnis.

Lautstarken Widerspruch gab es jedoch am selben Dienstagvormittag im Ausschußzimmer 117a des Bundeshauses, wo sich die CSU-Landesgruppe nach den evangelischen und katholischen Festgottesdiensten zur Eröffnung des Fünften Bundestages versammelt hatte.

In der evangelischen Kreuzkirche am Bonner Kaiserplatz hatte der hannoversche Landesbischof Lilje vor dem protestantischen Kanzler gepredigt über einen Text aus dem Propheten Samuel: »Sei getrost und laß uns stark sein für unser Volk und für die Stätte unsers Gottes; der Herr aber tue, was ihm gefällt.«

Den Christlich-Sozialen aus Bayern gefiel aber gar nicht, was am Vorabend im Palais Schaumburg der Kanzler getan hatte. Der stellvertretende Gruppenführer Georg Stiller, Bäckermeister aus Nürnberg, setzte die Parole: »Wir haben alles falsch gemacht.« Den Kanzlerumfall vor Mende hätte man nicht zulassen dürfen.

Reichsfreiherr zu Guttenberg verlangte, auch die CSU müsse ein Ministerium bekommen, das ihr die Mitwirkung im Bereich der Außen- und Verteidigungspolitik ermögliche.

Die CSU-Rebellion wurzelt in der Erkenntnis, daß sich die Position der Christlich-Sozialen in Bonn in den letzten beiden Legislaturperioden laufend verschlechtert hat. Früher war die Zahl der CSU-Minister, gemessen an der Zahl der CDU-Minister, wesentlich günstiger, und seit dem Rücktritt von Strauß verfügten die Bayern nur noch über ein klassisches Ressort. Es gelte, so lautete nun die Forderung, den Besitzstand von 1957 zurückzuerobern.

Franz-Josef Strauß sah die große Chance, eine innenpolitische Ernte einzufahren, nachdem er seine außenpolitischen Zielscheiben. Schröder und Mende, verfehlt hatte. Noch während der Sitzung entsandte er Schatzminister Dollinger und den Geschäftsführer der Landesgruppe, Leo Wagner, ins Kanzleramt, um Ludwig Erhard für den nächsten Umfall weich zu machen. Die Forderung der CSU: einen Ministerposten mehr als die FDP und zwei klassische Ressorts.

Am Abend des letzten Dienstag überreichte Strauß dem Kanzler eine Liste der sechs möglichen CSU-Minister mit der Bemerkung, Erhard dürfe nur einen Mann streichen. Die Namen: Strauß, Dollinger, Innenminister Höcherl, Postminister Stücklen, Bundesratsminister Niederalt und Bundestagsvizepräsident Richard Jaeger, der seit 1953 auf eine Berufung ins Kabinett wartet.

Er selbst, so erläuterte Strauß, wolle nicht ins Kabinett eintreten, auch wenn der Kanzler es ihm angeboten habe. Wenn überhaupt, so interessiere ihn nur das Finanzressort, denn dort müsse eisern gegen das Subventionsunwesen durchgegriffen werden. Eine solche große Aufgabe kollidiere aber mit seinen Pflichten als Parteivorsitzender.

Erhard schwieg - wie immer bei solchen Gelegenheiten. Anwesende Mitglieder der CDU-Verhandlungskommission aber versuchten verzweifelt, sich dem Ansturm der bayrischen Parteigenossen entgegenzuwerfen. Sie griffen auf ein Angebot zurück, das in ähnlicher Form den Freien Demokraten gemacht und von denen hohnlächelnd zurückgewiesen worden war: Es solle ein »Minister für Rüstungskontrolle und Abrüstung« ernannt werden, der zugleich auch stellvertretender Vorsitzender des Bundesverteidigungsrates sein sollte. Kandidat für dieses neue Amt war Guttenberg. Aber der Baron verzichtete, nachdem Strauß die Offerte als »Krampfministerium« eingestuft hatte.

Dann entschuldigte sich Erhard, er müsse um 21 Uhr bei Bundespräsident Lübke sein. Wenn der Kanzler jetzt keine Zeit habe, erklärte Strauß, dann müsse er am anderen Morgen um neun Uhr vor der Landesgruppe der CSU erscheinen, und zwar allein. Strauß: »Herr Bundeskanzler, die Zeichen in der CSU stehen auf Sturm.«

Erhard scheute den Sturm nicht er war, um eine schnelle Regierungsbildung zu retten, wie gegenüber der FDP so nun auch gegenüber der CSU zum Umfall entschlossen. Eine Stunde lang redete er am nächsten Morgen, Mittwoch letzter Woche, auf die Bayern ein. Dann machte er Frieden und versprach ihnen den fünften Minister. Im Sinn hatte er, Jaeger das Innenministerium zu geben, das durch den Verzicht von Dufhues frei war.

Während der Kanzler noch mit den Bayern rangelte, wurde im großen Fraktionssaal der CDU/CSU schon der nächste Angriff auf Erhard vorbereitet, der automatisch dem Umfall vor der CSU folgen mußte, so wie der Angriff der Bayern auf Erhards Umfall vor der FDP gefolgt war. Der aus Nordrhein -Westfalen stammende Fraktionschef Barzel stichelte: »Der Herr Bundeskanzler befindet sich noch bei einem kleinen Teil seiner Fraktion; wir haben ihm sagen lassen, er möge doch bald vor dem Gros erscheinen.«

Strauß-Freund Adenauer giftete: »Ich hoffe, daß dies das letzte Mal ist, daß die Herren von der CSU eine Sonderaudienz bekommen.« Dazu einer der höchsten Christdemokraten: »Adenauer beerdigt sich selbst.«

Jetzt standen auch in der CDU die Zeichen auf Sturm. Nach der Fraktionssitzung zog Barzel die christdemokratischen Parteiführer in sein Büro, um den Kanzler zur Rede zu stellen. Die Klausur endete erst eine Stunde vor der Kanzler-Wahl am letzten Mittwoch. Zu dieser Stunde waren die Führer der Christen-Union zutiefst miteinander verfeindet.

Dufhues über Erhard: »Wir waren über seinen Alleingang sehr erstaunt. Wir hätten erwartet, daß er sich vor seinen Zusagen an die CSU mit uns abspricht.«

Erhard über Barzel: »Es soll keiner glauben, daß er nur herausragen und seine Eitelkeit befriedigen kann.«

Barzel über Erhard:, »Wenn das so weitergeht, spiel' ich nicht mehr mit.«

Der energische und unabhängige CDU -Manager Dufhues, der sich nicht einmal um ein Bundestagsmandat beworben hat, wartete während der Kanzlerwahl in der Wandelhalle des Bundestags, bis der Name Erhard zur Stimmabgabe aufgerufen war. Zum SPIEGEL sagte er: »Jetzt muß noch etwas für die Nordrhein-Westfalen getan werden.« Dann stieß er, der auch CDU-Landesvorsitzender von Westfalen-Lippe ist, zum Kanzler vor.

Die Christdemokraten von Rhein und Ruhr waren erbittert, daß sie mit ihren 74 Bundestagsabgeordneten nur drei Minister - Schröder, Lücke und Katzer - bekommen sollten, während die CSU

mit 49 Mandaten fünf Ministerien besetzen wollte. Ergebnis der Dufhues -Intervention: Ludwig Erhard gab zum drittenmal nach und setzte den Düsseldorfer Kultusminister Professor Mikat als Wissenschaftsminister und vierten Nordrhein-Westfalen auf seine Liste. In der Nacht nach der Kanzler-Wahl fand Ludwig Erhard zum erstenmal seit Wochen wieder ausreichend Schlaf. Erholt und versöhnungsbereit empfing er am nächsten Morgen um 9.30 Uhr den Chef der Christenfraktion, Rainer Barzel. Für seine Sonderbehandlung der bayrischen CSU brachte der Kanzler eine halbe Entschuldigung vor. Er sei unter starken Druck gesetzt worden.

Auch Barzel gab sich versöhnlich und bekräftigte Erhards Absicht, die junge CDU-Begabung Mikat in die Bundesregierung zu holen: »Es müssen Köpfe ins Kabinett.«

Die CDU-Emissäre Dufhues, Brand, Struve und die CSU-Unterhändler Strauß, Wagner und Bauer traten dann beim Kanzler zum Nahkampf um die einzelnen Kabinetts-Posten an.

Die größte Schwierigkeit machte die Placierung des CSU-Kandidaten Jaeger, den seine Parteifreunde als Höcherl -Ersatz in das Innenministerium schieben wollten. Dagegen machte die CDU-Seite Front: Richard Jaeger sei durch seine Sympathien für den klerikal-faschistoiden portugiesischen Diktator Salazar zu sehr abgestempelt. Jaegers Berufung zum Innenminister werde deshalb die Notstandsgesetzgebung, für die man die Stimmen der Sozialdemokraten brauche, geradezu unmöglich machen.

Auf dem Posten des Justizministers konnte wiederum Erhard sich Jaeger nicht vorstellen, weil der CSU-Bayer sich als militanter Anhänger der Todesstrafe hervorgetan hat.

In dieser Zwickmühle entschied der Kanzler gegen sich selbst und trug schweren Herzens den CSU-Jaeger für den Justizposten in seine Kabinettsliste ein.

Durch diese Kehrtwende geriet Nordrhein-Westfalens Mikat, ursprünglich

als Wissenschaftsminister vorgesehen, auf das Innenressort.

Gegen 15 Uhr - die Herren hatten sich zwischendurch mit Fruchtsäften, Kaffee und belegten Schnittchen gelabt

stand die erste Kabinettsliste. Knapp eine Viertelstunde später lancierte der CSU-Abgeordnete und Strauß-Intimus Friedrich Zimmermann den Namenskatalog ins Bundeshaus. Die Journalisten eilten an die Telephone.

Zur gleichen Zeit griff auch Erhards Persönlicher Referent Dankmar Seibt im Bundeskanzleramt zum Fernsprecher, um die neuen Ministerkandidaten für den nächsten Tag ins Palais Schaumburg zu bitten.

In der Mehrzahl der Fälle erreichte Seibt allerdings nur die Sekretärinnen der vielbeschäftigten Herren. Bei der Mikat-Sekretärin Frau Kinzl in Düsseldorf richtete der Kanzler-Adjutant gegen 16.30 Uhr ohne nähere Begründung lediglich aus, ihr Chef möge am Freitagmorgen um 9.30 Uhr bei Bundeskanzler Erhard in Bonn sein.

So kam es, daß Paul Mikat erst abends aus der Tagesschau des Fernsehens erfuhr, daß er zum Bundesinnenminister avancieren sollte.

Der ehemalige Dekan der Fakultät für Rechts- und Staatswissenschaften an der Universität Würzburg, der sich in den drei Jahren seiner Tätigkeit im nordrhein-westfälischen Kabinett zu einem (wenngleich nicht besonders musikalischen) Star unter den deutschen Kultusministern entwickelte, hatte sogleich Bedenken.

Am Freitagmorgen erläuterte Mikat dem Kanzler in Bonn, warum er die Berufung ins Bundes-Innenressort nicht annehmen könne: Der Chef über Bundesverfassungsschutz- und Bereitschaftspolizei müsse nach seiner Auffassung Mitglied des Bundestages sein und parlamentarische Immunität besitzen. Mikat: »Sonst könnte ich in diesem Hause täglich angezeigt werden.«

Gerhard Stoltenberg, langjähriger Vorsitzender der Jungen Union, Dozent für Geschichte an der Universität Kiel und neuerdings Krupp-Direktor (Bonner Spitzname »Stoltenbeitz"), hatte am Donnerstagabend in den Rundfunknachrichten gehört, daß sein Herzenswunsch, die Berufung ins Wissenschaftsministerium, in Erfüllung gehe. Beim Gang zum Kanzler am Freitagvormittag freilich warnte ihn CSU-Unterhändler Leo Wagner schon Wieder vor unzeitigem Optimismus: »Ich gratuliere noch nicht. Die Liste ist noch längst nicht endgültig.«

In der Tat: Durch Mikats Ablehnung war Kanzler Erhard gezwungen, erneut am Kabinettskarussell zu drehen: Zusätzlichen Schwung bekam das Ringelspiel durch den Aufmarsch von CDU-Frauen im Kanzleramt, die aus der Zeitung entnommen hatten, daß Elisabeth Schwarzhaupt das Gesundheitsministerium abgeben solle und daß Erhard ein frauenloses Kabinett plane.

Auch die Freien Demokraten meldeten in letzter Minute Protest an. Sie Wollten nicht hinnehmen, daß Kabinettsmacher Erhard ihren Ewald Bucher, den sie für das Wissenschaftsressort designiert hatten, ins Gesundheitsministerium verschob. Fraktionschef Kühlmann-Stumm: »Das ist kein gleichwertiger Ersatz.«

Am Freitagmittag um 12.15 Uhr hatte Regierungsbauer Erhard Termin beim Bundespräsidenten. In Lübkes Arbeitszimmer zog der Kanzler einen Din-A4 -Bogen aus der Rocktasche, auf dem mit grüner Tinte die Namen der neuen Minister verzeichnet waren. In der Hatz und Hast der letzten Stunden war Erhard nicht dazu gekommen, eine Reinschrift anzufertigen. Aber auch das grüne Provisorium war schon wieder durch zahlreiche Korrekturen mit roter Tinte verunziert.

Erst am Freitagabend war nach langem Widerstreben ein Kandidat bereit, die Lücke im Innenressort zu besetzen: Paul Lücke, bisher Minister für Wohnungsbau und Raumordnung. FDP -Bucher darf dafür künftig den Wohnungsbau betreuen, allerdings ohne die Raumordnung, die Lücke ins Innenministerium mitnehmen will. Der Ministerin Schwarzhaupt bleibt so die Gesundheit erhalten.

Bundespräsident Lübke, dem Erhard spätabends die Reinschrift der Kabinettsliste brachte, bestellte die ausscheidenden Minister auf Montag zur persönlichen Verabschiedung in die Villa Hammerschmidt, damit »alles einen würdigen Rahmen hat«.

* Nicht von Anfang an, sondern von jetzt an.

Gegner Strauß, Erhard: Auf einen Din-A4-Bogen Namen mit grüner Tinte

FDP-Unterhändler*: Plus minus null, dann Knödelsuppe CDU-Fraktionschef Barzel

Die starken Männer verzichten ...

CDU-Geschäftsführer Dufhues

.. auf einen Sessel im schwachen Kabinett

Süddeutsche Zeitung

Koalitionsrennen 1965

* Von links: Weyer, Bucher, Mende, Mischnick im Kanzleramt.

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