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MÄZENE Kopierer statt Kneipe

Ein mittelständischer Unternehmer lockte den erfolgreichsten deutschen Handballer aus Spanien in die Heimat zurück. *
aus DER SPIEGEL 17/1984

Im Sommer wird sich Erhard Wunderlich, der Rummenigge der deutschen Handballspieler, im Trainingslager quälen müssen. Statt Sprung- und Fallwürfen aber wird der 2,05 Meter lange Bayer, in dessen Händen ein Handball wie eine Pampelmuse wirkt, ungewohnte Disziplinen üben: In Bad Lauterberg im Harz, dem Schulungszentrum der japanischen Kopierer- und Kamerafirma Minolta, wird von Verkaufspsychologie und Produktstrategie, von Vertriebssystemen und Marktsegmenten die Rede sein.

Den Eintritt in die fremde Welt verdankt Wunderlich einem Münchner Handball-Fan. Der Kaufmann Ulrich Backeshoff, dessen Firma Minolta-Kopierer in Bayern verkauft, hatte schon vor Jahren ein Auge auf den langen Landsmann geworfen. Der 37jährige Backeshoff, ein ehemaliger Handball-Torwart, müht sich, den sportlichen Ruhm des Münchner Vorstadt-Vereins TSV Milbertshofen zu mehren.

Zunächst wollte Wunderlich von den Angeboten des Münchners nichts wissen. Im vergangenen Jahr erlag der geborene Augsburger, der die deutsche Handballmannschaft 1978 zur Weltmeisterschaft geführt hatte, einer anderen Versuchung: Der spanische Klub FC Barcelona bot ihm 2,5 Millionen Mark für einen Drei-Jahres-Vertrag - eine für Handballer phantastische Summe. Das »schnelle Geld«, das Wunderlich in Spanien machen wollte, trug freilich nur bedingt zu seinem Lebensglück bei.

Es gelang den Spaniern nicht, den deutschen Handballer, wie sie es sich vorgestellt hatten, in der Werbung zu vermarkten. Dann ärgerte es Wunderlich, daß hiesige Sportreporter seine Handball-Künste mies machten und »Speckrollen an den Hüften« feststellten. Da der heimatverbundene Sportler außerdem seine Familienplanung vorantrieb - der Eheschließung vom Gründonnerstag soll im August ein Kind folgen -, gab der Handballer jetzt einem neuen Backeshoff-Angebot nach. Statt des schnellen Geldes bietet der Münchner dem Handballer Wunderlich eine Existenz für die Zeit, wenn der Wurfarm erlahmt.

Im Dreieck Bad Tölz, Garmisch und Weilheim soll der Handballer vom Herbst an Kopiergeräte verkaufen. Daß er davon nichts versteht, hält der deutsche Minolta-Marketingdirektor Willi Walter nicht für hinderlich. Denn »Wunderlich«, sagt Walter, »ist nicht nur ein guter Handballspieler, sondern auch sehr intelligent«.

Geschäftsmann Backeshoff läßt sich seine Zuneigung zum TSV Milbertshofen einiges kosten. Bisher herrscht Backeshoff allein über das bayrische Vertriebsgebiet, aus dem Wunderlich nun ein Teil zugeschlagen wird. Wunderlichs Firma, an der Backeshoff beteiligt sein wird, darf die Minolta-Kopierer auf eigene Rechnung verkaufen.

Das Partner-System hat Backeshoff schon mit einem anderen Ex-Nationalspieler ausprobiert. Der Handballer Klaus Voik, der vor Jahren gemeinsam mit Wunderlich Tore für Deutschland warf, führt ein Sportgeschäft, an dem die Backeshoff-Firma beteiligt ist. Mit Voiks Hilfe ist der TSV Milbertshofen gerade dabei, aus der Regionalliga in die zweite Bundesliga aufzusteigen.

Der mittelständische Unternehmer Backeshoff, dessen 100 Beschäftigte im Jahr rund 30 Millionen Mark umsetzen, hat beim geplanten Aufstieg seines Vereins einen tatkräftigen Helfer: In der Arbeiter-Vorstadt Milbertshofen steht die Zentrale des BMW-Konzerns.

Ähnlich wie Bayer Leverkusen in der Fußball-Bundesliga übt die große Autofirma auf Sportler einen beträchtlichen Reiz aus. Fußballer wie Handballer plagt der Gedanke, nach ihrer Karriere die zweite Hälfte des Daseins als Besitzer »einer Kneipe oder eines Kiosks« (Wunderlich) zu verbringen.

Dank BMW spielt eines der größten bundesdeutschen Handball-Talente, der Außenstürmer Klaus Peter Heimerl, bereits in Milbertshofen. Der Betriebswirtschaftsstudent erhielt von BMW die Zusage, nach dem Studium einen Job in der Autofirma zu bekommen.

Für Handballer ist die Sicherung durch ein Unternehmen auch in der aktiven Zeit wichtig: Anders als die Berufsfußballer gelten sie, jedenfalls offiziell, als Amateure, denen der Verein lediglich eine »Aufwandsentschädigung« von 700 Mark im Monat bezahlen darf.

Was gute Handballer auch in der Bundesrepublik verdienen, wird am Beispiel des polnischen Ex-Nationalspielers Jerzy Klempel deutlich, der in Göppingen für jährlich 100 000 Mark seine Handarbeit verrichtet. Als Klempels Vertrag in die falschen Hände geriet, sperrte der Deutsche Handball-Bund den Polen: Er hat in der Bundesrepublik keine Arbeitserlaubnis und kann daher auch keinen Arbeitgeber vorweisen, der ihm - und sei es pro forma - das Gehalt bezahlt.

Die Wunderlich-Heimkehr hingegen, da ist Backeshoff ganz sicher, ist streng nach den vergilbten Regeln des Amateursports gelaufen. Weder Minolta noch er hätten Geld nach Spanien überwiesen. Die Spanier seien schlicht dankbar und glücklich, daß der Deutsche geholfen habe, den Europa-Pokal nach Barcelona zu holen.

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