Zur Ausgabe
Artikel 21 / 99
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Kräfte auf dem Marsch

aus DER SPIEGEL 3/1972

Eine verblüffende Entdeckung macht, wer das Gesetz Nr. 806 über die Veranstaltung von Rundfunksendungen im Saarland nachliest. Dort steht -- Paragraph 25 Absatz 3 -, der Intendant des Saarländischen Rundfunks müsse »unbeschränkt geschäftsfähig« sein.

Das Gesetz mit dieser Bestimmung trat Anfang 1965 in Kraft, als Franz Mai immerhin schon sieben Jahre Intendant war. Damals ahnte man freilich noch nichts. Seit einigen Monaten aber wollen die Fragen nach dem Zustand des Intendanten Mai nicht mehr verstummen. »Es fragt sich«, staunte der Evangelische Pressedienst erst kürzlich, »wie sehr er sich weiterhin bloßstellen will.«

Mai leidet unter einer Vorstellung, die er in seiner Neujahrsansprache vor den Hörern und Zuschauern des Saarländischen Rundfunks enthüllte: »Schon Weimar« -- weiß er -- »ist nicht zuletzt an der »publizistischen Libertinage' zugrunde gegangen.« Und jetzt sind die »Kräfte einer linksradikalen Romantik und einer intellektuellen elitären Anmaßung« auf dem Marsch zu einer »neuen Machtergreifung«.

Neu -- das bedeutet: Auch die alte Machtergreifung war eine linke Angelegenheit. Und so kämpft Mai -- innerhalb dieser Zwangsvorstellung durchaus folgerichtig -- seit Jahren gegen ein zweites 1933. Ob er nun erklärte, er werde »in meinem Sender« keinen Kommentar gegen de Gaulle zulassen; oder ob er eine »Panorama«-Sendung über einen Redakteur-Streik beim französischen Staatsfernsehen hintertreiben wollte -- immer wandte er sich gegen die publizistische Libertinage und versteht sich dabei als Vorkämpfer »ausgewogener pluralistischer Programmgestaltung«.

Diese schizophrenen Erscheinungen kamen im Kampf gegen seinen Literaturredakteur Arnfried Astel vollends zum Ausbruch. Intendant Mai, der 1965 als De-Gaulle-Freund in 518 Briefen an alle Bundestagsabgeordneten den Rücktritt von Außenminister Schröder gefordert hatte -- und dies auf Intendanz-Briefbogen -, derselbe Mai erteilte Astel einen »strengen Verweis«, weil er eine CDU-Versammlung durch Zwischenrufe gestört habe. Dies sei ein »schwerwiegender Verstoß gegen journalistische Verpflichtungen«, sagte Mai.

Das Arbeitsgericht belehrte den Intendanten, er übe kein »Herrschafts- und Gewaltverhältnis« aus. und hob den Verweis auf. Da setzte das Realitätsbewußtsein des Intendanten aus. Denn er feuerte Astel im Juni fristlos und ließ ihn wie einen Schwerverbrecher von zwei Männern aus dem Haus geleiten. Gründe: einmal, wieder die gestörte CDU-Versammlung -- die Gerichtsentscheidung bezeichnete der Intendant als rein »formal«. Der Hauptentlassungsgrund aber läßt befürchten, daß der Intendant jetzt auch noch unter schweren Erscheinungen von Verfolgungswahn leidet. Astel und kein anderer müsse eine blamable Hausmitteilung des Intendanten an die Presse weitergegeben haben, obwohl er zu diesem Zeitpunkt im Urlaub war und viele andere Zugang zu dieser Mitteilung hatten. Das Gericht erklärte die Entlassung für unwirksam.

Jetzt wußte Franz Mai gar nicht mehr, was er tat. Erst legte er -auf Kosten der Gebührenzahler -- eine

völlig aussichtslose Berufung ein. Dann entließ er Astel gleich noch einmal fristlos, weil er ein böses Epigramm auf den Verteidigungsminister geschrieben hatte. Und zum Jahresende mußte schließlich auch Astels unmittelbarer Vorgesetzter Zilius sein Amt als Programmdirektor aufgeben. Mai sah sein Vertrauensverhältnis zu Zilius »gestört«, der dem Gericht erklärt hatte, sein Vertrauensverhältnis zu Astel sei nicht gestört.

Franz Mai selbst wird man für diesen Amoklauf natürlich nicht verantwortlich machen können. Sicherlich ist er auch heute noch davon überzeugt, daß er die Voraussetzungen des Paragraphen 25 erfüllt. Doch die Welt ist böse, und darum besteht die Gefahr, daß jetzt Paragraph 26 angewandt wird: Der Rundfunkrat beruft den Intendanten »aus wichtigem Grund« ab, und »mit der Zustellung des Beschlusses ... ist der Dienstvertrag fristlos gekündigt«.

Otto Köhler
Zur Ausgabe
Artikel 21 / 99
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.