Zur Ausgabe
Artikel 95 / 114
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

JOURNALISMUS Kopf- oder Schweigegeld

Investigative Reporter in China werden von Gangstern bedroht und von staatlichen Zensoren gegängelt. Schon wenige falsche Sätze können sie ins Gefängnis bringen. Und doch leuchten Journalisten wie Wang Keqin unbeirrt die Schattenseiten des chinesischen Wirtschaftswunders aus.
aus DER SPIEGEL 12/2007

Das Leben von Wang Keqin wurde umso ungemütlicher, je mehr der Lokalreporter den dubiosen Geschäften illegaler Wertpapierfirmen nachspürte und je mehr er belastendes Material ausgrub: »Wenn Wang weiter recherchiert, lasse ich ihm die Haut zerteilen und seine Sehnen herausreißen«, drohte ein einflussreicher kommunistischer Funktionär dem Chefredakteur des lästigen Journalisten.

Spätestens jetzt wusste Wang: Er hatte es nicht nur mit der örtlichen Mafia, Chinas sogenannter schwarzer Gesellschaft, zu tun, die Kleinanleger um Millionen Yuan betrog, teilweise gar in den Selbstmord trieb. Wang war auch der »roten Gesellschaft« zu nahe getreten: Provinzbossen, die an den Betrügereien mitverdienten.

Doch der Journalist ließ sich nicht einschüchtern, er bohrte weiter. Weder ein üppiges Geldangebot der Mafia noch massive Morddrohungen gegen sich und seine Familie - mit ausgelobtem Kopfgeld - brachten den Reporter zum Schweigen.

Wang besorgte sich einen alten Computer und rüstete seine Wohnung zu einer privaten Festung um: Beschützt von Freunden und bestärkt von seiner Frau, schrieb er die Enthüllungsgeschichte über den gigantischen Aktienskandal in der nordwestlichen Provinz Gansu auf, der dann später auch auf nationaler Ebene beachtliche politische Wellen schlug.

Wangs Lokalblatt wagte zwar nicht, seinen Text zu drucken, aber Zeitungen in Peking und anderen Provinzen veröffentlichten ihn. Am Ende griff die Regierung in Peking ein, die kriminellen Aktienhändler landeten im Gefängnis.

Für Wang war es die Geschichte, die ihn zu einem der bekanntesten investigativen Journalisten im Reich der Mitte machte. Es war aber auch die Geschichte, die den 43-jährigen Chinesen noch heute - sechs Jahre danach - vor der Vergeltung seiner mächtigen Gegner zittern lässt.

Wang sitzt in seinem Büro in der Redaktion der Wirtschaftszeitung »Zhongguo Jingji Shibao« am Stadtrand von Peking, für die er jetzt als Chefreporter arbeitet. Auf seinem Schreibtisch stapeln sich Untersuchungen über das Elend chinesischer Bauern, die millionenfach als Arbeitssklaven in die Fabriken oder Baustellen der Großstädte ziehen.

Wang ist dabei, sein neues Thema zu recherchieren. Wieder einmal schaut er hinter die Kulissen des chinesischen Wirtschaftswunders, und wieder einmal dürfte er sich bei der Obrigkeit mit seinen Nachforschungen kaum Freunde machen. Denn Themen wie Wanderarbeiter, aber auch Grubenunglücke und Umweltskandale sind in China weitgehend tabu.

Doch jetzt berichtet Wang über Gansu, über seine große Geschichte. Er will erzählen, unter welchen Schwierigkeiten investigative Reporter in China arbeiten, unter welcher Gefahr für sich und ihre Familien. Wang steckt sich bereits die siebte Zigarette in knapp einer Stunde an, immer wieder hält er inne und denkt nach - auch darüber, ob er nicht zu viel riskiert, wenn er einem ausländischen Magazin über seine Arbeit berichtet.

Denn chinesische Reporter bewegen sich wie auf einem hauchdünnen Seil. Was sie schreiben und was sie kritisieren dürfen, bestimmen die Zensoren von Partei und Staat. Und falls Wang jetzt Sätze herausrutschen, die der Obrigkeit missfallen, könnte ihm dies später als Verrat von Staatsgeheimnissen ausgelegt werden, ihn gar ins Gefängnis bringen - wie schon etliche Kollegen vor ihm.

Allerdings ist Wang in China eine Art Legende, und das ist sein Schutz. Er hält

Vorlesungen an Universitäten, viele junge Kollegen eifern ihm nach. Und daher beschließt Wang jetzt, offen zu reden: »Ein guter investigativer Journalist muss wie ein Staatsanwalt arbeiten«, sagt er. Und dann kramt er eines seiner wichtigsten Handwerkszeuge hervor: eine kleine Schachtel, in der sich ein zinnoberrotes Stempelkissen befindet. Damit nimmt Wang Informanten Fingerabdrücke ab - zu seiner Absicherung, damit sie ihre Aussagen später nicht widerrufen.

Wang lacht triumphierend, und aus seinen Augen leuchtet ein Kampfgeist, wie er auch chinesischen Rechtsanwälten oft eigen ist: Es ist die Unbeugsamkeit von Menschen, die ständig gegen Widerstände anrennen, dabei aber auch die nötige Kraft aufladen, um weiterzukämpfen.

Und Wang braucht viel Kraft, denn als Journalist befindet er sich in einer fast unmöglichen Lage: Die »Zhongguo Jingji Shibao«, für die er schreibt, untersteht dem Zentrum für Entwicklung und Forschung, einer Ideenschmiede des Staatsrats, Chinas höchstem Regierungsorgan. Das ist normal in China - von den rund 2000 Zeitungen und 9000 Magazinen im Lande gehören viele der Partei oder staatlichen Institutionen.

Reporter Wang soll also gleichsam im Auftrag der Zentralregierung frühzeitig aufspüren, welchen sozialen Sprengstoff Chinas rasendes Wachstum ansammelt. Zugleich soll er aber politisch korrekt schreiben, darauf drängt das rote Regime derzeit verstärkt: Unter Staatspräsident Hu Jintao, der seinem Volk mit Vorliebe »gesellschaftliche Harmonie« predigt, setzt Peking heimische Medien so massiv unter Druck wie seit zehn Jahren nicht mehr.

Einer von mehreren Journalisten, die von der Zensur ausgeschaltet wurden, ist Li Datong, 55. Eine halbe Autostunde von Wangs Büro entfernt, sitzt Li in einem Pekinger Café. Es ist früher Nachmittag, doch Li hat viel Zeit.

Bis vor einem Jahr leitete der damals erfolgreiche Redakteur »Bingdian«, die vierseitige Beilage der chinesischen »Jugendzeitung« - des Sprachrohrs der kommunistischen Jugendliga. Mit kritischen Analysen, vor allem auch über historische Themen, führte Li dem Blatt neue Leser zu. Denn darauf kommt es in Zeiten des Marktes an, auch in China: Anders als einst unter Mao Zedong werden die Medien nicht mehr ausschließlich von Staat und Partei alimentiert, sie müssen gegeneinander um Leser und Anzeigen wetteifern. Und das versuchen immer mehr Blät- ter auch durch auflagenträchtige Enthüllungen.

Dass sie dabei leicht bei Parteioberen anecken, musste auch Li feststellen: »Bingdian« wurde vorübergehend eingestellt. Der Journalist selbst wurde auf den Posten eines »Rechercheurs« versetzt - es ist ein rein dekorativer Titel. Denn zu recherchieren gibt es für Li praktisch nichts mehr, auch weil er sich zuvor etwas heraus- nahm, was in Chinas gezähmter Medienwelt als ungeheuerlich gilt. Über das Internet hatte Li einen offenen Brief verbreitet, der ein bizarres Punktesystem seines Blattes enthüllte: Mit Pluspunkten belohnte Lis Chefredakteur solche Artikel, die von Mitgliedern des Politbüros der KP gelobt wurden. Mit Punkteabzug bestrafte er dagegen Berichte, die der Führung missfielen.

Zwar zog die Partei das Punktesystem offiziell wieder zurück, doch mit Blick auf die Olympischen Spiele 2008 erhöht sie neuerdings den Druck auf heimische Medien. Insbesondere sensible historische Themen darf die Presse nur noch nach Rücksprache mit den Zensoren aufgreifen.

Daher mahnte die Partei Ende 2006 auch das Pekinger Wochenmagazin »Sanlian Shenghuo« ab. Das quirlige Blatt hatte Themen auf die Titelseite gehoben, die in China als äußerst heikel gelten, wie den 30. Jahrestag der Kulturrevolution und den 30. Todestag von Mao Zedong.

Selbst den zehnten Todestag von Chinas Reformlegende Deng Xiaoping im Februar streifte die chinesische Presse nur am Rande - aus Augst davor, eine Debatte über Dengs Verantwortung für die blutige Niederschlagung

der Proteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 anzufachen.

Solche hochpolitischen Themen liegen allerdings außerhalb von Wangs Revier. Er spürt den Nöten der kleinen Leute nach. Dabei kann Wang bisweilen sogar auf Rückendeckung der Staatsspitze zählen: wenn er Peking, wie in Gansu, den willkommenen Anlass gibt, ein Exempel zu statuieren und auf Chinas wildwucherndem Markt aufzuräumen.

Der Fall zeigte überdies: Wenn in China Skandale auffliegen, dann meist durch Zeitungen, die von betroffenen Provinzen nicht direkt kontrolliert werden.

Auch jetzt rast Reporter Wang ständig dorthin, wo sich die Kehrseite von Chinas rotem Kapitalismus zeigt. Eine seiner jüngsten Titelgeschichten handelt vom Mord an dem Journalisten Lan Chengzhan. Der 35-Jährige soll im Januar in Shanxi, der kohlereichen Provinz in Chinas Nordwesten, vom Betreiber einer illegalen Zeche und dessen Schlägertruppe mit Eisenstangen brutal umgebracht worden sein.

Der Mord an dem Reporter, der nur ein paar Wochen für eine kleine lokale Handelszeitung gearbeitet hatte, sorgte weltweit für Aufsehen. Auch deshalb sah sich Staatspräsident Hu Jintao offenbar genötigt, persönlich einzugreifen und eine gerechte Untersuchung des Falls zu fordern - zu der sich örtliche Behörden in China sonst nur höchst selten aufraffen.

Auch Wang reiste ins trostlose Datong und recherchierte den Fall des toten Kollegen. Er besuchte Lans Hinterbliebene in Datong, dem trostlosen Zentrum der Kohlebauregion, in deren oft illegalen Gruben jährlich Tausende Kumpel wegen haarsträubender Arbeitsbedingungen umkommen. Zwar wettert die Regierung öffentlich gegen die kriminellen Bosse, tatsächlich unternimmt sie kaum etwas gegen sie. Denn die rauchende Weltfabrik China hungert nach Kohle aus Shanxi.

Der Journalist Lan wohnte in einem der elendsten Viertel von Datong, an einer Straße, auf der die Menschen ihren Müll einfach in großen Haufen verbrennen. Es sind oft solche düsteren Orte, an denen Wang nach der Wahrheit sucht, und nicht immer lässt sie sich eindeutig feststellen. So streute die chinesische Presse Zweifel, ob der ermordete Lan überhaupt ein richtiger Journalist war. Vielmehr, so hieß es, habe Lan seinen Presseausweis nur benutzt, um dem Besitzer der illegalen Zeche ein Schweigegeld abzupressen.

Tatsächlich hat Chinas allgegenwärtige Korruption auch den Journalismus fest im Griff. Schlecht bezahlt und durch die staatliche Zensur an der freien Ausübung ihres eigentlichen Berufs gehindert, lebt ein Heer frustrierter Reporter von den sogenannten Hongbao - den mit Geld gefüllten roten Umschlägen, die Chinas Firmenbosse ihnen bei Pressekonferenzen zustecken, als Schweigegeld oder als Lohn für patriotisch eingefärbte Jubelberichte.

Wang, der ausgewiesene Enthüller, tut sich deshalb erkennbar schwer, dem ermordeten Lan, der offenbar nie eine größere Geschichte veröffentlicht hat, als investigativen Journalisten zu ehren. Aber Wang verdammt den Kollegen auch nicht, sondern zitiert einen Freund des Toten mit dem Satz: »Selbst wenn Lan Schlechtes getan haben sollte, hätte man ihn nicht zusammenschlagen dürfen.«

Das Etikett des investigativen Reporters aber will Wang anderen nicht leichtfertig verleihen, er hat es sich selbst unter Gefahren und Entbehrungen erkämpft. Nach seinem ersten großen Scoop fing Wang bei einer zweiten Lokalzeitung in Gansu an; dort beschrieb er, wie korrupte Dorfbürgermeister und Parteibosse staatliches Geld zur Bekämpfung der Armut missbrauchten und Untertanen zu Tode prügeln ließen. Der Lohn für die Enthüllungsgeschichte: Wang wurde von seiner Zeitung gefeuert.

Doch Wang gab nicht auf, in Petitionen an die Provinzregierung protestierte er gegen seine Entlassung. Zusammen mit anderen Bittstellern harrte der arbeitslose Journalist wochenlang vor dem Regierungssitz in Gansu aus. Statt Hilfe bekam Wang gefährlichen Druck: Die Regierenden prüften, ob er jemals Bestechungsgelder angenommen hatte; sie wollten ihn anklagen und ins Gefängnis werfen. »Glücklicherweise bin ich aber durch und durch sauber«, sagt Wang und lacht mit einem rhythmischen Schnaufen, aus dem seine ganze Verachtung klingt.

Fast scheint es, als brauche Wang die ständige Gefahr, als putsche sie ihn auf - wie die Zigaretten, die er unablässig qualmt, und der starke grüne Tee, den er kannenweise trinkt. Nur so erträgt er offenbar die Risiken, wenn er wieder einmal abtaucht, um brisante Themen zu recherchieren: Ein halbes Jahr lang erkundete er zum Beispiel den harten Alltag der Pekinger Taxifahrer. Wang deckte auf, wie ein paar Firmen das Gewerbe unter sich aufteilten und die Fahrer mit Mafia-Methoden ausbeuteten - gedeckt von der Pekinger Verkehrsbehörde.

Nach Veröffentlichung der Story bekam Wang massenweise Anrufe auch von Taxifahrern außerhalb von Peking, die seine Hilfe erbaten: »Mein Büro wurde zum Mekka der chinesischen Taxifahrer.«

Und nicht nur der Taxifahrer. Auf seinem Schrank hat der Journalist eine goldene Plakette stehen. Sie wurde ihm von Aids-Opfern aus der Provinz Hebei verliehen. Wang hatte recherchiert, wie verarmte Bauern sich mit dem HI-Virus infizierten, weil sie sich für nötige Operationen nicht die teuren Blutkonserven der Krankenhäuser leisten konnten. Stattdessen kauften sie infiziertes Blut bei Schwarzhändlern, sagt Wang. Und dann zieht er einen dicken Holzknüppel aus einer Ecke hervor, mit dem kriminelle Bluthändler protestierende Aids-Opfer drangsalierten.

Wang weiß, dass ein Reporter in China nie sicher lebt, solange er die engen Grenzen der Meinungsfreiheit immer wieder frech testet. »Du und deine Familie sind auf dem Schlachtfeld, und deine Gegner lauern irgendwo im Dunkeln«, sagt er.

Manchmal drohen Wangs Gegner auch ganz offen: Einige der kriminellen Bosse aus Gansu, die seinetwegen im Gefängnis sitzen, schickten ihm unlängst eine Warnung aus dem Knast: Sie haben den lästigen Reporter nicht vergessen.

WIELAND WAGNER

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 95 / 114
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.