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»Kräftig dehnen«

aus DER SPIEGEL 8/1997

SPIEGEL: Kann Finanzminister Theo Waigel die Maastricht-Kriterien noch einhalten?

SIEBERT: Wegen der schlechten Arbeitsmarktlage wird es im Jahr 1997 schwieriger, das gesteckte Ziel zu erreichen. Das Institut für Weltwirtschaft prognostiziert ein Budgetdefizit von dreieinhalb Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Bei diesem Wert muß man die Interpretation der Kriterien schon kräftig dehnen, um von ihrer Einhaltung zu sprechen.

SPIEGEL: Plädieren Sie für eine Verschiebung der Einführung des Euros?

SIEBERT: Wenn die Kriterien nachhaltig nicht erfüllt sind, dann ist die Verschiebung eine wirtschaftspolitische Option. Der Sachverständigenrat hat dafür plädiert, daß möglichst frühzeitig für Klarheit beim Defizitkriterium gesorgt werden muß.

SPIEGEL: Welche ökonomischen Auswirkungen hat es, wenn erst im Frühjahr 1998 eine Verschiebung bekanntgegeben wird?

SIEBERT: Dann würde es erhebliche Turbulenzen an den Devisenmärkten geben, und wir müßten mit einer kräftigen Aufwertung der Mark rechnen. Von daher kann ich nur raten, frühzeitig eine glaubwürdige Auffangposition aufzubauen.

SPIEGEL: Wie sieht Ihr Verschiebungsszenario aus?

SIEBERT: Es müßte glaubwürdig sein, daß es nicht um ein Verschieben auf den Sankt-Nimmerleins-Tag geht, sondern um das Gewinnen von Zeit, um die Kriterien von Maastricht in einer glaubwürdigen und nachhaltigen Form zu erfüllen. Die Europäer könnten beispielsweise den Stabilitätspakt schon im Vorfeld der Währungsunion in Kraft setzen, um zu dokumentieren, daß sie an dem Projekt weiter festhalten. Dann könnte später geprüft werden, ob sich genügend Länder qualifizieren.

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